Die gesperrte Tauentzienstraße am 01.02.2016 in Berlin nach einem illegalen Autorennen (Quelle: DPA/Britta Pedersen)
Audio: Antenne Brandenburg | 26.03.2019 | Ulf Morling | Bild: dpa-Zentralbild

Mordurteil am Berliner Landgericht - "Selbstverliebt und rücksichtslos" über den Ku'damm gerast

Zum zweiten Mal hat das Berliner Landgericht zwei Raser wegen Mordes verurteilt: Sie hätten aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch und mit ihren Autos als Waffe gehandelt, urteilte der Vorsitzende Richter. Ulf Morling hörte beim Prozessabschluss deutliche Worte.

"Das war kein Unfall! Sie haben mit dem Leben anderer gespielt", so der Vorsitzende Richter Matthias Schertz am Dienstag zu Beginn der Urteilsverkündung am Berliner Landgericht. Hamdi H. (30) und Marvin N.(27) hätten sich unter anderem des gemeinschaftlichen Mordes schuldig gemacht und müssen lebenslang ins Gefängnis, so die Entscheidung im Prozess gegen die beiden Ku'damm-Raser.

Als H. das hört, setzt er sich auf die Angeklagebank, während alle anderen, wie bei einer Urteilsverkündung üblich, stehen bleiben. H. lächelt und applaudiert. Später tut es ihm in der knapp einstündigen Urteilsbegründung der zweite Angeklagte gleich. Auch N. lächelt immer wieder. Ihnen gegenüber auf der anderen Seite des Gerichtssaal sitzt Maximilian Warshitsky, der Sohn des 69-jährigen Autofahrers, der bei jenem fatalen Rennen durch den Berliner Westen ums Leben kam. "Ich bin zufrieden mit dem Urteil, auch wenn es mir nie um Rache ging", sagt Warshitsky nach dem Urteilsschluss. "Aber kein Urteil macht meinen Vater wieder lebendig."

Niedrige Beweggründe, Heimtücke, das Auto als Waffe

Bei dem Autorennen "nicht über eine einsame Dorfstraße, sondern über eine der Hauptschlagadern der Hauptstadt", so der Vorsitzende Richter, hätten die Angeklagten aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch und mit ihren Autos als Waffe den in seinem Jeep bei grün querenden Autofahrer ermordet. Diese drei Mordmerkmale nannte auch die Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer.

Zweieinhalb Kilometer weit seien sie mit bis zu 170 Kilometern pro Stunde mitten durch die City West gerast und hätten dabei elf Kreuzungen teilweise bei Rot überfahren. "Sie wussten, was sie taten, haben die Gefährlichkeit erkannt und gleichwohl so gehandelt", heißt es im Urteil. Den beiden Männern sei letztlich egal gewesen, ob jemand bei ihrem Stechen umkomme, ihr "Raserego" sei beiden wichtiger gewesen als ein Menschenleben. Ihren Autos hätten sie alles untergeordnet.

Jeep des Opfers flog 72 Meter weit durch die Luft

N. sei einen Mercedes mit 380 PS gefahren, H. einen Audi mit 224 PS. Dass er einem Wagen mit niedrigerer Motorisierung eventuell unterlegen sein könnte, habe N. bei dem Stechen nicht zulassen können. "Selbstverliebt und rücksichtslos" seien beide über den Ku‘damm gerast. H. hatte begonnen, rote Ampeln zu überfahren. 90 Meter vor der Kreuzung Tauentzienstraße und Nürnberger Straße sollen beide gesehen haben, dass ihre Ampel Rot anzeigte. Trotzdem gab N. nach kurzem Zögern Gas bis zum Anschlag, dahinter H. in dessen Audi.

Zu diesem Zeitpunkt war es aus Sicht der Kammer noch möglich, durch Bremsen den Unfall zu verhindern. Doch "N. gab Vollgas und wollte um jeden Preis gewinnen", heißt es im Urteil. Das sei der Entschluss gewesen, notfalls auch Tote bei dem Rennen in Kauf zu nehmen. "Wie Projektile, die das querende Auto des Opfers einfach wegkicken" seien beide die Straße entlang geschossen. Bis schließlich H.s Audi den Jeep des pensionierten Arztes 60 Zentimeter tief durchstieß, der daraufhin 72 Meter weit durch die Luft flog. Der Senior starb noch am Unfallort.

Revision ist erneut möglich

Das Gericht machte am Dienstag auch klar, dass Teilnehmer illegaler Straßenrennen auch wegen Mordes verurteilt werden können. Das gelte auch, nachdem vor etwa anderthalb Jahren ein neues Gesetz (Paragraf 315d, Strafgesetzbuch) in Kraft getreten war, das bis zu zehn Jahre Haft für die Teilnahme an illegalen Rennen vorsieht. Wem es egal sei, dass andere in Todesgefahr geraten oder dies billigend in Kauf nehme, müsse mit einer härteren Bestrafung rechnen.

Die Verteidiger kündigten an, gegen das Urteil in Revision zu gehen vor dem Bundesgerichtshof (BGH). Sie hatten eine Verurteilung der Raser wegen fahrlässiger Tötung mit einer Höchststrafe von fünf Jahren gefordert. Ob der Berliner Fall noch einmal verhandelt werden muss, wird nun in Karlsruhe entschieden. Erst Anfang des Monats hatte der BGH die Verurteilung eines Hamburger Rasers wegen Mordes bestätigt.

Video: Abendschau | 26.03.2019 | Nobert Siegmund

Beitrag von Ulf Morling

Kommentar

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5 Kommentare

  1. 5.

    Bis jetzt habe ich geglaubt, die Einordnung als Mord sei juristisch gar nicht möglich, und zwingend eine geringer bestrafte, fahrlässige Handlung gegeben. Nun habe ich bei Wikipedia ich ein neues Wort gelernt: "Eventualvorsatz".

  2. 4.

    "Das Auto als Waffe" ist kein Mordmerkmal des § 211 StGB. Das dritte Mordmerkmal dürfte "gemeingefährliche Mittel" gewesen sein.

  3. 3.

    Meiner Meinung nach nicht untergeordnet sondern komplett ignoriert.

  4. 2.

    Die Überschrift erinnert auch an andere, wie z.B. USA. Siehe z.B.:
    https://www.france24.com/en/20180910-usa-trump-threatens-arrest-icc-judges-american-soldiers-afghan-war-crimes

    Wobei ich nicht eventuelle Ängste schüren möchte, mit Aussagen bzg. z.B. My Lai Massaker, aber mit solchen Aussagen klar machen möchte warum ich für kompetentes Preußisches Staatsmilitär bin, für welches ziemlich selbstverständlich dass einem ordentlichem supranationalem Gerichtshof beigestanden wird um angeklagte Kriegsverbrecher dingfest zu machen, egal ob solcher angeklagter Kriegsverbrecher ein 'in 'ner Höhle verkrochener Terrorist' oder ob solcher der Supreme Commander des größten Militärs der Welt.

    Dabei jedoch mehr notwendig als nur dass paar einsatzfähige Einheiten - also eben auch relevant z.B. eigene ordentliche Militärgerichtbarkeit zu haben, deren Prozesse ideal wie Vorbild bzg. Sachen wie wenn eigener Offizier von "anderer Seite" angeklagt (und was Kriterien eventueller Übergabe), etc. etc.

  5. 1.

    Bravo!

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