Ein Hand und das Logo der Berliner Aids-Hilfe e.V., Symbolbild (Quelle: ZB/Jens Kalaene)
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Immunschwäche Krankheit - Was der Zuwachs an HIV-Diagnosen bei Heteros bedeuten könnte

Die Zahl neuer HIV-Diagnosen sinkt in Deutschland seit einigen Jahren stetig. In Berlin und Brandenburg gibt es jedoch einen Gegentrend unter Heterosexuellen. Zwar sind die Zahlen niedrig, die Entwicklung wirft aber Fragen auf. Von Oliver Noffke

Im vergangenen Jahr ist bei mehr heterosexuellen Menschen in Berlin und Brandenburg HIV diagnostiziert worden als im Jahr zuvor. Das geht aus der laufenden Zählung des Robert Koch-Instituts (RKI) hervor. Demnach erhielten 77 Berliner und 26 Brandenburger diese Diagnose, bei denen die Übertragung des Virus auf einen heterosexuellen Kontakt zurückzuführen ist. Die Statistik ist noch nicht endgültig, Nachmeldungen sind möglich.*

Zwar sind das niedrige Zahlen, es ist allerdings schon jetzt klar, dass sich in beiden Ländern ein Aufwärtstrend verfestigt. In Berlin gab es innerhalb der vergangenen 18 Jahre nie einen höheren Wert in dieser Gruppe. In Brandenburg wurden möglicherweise zum zweiten Mal innerhalb weniger Jahre mehr Infektionen festgestellt, die auf heterosexuelle Kontakte zurückzuführen sind als auf homosexuelle.

Beides ist bemerkenswert. Denn bundesweit wurden in den vergangenen fünf Jahren in dieser Gruppe - wie in allen anderen auch - stetig weniger Infektionen diagnostiziert. Werden heterosexuelle Frauen und Männer in der Region zunehmend sorglos im Umgang mit einer Krankheit, die unbehandelt tödlich verläuft? Ganz so einfach ist es nicht. Denn die Zahlen des RKI können nur einen Ausschnitt der Realität zeigen, nicht aber das ganze Bild.

Was die Zahlen nicht zeigen können

Das liegt zuallererst an der Art ihrer Ermittlung. Wird bei einem Patienten in Deutschland zum ersten Mal HIV festgestellt, muss dies dem RKI gemeldet werden. Die Diagnose ermöglicht aber zunächst keine Rückschlüsse auf die Umstände der Infektion. Eine Interpretation sei deshalb schwierig, sagt Holger Wicht, Pressesprecher der Deutschen Aidshilfe. "Wir wissen weder, wann die Infektion stattgefunden hat, noch ob diese Zahlen steigen, weil es mehr Infektionen gab oder weil sich mehr Leute getestet haben. Und wir wissen auch nicht, welchen Anteil Migration hat." Denn das RKI berücksichtigt lediglich den Ort, an dem das Testergebnis mitgeteilt wurde, nicht aber den Ort der Infektion.

Um mehr Klarheit zu schaffen, veröffentlicht das RKI jedes Jahr im November interpretierte Zahlen - eine Kombination aus den neu registrierten Infektionen plus der geschätzten Dunkelziffer. Diese kann recht präzise ermittelt werden, indem man sich die Diagnosen etwas genauer ansieht. Im Blut der Patienten finden sich Hinweise darauf, wie lang eine Infektion ungefähr zurückliegt. Mit diesen Erkenntnissen lässt sich errechnen, wie wahrscheinlich es ist, dass weitere Menschen hier leben, die seit Jahren nichts von ihrer Erkrankung wissen.

Heterosexuelle testen sich zu selten

Was sich klar sagen lässt, so die Aidshilfe: Zu wenige machen einen Test. "Da kommt es manchmal zu dem Fall, dass Menschen sagen, HIV betrifft mich ja nicht, ich bin nicht schwul und nehme keine Drogen und dann ihre eigenen Risiken übersehen", sagt Wicht. "Deswegen gibt es überproportional viele Spätdiagnosen in dieser Gruppe." Das Ergebnis ist, dass in Deutschland geschätzt 11.000 Menschen mit einer unentdeckten Infektion leben. Jedes Jahr erkranken etwa eintausend Menschen an Aids, weil sie nie behandelt wurden.

Ein besseres Testverhalten von Heterosexuellen würde also zwangsläufig dazu führen, dass die Zahl der Diagnosen in dieser Gruppe weiter ansteigt. Dies wäre dennoch gut. Denn nur wenn Erkrankte identifiziert sind, kann verhindert werden, dass sie das Virus weitergeben.

Spezialisten betrachten HIV mittlerweile als Krankheit, die exzellent behandelt werden kann. Ärzten steht ein breites Arsenal an Medikamenten zur Verfügung. In den meisten Fällen kann das Virus so weit unterdrückt werden, dass von den Patienten keine Gefahr mehr ausgeht. Ein Großteil von ihnen spürt nur leichte oder gar keine Nebenwirkungen, die Lebenserwartung ist ähnlich wie bei gesunden Menschen. Allerdings müssen täglich Medikamente eingenommen werden. Trotz einiger hoffnungsvoller Entwicklungen, gilt eine vollständige Heilung nach wie vor als unmöglich.

Früh behandeln, Risikogruppen proaktiv schützen

Unterstrichen wird dies durch den anhaltend starken Rückgang an HIV-Diagnosen bei schwulen und bisexuellen Männern oder MSM (Männer, die Sex mit Männern haben). Nach wie vor ist diese Gruppe hierzulande am stärksten von der Krankheit betroffen. Aber die hohe Testbereitschaft hat in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass viele Infizierte sehr früh behandelt werden und nicht mehr ansteckend sind.

"Wir sehen jetzt außerdem, welchen Effekt die HIV-Prophylaxe Prep hat", sagt Wicht. Ein Medikament für Menschen mit erhöhtem Risiko, das vor einer Übertragung zuverlässig schützen kann. "2018 war das erste Jahr, in dem Prep in Deutschland regulär verfügbar war, und das wird die Neudiagnosen deutlich verringern", sagt er.

Insgesamt sind die HIV-Zahlen in Deutschland niedrig - auch im Vergleich mit anderen europäischen Ländern. "Wir können zufrieden sein", sagt Wicht, "obwohl noch mehr möglich wäre, wenn wir einige Präventionslücken noch schließen könnten."

Was in Russland schief läuft

Warum umfangreiche Aufklärung und konsequente Behandlung wichtig sind, wird an der Entwicklung in Russland deutlich. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) derzeit eines der wenigen Länder der Welt, in dem die Zahl der HIV-Infektionen steigt. Das liegt an einer Kombination schlechter Voraussetzungen. Zum einen wird Russland seit einigen Jahren von billigen Drogen überschwemmt. Selbst in Sibirien hängen Zehntausende am Heroin. Zudem befürchten Gesundheitsämter und Organisationen Strafen, wenn sie über sexuellübertragbare Krankheiten berichten, da ein Gesetz seit 2013 die Aufklärung über Homosexualität stark einschränkt.

Schlussendlich leiden darunter alle. Mittlerweile werden in Russland mehr als 48 Prozent der Infektionen durch heterosexuellen Sex verursacht, etwa ebenso viele durch unreines Drogenbesteck. Auf homosexuelle Kontakte unter Männern gehen 1,5 Prozent der Übertragungen im Land zurück. Junge Frauen gelten hingegen als Hauptrisikogruppe. Die schlechte Gesundheitsversorung tut ihr Übriges: Da nicht genug Medikamente zur Verfügung stehen, wird überhaupt nur ein Drittel der Betroffenen behandelt. Die Zahl der Neu-Infektionen wird auf 100.000 pro Jahr geschätzt - weitaus mehr Menschen als hierzulande insgesamt mit der Krankheit leben.

*Die Zahlen der Neu-Diagnosen für 2018 sind vorläufig und können durch Nachmeldungen noch höher ausfallen. 2017 waren in Berlin 63 HIV-Neu-Diagnosen auf Sexualkontakte unter Heterosexuellen zurückzuführen, in Brandenburg 20. Im Jahr 2001, dem Beginn der RKI-Zählung, lagen die Werte bei 22 in Berlin beziehungsweise sechs in Brandenburg.

Beitrag von Oliver Noffke

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Antwort auf [Cicero] vom 11.03.2019 um 14:34
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10 Kommentare

  1. 10.

    In anderen Ländern sind heterosexuelle die Hauptinfektionsquelle ! Auch in unseren Nachbarländern sind Heterosexuelle die Gruppe mit den meisten HIOV Infektionen. Gerade Prostituierte bieten in Deutschland , auch trotz Verbots enorm viel Sex ohne Kondom an. Kann man ja nachrecherchieren bei den ganzen Portalen , wo am Meisten Heterosexuelle Kontakte zu Prostituierten suchen die sex ohne Kondom machen . Auf den Portalen stellen die heterosexuellen Männer auch die Fotos von ihrem AO-Sex (AO=Alles ohne Gummi ), also von ihrem Sex ohne Kondom mit der Prostituierten online. Viele machten zuvor AO-Gangbangs mit angeblichen sicheren HIV-Heimtests und viele sagen lieber mache ich Sex ohne Kondom und sterbe an Aids , anstatt mich auf HIV testen zu lassen. Die Portale haben meist so 50 000 Mitglieder.

  2. 9.

    Der Artikel lenkt durch selektive Zahlenangaben ganz geschickt vom Hauptproblem ab: Infektion unter homosexuellen Männern ist seit 30 Jahren mit großem Abstand die Hauptinfektionsquelle – und das selbst bei dem geringen Anteil homosexueller Männer in der Gesamtgesellschaft. Und: Die Infektionszahlen für homosexuelle Männer lagen in den letzten Jahren ungefähr doppelt so hoch wie Mitte der 90er Jahre, auch wenn sie seit dem Peak 2007 zurück geht. Seit Jahren nachzulesen beim RKI.

    Die Reaktion müsste also eine ganz andere sein, als über den Anstieg der Neuinfektionen (und seine laut RKI komplexen Gründe) zu spekulieren.

  3. 8.

    Nun gut, so richtig kann ich Ihren Schlussfolgerungen nicht beipflichten, vieles erscheint mir rein spekulativ. Bei zwei Aussagen gebe ich Ihnen allerdings uneingeschränkt recht:
    - So hetero ist die heterosexuelle Gesellschaft nicht, wie sie vorgibt.
    - Das Thema Sexualerkrankungen ist eines der bestignorierten. Ist natürlich gekoppelt an die Doppelmoral innerhalb der gesamten Gesellschaft.

  4. 7.

    >>das schlechte Testverhalten von Heterosexuellen.<< (Cicero)
    Eben. Und wo haben sich die (angeblich) Heterosexuellen angesteckt, wenn die Verbeitung zuvor vor allem im homosexuellen Milieu erfolgte?
    Was ist Ihre Folgerung? Meine ist: so hetero ist die heterosexuelle Geselllschaft nicht, wie sie vorgibt.
    Da ich in die genannten Szenen einen gewissen Einblick habe und WEISS, dass dort sehr promisk (und teilweise riskant) gelebt wird und vor allem die Geschlechtspräferenzen sehr "offen" sind, wäre das ein Ansatz.
    Es betriftt ja keineswegs "Alle". Wenn Sie nicht zu denen gehören, die da lax mit umgehen, dann bleiben Sie doch einfach entspannt. Ich kenne einfach genug Menschen, die sich da wesentlich risikobereiter verhalten.
    Das Thema Sexualerkrankungen ist eines der bestignorierten. Ist natürlich gekoppelt an die Doppelmoral innerhalb der gesamten Gesellschaft.
    Jeder, der das Thema beforscht, wird erst einmal Thesen aufstellen müssen, um sie zu verifizieren. Oder nicht.

  5. 6.

    Als drogenhassender Dauersingle frage ich mich, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass man sich in einem Erste-Welt-Land gänzlich unverschuldet mit HIV infiziert.
    Vermutlich profitieren hier viele wenig verantwortungsbewusste Menschen (wie beim Impfen) nur von der Vernunft anderer, die sich (bzw. ihre Kinder) schützen.
    Doch wenn sich mehr Menschen mit einer (wie gesagt: zumeist vermeidbaren) Krankheit anstecken, sollte einer offenen Diskussion darüber, inwiefern sich die Gesellschaft in den letzten Jahren verändert hat, nicht ausgewichen werden.
    Ursachenbekämpfung geht nicht ohne Ursachenerkennung.

  6. 5.

    Es entzieht sich Ihrer Kenntnis, ob Ihre Behauptungen belegt werden können. Sie stellen sie aber trotzdem in den Raum. ...die Definition eines Vorurteils. Und bevor Sie jetzt der nächsten Gruppe - Ausländern - die Schuld in die Schuhe schieben. Fragen Sie sich doch lieber mal, warum es Ihnen so schwer fällt, die Erklärung der Aidshilfe anzunehmen: das schlechte Testverhalten von Heterosexuellen.

  7. 4.

    @Cicero:
    Ich gebe keineswegs queeren Menschen DIE Schuld, weise aber auf ein Merkmal dieser Stadt hin, welches womöglich dazu beiträgt, dass die Infektionen hier steigen und nicht sinken - wie in allen anderen Bundesländern. Vorbehaltlich natürlich, dass es auch andere Gründe geben kann. Ganz banale z.B. wie: hier wird einfach mehr gemessen.
    Genauso gut könnte man mal auf Bezirke schauen, Zuwanderer-/Ausländeranteil usw.
    Irgenworan muss es ja liegen.

    Die Promiskuitivität ist sehr hoch in den von mir benannten Szenen, Polyamorie ist weit verbreitet, wenn nicht bereits "Standard". Sie geht in den allermeisten Fällen einher mit Promiskuitivität. (Für Sie: MUSS es aber natürlich nicht.) Ob es hierzu Statistiken gibt, entzieht sich meiner Kenntnis.

    Jeder sollte verantwortungsbewusst sein und vor jedem neuen Kontakt einen Test machen. So teuer ist der nicht und der Arzt tuschelt auch nicht oder ist "geschockt".

  8. 3.

    Die Generation Tinder halt.
    Nur schade, dass für die Blödheit einiger weniger die Allgemeinheit blechen muss. Vögeln auf Kosten Anderer. Sehr heldenhaft.
    *bei Risiken und Nebenwirkungen von Sarkasmus befragen Sie Ihren Psychoarzt oder nächsten Menschen des Vertrauens*

  9. 2.

    Dass es Heterosexuelle gibt, die seit Jahren mit einer unerkannten HIV-Infektion leben, liegt nun wirklich nicht an queeren Menschen. Sondern einzig und allein an der Ignoranz vieler Heterosexueller dieser Krankheit gegenüber. Genauso wie Promiskuitivität kein Alleinstellungsmerkmal von queeren Menschen ist.

  10. 1.

    Nach jedem Partner einen Test machen und nicht blindlings vertrauen!
    So halte ich das seit Jahren. Das läuft auch unter Respekt dem "Nächsten" gegenüber.

    Länderphänomen: zumindest in B gibt es eine große Swinger- und Fetischszene.
    Nicht Alle da sind verantwortungsbewusst.
    Hinzu kommen viele Queere, Polyamore etc.pp, wo es mit den Geschlechtspartnern ziemlich "durcheinander" geht, also, was das Geschlecht betrifft. Die Szenen also vermischen sich durchaus.
    Es gibt reichlich "brave" Ehemänner (und -frauen), die heimlich oder offen "Anbindung" an diese Szenen haben.

    Vertrauen ist gut, Kontrolle deutlich besser in diesem Falle!

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