Schülerinnen bei der Hebammenausbildung in Eberswalde (Quelle: rbb)
Video: Brandenburg Aktuell | 21.03.2019 | Katja Geulen | Bild: rbb

Zweiter Ausbildungsstandort in Brandenburg - Neue Hebammen braucht das Land

Hebammenmangel bei steigenden Geburtenzahlen – das passt nicht gut zusammen. Doch auch bei den Hebammen in Brandenburg ist nun endlich Nachwuchs in Sicht: In Eberswalde hat gerade der zweite Jahrgang mit der Ausbildung begonnen. Von Katja Geulen

 

Hebammen-Ausbildung in Eberswalde: Im Klassenzimmer geht es um die Frage, wann ein CTG, also der Herzton- und Wehenschreiber, am Bauch der Schwangeren angelegt werden sollte. Nebenan, im sogenannten Skills-Raum, der fast wie ein Kreißsaal eingerichtet ist, üben drei Hebammenschülerinnen die ersten Handgriffe nach der Entbindung. Mit einer Puppe und verteilten Rollen. Eine liegt als frisch entbundene Mutter mit der Puppe auf dem Bauch im Bett, die zweite ist die Hebamme und die dritte beobachtet die Situation für die Feedback-Runde.

Üben mit dem Puppen-Baby

"Mit der Puppe ist es einfacher als mit einem richtigen Baby, denn die schreit und zappelt nicht", scherzt Azubi Alice Grunt. Aber um die Routine-Handlungen zu üben, sei das Puppenbaby genau richtig - und es gebe trotzdem Sicherheit für die Praxis, fügt sie hinzu. Die 25-jährige Eberswalderin ist bereits Krankenschwester, doch als sie von der neuen Ausbildungsmöglichkeit hörte, entschied sie sich zum Wechsel. Die abwechslungsreiche Arbeit mit Eltern und Babies und die Mischung aus Beratung und Medizin interessierte sie.

Die angehenden Hebammen üben nicht nur Wiegen, Kopfumfang Messen und den Gesamtblick aufs Neugeborene, sondern auch den sensiblen Umgang mit den Eltern. "Ich nehme die Kleine jetzt mal kurz mit zur Untersuchung Eins und dann bring ich sie Ihnen sofort zurück", erklärt sie mit sanfter Stimme ihrer Mitschülerin, die die Mutter mimt. Die Dritte lobt sie in der Auswertung. Alice Grunt habe alles richtig gemacht: die Reihenfolge bei der Untersuchung, das Baby immer warm gehalten, die Mutter gut einbezogen.

Übungspuppe, Hebamenschule. (Quelle: rbb)
Eine Übungspuppe | Bild: rbb

Das Problem ist hausgemacht

Mit 13 anderen Frauen, zumeist aus Brandenburger, lernt Alice Grunt seit Oktober an der Hebammenschule. Sie ist Teil der Akademie der Gesundheit, die bereits in anderen Pflegeberufen ausbildet. Der neue Zweig im Campus Eberswalde sei auf  Bitten der Landesregierung eröffnet worden, erklärt Jens Reinwardt, der Leiter und Geschäftsführer der Akademie. Dort habe man den Hebammenmangel endlich als Problem erkannt.

Eberwalde ist nun neben Cottbus der einzige Standort im Brandenburg, wo Hebammen wieder ausgebildet werden. Das Problem unterbesetzter Kreißsäle sei allerdings hausgemacht, so Reinwardt. Zu lange hätten Mediziner andere Berufe verdrängt, sagt er. Dabei haben Hebammen sogar weitreichende Kompetenzen, können im Gegensatz zu anderen Heil- und Pflegeberufen, viele Entscheidungen selbst treffen, ohne Rücksprache mit dem Arzt. Letztlich darf eine Hebamme die gesamte Geburt allein begleiten.

Dass Hebammen, auch im Kreißsaal, trotzdem bisher vergleichsweise schlecht bezahlt werden, werde sich bald ändern, prophezeit er. Denn sie werden ja dringend von den Krankenhäusern gebraucht. So laufen auch die Ausbildungsverträge der Hebammenschülerinnen in Eberswalde direkt über die Kliniken der Region. Die übernehmen auch den Praxis-Teil, der zwei Drittel der mehr als 3.500 Stunden Ausbildung ausmacht. Alice Grunt beispielsweise lernt auf der Geburtsstation des Werner-Forßmann-Krankenhauses in Eberwalde.

Zwei bis drei Geburten gleichzeitig

Der Kreißsaal dort ist – theoretisch - in drei Schichten mit je zwei Hebammen besetzt. Im vergangenen Jahr kamen hier fast 700 Kinder zur Welt. Zwei bis drei Geburten können in den zwei Kreißsälen und dem Wehenzimmer gleichzeitig betreut werden. Doch nicht immer stellt der Dienstplan die volle Besetzung sicher: Sobald eine Kollegin wegen Krankheit oder Elternzeit ausfalle, werde es knapp, sagt die Bereichsleiterin Wiebke Bergmann. Oft sei nur eine der drei Schichten doppelt besetzt. Viele Hebammen wollten nur eine halbe Stelle, und in den kommenden Jahren gingen einige in Rente.

Zwei Hebammen Schülerinnen, Prenzlau. (Quelle: rbb)Hebammen-Schülerinnen in Eberswalde

Ein klassischer Teufelskreis

Dabei würden es insgesamt nicht unbedingt weniger Hebammen, sagt die Vorsitzende des Hebammenverbands Brandenburg, Martina Schulze. Doch sie arbeiten weniger Stunden als früher. Schulze geht von rund 450 Hebammen im Land aus.

Genaue Zahlen gibt es nicht, denn nicht alle sind im Verband gemeldet - außerdem sind Hebammen oft sowohl freiberuflich als auch in Kliniken tätig. Viele möchten nur noch in Teilzeit arbeiten oder ausschließlich in der Beratung und der häuslichen Vor- und Nachsorge. Geburtsbetreuung im Kreißsaal hingegen sei für viele unattraktiv geworden.

Überlastung ist das Hauptargument. Denn manchmal müssen die Hebammen mehrere Geburten gleichzeitig betreuen und - dann unter Zeitdruck - trotzdem verantwortungsvoll die richtigen Entscheidungen treffen. Oder sie sollen, wenn gerade nichts los ist im Kreißsaal, fachfremde Aufgaben auf der Station übernehmen, wie Materialbestände prüfen. Das macht die Personalnot und so den Druck auf die verbliebenen Hebammen im Kreißsaal umso schlimmer – ein klassischer Teufelskreis.

Das wird unser Nachwuchs

 "Deshalb sind wir sehr froh, dass wir die Hebammenschule hier direkt vor Ort haben – das wird dann unser Nachwuchs", sagt Wiebke Bergmann vom Forßmann-Krankenhaus. Das könnte sogar klappen. Hebammenschülerin Alice Grunt zumindest möchte nach der Ausbildung genau dort arbeiten. Besonders gern im Kreißsaal, aber auch auf der Wochenbettstation. Als freiberufliche Hebamme in der Vor- und  Nachsorge sieht sie sich eher nicht, wenn auch dieser Teil des Berufs mit einem mehrwöchen Praktikum mit zur Ausbildung gehört. "Ich möchte mein CTG für die Messwerte und einen Arzt im Hintergrund wissen", sagt sie – die ehemalige Krankenschwester.

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    Einerseits beklagt man sich über fehlende Hebammen, andererseits legt man die Hürden für interessierte junge Frauen künftig noch höher.
    https://www.tagesschau.de/inland/hebammen-109.html

    Hebammen nur noch nach Abitur und Studium. Ob sich da noch viele für diesen unterbezahlten Beruf entscheiden?

  2. 2.

    " Neue Hebammen braucht das Land ... Schulze geht von rund 450 Hebammen im Land aus, die oft sowohl freiberuflich als auch in Kliniken tätig sind " Die unattraktiven Rahmenbedingungen werden im Beitrag deutlich benannt " vergleichsweise schlecht bezahlt " und eine Prophezeiung auf bessere Bezahlung ist unverbindlich . Unter diesen Umständen bleibt es fraglich, ob die Neuausgebildeten auch wirklich ihren gewählten Beruf ausüben werden.
    Unverständlich ist, dass der Staat, der gerne demographische Gründe anführt, jenen Personen, die neuen Menschenkindern auf die Welt helfen, so stiefmütterlich behandelt.

  3. 1.

    ein wichtiger Aspekt der freiberuflichen Hebammen wurde nicht erwähnt : die extrem teure Berufshaftpflichtversicherung
    deren beiträge immer höher wurden Nicht zuletzt deshalb haben viele freiberufliche Hebammen ihre Tätigkeit aufgegeben bzw, aufgeben müssen.

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