Der Angeklagte steht am 14.03.2019 im Berliner Landgericht (Quelle: rbb/Ulf Morling)
Bild: rbb/Ulf Morling

Jahrelanger Prozess um mutmaßliche Vergewaltigung - "Mein Urvertrauen ist weg"

Im ersten Prozess wurde ein Zahnarzt vom Vorwurf der Vergewaltigung einer Patientin freigesprochen. Die 37-Jährige leide noch heute unter den seelischen Folgen - und kämpft um die Verurteilung des mutmaßlichen Täters weiter. Von Ulf Morling

"Gehe nicht zur Polizei. Dir glaubt das keiner", sei ihr sogar bei einer Frauenberatungsstelle gesagt worden, so Henriette E.*. Sie habe mit sich gehadert, was sie tun solle, weil sie tagelang nach der mutmaßlichen Vergewaltigung unter KO-Tropfen völlig neben sich gestanden habe und erst langsam aus einer Art Dämmerzustand wieder erwacht sei. Eigentlich habe sie alles nur vergessen wollen, was geschehen sei. Wie sollte sie außerdem nachweisen, dass sie Opfer einer mehrfachen Vergewaltigung sein könnte, wenn sie erst Wochen nach der Tat zur Polizei geht?

Die 37-Jährige zweifelt an sich. Ein Freund rät ihr, eine Haaranalyse machen zu lassen. Ein renommiertes Labor stellt tatsächlich Chemikalien in ihren Haaren fest, die man als KO-Tropfen nutzen kann. Ihr Verdacht und ihre Erinnerungsinseln von der Nacht im Juni 2015 scheinen sich zu bestätigen. Henriette E. zeigt ihren Zahnarzt Rudolfo T.* wegen Vergewaltigung an.

Ich will nicht in zehn Jahren in der Zeitung lesen, dass ein Zahnarzt eine Patientin vergewaltigen wollte und sie mit KO-Tropfen umbrachte.

Henriette E.

Verbrechen im 5-Sterne-Hotel?

Kurz vor dem angeklagten Geschehen im Juni 2015 hatte E. sich mit Blumen bei ihrem Zahnarzt Rudolfo T. bedanken wollen. Eine langwierige erfolgreiche zahnchirurgische Behandlung hatte sie endlich gut überstanden dank seiner Hilfe, sagt die schlanke sportliche Frau. Dann tauschen sie auch noch Telefonnummern aus und duzen sich bereits, als sie die Zahnarztpraxis in zentraler Lage in der City West wieder verlässt. Henriette E. und ihr Zahnarzt wollen sich vielleicht einmal verabreden, denn beide haben ein gemeinsames Steckenpferd: Sport. Der 53-Jährige spielt Tennis und sie läuft Marathon. Er habe in ihre Wohnung kommen wollen, so E.. Ihr Zahnarzt habe berichtet, er habe sich kürzlich getrennt und viel Zeit. Sie habe aber nur einem Treffen in einem Restaurant zugestimmt. Dort essen sie gemeinsam Pizza, trinken Rotwein und unterhalten sich.

Rudolfo T. habe gefragt, ob sie ihn nicht zu einem Wellnesswochenende am Scharmützelsee begleiten wolle. Das habe sie abgelehnt. Dann gehen beide in eine Cocktailbar und trinken Caipirinha. Nach kurzer Zeit sei ihr komisch geworden, so Henriette E.. Sie habe nicht mehr klar denken können, habe sich gewichtslos gefühlt, als ob sie fliege. Ihre Erinnerungen bestünden nur noch aus Fetzen: Nach einem kurzen Spaziergang durch die City West hätten sie in einem Luxushotel in der Bar gesessen. Rudolfo T. habe einen Gin Tonic und sie einen Latte Macchiato bestellt.

Nachdem er kurz verschwunden sei, habe er plötzlich vor ihr gestanden und berichtet, einen früheren Patienten getroffen zu haben, der ihm Zugang und kostenlose Getränke im Aufsichtsgeschoss geschenkt habe. Auf dem vermeintlichen Weg dorthin habe er sie in ein Zimmer geführt. Dort seien die Vergewaltigungen geschehen.

1. Urteil: Freispruch

In einem ersten Prozess Ende 2017 schweigt Zahnarzt Rudolfo T. zum Vorwurf der Vergewaltigung und gefährlichen Körperverletzung seiner Patientin. Stundenlang wird Henriette E. in der Verhandlung zu dem Geschehen im 5-Sterne-Hotelzimmer befragt, das bereits zweieinhalb Jahre zurück liegt. Das Gericht bewertet die Aussagen des 37-jährigen mutmaßlichen Vergewaltigungsopfers im Urteil als "schlüssig" und "nachvollziehbar". "Zahlreiche Hinweise gebe es darauf, dass sie das Geschehen "tatsächlich erlebt hat". Trotzdem wird Rudolfo T. vom Vergewaltigungsvorwurf in erster Instanz freigesprochen.

Grund: Eine Hotelangestellte sagte als Zeugin im Prozess aus, dass niemand die Bar verlassen und auf ein Zimmer gehen könne, wenn nicht zuvor die Getränke bezahlt worden seien. Zwar hatte Rudolfo T. um 0.25 Uhr im Hotel in einem Zimmer eingecheckt, aber in der Bar laut elektronischer Kasse erst 2.02 Uhr bezahlt und drei Minuten später das Hotel verlassen. Also konnte nach den Zeitstempeln des Hotels die Vergewaltigung im Hotelzimmer nicht stattgefunden haben, da Arzt und Patient (laut Rechnungen) die ganze Zeit in der Bar saßen.

"Ich will nicht Schuld sein"

"Ich habe lange überlegt, ob ich gegen den Freispruch in Berufung gehe", erinnert sich Henriette E.* im Gericht, denn: selbst die Staatsanwaltschaft hatte den Freispruch des mutmaßlichen Vergewaltigers beantragt. Bis zuletzt schwankt sie: "Immer wieder wird man retraumatisiert. Immer wieder muss man zurückdenken an das, was man endlich vergessen will." Doch dann entscheidet die mutmaßlich Vergewaltigte, einen zweiten Prozess zu wagen. "Ich will nicht in zehn Jahren in der Zeitung lesen, dass ein Zahnarzt eine Patientin vergewaltigen wollte und sie mit KO-Tropfen umbrachte; und alles passierte vielleicht nur, weil ich nicht alles dafür tat, dass er bekannt wurde wegen meines Falles", sagt sie und fügt hinzu: "Daran will ich nicht schuld sein."

Blick auf das Berliner Landgericht (Archivbild, Quelle: imago/Eibner)
Das Urteil soll am 4. April gesprochen werden.Bild: imago/Eibner

Auftakt des zweiten Prozesses

Knapp vier Jahre nach ihrer mutmaßlichen Vergewaltigung steht Henriette E. am Morgen des 14. März 2019 nervös vor Gerichtssaal 220 des Berliner Landgerichts. Es beginnt die Berufungsverhandlung gegen ihren mutmaßlichen Vergewaltiger. Der 53-jährige Zahnarzt schweigt nicht mehr wie im ersten Prozess, sondern lässt seine beiden Verteidiger eine Erklärung verlesen: Die Vergewaltigungsvorwürfe seien unzutreffend und er weise sie entschieden zurück. Henriette E. habe sich ihm aufgedrängt und sei ohne Grund in seiner Praxis erschienen.

Er sei seit 27 Jahren verheiratet und nie getrennt gewesen. Da er viel getrunken habe in der Tatnacht, sei sein Erinnerungsvermögen nur bruchstückhaft. Allein durch den konsumierten Alkohol lasse sich sein Zustand aber nicht erklären. E. habe an jenem Abend immer wieder gefragt, was er verdiene. Als Zahnarzt verdiene er sicherlich sehr gut. "Ich weiß nicht mehr genau, wie wir in das Hotel gelangt sind", erklärt T. weiter. Niemals aber habe er Geschlechtsverkehr mit E. gehabt, das sei aufgrund seines alkoholischen Zustands gar nicht möglich gewesen. Er sieht in den Zuschauersaal. Dort sitzt seine Ehefrau.

Vierjähriger Kampf mit Ermittlern und Gerichten

Henriette E. ist selbst Juristin. "Ich wollte diesen Mann nicht so davon kommen lassen", sagt sie am ersten Verhandlungstag vor dem Landgericht. Sie trägt das volle Risiko des Berufungsprozesses: verliert sie auch diesmal, muss sie auch zahlen. Zwar verdient sie in einem Pharmaunternehmen überdurchschnittlich gut, aber verstehen will sie das nicht. Wieder muss sie berichten, wie sie Rudolfo T. kennenlernte. Sie muss in allen Einzelheiten erzählen, wie sie vergewaltigt wurde. Die einzigen Männer unter den Prozessbeteiligten sind die beiden Verteidiger des Angeklagten. Sowohl Richterin, als auch Schöffinnen und Staatsanwältin sind Frauen.

Rudolfo T. schüttelt während der Aussage des mutmaßlichen Vergewaltigungsopfers mehrfach den Kopf, lächelt und grinst. Er nickt seiner Frau im Zuschauerraum zu.

Drei weitere Prozesstage sind geplant. Das Urteil soll am 4. April gesprochen werden.

*Namen geändert

Beitrag von Ulf Morling

Kommentar

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7 Kommentare

  1. 7.

    Weshalb haben Staatsanwaltschaft oder Gericht noch kein Gutachten zu den psychischen Folgen der in Rede stehenen bzw. zur Anklage geführten Vergewaltigung anfertigen lassen? Weshalb wird keine psychosoziale Prozessbegleitung nach StPO in Erwägung gezogen? Wer hat Rudolfo T. und Henriette E. von 0.25 Uhr bis 2.02 Uhr in der Hotelbar gesehen? Wenn Rudolfo T. um 2.05 Uhr das Hotel verlassen haben soll, wo war dann Henriette E.? War Rudolfo T. das erste Mal in diesem Hotel? Kennt sich Rudolfo T. mit den näheren Örtlichkeiten des Hotels aus? Warum war der verheiratete Zahnarzt Rudolfo T. zu nachtschlafender Zeit nachgewiesen nicht bei seiner Ehefrau?

  2. 6.

    @GM
    Ist das wieder mal eine gefühlte Wahrheit mit der Anzahl der Vergewaltigungen, oder woher haben Sie Ihre Erkenntnisse?
    Die meisten Vergewaltigungen finden im persönlichen Umfeld statt, da gibt es eher wenig Zeugen von außen. Zudem werden diese Delikte meist nicht zeitnah angezeigt, so dass die Spurenlage noch schlechter wird. In diesem Fall gibt es sogar eine externe Zeugin für einen möglichen zeitlichen Ablauf. Und diese widerspricht der Geschädigten. Soll man also jemanden verurteilen können, obwohl Spuren fehlen, Zeugen anderes aussagen, nur aufgrund einer Aussage der angeblichen Geschädigten? Was nicht beweisbar ist, kann nicht verurteilt werden. Alles andere ist außerhalb eines Rechtsstaates.

  3. 5.

    Ja, auch noch pauschal Täterschutz fordern, damit statt nur 10% verurteilter Vergewaltigungen die Quote endlich auf 5 oder 1% gesenkt wird. Dann kann man das Delikt juristisch irgendwann auch gleich abschaffen.

  4. 4.

    Die dt. Justiz widmet sich dem Thema nicht, dass müsste mal politisch diskutiert werden, Hier werden nur 10% der erwiesenen Vergewaltigungen überhaupt verurteilt. Gerade das führt noch zusätzlich zu geringem Anzeigeverhalten, weil das alle Beratungsstellen wissen. Es gibt eh eine hohe Dunkelziffer, aber wenn die Justiz nicht will, geht es nicht vorwärts. Der Prozessbeginn hier war nach 2,5 Jahren auch schon viel zu spät. Solche ellenlangen Fristen mit jahrelang andauernder Belastung und Unsicherheit sind für Vergewaltigungsopfer gar nicht zu verkraften.

  5. 3.

    Ich hoffe dass der Zahnarzt freigesprochen wird und die Richterinnen/ Schöffen den Angeklagten unterstützen, denn wenn die Beweislast eindeutig ist, so muss der Frau danach der Prozess gemacht werden (Verleudmung, Falschaussage(n) usw.). ich drücke dem Zahnarzt alles Gute und das dieser (abermals) freigesprochen.
    Merkwürdig ist jedoch: >> "Gehe nicht zur Polizei. Dir glaubt das keiner", sei ihr sogar bei einer Frauenberatungsstelle gesagt worden, so Henriette E.* << Sogar eine Fachberatungsstelle rät ihr, das nicht in Anspruch zu nehmen.
    >> Henriette E. ist selbst Juristin [..] Sie trägt das volle Risiko des Berufungsprozesses: verliert sie auch diesmal, muss sie auch zahlen [..] verdient [..]} überdurchschnittlich gut << Tja wenn sie sich selbst nicht einmal einen Anwalt nimmt, ist das noch Glaubwürdigkeit?

  6. 2.

    Ich bewundere den Mut und die Kraft dieser Frau und wünsche ihr sehr, dass sich ihr Durchhaltevermögen letztendlich lohnen wird!!!

  7. 1.

    Zu dem, was diese Frau durchmacht, fehlen mir die passenden Worte. Wieso gibt es hier keine Institutionen, die Frauen in dieser Situation unterstützen? Ich wünsche ihr viel Erfolg für den Prozess und für den Fall, dass man ihr erneut kein Recht zuspricht, die Kraft loszulassen und nur noch an sich zu denken.

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