Norda Krauel ist eine der wenigen Betroffenen sexuellen Missbrauchs in der DDR, deren Erfahrung des Unrechts offiziell anerkannt wurde (Bild: Brandenburg aktuell)
Video: Brandenburg Aktuell | Mona Ruzicka | 06.03.2019 | 19:30 Uhr | Bild: Brandenburg aktuell

Missbrauch in der DDR - "Es ist eine Schande, dass darüber so sehr geschwiegen wird"

Missbraucht vom Onkel, missbraucht im Jugendheim. Bis heute kämpft Norda Krauel gegen das Unrecht, das ihr in der DDR geschehen ist. In einer Studie wurden Schicksale wie ihres nun aufgearbeitet. Von Mona Ruzicka

Norda Krauel will nicht mehr Opfer sein. Sie will sprechen. Über das, was ihr Anfang der 1980er Jahre in der DDR passiert ist. Wer damals nicht der sozialistischen Norm entsprach, wurde oft in Spezialheime oder Jugendwerkhöfe gebracht. Knapp zweihundert davon gab es in der DDR, mehr als zehntausend  junge Menschen wurden dort bis zur Wende eingewiesen. Norda Krauel ist eine von Vielen, die hier sexuellen Missbrauch erfahren hat.

Eigentlich war sie ein sozialistisches Musterkind, beschreibt sich die heute 55-Jährige Brandenburgerin. Doch der Traum von der Ausbildung in Berlin platzte, weil sie aus schwierigen Familienverhältnissen kam. Die Mutter Wahlverweigerin, der Vater wurde wegen Republikflucht festgenommen.

Der DDR-Ausweis von Norda Krauel. einer Betroffenen sexuellen Missbrauchs in der DDR (Bild: Brandenburg aktuell)
Der ehemalige Ausweis von Norda Krauel. | Bild: Brandenburg aktuell

Sie meldet den übergriffigen Onkel. Und wird weggesperrt.

Mit 16 zog Norda Krauel zu ihrem Onkel, der im Ministerium für Staatssicherheit arbeitete. Er wurde schnell übergriffig, missbrauchte das Mädchen. Forsch und selbstbewusst wie sie war, ging sie zum Jugendamt und meldete den Vorfall. Im Nachhinein ein Fehler. Stasi-Beamte machten sie bei einer Bekannten in Berlin ausfindig und nahmen sie mit.

Es begann die zweite Tortur im Durchgangsheim Alt-Stralau. Dort wurde jedes Mädchen gynäkologisch untersucht. "Für mich ist das heute auch sexueller Missbrauch, auch eine Vergewaltigung", sagt sie. Die Mitarbeiter fixierten sie an den Armen und Beinen für die Untersuchungen, jeden Tag, gegen ihren Willen. "Das ist so vielen Frauen passiert. Es ist eine Schande, dass darüber so sehr geschwiegen wird."

Schließlich wird sie in das Durchgangsheim Bad Freienwalde verlegt, wo sie monatelang bleibt. Demütigungen waren an der Tagesordnung, Erzieher hatten Spaß dabei, sich über die nackten Kinder zu amüsieren, erzählt Norda Krauel. Die Kinder müssen körperlich schwer Arbeiten und wenn sie Fehler machen, bis um umkippen Sport treiben. So geht es auch im Jugendwerkhof in Burg bei Magdeburg weiter, bis Norda volljährig wird.

Studie sammelt Missbrauchs-Fälle in Familien und Institutionen der DDR

In einer Studie hat die Unabhängige Bundeskommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs Fälle wie den von Norda Krauel zusammengetragen. Über hundert Berichte und Anhörungen wurden seit 2016 dokumentiert. Sexueller Missbrauch kam sowohl in der DDR als auch in der alten Bundesrepublik in vielen Kinder- und Jugendheimen vor. In der Studie werden die Besonderheiten der Fälle im sozialistischen System hervorgehoben.

Eine Studie, die sich mit sexuellem Missbrauch in der DDR befasst (Bild: Brandenburg aktuell)
Die Fallstudie mit dem Titel "Sexueller Kindesmissbrauch in Institutionen und Familien in der DDR" | Bild: Brandenburg aktuell

"Die Tabuisierung war in der DDR noch schlimmer, es wurde nicht darüber gesprochen, weil es nicht in die sozialistische Norm gepasst hat", sagt Christine Bergmann, Mitglied der Unabhängigen Kommission und von 1998-2002 Bundesfamilienministerin. Das Schweigen über das Erlebte wurde in der ehemaligen DDR erst Jahre später gebrochen.

Das Erlebte verfolgt sie ein Leben lang

Für Norda Krauel begann die persönliche Aufarbeitung vor rund zehn Jahren. "Wenn man so etwas erlebt hat, schleppt man es sein ganzes Leben mit sich rum", erzählt die 55-Jährige. Wenn sie heute über ihre Erlebnisse spricht, sind ihre Erzählungen voller Ironie, sie spricht fast scherzend. Es ist ihre Art mit dem Trauma umzugehen – die Flucht nach vorne.

Norda Krauel und ihr Mann blicken aufs Wasser (Bild: Brandenburg aktuell)
Norda Krauel und ihr Mann stehen an einem See in Bad Saarow. | Bild: Brandenburg aktuell

Trotz Therapien und die Unterstützung durch ihren Mann, kämpft sie noch heute mit Albträumen und Panikanfällen. Ohne ihren Mann kann sie das Haus nicht verlassen. Vor Interviewterminen schläft sie tagelang nicht, doch sie zwingt sich zum Reden. Ihr neues Ziel: "Es liegt mir am Herzen, dass Menschen die meine Geschichte hören und das selbe erlebt haben, Kraft daraus schöpfen. Dass sie heute, mit allen körperlichen und seelischen Problemen, keine Opfer mehr sind sondern Ankläger."

Kommission spricht sich für mehr Unterstützung der Betroffenen aus

Nicht nur gesellschaftliche Anerkennung, auch materielle Entschädigung ist für viele Betroffene laut der Studie wichtig. Die Kommission leitet einige Empfehlungen daraus ab. So sollen Betroffene etwa einfacher Ansprechpartner finden und besseren Zugang zu Therapiemöglichkeiten bekommen.

Eine Möglichkeit sei auch ein besonderer Fond oder eine Stiftungen, bei der Betroffene unbürokratisch Hilfe und Entschädigung bekommen, sagt Christine Bergmann. Viele sind aufgrund ihrer Erlebnisse finanziell schlechter gestellt. "Es muss klar sein, die Betroffenen sind keine Bittsteller. Die kommen nicht mit irgendwelchen verrückten Ideen, sondern sind schwer geschädigt."

Hürden bis zur Entschädigung oder Rehabilitation

Oft ist es ein weiter Weg, tatsächlich entschädigt zu werden, weiß Norda Krauel. Von 2012 bis 2014 konnten ehemalige Heimkinder bis zu 10.000 Euro aus einem Fond bekommen. Doch Opfer mussten ihre Bedürftigkeit akribisch nachweisen und prüfen lassen, zu welchem Zweck sie das Geld verwenden. "Das sollte den Betroffenen überlassen werden, wir sind erwachsen“, kritisiert Norda Krauel. "Warum muss man darum betteln? Ich finde das demütigend."  Viele Anträge werden außerdem abgelehnt, berichtet sie, häufig fehlen alte Akten.

Norda Krauel hat sich schließlich bis vor das Bundesverfassungsgericht geklagt, um rehabilitiert zu werden. 2017 dann das Urteil vom Oberlandesgericht Brandenburg: 1980 war sie zu Unrecht im Übergangsheim Bad Freienwalde. Sie ist eine der wenigen Opfer aus Brandenburg, die bisher rehabilitiert wurden. Über das Urteil ist sie zwar erleichtert, doch der Rechtsspruch macht sie auch wütend. Als Begründung wurde angeführt, dass ihre Mutter monatelang nicht wusste, wo die Tochter festgehalten wurde. Das Leid und der sexuelle Missbrauch, den Norda Krauel im Heim erfahren hat, spielten keine Rolle.

 

Sendung: Brandenburg Aktuell, 06.03.2019, 19:30 Uhr

Beitrag von Mona Ruzicka

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Auch über Homosexuelle wurde in der DDR eher geschwiegen, als das man diese Personengruppe wahrgenommen hätte. So jedenfalls wurde mir von Ostberliner Schwulen damals berichtet. Ebenfalls erfuhr ich viel über das Bautzener Gefängnis. Hier wurden auch Jugendliche eingesperrt, die sich dem DDR Regime abgewandt hatten oder aufmüpfig waren. Dies berichtete mir ein 16 jähriger junger Mann, der plötzlich an einem Sonntag bei mir in Westberlin vor der Wohnung stand und niemanden sonst weiter kannte als mich. Nur weil er mit 14 sagte, er wolle raus aus diesem Staat, kam er nach Bautzen. Nach zwei Jahren Gefängnis haben sie ihn in die S-Bahn gesetzt und ihn einfach so ausgebürgert.

  2. 3.

    Opfer, haben es generell sehr schwer in der Bundesrepublik. Es liegt am System, das nützt es auch nichts wenn man einen " Opferberater " nach den anderen benennt. Sie treten meist Medienwirksam auf und erreichen aber letztendlich auch nicht viel. Die Opfer stehen letztendlich wieder alleine da mit Ihren Sorgen und Nöten.

    Jahrzehnte hat es gedauert, bis endlich die grausamen Verbrechen an Kinderseelen, in den Öffentlichen Medien geschafft haben. Danach sah sich die Politik gezwungen, etwas zu machen, wenn auch nur halbherzig.


    Was ist aus dem " Fonds Sexueller Missbrauch " geworden. Meines Erachtens sind die 100 Millionen €, immer noch nicht vollständig eingezahlt worden. Man spart bei den Opfer und verweigert denen die Hilfe. Außer viel Bürokratie und Hinhaltetaktik, ist leider nicht viel geschehen. Warum tun sich die Verantwortlichen so schwer, Opfer schnell u. unbürokratisch zu helfen ? Schenkt den Opfer mehr glauben.

  3. 2.

    Völlig gruselig, sie ist offenbar wegen der "Anzeige" gegen den Stasionkel gleich ins Umerziehungslager gekommen. Ein normales Heim war das ja nicht. Völlig unsinnige Gyn-Untersuchungen sind auch kein "ärztliches" Vorgehen, schon gar nicht, wenn die Mitarbeiter sowas als Zwang ausüben, aus Spaß oder als Bestrafung selbst machen.
    Es ist unfassbar, dass ungebildete junge Leute (ist mir egal, ob die offiziell studieren, jedenfalls historisch mega naiv und unbeleckt) dieses Regime heute wieder verherrlichen und erneut installieren wollen. Über Bautzen usw. wissen die wohl auch gar nichts.

  4. 1.

    Wer die Psyche des Menschen ignoriert, scheißt auf die Menschenwürde!

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