Zwei Männer und eine Frau im Alter zwischen 16 und 23 Jahren, die in Polen ein Taxi gekapert hatten und damit nach Berlin gefahren sind, stehen am 14.02.2019 vor Gericht. Der Fahrer hatte einen Herzinfarkt erlitten (Bild: rbb/Ulf Mohrling).
Bild: rbb/Ulf Mohrling

Junges Trio vor Gericht - Taxi-Fahrt ins Koma

Weil sie kein Geld mehr für die Rückfahrt von Usedom nach Berlin hatten, kapern drei junge Leute mit vorgehaltenen Messern ein Taxi. Der Fahrer liegt seitdem im Koma. Vor dem Landgericht legen die Angeklagten nun ein umfassendes Geständnis ab. Von Ulf Morling

Für die Rückfahrt von Świnoujście (Swinemünde) nach Berlin fehlt den drei Angeklagten das Geld. Trotzdem steigen sie im August 2018 im polnischen Teil Usedoms in das Taxi von Mirosław W. (67). Nach anderthalbstündiger Fahrt bedrohen sie den Taxifahrer mit Messern, werfen ihn aus seinem Auto heraus und fahren weiter nach Berlin. Währenddessen erleidet der am Rand der Autobahn zurückgelassene Fahrer einen schweren Herzinfarkt.

Vor der 39. Jugendkammer berichteten sie am Dienstag selbst über die Tat. Vorgeworfen wird ihnen unter anderem ein schwerer räuberischer Angriff auf einen Kraftfahrer.

Kurzurlaub an der Ostsee

Am 13. August letzten Jahres beginnt die Fahrt, die drei Tage später im Gefängnis endet. Zu Beginn der letzten Woche der Sommerferien 2018 ist es in Berlin über 30 Grad heiß. Schon seit Tagen langweilen sich die Angeklagten in der Wohnung von Georgine Z.* (23). Ihr Freund, Santi S.(21), ist bei ihr, ebenso der dritte Angeklagte Dennis H. (16).

Aber auch der 15-jährige Mario M.* ist mit dabei: Seine Mutter hatte ihm Bahnfahrkarten gekauft und ihm zehn Euro Taschengeld gegeben, damit er die drei Kumpels in ein kleines Dorf auf Usedom zu den Eltern Georgines begleiten kann.

Die vier fahren mit dem Interregio nach Szczecin (Stettin), laufen in der Stadt herum und steigen um 20:10 Uhr in den Zug nach Świnoujście (Swinemünde). Doch außer dem 15-jährigen M. hat niemand eine Fahrkarte und die Berliner müssen kurz vor dem Ziel aussteigen. Georgine ruft einen Taxifahrer an, der sie zu ihren Eltern auf die deutsche Seite Usedoms bringt. Mario M. gibt dem Taxifahrer zu dessen Sicherheit seine Handynummer, denn schon diese Fahrt wird nicht bezahlt. Trotzdem ist das Geld knapp.

"Mama, ich hab Dich lieb"

Gegen 3 Uhr morgens stehen die Vier schließlich vor dem Haus von Georgines Eltern. Doch dann verlässt Georgine der Mut. "Ich habe mich nicht getraut zu klopfen. Es war Nacht und ich wollte meine Mutter nicht so spät wieder mit meinen vielen Problemen behelligen", sagt die 23-jährige vor Gericht.

"Mama, ich hab Dich lieb", flüstert sie vor der Haustür, dann gehen die Angeklagten mit M. und ihrem Hund zum Strand. Eine Flasche Wodka Gorbatschow und ein Liter Klarer sollen geleert worden sein, auch von anderen Drogen ist die Rede. "Aber nicht so viel, dass sie nicht mehr wussten, was sie taten", sagt einer der Verteidiger.

Die vier haben nichts zu essen und zu trinken mehr und das Geld für die Rückreise reicht nicht. "Es war mein Vorschlag, ein Taxi nach Berlin zu bestellen und bei der Ankunft dort dann einfach zu flüchten ohne zu bezahlen", sagt der 16-jährige Dennis in seinem Geständnis vor Gericht. Er habe gewusst, dass Georgine ein Messer dabei gehabt habe. Am Hauptbahnhof in Świnoujście (Swinemünde) besteigen sie das Taxi von Mirosław W.

Taxifahrer bricht auf der Autobahn zusammen

Nach anderthalb Stunden Fahrt halten zwei der Angeklagten ein Messer an den Hals ihres Opfers. W. erschrickt und tritt kurz auf die Bremse. Durch den Ruck bohrt sich eine der Messerspitzen unter die Haut des Taxifahrers. Er blutet und fährt an den Rand der polnischen Autobahn. Er wird gezwungen, sein Taxi zu verlassen. Die jungen Leute fahren ohne ihn weiter nach Berlin.

Währenddessen bricht Mirosław W. auf der Autobahn zusammen und erleidet einen schweren Herzinfarkt. Ein deutscher Autofahrer hält an und ruft Hilfe. W. wird von einem Notarztwagen nach Szczecin (Stettin) gebracht. Dort liegt er nun seit einem halben Jahr im Krankenhaus im Koma. Ob er jemals wieder aufwachen wird, ist unklar.

Geständnisse und Entschuldigungen

Die drei Angeklagten werden zwei Tage später in Berlin festgenommen. Sie sitzen im Taxi und fahren durch Hohenschönhausen. Inzwischen haben sie zwar die polnischen Kennzeichen des Autos entfernt und gestohlene deutsche angebracht, doch das kennt die Polizei.

Aufgespürt wurde das Trio vor allem durch die schnelle Zusammenarbeit von polnischer und deutscher Polizei: Der Fahrer des ersten Taxis, das die Angeklagten nicht bezahlt hatten, meldete sich bei der Polizei, nachdem der Überfall auf seinen Kollegen bekannt geworden war. Die Handynummer, die ihm Mario M. als Sicherheit gegeben hatte, führte schließlich nach Hohenschönhausen.

Gegen Mario M. selbst wird das Jugendverfahren schnell eingestellt: Dem 15-Jährigen, der eine schlimme Trennungsphase seiner Eltern erlebte und mit viel Gewalt des Vaters konfrontiert war, konnte aus Sicht der Staatsanwaltschaft keine Tatbeteiligung nachgewiesen werden. "Seine Entwicklung ist Jahre zurück", sagt seine Mutter, die in engem Kontakt zum Jugendamt steht.

Die Geständnisse der Angeklagten sind umfassend. Alle drei geben an, zu Hause Probleme mit den Eltern gehabt zu haben. Santi S., Georginas Freund, desertierte obendrein mehrfach von der Bundeswehr. Nach der mittleren Reife hatte er seinen Dienst dort begonnen. "Erst ging alles gut", sagt er. Doch dann sei ein schwerer Verkehrsunfall im Dienst geschehen und ein neuer Zugführer, der ihn immer schikaniert habe, sei gekommen. "Da blieb ich schließlich weg, weil ich immer mehr Angst hatte. Ich war dann bei Georgina", räumt der 21-jährige ein. "Ich schäme mich für alles, was ich getan hab."

Der 16-jährige Dennis erzählt im Gerichtssaal, dass er in dem halben Jahr Untersuchungshaft in der Jugendstrafanstalt viel nachgedacht habe. Er möchte seinen Schulabschluss machen und eine Ausbildung beginnen. Georgine (23), die von früheren "Gelegenheitsjobs im Securitybereich" spricht, präsentiert dem Gericht keine Zukunftspläne.

Vier weitere Verhandlungstage bis zum 26. März sind derzeit für den Prozess vorgesehen. Am 26. Februar soll Lukas W. als Zeuge vor Gericht aussagen. Er ist der Sohn des Taxifahrers, der seit dem Überfall im Koma liegt.

*Namen von der Redaktion geändert

Beitrag von Ulf Morling

Kommentar

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Antwort auf [G. M.] vom 20.02.2019 um 14:55
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4 Kommentare

  1. 3.

    Eine Bewährungsstrafe wäre mMn für diese Tat nicht gerecht.

  2. 2.

    Diese verrohten Täter sind keine Opfer, hatten sogar gleich eine Waffe für diese abscheuliche Tat dabei.
    Der Fahrer kann sterben und die reden wie asoziale Blindgänger davon, was für sie alles schön bequem war.
    Hätten wir in dem Alter niemals so asozial gemacht! Gibt natürlich maximal eine Bewährungsstrafe.

  3. 1.

    Sorry, aber wer zu so etwas aus einer Laune heraus fähig ist, ist Schuld und nicht unschuldig. Unglaublich.

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