Ein Mitarbeiter eines Schlüsseldienstes bei der türöffnung in einem Mietshaus in Berlin. (Quelle: dpa/Gabbert)
Bild: dpa/Gabbert

Schlüsseldienst-Abzocke - 400 Euro für vier Sekunden Arbeit an der Wohnungstür

Was tun, wenn man plötzlich vor verschlossener Tür steht? Im Internet gibt es zwar unzählige Schlüsseldienste, die ihre Dienste anbieten, aber offenbar sind längst nicht alle auch vertrauenswürdig. Ein Erfahrungsbericht von Luise Müller

Es ist nach Feierabend und ich komme trotz Ersatzschlüssel nicht in meine Wohnung. Noch am Morgen habe ich die Handwerker in meiner Wohnung verabschiedet – und ihnen einen Schlüssel dagelassen, der nun von innen steckt.

Ein Anruf beim besagten Handwerker endet in einem wütenden Monolog. Allerdings nicht von mir, sondern vom Klempner. Er weist jede Schuld von sich und behauptet, die Tür sei doch ganz einfach mit einer Kreditkarte zu öffnen. Ich versuche es mit meinem Hausausweis. Was im Film so einfach aussieht, funktioniert (zumindest bei mir) nicht. Ein hilfsbereiter Nachbar wird rekrutiert.

Etwa 20 Minuten lang fummelt er mit diversen Plastikkarten im Türspalt. Derweil hat sich auch die ältere Dame von gegenüber in die Türöffnungs-Challenge eingeladen. Wild entschlossen beginnt sie, mit ihrem Schraubenzieher ein Loch in meine Tür zu bohren. Da blinkt auf meinem Handy eine SMS mit der vermeintlich problemlösenden Schlüsseldienst-Rufnummer auf, die mir ein Freund derweil rausgesucht hat. Selbst recherchieren kann ich nicht, denn ich besitze kein Smartphone. Bevor meine Tür also wie ein Schweizer Käse aussieht, wähle ich schnell die Nummer. Mittlerweile sind eineinhalb Stunden vor verschlossener Türe vergangen.

Der Preis schnellt in die Höhe

Ein Mann meldet sich und möchte wissen, was genau passiert ist. Eine Preisauskunft kann er mir nicht geben. Das käme auf den Aufwand vor Ort an, erklärt er. Mit 30 Euro Anfahrtspauschale müsse ich rechnen. In 30 Minuten sei jemand da. Nach über einer Stunde klingelt es endlich. Auch hier die Auskunft, es käme auf den Aufwand an. Dafür bekomme ich eine halb handschriftliche, halb maschinell erstellte Rechnung vorab präsentiert: 179 Euro "Allgemeine Betriebskostenpauschale", 69 Euro für die An- und Abfahrt (warum es auf einmal mehr als doppelt so viel kosten soll, wird mir nicht gesagt) sowie ein Abendzuschlag von 50 Prozent, der mit 89,50 Euro bemessen wird.

Hinzu kommen 19 Prozent Mehrwertsteuer und wir landen schließlich bei schlappen 401,62 Euro. Eine halbe Alarmglocke schrillt in meinem Kopf, aber verpufft angesichts der noch immer geschlossenen Tür erstaunlich schnell. Es ist mittlerweile kurz vor 20 Uhr. Den Kinoabend kann ich schon mal vergessen.

Mit der Nachbarin und mir im Nacken hat der Schlüsseldienst binnen weniger Sekunden den Türschnapper mit einem Draht nach innen gedrückt. Die Rechnung möchte er bar beglichen haben. Ich weigere mich und verlange eine Kartenzahlung. Da müsse er noch mal zum vorherigen Kunden, das Lesegerät habe er dort vergessen. "Ob ich nicht doch bar …?", fragt er. Nein, möchte ich nicht. Wieder werde ich auf eine halbe Stunde Wartezeit vertröstet. Nach zwei Stunden meldet er sich schließlich. Einen Kollegen habe er mitgebracht. Er wartet im Auto. Auch ich bin mittlerweile in Begleitung, denn der Schlüsseldienst wird mir immer unangenehmer. Die Zwischenzeit habe ich außerdem zur Preisrecherche genutzt.

Was darf eine Türöffnung kosten?

2017 hat die Verbraucherzentrale bundesweit den Durchschnittspreis einer Türöffnung ermittelt. Demnach kostet ein Schlüsseldienst in Berlin tagsüber an Werktagen im Schnitt 77,63 Euro, in Brandenburg beläuft sich die Summe auf 62,10 Euro. Nachts sowie an Sonn- und Feiertagen beträgt der Durchschnittspreis 140,18 Euro in Berlin und 113,92 Euro in Brandenburg. In diversen Rechtsberatungsforen ist die Rede von maximal 150 Euro für einen Schlüsseldienst in Berlin, der werktags und nach Feierabend zum Einsatz kommt. Letzteres nehme ich als Maßstab. Vorab möchte ich noch gerne ein Foto vom Ausweis des Dienstleisters machen.

Er stimmt zunächst zu, wird dann aber doch skeptisch und fragt nach. Auf meine Antwort, dass ich lediglich bereit bin den maximalen Durchschnittsbetrag von 150 Euro zu zahlen, reagiert der eben noch so gut gelaunte Mann nervös. Wir sollen das Foto sofort wieder löschen. Erst will er die Polizei anrufen, dann seinen Chef. Ich ermuntere ihn zu beidem. Das Handy auf laut gestellt, diskutiert er halb auf Deutsch, halb in einer anderen Sprache mit seinem Arbeitgeber. Letztlich zahle ich 150 Euro per Kreditkarte, was er auf der Rechnung vermerkt. Der Restbetrag werde "abgeklärt". Ich verlange die Zustellung einer maschinell erstellten Rechnung. Bislang ist keine gekommen.

Wucher ist strafbar

Damit es erst gar nicht zu einer solchen Situation kommt, empfiehlt die Verbraucherzentrale vorab die Preise verschiedener Anbieter zu vergleichen, einen Festpreis zu vereinbaren und genau festzulegen, was gemacht werden soll. Auch auf Zuschläge sollte geachtet werden. "Sofortzuschläge", "Bereitstellungszuschläge" und "Spezialwerkzeugkosten" sind nicht zulässig. Bezahlt werden sollte nur das, was vorher schriftlich vereinbart wurde.

Erst 2018 hatte das Amtsgericht Essen-Borbeck in einem Fall entschieden, dass der Verbraucher ein gezahltes Entgelt von rund 449,70 Euro in voller Höhe zurückverlangen kann. Begründet wurde das Urteil damit, dass in einem solchen Fall "von einem auffälligen Missverhältnis der Vergütung zu der Leistung" auszugehen sei. Mit anderen Worten: Wucher ist laut § 138 Abs. 2 BGB rechtswidrig und der zwischen Schlüsseldienst und Verbraucher geschlossene Vertrag demnach nichtig.

Es wäre also mein gutes Recht, diesen Schlüsseldienst zu verklagen und die gezahlten 150 Euro zurückzuverlangen. Wäre da nicht ein Haken: Ich weiß, dass er weiß, wo ich wohne. Und wie schnell er in meine Wohnung kommt.

Beitrag von Luise Müller (der Name der Autorin wurde von der Redaktion geändert)

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um eine Antwort zu verfassen.

Antwort auf [Nabend] vom 10.02.2019 um 19:20
Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

8 Kommentare

  1. 8.

    Das kann ich so nicht bestätigen, unser Schlüsseldienst "um die Ecke" bietet einen Notdienst an. Man muss einfach mal fragen oder sich erkundigen. Vielleicht wird es dann schon ein wenig einfacher. Die meisten denken ja bevor etwas passiert nicht an eventuelle Vorsorge.

  2. 7.

    Bei uns hängt im Haus die Handynummer vom Hausmeister, außerdem haben wir die von der Hausverwaltung. Die beauftragt eh immer den gleichen Schlüsseldienst. Bei fremden Firmen würde ich gar nicht anrufen, außer bei dem in unserer Straße (seriös).

  3. 6.

    Ist mir auch schon passiert. Schnell mit der Tochter zum Arzt, Tür zu, Schlüssel steckte von drinnen. Aufschließen also unmöglich. Und der Hund war zudem auch in der Wohnung. Ergo: Die Not war groß? Nachbarin, Gelbe Seiten, Einträge, die mit AAA anfangen. Eigentlich weiß man Bescheid. ABER...
    Der Schlüsseldienst wollte 330 Euro, ohne dass er es geschafft hat die Tür zu öffnen. Zum Glück war die Nachbarin als Zeugin anwesend. Vereinbart wurden nach Anfahrt und harrschen Diskussionen 150 Euro, allerdings nur bei erfolgreicher Türöffnung. So blieb es dann schließlich bei der Anfahrpauschale in Höhe von 15 Euro. Ein echter Profi hat die Tür dann für 72 Euro geöffnet.
    Hier noch etwas ausführlichere Informationen zur Frage, ab wann Wucher vorliegt und ob man das zuviel gezahlte Geld zurückverlangen kann: https://www.anwalt-suchservice.de/rechtstipps/wann_ist_das_von_einem_schluesseldienst_verlangte_entgelt_wucher_23727.html

  4. 5.

    diese Erfahrung teilt Luise Müller mit vielen anderen Menschen, leider wird auch der Bericht in dieser Sache nichts an der Abzocke der " Dienstleister " ändern. Die Notlage wird ausgenutzt.

  5. 4.

    > mal den Händler um die Ecke fragen, ob und wie er im Notfall helfen kann. <

    nach Geschäftsschluß und am Wochenende geht da nichts

  6. 3.

    Mal abgesehen, dass die Überschrift eher zu einer Boulevardzeitung passt, ist dieses Ausnutzen einer Notlage durch die Schlüsseldienste einfach schlimm. Vier Sekunden.. Dazu aber An- und Abfahrt etc. Lieber rbb, bleibt seriös. Die Abzockermentalität der Schlüsseldienste ist schon schlimm genug. Mit einer Pauschale von 150 € sollten die Kosten abgedeckt sein und dennoch Gewinn gemacht werden können. Leider muss da jeder für sich selbst kämpfen. Mir fällt keine Lösung ein. Außer, sich einfach grundsätzlich mit Schlüsseldiensten vertraut machen und mal den Händler um die Ecke fragen, ob und wie er im Notfall helfen kann.

  7. 2.

    Solange solche Abzocke vom Gesetzgeber nicht als Betrug eingestuft wird,sind die darauf angewiesenen Nutzer die Dummen,man braucht nur ins Telefonbuch zu schauen,als erstes sieht man die Gauner: AAA-Schlüsseldienst 1A-Schlüsseldienst. Weiter gehts mit !ASanitätsnotdienstViele der in Not geratenden bleiben bei diesen,aufgrund des Alfabet-Ordnungssystem gleich hier hängen,wenn es Menschen sind,die solche kriminellen Machenschaften nicht kennen,haben die Gauner leichtes Spiel.

  8. 1.

    Man sollte sich nicht einschüchtern lassen und zur Not die Polizei zum Ort bestellen.
    Grenzwertig finde ich den Hinweis des Autors auf die Anschrift, die der Handwerker nun vom Opfer kenne, denn das ist in nahezu allen Rechtsprozessen der Fall, da dort die Anschrift ebenso bekannt wird.

Das könnte Sie auch interessieren