Karnevalsversammlung in Brüssow. (Quelle: rbb/Katja Geulen)
Audio: Antenne Brandenburg | 27.02.2019 | Katja Geulen | Bild: rbb/Katja Geulen

Kleine Karnevalsvereine in Brandenburg - "Man muss sich schon mal zum Löffel machen können"

Am Wochenende fliegen wieder die Kamelle und die Narren sind an der Macht. Auch jenseits der Karnevalshochburgen haben Karnevalisten viele Festsäle in der Hand. Ein Besuch in der Uckermark, wo es in manchem Dorf in diesen Tagen richtig zur Sache geht. Von Katja Geulen

Der Karneval hat eigene Gesetze und der Zeremonienmeister sagt sie an. In der Gemeinde Brüssow in der Uckermark klingt das zum Beispiel so: "Paragraph Eins: du sollst immer fröhlich sein und dich deines Lebens freun." Anke Furkert und Jana Trester proben lachend nochmal ihren Sketch über zwei tratschende Freundinnen. Die beiden Ende-Dreißig-Jährigen kamen erst vor ein paar Jahren in den Verein, nachdem beide – gemeinsam mit ihren Männern – je einmal Prinzenpaar waren. Mit dem Beitritt der beiden hat sich in den vergangenen Jahren der Brüssower Karnevalsklub (BKK) ein wenig verjüngt. 

Warum es sie in den Karnevalsverein zog? "Es macht Spaß, die Leute aus dem Ort mal anders zu sehen, manchen hätte man gar nicht zugetraut, dass die so lustig sind", erzählt Anke. Jana trainiert jetzt auch die Funkenmariechen - mit ihrer ganzen Erfahrung, denn als Kind war sie selbst mal eins. Ronny Bahr kam auch als Ex-Prinz zum BKK und tanzt seitdem im Männerballett. "Sonst bin ich eher ein Stuhl-Sitzer bei jedem Tanz, aber hier ist das anders, da kann man mal richtig so richtig doof sein, wie man es sonst nicht ist", sagt er und grinst. Seine Frau Caro bringt das Ganze so auf den Punkt: "Man muss sich schon mal zum Löffel machen können, sonst ist das der falsche Verein."

Karnevalsumzug in Prenzlau. (Quelle: rbb/Katja Geulen)
| Bild: rbb/Katja Geulen

Politik vergrault das Publikum

Witze, Sketche, gute Kostüme und vor allem Tänze – das ist das Rezept, mit dem die meisten uckermärker Karnevalisten gut fahren. Politik ist hier nicht so angesagt. "Das hören die Leute schon den ganzen Tag in den Medien. Wir machen das in den Büttenreden auch nicht mehr, weil wir gemerkt haben: die gehen dann rauchen oder an die Bar", erklärt BKK-Präsident Mario Geister.

In Prenzlau zumindest erwarten die Zuschauer schon mal kleine Spitzen gegen regionale Ämter oder gegen Schildbürgereien – aber mehr auch nicht. In den Dörfern der Uckermark lassen Karnevalisten auf der Bühne inzwischen aber selbst die meistens weg, zumal viele Gäste im Publikum von außerhalb anreisen. So haben sich die meisten Vereine auf andere Stärken und Besonderheiten spezialisiert.

Bisher hat sich immer ein Prinzenpaar gefunden

In Brüssow wird das Prinzenpaar, anders als sonst üblich, erst am Tag der ersten Abendveranstaltung ins Amt gehoben – wer es ist, bleibt bis dahin ein großes Geheimnis. Mit einem großen Umzug läuft der BKK dann durch die kleine Stadt, von neugierigen Brüssowern begleitet. Mit Umwegen und Finten  - und dem ein oder anderen Schnaps an der Haustür - geht es dann zum Ziel: das Prinzenpaar abzuholen.

Bisher hat sich immer ein neues Paar gefunden, sagt BKK-Präsident Mario Geister stolz. Denn mit Vereinsnachwuchs ist es ja so eine Sache – auf dem Land. Die Kinder sind motiviert, aber ständig im Schulbus, die Jugendlichen weg zur Lehre, viele Erwachsene arbeiten auswärts. Bleiben die Rentner. Und die feiern dann beim nachmittäglichen Seniorenfasching umso kräftiger mit.

"Aber zum Karneval hier kommen auch viele ehemaliger Brüssower extra angereist, sogar aus Baden-Württemberg", so Geister. Es ist die 55. Saison des Vereins, und vom Aussterben bedroht ist er nicht mehr.

In Boitzenburg boomen die Zuschauerzahlen

In anderen kleinen Orten, wie Boitzenburg, boomen sogar die Mitglieder – und Zuschauerzahlen derart, dass ein größerer Saal gefunden werden musste. In Angermünde und Schwedt hingegen sind die großen Zeiten vorbei – es gibt zu wenig Akteure und zu wenig Interesse. In Prenzlau hingegen ist das Karnevals-Publikum in der Uckerseehalle dankbar. Freunde treffen, Lachen, selbst mal wieder das Tanzbein schwingen. „Wir würden gern öfter weggehen, aber sonst ist nicht so viel los hier für uns", sagt eine Frau, die als Teufel mit den drei goldenen Haaren verkleidet ist. Sogar aus Polen sind Narren angereist, dort gebe es solche Faschingsfeiern nicht.

Archivbild aus den 50ern: Karnevalisten in Prenzlau feiern die fünfte Jahreszeit. (Quelle: Archiv/Prenzlauer PCC )
So sah Karneval in Prenzlau in den 50er Jahren aus. | Bild: Archiv/Prenzlauer PCC

Rheinländer brachten den Karneval in die Uckermark

Die Geschichte des Uckermärker Karnevals geht weit zurück. In Gartz an der Oder, wo nach zig ausverkauften Abendveranstaltungen auch ein echter Rosenmontagsumzug stattfindet, haben Rheinländer die Tradition in den 30er Jahren importiert.

In der Uckermärker Kreisstadt Prenzlau gab es in den 50er Jahren Umzüge und Rathhaus-Stürme, die tausende Menschen auf die Straße lockten. Davon kann der heutige Prenzlauer Carnevalsclub PCC nur träumen. Präsident Silvio Grensing ist froh, wenn ein paar hundert den Umzug begleiten. "Aber damals gab es auch mehr Einwohner", fügt er hinzu.

Der Parteileitung war die Feierei wohl unheimlich

Die Begeisterung der Prenzlauer ist auf einem flackernden Schwarzweißfilm von 1955 gut zu erkennen. Doch offenbar witterte die örtliche Parteiführung Gefahr, und so wurde Ende der 50er Jahre der Karneval in Prenzlau abgeschafft – oder  zumindest nicht mehr erlaubt. Zu viele kritische Witze über Versorgung oder Politik. "Und dann gab es solche Menschenansammlungen auf der Straße noch dazu unter dem Einfluss von Alkohol, das war denen wohl nicht geheuer", vermutet PCC Vize-Präsident Burkhard Koppe.

Archivbild: Präsidententreffen zum Fasching in Prenzlau. (Quelle: Archiv/Prenzlauer PCC)
Präsidententreffen in den 80er Jahren | Bild: Archiv/Prenzlauer PCC

Doch in den kleinen Orten und Dörfern fingen junge Menschen irgendwann wieder mit Faschingsfeiern an – und auch in Prenzlau ging es 1979 wieder los.

Die Ausstattung ist für viele kleine Mädchen – und wenige Jungs – der Hauptgrund, in einen Karnevalsverein einzutreten. Tanzstiefel, Rock, Jacke und der Dreispitz gehören zum Standard. Die Funkenmariechen machen in manchen Clubs über die Hälfte der Mitglieder aus. Viele trainieren das ganze Jahr über regelmäßig, wie im Sportverein. Die Prenzlauer werden im April sogar ein Funkentanz- Seminar mit Trainern aus Köln veranstalten. Über 40 Funken in vier Altersstufen sind zur Zeit dabei. Elf Karnevalisten für den Elferrat zu bekommen ist schon schwieriger – in Prenzlau heißt er deshalb schlicht: Narrenrat.

Die Narren in Wallmow feiern Fasching. (Quelle: rbb/Katja Geulen)
| Bild: rbb/Katja Geulen

Wenn die Witze nicht schlüpfrig sind, lachen die Leute nicht

Im 300-Einwohner-Dorf Wallmow haben die Karnevalisten das Problem anders gelöst: "Wir haben keinen Elferrat, wir haben auch kein Prinzenpaar, die müssen auch nicht erst alle einmarschieren – hier kann gleich gelacht werden", erklärt Chef-Närrin Birgit Lindhorst das dörfliche Erfolgskonzept. Durch das von 30 Mitgliedern selbstgemachte Programm führt sie als August mit Sidekick Karline. Die ist im wahren Leben die Ortsvorsteherin Heike Rymers. Sie erklärt den Unterschied von Frauen-geführtem Karneval zum klassisch-männlichen Narrentum so: "Wir geben denen nicht so viel Alkohol, so dass die ihre Witze nicht mehr erzählen können."  Schlüpfrig, das dürften die Witze allerdings schon sein. Sonst lachen die Leute nicht.  

Zum Ende der Faschingszeit klingen die Stimmen der Karnevalisten dann auch in der Uckermark schon ziemlich angegriffen. Manche Vereine haben eine oder zwei Veranstaltungen, andere bis zu zehn. Nach dem Aschermittwoch treffen sich viele Vereine nochmal im Wallmower Dorfkrug zum gemeinsamen Saisonende. Ausruhen und schlafen - das kann man ja später immer noch, sagen August und Karline. Bis es am 11.11. wieder losgeht.

Sendung:Antenne Brandenburg, 27.02.2019, 21:05 UIhr

Beitrag von Katja Geulen

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

Das könnte Sie auch interessieren