Ein Transparent mit der Aufschrift: "Es geht nicht um Schuld. Es geht um unsere Kinder." hängt an einem Zaun der Hausotter Grundschule in Reinickendorf.
Audio: Inforadio, 11.02.2019, Irina Grabowski | Bild: dpa/Paul Zinken

Nach Tod einer Grundschülerin - Kritik an Medien und Einmischung von Anti-Mobbing-Trainer

Nach dem tragischen Tod einer 11-Jährigen in Reinickendorf wurde viel über Mobbing und das vermeintliche Versagen von Schulleitung und Politik spekuliert - vor allem durch einen sehr engagierten Anti-Mobbing-Trainer. Dessen Verhalten stößt inzwischen auf Kritik. Von Sebastian Schöbel

Noch ist immer ist der Tod einer 11-jährigen Schülerin in Reinickendorf im Januar nicht abschließend geklärt. Der Verdacht, dass es ein Suizid war und die Tat auf Mobbing zurückzuführen ist, wurde bislang nicht offiziell bestätigt. Zuerst hatte der Tagesspiegel berichtet und den Fall mit Mobbing in Zusammenhang gebracht.

Seit Anfang der Woche ist der Berliner Entwicklungspsychologe Herbert Scheithauer von der FU-Berlin als Berater an der betroffenen Hausotter-Grundschule tätig. Er soll dort die Aufarbeitung des Vorfalls begleiten. Im rbb kritisierte er nun, dass viele Medien bereits von Mobbing sprachen, "obwohl die genauen Fakten nicht auf dem Tisch lagen", sagte Scheithauer im rbb-Inforadio.

"Wir müssen jetzt Trauerarbeit leisten", so der Psychologe. Danach sollten alle Beteiligten miteinander ins Gespräch kommen, es gelte noch viele Fragezeichen rund um den Vorfall aufzuklären. "Mobbing bedeutet ja, dass ein Kind über längere Zeit malträtiert und ausgeschlossen wird. Ob dies an der Hausotter-Grundschule tatsächlich der Fall war, müssen wir nun klären." Das gehe nur im Gespräch miteinander, so Scheithauer, nicht über Gerüchte, Internetforen oder Dritte.

Eltern des Mädchens baten um Zurückhaltung

Die Eltern des Mädchens hatten zuletzt darum gebeten, die "öffentlichen Spekulationen" über die Umstände des Todes ihrer Tochter zu beenden. In einem Schreiben der Eltern hieß es: "Wir haben unser Kind verloren und wünschen uns, endlich in Ruhe und ohne mediale Aufmerksamkeit in der Familie trauern zu können. Bitte respektieren Sie diesen Wunsch."

Eine wichtige Rolle bei der Bekanntmachung des Falles hat nach rbb-Informationen der Anti-Mobbing-Trainer Carsten Stahl. Der Berliner, früher Schauspieler im Privatfernsehen und nach eigener Darstellung selbst Mobbing-Opfer, bietet mit seiner Firma spezielle Trainings und Kurse für Lehrer und Schüler an. Zudem betreibt er eine bundesweite Kampagne gegen Mobbing und tritt auch in Talkshows als Experte auf.

Die Rolle von Carsten Stahl

Stahl hatte kurz vor dem Vorfall in Reinickendorf bereits eine Anti-Mobbing-Veranstaltung für das Märkische Viertel organisiert. Nicht gekommen seien vor allem Lehrer und Sozialarbeiter und das habe ihn geärgert, sagte Stahl dem rbb. Also habe er den Verantwortlichen gedroht: Sollte es zu Todesfällen durch Mobbing kommen, "öffne ich die Schleusen und lasse die ganze Hölle über euch raus. Weil ihr die Hilfe nicht annehmt."

Aus der Elternvertretung der Hausotter-Grundschule sei dann kurz darauf der Fall der Schülerin an ihn herangetragen worden. "Dann habe ich den Tagespiegel angerufen und gesagt: 'Wenn wir nicht anfangen, über Selbstmorde zu sprechen, fragen wir nie nach, warum.'" Wütend habe ihn zudem gemacht, dass die Schule Kerzen und Blumen, die in Trauer um das Mädchen vor der Schule abgelegt hatten, wegräumen ließ. Laut rbb-Informationen geschah dies auf Bitten der Eltern, die mit der Schulleitung eine gemeinsame Lösung für die öffentliche Trauer finden wollte. Mittlerweile wurde an der Schule ein Trauerraum eingerichtet.

Anti-Mobbing-Trainer greift Bildungssenatorin an

Stahl organisierte eine Mahnwache vor der Schule, "für alle Kinder, die sich durch Mobbing schon umgebracht haben, und dass sich was ändert." Dabei hielt er eine Ansprache, die seine Firma auch auf Facebook teilte und in der Stahl vor allem Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) scharf angriff: "Wo sind sie heute hier?" Er warf Scheeres, aber auch anderen Politikern, Lehrern und Schulpsychologen vor, das Thema Mobbing nicht ernstzunehmen. Seine Präventionsarbeit sei jahrelang "nur belächelt und ignoriert" worden, Scheeres selbst habe Stahls Präventionsprojekt "immer wieder versucht, zu blockieren und zu verhindern".

Zuletzt bat er Eltern bei einem von ihm einberufenen Infoabend, eine Petition an Scheeres und den Regierenden Bürgermeister Michael Müller zu unterschreiben. Darin heißt es, "unser Vertrauen in die Lehrerschaft und die Schulleitung ist sehr belastet". Hilferufe wegen Mobbings seien nicht ernst genommen worden, weshalb die Eltern "sofortige Präventionsmaßnahmen" fordern. Falls nichts geschehe, heißt es in der Petition, werde man "als Elternschaft damit in die Öffentlichkeit gehen".

"Jetzt muss Ruhe einkehren"

"Ich finde die Rolle von Herrn Stahl sehr fragwürdig, weil er Öl ins Feuer gießt", sagte nun Schulpsychologe Scheithauer dem rbb-Inforadio. "Das ist in der jetzigen Situation nicht das Richtige, weil das Ereignis an sich schon ein sehr Schlimmes ist." Es müsse an der Schule "erst einmal Ruhe einkehren, um diesen Fall aufzuarbeiten."

Grundsätzlich sei es wichtig, dass jede Schule ein gutes Anti-Mobbing-Präventionsprogramm habe, "dazu kann ich nur jeder Schule raten", so Scheithauer. Über Mobbing müsse in Schulen offen gesprochen werden, damit man nicht wie im Reinickendorfer Fall geschehen auf mediale Spekulationen angewiesen sei: "Mobbing muss schnell aufgeklärt und Lehrer auch entsprechend ausgebildet werden."

Scheeres: Eltern haben sich über Stahl beschwert

Bildungssenatorin Scheeres weist Stahls Vorwürfe auf Nachfrage des rbb zurück. "Wenn Eltern eines tragisch verstorbenen Kindes die Bitte äußern, in Ruhe um ihr Kind trauern zu können, sollte man das respektieren." Bei ihr hätten sich "Eltern gemeldet und über Herrn Stahl beschwert", so Scheeres. "Sie empfanden sein Auftreten als überhaupt nicht angemessen."

Für die Aufarbeitung an der Hausotter-Grundschule sei nun Psychologe Scheithauer zuständig. "Mobbing ist ein reales Problem, das Schulen mit verschiedenen Projekten und Maßnahmen angehen können", sagte Scheeres. Sie will künftig an Problemschulen mit viel Gewalt, religiösen Konflikten oder vielen Schulschwänzern "Respekt-Teams" aus Sozialarbeitern einsetzen. Die sollen sich dann auch mit Vorwürfen des systematischen Mobbings auseinandersetzen.

Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Sollten Sie selbst von Selbsttötungsgedanken betroffen sein, oder dies bei Angehörigen vermuten, suchen Sie bitte umgehend Hilfe. Bei der Telefonseelsorge finden Sie rund um die Uhr Ansprechpartner, auch anonym. Telefonnummern der Telefonseelsorge: 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222 www.telefonseelsorge.de

Weitere Infos und Hilfsmöglichkeiten zum Thema Mobbing finden Sie auch unter schueler-gegen-mobbing.de  

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