Eine Frau hält hinter ihrem Rücken die Finger überkreuzt (Quelle: imago)
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Audio: Inforadio | 06.03.2019 | Interview mit Simone Dietz | Bild: imago stock&people

Interview | Sieben Wochen ohne Lügen - "Das Motto dieser Fastenaktion ist problematisch"

"Sieben Wochen ohne Lügen" ist das Motto einer am Mittwoch begonnenen Fastenaktion der evangelischen Kirche. Philosophie-Professorin Simone Dietz erläutert im rbb-Interview, was sie daran stört - und warum man auf manche Lügen besser nicht verzichten sollte.

rbb: In den zehn Geboten heißt es: Du sollst nicht lügen. Grundsätzlich also die Frage: Ist Lügen immer gut oder schlecht?

Simone Dietz: In den zehn Geboten heißt es nicht: "Du sollst nicht lügen" - sondern korrekt heißt das: "Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider Deinen Nächsten." Und da kann man sich jetzt auch darüber streiten, ob das eigentlich mit dem Lügen identisch ist. Ich würde sagen: Nein. Das meint eher: Man soll jemand anderen nicht verleumden, aber man soll auch vor Gericht, wenn man als Zeuge aussagt, nicht lügen.

rbb: Andersherum gefragt: Gehört Lügen nicht zur Alltagskommunikation?

Dietz: Ja, es gibt ja auch eine Menge Lügen, gegen die in vielen Fällen nichts einzuwenden ist. Insofern ist das ein bisschen problematisch mit dieser Fastenaktion. Die trifft dann einerseits die Lügen, die eindeutig Betrug und Übervorteilung sind, und andererseits aber auch die Lügen, die wir brauchen - weil wir plötzlich nach was gefragt worden sind...

rbb: ... wie zum Beispiel "Wie hat es denn geschmeckt?" Oder: "Wie sehe ich heute aus, Schatz?" Darf man da auch mal nicht wahrheitsgemäß antworten?

Dietz: Ja, wenn man das in dem Moment für die bessere Wahl hält. Nicht nur, weil man einfach ein konfliktscheuer Mensch ist, sondern weil man denkt, es würde jetzt die ganze Situation zerstören und niemandem nützen. Dann denke ich, ist es durchaus erlaubt zu lügen - und ich glaube auch, dass die Belogenen damit einverstanden sein können.

Wie oft lügt der Mensch, oder der Deutsche, durchschnittlich am Tag? Kann man das sagen?

Dietz:  Nein, das kann ich jedenfalls nicht sagen. Diese Studien, die es da gibt, dass es durchschnittlich 200 Lügen am Tag sein sollen, sind für mich überhaupt nicht nachvollziehbar. Keine Ahnung, wie die zu diesen Zahlen gekommen sind. Man weiß es nicht, wo diese Zahl herkommt.  

rbb: Politiker werden ja gern der Lüge bezichtigt. Stimmt das?

Dietz: Meiner Meinung nach lügen Politiker auch nicht mehr oder weniger als andere - aber ich kann es nicht wissenschaftlich belegen, weil ich nicht empirisch forsche. Aber ich denke, dass in der Politik andere Lügen vorherrschen als im Privatleben. Da geht es manchmal um dramatische Sachen und deshalb muss manchmal gelogen werden. Dann ist es gut, wenn der Politiker das auch hinterher zugibt, das gibt es. Und dann ist das auch in Ordnung.

rbb: "Fake News", "alternativen Fakten": Hat das nochmal eine andere Qualität, als wenn man als Mensch im Miteinander flunkert?

Dietz: Ja, natürlich hat das eine andere Qualität, weil es uns alle als Teil der Öffentlichkeit betrifft und natürlich nochmal eine viel größere Reichweite hat. Aber es hat auch eine andere Qualität, weil es sich bei "alternativen Fakten" schon gar nicht mehr um normale Lügen handelt, sondern um beliebiges Behaupten. Da ist völlig egal ist, ob man das begründen kann oder nicht.

Diese Form der Lüge nennt man inzwischen eher "Bullshit", nach einem Buch von Harry Frankfurt. Das ist eine Form zu sagen, was man will - und es ist völlig egal, ob es wahr ist oder nicht.  

Das Interview führte Inforadio-Moderator Martin Heiner. Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung. Das komplette Interview können Sie oben im Beitrag nachhören.

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    Wie wäre es wenn diese Sekte bei sich anfangen würde?

  2. 2.

    Ich faste eher traditionell, finde aber die Aktionen der EKD jedes Jahr gut. Meist mache ich sie mit. Verzicht auf die alltäglichen Notlügen ist schon schwierig. Ich mach es mal mit. Allen eine erfolgreiche Fastenzeit.

  3. 1.

    Ich will hier nur mal an die jahrhundertelange Verlogenheit des "Christentums" und dessen Kirchen und hier zuletzt im Zusammenhang mit dem massenhaften sexuellen Mißbrauch erinnern. Es steht diesen Institutionen überhaupt nicht zu, den Menschen irgendwas über das Thema "Lügen" zu sagen.

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