Verteidigung im Gerichtssaal im neu aufgerollten Mordprozess um ein illegales Autorennen auf dem Kudamm (Quelle: rbb)
Video: Abendschau | 05.03.2019 | Norbert Siegmund | Bild: rbb

Mordprozess in Berlin - Ku'damm-Raser bricht jahrelanges Schweigen

Im Februar 2016 lieferten sich zwei Männer auf dem Berliner Ku'damm ein illegales Autorennen - und töteten einen Unbeteiligten. Vor Gericht hat einer der beiden Angeklagten nun sein Schweigen gebrochen. Er habe in der Raserei damals "keinerlei Risiko" gesehen. 

Mehr als drei Jahre nach einem illegalen Autorennen mit tödlichen Folgen auf dem Kurfürstendamm in Berlin hat einer der beiden Angeklagten sein Schweigen gebrochen. Er sei damals davon ausgegangen, es bestünde durch ihn und seine Raserei "keinerlei Risiko", hieß es in der Erklärung des 27-Jährigen, die einer seiner beiden Verteidiger am Dienstag vor dem Landgericht verlas.

Damals sei er zutiefst davon überzeugt gewesen, dass er "jede vorstellbare komplizierte Situation im Griff hatte, beziehungsweise haben würde". Bis heute verstehe er nicht, wie es zu einem solchen Maß an Selbstüberschätzung gekommen sei. Den Jeep, mit dem sein Mitangeklagter zusammengestoßen war, habe er nicht gesehen.

BGH hatte erstes Urteil gekippt

Die beiden Sportwagenfahrer sollen sich in der Nacht zum 1. Februar 2016 ein illegales Rennen auf dem Kurfürstendamm geliefert und laut Anklage bei der Raserei mit bis zu 170 Kilometern in der Stunde tödliche Folgen billigend in Kauf genommen haben. An einer Kreuzung war es zu einem Zusammenstoß mit einem Jeep gekommen. Der Wagen wurde rund 70 Meter weit geschleudert. Der 69-jährige Fahrer starb in seinem Auto.

Eine andere Strafkammer das Landgericht hatte im Februar 2017 gegen die Angeklagten deutschlandweit zum ersten Mal in einem Raser-Fall lebenslange Haftstrafen wegen Mordes verhängt. Doch die Entscheidung hatte keinen Bestand: Der Bundesgerichtshof (BGH) hob das Urteil im März 2018 auf und ordnete eine neue Verhandlung an. Der BGH sah den bedingten Tötungsvorsatz nicht ausreichend belegt.

"Massiv selbstüberschätzend" unterwegs gewesen

Im jetzigen Prozess wird seit dreieinhalb Monaten verhandelt. Die beiden inzwischen 27- und 30-jährigen Angeklagten hatten sich wie in der ersten Verhandlung im Gerichtssaal in Schweigen gehüllt. Der 30-Jährige hatte sich allerdings im Laufe des ersten Prozesses gegenüber einer Verkehrspsychologin geäußert. Die Expertin sagte, der Sportwagenfahrer habe sein Auto geliebt und sei "massiv selbstüberschätzend" unterwegs gewesen. Für den jetzigen Prozess sind vier weitere Tage bis zum 21. März geplant.

In der vergangenen Woche hatte der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe erstmals ein Mordurteil wegen eines tödlichen Zusammenstoßes gegen einen Raser bestätigt. Es ist jetzt rechtskräftig. Der Mann hatte 2017 in Hamburg mit einem gestohlenen Taxi einen Menschen getötet und zwei schwer verletzt.

Sendung: Abendschau, 05.03.2019, 19.30 Uhr

Kommentar

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26 Kommentare

  1. 26.

    Sie müssen nicht jedes Mal beleidigt reagieren, wenn jemand nicht Ihrer Meinung ist! Es handelt sich hier nun mal um Sportwagen, daher ist es korrekt, wenn der RBB diese Bezeichnung auch nutzt, auch wenn "Ihnen das nicht lieb" ist. Sportwagen hat mit Rennsport eben nichts zu tun sondern mit sportlicher Fahrweise bzw. sportlicher Auslegung von Fahrwerk und Motor. Trotzdem bleibt es ein Straßenwagen.

  2. 25.

    @ Steffen Wenn ich schreibe „Mir wäre lieb, wenn ...“ dann meine ich „Ich würde bevorzugen, wenn ...“. Es ist in diesem Fall eine konkrete Bitte an den rbb gewesen. Danke für Ihre Erklärungsidee, aber an lexikalischen Zugriffsmöglichkeiten fehlt es mir nicht. Meine Sicht auf Autos ist eher nüchtern und den Ausdruck „Sportwagen“ halte ich für beweihräuchernd für Autos, die mit SPORT nicht zu tun haben. Im zähflüssigen Verkehr oder Stau verliert sich auch der letzte Rest angedichteter Sportlichkeit. Journalismus sollte mMn nicht verbrämen, sondern nüchtern beschreiben.

  3. 24.

    Hallo Tremor, entgegen der weitläufigen Meinung ist für die Verurteilung wegen Mordes keine unbedingte Tötungsabsicht erforderlich, eine bedingte Absicht reicht aus. Muss man also damit rechnen, dass jemand zu Tode kommt und man begeht die Tat trotzdem, ist dies erfüllt. Das anschauliche Beispiel ist der Bombenleger, der sich nicht damit herausreden kann, dass er geglaubt hätte, das Gebäude wäre leer. Selbst wenn niemand getötet wurde, ist der Bombenleger wegen versuchten Mordes dran, wenn jemand im Haus war. Bei 170 km/h auf dem Ku'damm über mehrere rote Ampeln ist der Sachverhalt mindestens ähnlich zu würdigen.

  4. 23.

    Es passt schon. Hochmotorisierte, auf hohe Geschwindigkeit ausgelegte Straßenfahrzeuge werden als Sportwagen bezeichnet. Allerdings sind es keine Rennwagen.

  5. 22.

    @ rbb24 „Die beiden Sportwagenfahrer ...“ - mir wäre lieb, wenn ein Auto, das für den öffentlichen Raum zugelassen ist und dort benutzt wird, nicht als „Sportwagen“ bezeichnet wird. In diesem Fall ist das motorstarke Auto in einem Wettkampf, einer privaten Wettfahrt, genutzt worden, aber die „Aufwertung“ SPORT würde ich keinem Auto auf öffentlichen Straßen zubilligen. Ich weiß, dass es Rallye-Auto-Sport gibt, aber im vorliegenden Fall war es das auch nicht. Wenn zwei Menschen spontan um die Wette laufen, wird aus deren Hemd oder Bluse ja auch nicht automatisch ein Sporthemd.

  6. 21.

    Eingehend und lesenswert finde ich den Artikel „Eventualvorsatz“ und den Abschnitt „Abgrenzung von der bewussten Fahrlässigkeit“ (Eventualvorsatz-Wikipedia). Darin auch ein Hinweis auf den Wandel in der Abgrenzung.

  7. 20.

    Wer mit ca. 170 km/h auf dem belebten Kurfürstendamm durchwegs rast, braucht mMn nicht aus dem Fenster rufen "dass er alle plattmacht, die ihm in die Quere kommen", weil die Angeklagten sich derart verhalten haben. Unwiderlegbare Logik: Ohne freie Fahrt hätte das mörderische Rennen nicht mit dieser Geschwindigkeit stattfinden können.

  8. 19.

    „Mörder IST, wer <...> mit gemeingefährlichen Mitteln
    oder <...> einen Menschen tötet.“ (§ 211 ABS 2 Strafgesetzbuch)

    „Mord und Totschlag setzen Vorsatz voraus. Bedingter Vorsatz reicht aus.
    Bedingt vorsätzliches Handeln setzt voraus, dass der Täter den Eintritt des tatbestandlichen Erfolges als möglich und nicht ganz fernliegend erkennt und ihn billigend in Kauf nimmt. Dabei kann es sich um einen an sich unerwünschten Erfolg handeln, mit dessen möglichem Eintritt der Täter sich aber abfindet (BGH 5 StR 419/01 v. 11.12.2001).
    Bei Mord müssen auch die Mordmerkmale vom Vorsatz erfasst sein. Der Täter muss sich also der Verwerflichkeit seiner Handlung bewusst sein.“ Quelle: http://www.rodorf.de/03_stgb/bt_10.htm

    Von daher könnte „bedingter Vorsatz“ als Voraussetzung zum Mordmerkmal „mit gemeingefährlichen Mitteln“ vorgelegen haben.

    Ich bin gespannt

  9. 18.

    Unnötig. Jemand mit Ihrem Nick sollte wissen, dass in Deutschland die Unschuldsvermutung gilt.
    Um jemanden beispielsweise wegen Mordes zu verurteilen, ist es erforderlich, ihm diesen nachzuweisen.
    Jemanden aufgrund eines Annahme zu verurteilen, ist Willkür.
    Kann also einem Angeklagten nicht nachgewiesen werden, dass er die feste Absicht hatte, mindestens einen Menschen zu töten, so ist davon auszugehen, dass er das NICHT wollte.

  10. 17.

    Wie soll man eine Absicht widerlegen? Ohne Tat ist die Absicht nicht zu beurteilen. Da müssen wenigstens entsprechende Handlungen erkennbar sein, so dass der begründete Verdacht besteht, dass die Drohung auch wahr gemacht werden könnte.

  11. 15.

    Auch da scheint mir noch kein Tötungsvorsatz vorzuliegen.
    Beispiel: Jemand deponiert einen Sprengsatz an einem Ort, an dem sich für gewöhnlich Menschen aufhalten.
    Zweifellos ist ein solcher Sprengsatz ein "gemeingefährliches Mittel".
    Und die zugrundeliegende Absicht ist kaum anzuzweifeln.
    Doch derartige Rasereien entspringen eher kindischem Imponiergehabe und demzufolge einer Rückständigkeit in der Entwicklung.
    Würde man Verantwortungslosigkeit mit Vorsatz gleichsetzen, würde man damit meiner Meinung nach die Frage nach dem Motiv (die doch eigentlich immer Bedeutung haben sollte) bei "richtigen" Morden zur eher belanglosen Nebensache erklären (so jedenfalls meine Laienmeinung).
    Wie sollte man da differenzieren?
    Wäre ein ungewollter "Mord" besonders verwerflich oder eher weniger als ein geplanter?
    Und wie wären dann Todesfälle durch Trunkenheit am Steuer zu bewerten?
    Kann man ein Mörder sein, wenn man unbewusst oder ungewollt tötet?

  12. 14.

    Der Mord-Paragraf 211 im Srafgesetzbuch (StGB) wurde seit 1941 nicht mehr grundlegend modernen Lebensumständen angepasst. Bei näherer Betrachtung der Einzelheiten muss man die übertragene wesentlich höhere Verantwortung beim Führen eines Kfz. im öffentlichen Raum gegenüber einem Fußgänger einbeziehen. Kein Verkehrsteilnehmer wird jemals einen mit ca. 170 km/h rasenden Pkw auf dem Kurfüstendamm erwarten, sodass auch Wehrlosigkeit der zahlreichen vom Tod bedrohten Menschen bestand. Demzufolge, hat der mMn ermordete Jeep-Fahrer das Leben derjenigen gerettet, die dem verwerfliches Handeln der beiden Raser nicht hätten entkommen können.

  13. 13.

    Zitat:"Damals sei er zutiefst davon überzeugt gewesen, dass er "jede vorstellbare komplizierte Situation im Griff hatte, beziehungsweise haben würde". "
    Wie kann man es im Griff haben, eine rote Ampel zu überfahren, wenn AutofahrerInnen mittels grüner Ampel die Kreuzung überqueren?
    Ich sehe es wie andere hier auch: Es ist eine reine Schutzbehautung, um die Mordabsicht in Frage zu stellen.
    Meiner Meinung nach nimmt jemand den Tod Unbeteiligter billigend in Kauf, wenn er/sie/es mit einem Auto mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit (gefährliche Waffe) durch die (nie schlafende) Innenstadt von Berlin rast und dabei rote Ampeln überfährt und das alles nur, weil ein anderer mit einer aufgemotzten Karre an der Ampel neben ihm den Motor aufheulen ließ.
    Quelle: https://www.bz-berlin.de/tatort/menschen-vor-gericht/totraser-marvin-n-bricht-schweigen-er-sah-keinerlei-risiko

  14. 12.

    Wie ist es mit diesem als Fallgruppe für "Mord": "Als Mord gilt auch die Tötung unter Einsatz eines gemeingefährlichen Mittels. Dieses ist dadurch gekennzeichnet, dass es in der konkreten Tatsituation eine Mehrzahl von Menschen an Leib und Leben gefährden kann, weil der Täter die von ihm ausgehende Gefahr nicht beherrschen kann." (Wikipedia - Mord (Deutschland)/Fallgruppe 2 – Verwerfliche Begehungsweise/Gemeingefährliche Mittel)?

    Mir erscheint das plausibel, denn die abgebene Erklärung des einen Angeklagten ("... zutiefst davon überzeugt gewesen, dass er "jede vorstellbare komplizierte Situation im Griff hatte, beziehungsweise haben würde". Bis heute verstehe er nicht, wie es zu einem solchen Maß an Selbstüberschätzung gekommen sei.) zielt mMn auf eben das Merkmal " ... weil der Täter die von ihm ausgehende Gefahr nicht beherrschen kann."

  15. 11.

    Vgl. BHG Grundsatzurteil: Dem Mann sei bewusst gewesen, dass sein Verhalten mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit zu einem tödlichen Unfall führen würde. Dies habe er vorsätzlich gebilligt

    Mordurteil ist rechtens und richtig.

  16. 10.

    Der Typ ist für mich trotz seiner Erklärung absolut unglaubwürdig. Der hat die Hosen voll, will die Flucht nach vorn antreten weil er befürchten muss wegen Mordes verurteilt zu werden.

  17. 8.

    Das kommt drauf an, was Ihre Absicht war und was Sie billigend inkaufgenommen haben. Haben Sie eventuell die Möglichkeit des Todes anderer in Erwägung gezogen? Oder sind Sie davon ausgegangen, es sei niemand in Schussnähe? Das kommt immer auf den Einzelfall an. Ohne nähere Kenntnisse, was Sie bezweckt haben, kann die Frage nicht beantwortet werden.

  18. 7.

    Nein.
    https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__211.html
    Es fehlt in einem solchen Fall sowohl am Vorsatz zu töten als auch an den Qualifizierungen, z.B. grausam.
    (Man muss es nicht nur machen, sondern es muss auch genauso gewollt sein.)
    Als Alternative kommt Totschlag oder fahrlässige Tötung in Frage.

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