Ein stark demoliertes Auto steht in Berlin Moabit an der Beusselstraße.
Bild: dpa/Paul Zinken

Angst vor Polizei und Versicherung - Fahrerflucht bei fast jedem vierten Unfall in Berlin

Vom kleinen Kratzer bis zum schweren Crash: In Berlin entfernen sich knapp ein Viertel der Unfallverursacher im Straßenverkehr vom Ort des Geschehens, bevor die Polizei eintrifft. Wenigstens einen Zettel mit Kontaktdaten zu hinterlassen hilft nicht.

Sie haben Angst vor Strafe oder schlicht keine Lust zu warten: Fast jeder vierte Unfallverursacher in Berlin begeht Fahrerflucht. Seit Jahren steigen die Unfallzahlen. Der Anteil von Crashs mit Unfallflucht bleibt aber konstant, wie aus Zahlen der Berliner Polizei hervorgeht. Im Verhältnis zur Gesamtzahl der Unfälle liegt der Anteil von Fahrerflucht-Delikten zwischen 2007 und 2017 zwischen 21 und 23 Prozent. Am Montag stellen der Berliner Senat und Polizei die Statistik zur Verkehrssicherheitslage 2018 vor.  

2017 floh bei gut 33.150 Unfällen der Täter, wie aus Zahlen der Polizei Berlin hervorgeht. Insgesamt habe es rund 143.424 Verkehrsunfälle gegeben. Damit wurde bei fast jedem vierten Unfall Fahrerflucht begangen. Die Aufklärungsrate lag wie auch schon im Jahr davor bei etwa 40 Prozent. Mitte der 2000er Jahre wurde noch fast jeder zweite Fall von Fahrerflucht aufgeklärt. 2017 wurden bei Unfällen mit Fahrerflucht drei Menschen getötet, ebenso viele wie im Jahr davor. 168 Menschen wurden schwer (2016: 147) und 1.755 leicht verletzt (2016: 1.684).

Angst vor der Polizei - und der Versicherung

Laut dem Verkehrspsychologe Helmuth Thielebeule fliehen die Täter in der Regel aus Angst vor Strafe - vor allem, wenn Drogen oder Alkohol im Spiel seien. "Im schlimmsten Fall ist dann der Führerschein weg." Aber auch bei Schäden im nüchternen Zustand werde der Autofahrer bei der Versicherung hochgestuft - und kleinere Schäden deshalb oft nicht gemeldet. Ein weiterer Grund könne Bequemlichkeit sein: "Die haben keine Lust zu warten oder die Polizei zu rufen."

Mehr als 90 Prozent der Fälle von Unfallflucht gelten als "nicht schwerwiegend" - haben also leichtere Sachschäden zur Folge. Der Polizeisprecher Stefan Petersen erklärt, dass die Polizei bei jedem Unfall mit Schadensfall informiert werden sollte - auch, wenn es sich nur um einen kleinen Kratzer am Auto handle. Die verbreitete Praxis, einen Zettel mit Kontaktdaten an die Windschutzscheibe zu klemmen, empfehle er nicht. "Das ist keine Garantie." Eine Fahrerflucht könne, je nach Schwere der Tat, mit bis zu drei Jahren Haft geahndet werden, sagte Petersen.

In Brandenburg ist die Zahl der Fahrerfluchten im vergangenen Jahr gesunken. Laut Polizeipräsidium gab es 2018 knapp 18.000 derartige Delikte - 600 weniger als im Jahr davor.

Sendung: Inforadio, 10.03.2019, 10.00 Uhr

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

7 Kommentare

  1. 7.

    Jegliche Diskussion geht hier am Thema vorbei. Es geht hier schlicht um das Erkennen, die Reflektion und die Konsequenz eines Fehlverhaltens.
    Ich touchiere ein anderen Fahrzeug und habe somit einen Unfall verursacht. Es obliegt in keinster Weise mir selbst, zu beurteilen ob der Schaden erheblich ist oder nicht. Selbst der Polizist hat das nicht zu beurteilen, da er kein Sachverständiger ist und es gar nicht beurteilen kann.
    Ebenso wenig obliegt es dem Unfallverursacher zu beurteilen ob eine Stoßstande lackiert werden soll/kann/muss oder nicht. Das entscheidet der Halter des Fahrzeugs.
    Ich bin bisher sehr gut damit gefahren, flüchtende Unfallverursacher an den Halter des Fahrzeugs weiterzugeben. Diese waren durchweg sehr glücklich das sie den entstandenen Schaden weiterreichen konnten.

  2. 6.

    "Heute sieht die Mehrheit eine berührte Stoßstange als Unfall, weil sie evtl. teuer neu lackiert werden muss."
    Die Frage ist hier auch: Muss sie? Diese Kunststoffstoßstangen rosten nicht(!). Wer aber mit einer solchen Bagatelle bei der (möglicherweise von seiner Versicherung empfohlenen) Werkstatt aufschlägt, bekommt u.U. eine Rundumbehandlung im vierstelligen Bereich, die dann von der gegnerischen Versicherung zu zahlen ist, die wiederum sofort die Schadensfreiheitsklasse runter- bzw. den Beitrag hochstuft... Erbitte Reportage zum Thema...

  3. 5.

    Ich bin völlig entsetzt darüber, in welch kultivierter, aufgeklärter und wortgewandter Weise hier über ein Verkehrsthema diskutiert wird. Das ist meines Wissens hier noch nie vorgekommen.

  4. 4.

    "Unfallfluchten sind auf den Entschluss eines Fahrers zurückzuführen!"
    Ja, aber die Wahrnehmung, was als Unfall zählt spielt auch eine Rolle. Vor 20 Jahren war für die meisten das Berühren der Stoßstange kein Unfall. Sie war genau für diesen Fall da war, um Schäden an beiden Fahrzeugen zu vermeiden. Heute sieht die Mehrheit eine berührte Stoßstange als Unfall, weil sie evtl. teuer neu lackiert werden muss. Also werden auch mehr solcher Unfälle von Zeugen angezeigt.
    In anderen Fällen ist die gesellschaftliche Wahrnehmung noch nicht so weit. Sonst würden nicht fast die Hälfte aller Überholvorgänge von Radfahrern ohne ausreichenden Sicherheitsabstand erfolgen. Oder die PKW-Fahrer würden anschließend jedes mal anhalten um sich zu vergewissern, ob der von ihnen in Kauf genommene Unfall eingetreten ist.
    Und wie gesagt, kommt es sogar zu einer Berührung mit dem Radfahrer und es blutet nichts, sehen selbst viele Polizisten keinen stattgefundenen Unfall. So viel zum Thema Wertekonsens...

  5. 3.

    "Wie viele Unfallfluchten sind auf diese "neuen" Schäden zurückzuführen?" Unfallfluchten sind auf den Entschluss eines Fahrers zurückzuführen!

    Falls er tatsächlich nichts vom Geschehen bemerkt hat, dann geht der Entscheidung zum "Darüberwegsehen", "So-tun-als-ob-nix-war" ein Denkprozess, ein "Selbstgespräch" voraus. Wenigstens sollte frau/man sich im Klaren sein, falls er/sie sich da selbst belügt.

    Die Entscheidung kann auch sein, der Sache auf den Grund zu gehen, "so oder so". Ich kann für von mir verursachte Schäden einstehen und damit "sauber" bleiben. Meine Erfahrung war einmal, dass der Geschädigte ganz entspannt und verständnisvoll war und sich "der Schaden" als Bagatellfolge herausstellte. Ein anderes Mal war ich der Geschädigte und ein aufmerksamer Polizist hat mich davor bewahrt, auf einem Schaden sitzen zu bleiben.

  6. 2.

    Für mich verfehlt der Kommentar ethisch das Thema. Es geht doch wohl nicht um Lust zu warten, sondern um Aufrichtigkeit, für einen entstandenen Schaden einzustehen. So viel zum Thema Wertekonsens in unserer Gesellschaft (bezogen auf das Unfallflucht-Verhalten).

  7. 1.

    Mitte der 2000er Jahre waren auch noch deutlich weniger Stoßstangen oder Seitenspiegel lackiert. Bei einer Berührung hat sich der Kunststoff kurz nach innen gewölbt. Heute tut er das noch genauso, allerdings bricht der Lack darüber. Wie viele Unfallfluchten sind auf diese "neuen" Schäden zurückzuführen? Fahrverbote und Prozesse drohen hier ja auch, wenn jemandem selber kein Schaden auffällt, sondern dem "Geschädigten" die Möglichkeit genommen wird, das selbst zu beurteilen.
    Auf der anderen Seite werden Unfälle in sehr vielen Fällen von keiner Seite gemeldet. Weil anscheinend kein öffentliches Interesse an der Verfolgung besteht. Z.B. ohne Sicherheitsabstand überholte Radfahrer fallen mir da ein.
    Unfälle mit Radfahrern, bei denen vorerst kein Schaden sichtbar ist, werden häufig von der gerufenen Polizei nicht mal aufgenommen...
    Wer hat da dann noch Lust zu warten?

Das könnte Sie auch interessieren