Suche nach Rebecca in einem Waldgebiet bei Storkow. (Quelle: rbb/M. Lietz)
Audio: Inforadio | 08.03.2019 | 07:07 Uhr | Interview Axel Petermann | Bild: rbb/M. Lietz

Interview | Ex-Profiler Axel Petermann zum Fall Rebecca - "Die Öffentlichkeit ist von der Familie ausgegangen"

Die Suche nach der vermissten 15-jährigen Rebecca aus Berlin-Neukölln läuft immer noch. Obwohl weiterhin viel unklar ist, werden Bilder des verdächtigen Schwagers veröffentlicht. Der frühere Profiler Axel Petermann zeigt Verständnis für das Vorgehen der Polizei.

rbb: Herr Petermann, die Polizei durchkämmt den Wald bei Storkow in Ostbrandenburg, noch immer gibt es keine Spur von der vermissten Rebecca aus Berlin. Wie nah ist die Polizei an der Lösung eines Falls, wenn sie 90 Polizisten losschickt, um einen Wald abzusuchen?

Axel Petermann: Es scheint einen Hinweis auf den Wald gegeben zu haben. Ein Zeuge hat offenbar eine Beobachtung gemacht, die mit dem Verschwinden von Rebecca in Zusammenhang zu bringen ist. Dieser Hinweis wird nach der Öffentlichkeitsfahndung nach dem Schwager des Mädchens und dessen Fahrzeug erfolgt sein.

Die Öffentlichkeitsfahndung ist in diesem Fall von jetzt auf gleich sehr massiv geworden: Fotos des Tatverdächtigen, des Autos und Fotos von Rebeccas Sachen. Normalerweise lässt die Polizei sich Zeit damit, bis sie die Öffentlichkeit um Hilfe bittet. Warum ist das hier anders?

Dass die Öffentlichkeit von Anfang an sehr stark in den Fall involviert worden war, ist von der Familie ausgegangen, nachdem Rebecca verschwunden war. Dies hat sich doch eigentlich in den letzten 14 Tagen oder fast drei Wochen fortgesetzt. Nun gibt es einen Tatverdächtigen. Es gibt einen Verdacht, dass Rebecca getötet worden sein könnte. Was fehlt, ist eine Antwort auf die Frage, wo Rebecca sein kann. Deswegen wendet man sich an die Öffentlichkeit, zumal der tatverdächtige Schwager schweigt.

Die Öffentlichkeit ist kein Zeichen dafür, dass die Polizei mit ihrem Latein am Ende ist oder Gefahr im Verzug ist?

Natürlich ist das ein Ausdruck davon, dass die Polizei externe Hilfe benötigt. Sie selbst hat versucht, viele Spuren zu sichern - unter anderem am Fahrzeug des Schwagers - und ist zu der Gewissheit gekommen, dass Rebecca wohl nicht mehr lebt. Und da der Tatverdächtige schweigt, muss man jetzt zusehen, von außen Hilfe zu bekommen, um das Mädchen zu finden.

Dass der Tatverdächtige so offen in den Medien gezeigt wird, obwohl wir nicht einmal wissen, ob ein Verbrechen passiert ist – ist das nicht fahrlässig?

Ich weiß nicht, ob das fahrlässig ist. Das ist eine Abwägung zwischen zwei verschiedenen Gütern. Einmal geht es um das Persönlichkeitsrecht und zum anderen um das Recht, eine Straftat aufzuklären und über den Verbleib von Rebecca Bescheid zu wissen. Das ist eine Entscheidung, die von der Staatsanwaltschaft oder von der Generalstaatsanwaltschaft getroffen werden muss - und auch nur von ihr getroffen werden darf.

Ich kann mich an Zeiten erinnern, in den 1970er und 1980er Jahren, da sind die Medien noch sehr laissez-faire mit den Persönlichkeitsrechten umgegangen. Da wurden die Tatverdächtigen abgebildet und mit Namen benannt. Das ist heute alles viel weniger geworden. Jetzt geht es darum genau zu prüfen, welches Recht geht dem anderen vor.

Wenn man auf Fotos sieht, dass Reporter offenbar mit der Polizei in dem Wäldchen bei Kummersdorf unterwegs waren, als wären sie selber Polizisten: Ist das noch seriös? Die zertrampeln doch alles ...

Ja, das ist schon ungewöhnlich, dass dieser Bereich nicht weiter abgesperrt wird, damit man in Ruhe nach Spuren suchen kann. Die mediale Nähe ist wirklich schon überraschend.

Ist es ein Trick der Polizei, um eine Art Treibjagd zu inszenieren? Das bekommt der Verdächtige auch mit - und das erhöht vielleicht den Druck auf ihn.

Das glaube ich nicht, dass dieses Mittel hier bewusst eingesetzt wird.

Seine Familie fleht den Tatverdächtigen an, zu sagen, was passiert ist - und er schweigt. Welcher Umstand kann so wichtig sein, dass er einen Menschen dazu bringt, bei einem Mordverdacht zu schweigen?

Es ist das gute Recht eines jeden Beschuldigten zu schweigen. Er braucht nicht aktiv an der Aufklärung beitragen, das ist Aufgabe der Polizei. Die Ermittler müssen ihm die Schuld nachweisen. [... ] Jetzt muss man sich natürlich fragen, warum sagt dieser Mann nichts, wo er doch zur Aufklärung beitragen könnte. Ich weiß es wirklich nicht.

Die Familie hält weiter zu ihm. Ist das normal, dass in einer anscheinend aussichtslosen Lage die Sippe ganz archaisch zusammenhält, auch wenn es irrational erscheint?

Es ist ungewöhnlich, dass die Familie so zusammenhält. Ich will hier nichts in die Welt setzen, aber es klingt bald so, als würde man etwas wissen und das für sich behalten. Man hat eine Nibelungentreue. Normalerweise müsste man doch sagen: 'Jetzt sag, verdammt noch mal, was hier geschehen ist und was du eventuell gemacht hast. Es gibt für alles immer eine Erklärung, auch wenn es ein falsches Verhalten war. Aber gib uns die Chance, jetzt zu erfahren, was mit unserer Tochter ist. Damit wir nötigenfalls von ihr Abschied nehmen können und trauern können.' Das verwundert mich, dass so etwas nicht kommt.

Sendung: Inforadio, 08.03.2019, 07:07 Uhr

Das Interview mit Axel Petermann führte Sabine Dahl. Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Version. Das vollständige Gespräch können Sie oben im Beitrag im Audio hören.

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8 Kommentare

  1. 8.

    Sollte der Schwager unschuldig sein,dann wird er ein schweres leben haben.Nur gut dass die Familie hinter ihm steht.Ich hatte 20 Jahre mit Gefangenenseelsorge zu tun,da hatte sich die Familie abgewandt+er War alleine.Es sind schlimme Zeiten wenn man unschuldig ist.
    Sollte der Schwager schuldig sein,dann bin ich dafür dass er nicht wegen Totschlag angeklagt wird,sondern wegen Mordes mit der Höchststrafe.Denn wer Menschen tötet müsste stark verurteilt werden.Sollte Raus kommen dass er das Mädchen vergewaltigt haben+durch den Mord es vertuschen wollen,dann müsste er sein Leben lang büssen.

  2. 6.

    ...alles Kriminalexperten hier...

  3. 5.

    Ja, das stimmt schon so . Wie geht ein Haftrichter nach einem 1/2 Jahr mit selbiger Situation um? Lassez faire? Nun ja, is es sicher nicht, da will man Fakten mit Gewalt suchen gehen. Das wird auch so nie ein Prozess

  4. 4.

    Was fuer eine schamlose Vermischung von Tatsachen: Die Familie hat ein Foto des vermissten Kindes veroeffentlicht in der Hoffnung, dass jemand sie gesehen habe. Sie hat nicht ihren verdaechtigen Verwandten in die Oeffentlichkeit gebracht, schon Tage bevor dies aus Ermittlungsgruenden eventuell angezeigt schien. Das jetzt in einen Topf zu werfen, ist frech und respektlos. Und uebrigens heisst es 'Laissez-faire' mit e am Ende. Mit 'fair' hat das ganze naemlich eher wenig zu tun. Ausser natuerlich, man uebersetzt 'fair' mit 'Jahrmarkt', dann passt es umso besser.

  5. 3.

    "laissez-fairE" ;)

  6. 1.

    Eine ziemlich schmalspurartige Sichtweise und Güterabwägung des Herrn Ex-Profilers.

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