Batteriebetriebene Weihnachtsbeleuchtung (Quelle: rbb/Thomas Rautenberg)
Audio: Inforadio | 20.02.2019 | Thomas Rautenberg | Bild: rbb/Rautenberg

Interview | Erfahrungsbericht: Köpenick ohne Strom - "Die Leute auf der Straße waren kaum zu erkennen"

Wie ist das so, wenn es gar keinen Strom gibt? rbb-Reporter Thomas Rautenberg wohnt in Köpenick - und war ziemlich beeindruckt. Im Inforadio-Kollegengespräch erzählt er auch, warum er sich bei seiner Frau nachträglich entschuldigt hat.   

rbb: Thomas, Du wohnst ja in Köpenick. Wie war denn das, als Du da gestern nach Hause gefahren bist?

Thomas Rautenberg: Ich wusste ja aus der Nachrichtenlage schon, dass ich ins Dunkel fahren würde. Gespürt hab ich es dann das erste Mal kurz vor Schöneweide in der S46, die Richtung Königs-Wusterhausen fuhr. Da wurde durchgesagt: Der Bahnhof Grünau wird nicht angefahren, weil dort kein Licht ist. Der Bahnhof ist gesperrt, der Zug wird durchfahren. Da jaulten natürlich die Leute auf, die in Grünau aus- beziehungsweise umsteigen wollten.

Jetzt sollten alle auf den Bus umsteigen. Im Hellen ging es dann weiter bis nach Spindlersfeld, alles noch im ganz normalen Bereich, und dann fuhr ich mit dem Auto Richtung Schloss Köpenick. Ich muss sagen: Es war faszinierend: Bis zur Brücke eine funktionierende, hell erleuchtete Stadt, und dahinter die Finsternis, nichts als Finsternis. Die Leute auf der Straße waren kaum zu erkennen, so dunkel war es. Ich hatte ja ein bisschen auf den Supermond gehofft, sozusagen indirekte Beleuchtung aus dem All. Aber da waren die Wolken vor. Und nur ein Gebäude leuchtete hell am Horizont: Das Krankenhaus Köpenick, die haben sicherlich eine eigene Stromversorgung.

Inforadio-Reporter Thomas Rautenberg

Als ich zu Hause ankam, standen die Nachbarn schon auf der Straße. Das ist dann eine Besonderheit: In einer Krisensituation kommen die Nachbarn auch mal raus. Es wurde mit Tenor Galgenhumor diskutiert, so: "Die Brücke haben sie uns schon kaputtgemacht, jetzt nehmen sie uns den Strom weg, sozusagen die Renaturierung eines Stadtbezirkes." Insofern hat man das irgendwie noch alles leichtgenommen.

Und in Deiner Wohnung hast Du dann erstmal eine Kerze angezündet?

Nein, als erstes habe ich Abbitte bei meiner Frau getan. Die hatte sich durchgesetzt, dass wir batteriebetriebene Weihnachtsbaumkerzen gekauft haben. Da war ich strikt dagegen gewesen. Diese Weihnachtsbaumkerzen waren jetzt in der Küche verteilt, und wir hatten sehr schönes Licht. Ich muss sagen: Das hatte schon was. Und natürlich haben wir mal ohne Fernsehen, ohne Computer und ohne Smartphone gesessen, einfach auf uns gestellt, das hatte schon was Schönes. Wir haben noch den Kamin angemacht, damit es warm bleibt im Haus, denn die Heizung hat ja auch den Geist aufgegeben, die braucht Strom. Insofern war es ein gemütlicher Abend.

Kurzfristige Stromausfälle haben ja viele von uns schon erlebt, aber wenn es mal länger dauert, ist das ja schon was anderes. Wie sieht denn so ein Leben ohne Strom aus?

Du machst den Kühlschrank auf, der bleibt dunkel, die Kühltruhe lässt man besser zu, damit sie 24 Stunden die Kälte hält und damit nicht alles wegzuschmeißen ist hinterher … ganz ehrlich muss ich sagen: Das schöne Gefühl war heute Morgen dann sehr, sehr schnell vergangen.  Der Fußboden war eiskalt, die Räume waren eiskalt, man stolpert mit der Taschenlampe durchs Haus, sucht seine Sachen zusammen, will sich einen Kaffee machen, aber das kannste ja auch vergessen: Kaffeemaschine geht nicht. Und so kommt dann eins zum anderen: Die Dusche ist noch kälter als die Räume, da gibt es dann eine gewisse Hemmschwelle, zumindest bei mir als Warmduscher.

Da merkt man dann: Wenn sich das über Tage hinziehen würde, geht es sehr, sehr schnell ans Eingemachte, zumal dann natürlich auch das Smartphone relativ schnell leer ist.

Nun haben wir gehört, dass die Polizei ihre Präsenz in Köpenick verstärkt hat. Haben die Leute Angst vor Einbrüchen oder gar Plünderungen?

Soweit würde ich nicht gehen. Es war sehr viel Blaulicht unterwegs gestern Abend, vor allem an den Hochhäusern. Sicherlich steckten da noch Leute in den Fahrstühlen fest oder mussten runtergebracht werden. Es war auch ungewöhnlich viel Polizei auf der Straße, nämlich um den Verkehr zu regeln, auf der Müggelheimer Straße, die ist ja die Umleitung für die defekte Allendebrücke.

Also dass wir Wild-Ost haben mit dem Blackout in Köpenick, das glaube ich nicht, aber es gibt eine ganz wichtige Erfahrung: Dass von einer Sekunde auf die nächste eigentlich kein Telefon mehr geht. Früher konnte man ja noch den Posthörer abnehmen, die hatten eine eigene Stromversorgung, jetzt ist ein Router dazwischengeschaltet, alles geht übers Internet, und wenn das Internet nicht geht, geht nichts mehr. Und auch am Smartphone geht es kaum, weil auch die Sendemasten in der Umgebung ausfallen. Und man kann auch keine App mehr öffnen. Da merkt man erstmal, wie abhängig man mittlerweile ist.

Vielen Dank für das Gespräch!

Ein Stück Kabel, Schnittchen und Nokia-Handys

Sendung: Inforadio, 20.02.2019, 09:05 Uhr

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1 Kommentar

  1. 1.

    Mein Gott, was für eine Aufregung! Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es bei einem Fliegeralarm im Krieg gewesen ist. Alles abgedunkelt, sogar die Autos und man konnte die Hand vor Augen nicht sehen. Den Bunker haben wir trotzdem gefunden. Immer an den Häuserwänden entlang...
    Wenn jetzt für ein paar Stunden kein Strom da ist, weiß man doch, im Gegensatz zu früher, das sehr bald alles wieder in Ordnung kommt. Also mit ein wenig Geduld und romantischer Kerzenbeleuchtung ist alles gut zu ertragen...
    Mit freundlichen Grüßen aus dem Morgenland und dem wundervollen Istanbul,
    Wolfgang Krahn

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