Baustelle an der Salvador-Allende-Brücke in Berlin-Köpenick (rbb/Rautenberg)
Audio: Inforadio | 20.03.2019 | Thomas Rautenberg | Bild: rbb/Thomas Rautenberg

Baustelle Salvador-Allende-Brücke - Hat Berlin das Bauen verlernt?

BER, Elsenbrücke, Salvador-Allende-Brücke - alles Beispiele für Endlos-Baustellen in der Hauptstadt. Doch warum dauern derartige Verkehrsinfrastrukturprojekte so lange? Diese Frage hat Thomas Rautenberg Baufachleuten in Köpenick gestellt.

Als Köpenicker wusste ich, worauf ich mich einlasse, als ich den Treffpunkt an der Allende-Brücke vorgeschlagen habe: auf verstopfte Straßen rund um die Altstadt, auf einen Endlosstau auf den Umleitungsstrecken, um am Ende doch noch zur Brückenbaustelle zu kommen.

Bis Ende des Jahres soll es so weiter gehen: Vollsperrung, Umleitung, Stau - heißt mindestens eine halbe Stunde mehr Zeit jeden Tag. Als ich endlich an der Brückenbaustelle ankomme, warten Katrin Vietzke und Arne Huhn schon. Sie ist Leiterin des Projektmanagements im Bereich Tief- und Ingenieurbau des Verkehrssenats und damit sozusagen die Bauherrin aller Berliner Brücken. Er ist der Bauchef an der Allende-Brücke: blaue Jeans, schwere Schuhe und grell leuchtende Warnjacken, so stehen sie da.

Andere Nationen bauen in der Zeit riesige Flughäfen

Vor zwei Jahren habe ich schon einmal mit Katrin Vietzke an gleicher Stelle gestanden. Die 51-jährige Bauingenieurin hatte damals noch gehofft, dass sie um eine Totalsperrung herumkommen würde. Vergeblich, wie sich Ende Januar herausstellte: "Die Brücke hat sich quasi in sich verdreht, auf der rechten Seite gehoben und auf der linken Seite gesetzt, sodass Verdrehungen entstanden sind, für die dieses Bauwerk eben nicht bemessen ist", erklärt sie.

Dass keiner mehr über eine unsichere Brücken fahren darf, kann ich nachvollziehen. Nicht begreifen kann ich dagegen, dass seit knapp zwei Jahrzehnten klar war, dass die Spannbetonbrücke zwischen der Köpenicker Altstadt und Friedrichshagen nicht auf Dauer durchhalten würde. Der sogenannte Betonkrebs, eine Alkali-Kiesel-Reaktion, die das Bauwerk nach und nach zerstört, war schon vor vielen Jahren festgestellt worden. Und doch ist über lange Zeit nicht viel passiert: Erst fehlte es an der Priorität, dann hat sich die Planung über weit mehr als zehn Jahre hingezogen.

Andere Nationen bauen und eröffnen in der gleichen Zeit riesige Flughäfen. Ich frage einen der es wissen muss: Krissan Guske ist Brückeningenieur in einem renommierten Berliner Planungsbüro. Der 47-Jährige ist international unterwegs kennt das Geschäft. Guske schmunzelt, als ich sage, alles müsse doch viel schneller gehen. Zehn Jahre seien im Brückenbau keine lange Zeit, meint er und dekliniert die Abläufe durch.

Allein die Vergabe eines Planungsauftrages dauere mindestens ein halbes Jahr. Denn die Vergabeordnung soll sichern, dass öffentliche Aufträge auch transparent vergeben werden, Missbrauch und Vetternwirtschaft sollen ausgeschlossen werden, erklärt er. Ein Jahr ist nach dieser Zeitrechnung schon um, bevor es überhaupt richtig losgeht. Die Projektplanung dauert Guske zufolge dann etwa anderthalb Jahre. Kompliziert sei dabei, dass gerade im innerstädtischen Bereich oft Gas-, Wasser,- und Stromleitungen umverlegt werden müssen. Erst dann könne die eigentliche Brückenplanung gemacht werden, bei der auch die Kosten ermittelt und im Haushalt angemeldet werden.

Bei der Allende-Brücke beliefen sich die veranschlagten Kosten auf 15 Millionen Euro. Dafür wollte aber keine Firma bauen. Das Projekt mit Abriss und Ersatzneubau musste erneut ausgeschrieben werden. Heute kostet die Brücke 37 Millionen Euro und der Bau dauert ein paar Jahre länger.

Behelfsbrücke keine Option für Köpenick

An der Nordseite der Allende-Brücke schiebt ein Radlader zwischen rostigen Spundwänden aus Stahl den Boden glatt. In Kürze wird auch hier der neue Brückenkopf gegossen. Wenn ein Brückenbau tatsächlich nicht schneller geht, drängt sich mir eine andere Frage auf: Wäre es denn nicht möglich gewesen, wenigstens mit einer Behelfsbrücke das Schlimmste für die Köpenicker zu verhindern?

Sowohl Projektmanagerin Katrin Vietzke als auch Bauchef Arne Huhn winken ab. "Charmante Vorstellung, aber hier in dieser Örtlichkeit geht es eben nicht, weil die Bebauung rechts und links so dicht ist." Eine Ponton-Brücke auf Ebene des Wassers wiederum hätte die Schifffahrt blockiert, sagt Vietzke. "Eine Behelfsbrücke – das hört sich zwar immer so einfach an, aber ich baue letztendlich nochmal eine voll funktionsfähige Brücke daneben", fügt Huhn hinzu.

Eine Behelfsbrücke also nicht. Ich ziehe meinen nächsten Trumpf aus dem Ärmel: Hätte man nicht mit zusätzlichen Stahlträgern unterhalb des alten Brückenteils wenigstens eine Totalsperrung für den Verkehr verhindern können? Hätte man nicht, sagt die 51-jährige Projektchefin: "Es ist kein einfaches statisches System, wo man einfach noch eine Stütze darunter stellt. Wenn man das tut, lagern sich die Kräfte um und es wird statisch unüberschaubar, sodass das einfach keine Option war."

"Ein Ende des Elends ist absehbar"

Auch mit diesem Gedanken bin ich also bei den Experten abgeblitzt. Bliebe nur noch schneller bauen. Bei der Avus-Sanierung, erinnere ich mich, konnte die Bauzeit mit einer Bonus-Regelung für die Firmen um fast zwei Monate gedrückt werden. Für den Brückenbau sei das aber nicht unbedingt ein Vorbild.

Die Brücke werde im Stahlwerk vorproduziert und müsse dann vor Ort zusammengeschweißt und verschoben werden, erklärt Kuhn. Weil dafür eine weltweit tätige Spezialfirma beauftragt werden müsse, könne der Termin nicht kurzfristig vorverlegt werden. Und auch Nachtbaustellen, wie sie auf Autobahnen häufig sind, seien mitten in der Stadt schwierig. "Das ist eine Frage, die man bedenken muss, kann man den Anwohnern gegebenenfalls lärmintensive Arbeiten in Abend- und Nachtstunden zumuten?", fragt Vietzke.

Ich muss also akzeptieren: Es dauert einfach, eine Brücke zu ersetzen. Zum Ende des Jahres soll der erste Teil, die westliche Überfahrt der Salvador-Allende-Brücke fertig sein. Viel schneller wird es nicht gehen. Auch die angebohrten Stromleitungen und der folgende Blackout für über 30.000 Köpenicker Haushalte hat alle Beteiligten nicht nur Nerven, sondern auch wertvolle Bauzeit gekostet.

Auf der anderen Seite der Müggelspree sprühen die Funken, die Brückenmonteure sind bei der Arbeit. Die ersten, gigantischen Stahlelemente sind für die neue Brücke bereits zusammengeschweißt. 136 Meter Länge wird die Gesamtkonstruktion haben. Stück für Stück wird sie über den Fluss geschoben und später abgesenkt. Bis sie fertig auf den Pfeilern liegt, muss ich, wie alle anderen Köpenicker auch, wohl oder übel, den Stau ertragen. Aber: "Ein Ende des Elends ist absehbar", verspricht Vietzke.

Beitrag von Thomas Rautenberg

Kommentar

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16 Kommentare

  1. 16.

    @justice
    Nicht gleich Politik mit Ingenieursleistungen vermischen!!!
    Vollkommen sinnfrei.

  2. 14.

    Recht hat er aber! DieLinken sind vielleicht keine Verbrecher aber unfähig, Politik fürs Volk zu machen. Vor allem, wenn sie somlinks sind, das sie rechts wieder hervorschauen.

  3. 13.

    Wie lange hat die Brücke von Kertsch (Krim / Russland) gedauert? Die ist aber nicht nur Meter, nein, die ist Kilometer lang! Wann war das Referendum? Genau vor 5 Jahren! Welche Planung wird hier gemeint?

  4. 12.

    Zitat: "Und auch Nachtbaustellen, wie sie auf Autobahnen häufig sind, seien mitten in der Stadt schwierig. "Das ist eine Frage, die man bedenken muss, kann man den Anwohnern gegebenenfalls lärmintensive Arbeiten in Abend- und Nachtstunden zumuten?", fragt Vietzke."
    Vielleicht nichts nachts..aber bis 22 Uhr sollte gebaut werden damit endlich was vorran geht..denn hier geht es nicht um eine normale Baustelle, sondern hier versinkt ein ganzer Bezirk im VerkehrsChaos. Und da sollte vielleicht das Wohl von sehr vielen über dem Wohl von einigen wenigen stehen. Das das für die Anwohner nicht schön ist, keine Frage..aber es wäre notwendig.

  5. 11.

    "Gut" dass wir Hrn. Petzinna haben, der zum Thema zwar nichts beizutragen hat, dafür aber gewohnt energisch seine politische Privatmeinung (links alles Verbrecher) zum allgemeinen Gesetz erklärt...

  6. 10.

    Wer will hier Unternehmen verstaatlichen? Das wird aber eine schöne Verfassungsklage nach sich ziehen. Niemand wünscht sich DDR Verhältnisse zurück.

  7. 9.

    Warum alles so ewig dauert und nicht fertig wird? Weil die Politik sich immer einmischt und das immer mehr. Mehr Verordnungen, Bürokratie und Staatsbeamtete, die durchgefüttert werden müssen.

  8. 8.

    Nein, nicht Berlin sondern träge Schreibtischbeteiligte.

  9. 7.

    Langwieriges Bauen hat in Deutschland nicht erst seit dem Kölner Dom Tradition. Dessen Baubeginn lag allerdings ebenso wie der des Schloss Neuschwanstein unwesentlich vor Gründung der EU. Letzteres kann dabei aber als Vorbild für den Ausbau des Flughafens Schönefeld herhalten, was aber eine andere Geschichte ist.

    Hier in Berlin behindert aber in der Tat oft eine politisch motivierte Bürokratie zusammen mit den NIMBYs in Einheit mit einer nicht erst seit der Wiedervereinigung fatalen Haushaltspolitik eine schnellere, allen Bürgern dienende Weiterentwicklung der Stadt oder eben auch nur einen Ersatzneubau bei maroden Infrastruktur.

  10. 6.

    Na klar konnte Berlin bauen. Zum Beispiel in der DDR oder auch während der 30er Jahre :-).
    Transparenz ist ja schön und gut, aber infrastrukturelle Großprojekte (Schulen, Kindergärten, Wohnungen, Straßen, Brücken, Straßenbahntrassen usw.) sollte man doch zentral über das Land bauen lassen. Diese ganze Dezentralisierung verzögert alles. Der Staat muss einfach über ein verstaatlichtes Unternehmen solche Projekte anpacken. Das ist typisch Kapitalismus, langsam und teuer.

  11. 5.

    Populismusalarm

    Was befähigt Leute, die bis jetzt in der Verwaltung gearbeitet haben, eigentlich dazu, plötzlich in Tiefbau arbeiten zu können, wenn diese Tätigkeit eine mehrjährige Ausbildung erfordert? Meinen Sie, der Bau wird nur eine Stunde eher fertig? Oder soll das Volkes Rache symbolisieren?

    Und was spricht eigentlich gegen eine ordentliche Ausschreibung eines Brückenbaus? Wenn man das nicht vernünftig macht, landet man dort, was den Bau des Flughafens BBI zum Teil (!!!) in große Schwierigkeiten und in Organisationsprobleme geführt hat.

    Aber, Hauptsache, mal gegen Europa gestänkert. Die Verwaltung der EU in Brüssel für über 500 Millionen Menschen ist kleiner als diejenige in Hamburg für nicht mal 3 Millionen Menschen.

  12. 3.

    "Hat Berlin das Bauen verlernt?" Hat Berlin jemals Bauen gekonnt? Wenn man die ganzen Bürokraten vom Schreibtisch wegholen würde und in den Straßenbau stecken könnte dann würde sich bestimmt was bewegen. Aber eine große Mitschuld gebe ich den EUROkraten!!!

  13. 2.

    Man sollte sich ein Beispiel am Bahnhof Bismarckstraße nehmen. Dort geht es seit Jahren in Lichtgeschwindigkeit vorwärts ;-)

  14. 1.

    Dank Vergabeordnung wird nie Zeit verschwendet. Alles läuft transparent ab, deswegen gibt es auch nie Schwarzarbeit und Pfusch am Bau. Osteuropäer, die nicht mal den Mindestlohn bekommen bzw ganz um den Lohn geprellt werden gibt es auch nicht. Alles clean!

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