Michaela Bimberg steht in der Postfiliale in Borkeheide (Potsdam-Mittelamrk) (Quelle: rbb/Klaas-Wilhelm Brandenburg)
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Audio: radioeins | 27.03.2019 | K. W. Brandeburg | Bild: rbb/Klaas-Wilhelm Brandenburg

Arbeitsbedingungen in Postfilialen - "Das geht auf die Gesundheit - und aufs Familienleben"

Sechs-Tage-Woche, praktisch keinen Urlaub und schlechte Bezahlung: Die Betreiber von Postfilialen klagen über ihre Arbeitsbedingungen. Klaas-Wilhelm Brandenburg stellt ein Beispiel aus Brandenburg vor.

Müde guckt Michaela Bimberg, als sie in ihrer Postfiliale in Borkheide (Potsdam-Mittelmark) steht, ein Lächeln fällt ihr schwer. Am Donnerstag wird sie zum letzten Mal für die Borkheider öffnen, danach ist für immer Schluss: Denn die Post hat ihr gekündigt. Aber während viele über eine Kündigung traurig wären, sagt Michaela Bimberg: "Es ist schade für den Ort, aber schön für mich, weil das echt eine Belastung war."

Man sieht Bimberg die Strapazen der letzten Monate an. Es waren Monate ohne Urlaub, in denen sie Woche für Woche montags bis samstags im Laden stand. "Wenn man sechs Tage die Woche hier steht, geht das ein Stück weit auch auf die Gesundheit – und aufs Familienleben." Besonders deutlich wurde das für die dreifache Mutter stets an dem Tag der Woche, an dem sie nicht arbeiten musste: "Meine Kinder saßen Sonntagmorgen am Frühstückstisch und fragten immer: 'Mama, hast Du heute frei?'"

Meine Kinder saßen Sonntagmorgen am Frühstückstisch und fragten immer: 'Mama, hast Du heute frei?'

Michaela Bimberg

An jedem Werktag müssen Postfilialen offen sein

Grundsätzlich funktionieren Postfilialen ähnlich wie ein Franchise: Sie werden von selbstständigen Unternehmern betrieben, niemand in den Filialen ist direkt bei der Post angestellt. In Michaela Bimbergs Fall ist die Post angedockt an die Elektrofirma ihres Mannes. Es ist ein ähnliches Modell, wie es die Post-Tochter DHL mit vielen Paketzustellern macht, sagt Udo Boer vom Postagenturverband Deutschland: "Ob DHL oder die Post - beide arbeiten im Prinzip mit Subunternehmern. Das ist kein Unterschied."

Die Betreiber von Postfilialen sind seit 1992 in einem Postagenturverband zusammengeschlossen. Mittlerweile vertritt er etwa 185 Betreiber in ganz Deutschland, manche von ihnen haben mehrere Filialen. Sie alle müssen – wie auch alle anderen Betreiber – bestimmte Vorgaben der Post in ihren Filialen erfüllen. Diese sind im sogenannten Partnervertrag festgelegt, den die Deutsche Post mit den Filial-Betreibern schließt und der rbb|24 vorliegt. So steht dort beispielsweise: "Der Partner wird die Filiale an jedem Werktag eines Kalenderjahres, der kein gesetzlicher Feiertag ist, betreiben."

"Betreiber sind kaum in der Lage, in die Rentenkasse einzuzahlen"

Für Michaela Bimberg bedeutete das eine Sechs-Tage-Woche und keinen Urlaub, denn: "Man kann sich kein Personal leisten." Das liege an der schlechten Vergütung. Zwar gibt es für die Betreiber eine monatliche Pauschale, hinzukommen Provisionen – für den Verkauf von Briefmarken und Co. fünf Prozent, für das Annehmen oder Ausgeben von Paketen 40 Cent, so Udo Boer vom Postagenturverband. Aber er sagt: "Das alles deckt auf keinen Fall die Kosten." Zusätzlich verbietet der Partnervertrag, Briefe oder Pakete von Konkurrenzunternehmen der Post anzunehmen. "Letztendlich rechnet sich das betriebswirtschaftlich überhaupt nicht."

Dadurch ergebe sich auch ein langfristiges Problem, so Boer: "Die Betreiber sind kaum in der Lage, in die Rentenkasse einzuzahlen." Sie müssten statt von der Rente später von Sozialleistungen leben: "Das ist Gang und Gäbe." Deswegen fordert der Postagenturverband, dass in Zukunft eine unabhängige Kommission die Höhe der Provision und der monatlichen Pauschale festlegt, und nicht mehr wie bisher allein die Post.

Michaela Bimberg stand krank im Laden – dann kam die fristlose Kündigung

Die Deutsche Post will sich zur konkreten Höhe von monatlicher Pauschale und Provisionen nicht äußern. Post-Sprecher Hans-Christian Mennenga erklärt lediglich: "Wir zahlen unseren Partnern eine attraktive und marktübliche Vergütung." Auf den Vorwurf, Pauschale und Provision seien zu gering, reagiert er ausweichend: "Das Modell ist erfolgreich. Mehrere tausend Partnerschaften dauern mittlerweile 20 oder mehr Jahre an." Der Forderung nach einer unabhängigen Kommission erteilt Mennenga eine Absage: "Wir setzen auf ein sehr bewährtes und für unsere Partner attraktives Modell."

Michaela Bimberg kann darüber nur den Kopf schütteln. Für sie war die Arbeit für die Post alles andere als attraktiv: "Dafür, dass man für die große Post arbeitet, ist die Betreuung nicht sehr professionell." Und der Umgang mit ihr sei auch nicht immer fair gewesen. Mehrmals stand sie krank im Laden, weil sie sich keine Aushilfe leisten konnte. Als sie der Post das mitteilte, "kam prompt die fristlose Kündigung ins Haus geflattert." Nachdem Bimberg dagegen protestierte, zog die Post sie zwar wieder zurück. Aber vor sechs Monaten kam dann die fristgerechte Kündigung zu Ende März – ohne Angaben von Gründen, sagt Bimberg.

"In Ordnung ist das nicht"

"Wir können Ihnen versichern, dass es aus unserer Sicht sehr triftige Gründe gab", schreibt die Deutsche Post dazu auf rbb|24-Anfrage. Michaela Bimberg macht diese Aussage wütend: "Dann soll die Post den Grund benennen. Wenn sie wirklich einen triftigen Grund gehabt hätte, hätte sie fristlos gekündigt, und das hat sie nicht gemacht." Warum Michaela Bimberg die Gründe verschwiegen werden, wollte die Post nicht sagen: Generell äußere sich das Unternehmen "nicht Dritten gegenüber zu detaillierten Inhalten unserer Kooperationsverträge", sondern bespreche das "bilateral mit dem jeweiligen Kooperationspartner".

Im Fall von Michaela Bimberg hat das nicht geklappt. Die Konsequenz: Ihre Filiale in Borkheide schließt, und das 2.000-Einwohner-Städtchen im Landkreis Potsdam-Mittelmark ist vorerst ganz ohne Post. "In Ordnung ist das nicht", findet Borkheides Bürgermeister Andreas Kreibich. "Es war immer Betrieb in dieser Poststelle."

Wer von Michaela Bimbergs einstigen Kunden am meisten unter der Entscheidung der Post leiden wird, weiß sie nur zu genau: "Die Rentner tun mir am meisten leid." Viele seien nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs und würden sich nun fragen, wo sie ihre Pakete hinbringen oder ihr Geld holen können – schließlich sei auch eine Postbank Teil der Filiale. Michaela Bimberg wird dagegen weiter für den Elektrobetrieb ihres Mannes arbeiten – mit Urlaub, ohne Sechs-Tage-Woche und ohne, dass sie krank auf Arbeit kommen muss.

Sendung: Radioeins, 27.03.2019, 18:10 Uhr

Beitrag von Klaas-Wilhelm Brandenburg

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9 Kommentare

  1. 6.

    Sorry, aber Ihr Kommentar geht am Thema vorbei. Klar, man muß ja nicht auf die Bedingungen der DPAG eingehen und gar nicht erst so eine Stelle im eigenen Laden einrichten.
    Doch wenn Sie den Artikel richtig gelesen haben, geht es besonders in diesem Fall darum, den Menschen vor ORT eine Anlaufstelle zu bieten, wo diese sich hinwenden können. Die Post macht es sich leicht und vergibt zu sehr schlechten Bedingungen solch Aufträge an kl. Ladenbesitzer. Wohlweislich mit dem Hintergedanken: spurst Du nicht und hälst Dich nicht an unsere Regeln, dann kündigen wir eben den Vertrag. Das nenne ich schamlos und ausbeuterisch. Früher als die Post noch zum öffentlichen Dienst gehört hat, wäre solch ein Verhalten nicht denkbar gewesen. Jetzt ist Ihr nur noch der Aktienkurs und der damit einhergehende Reibach wichtig. Siehe“ ausschließlich befristete Verträge“. Nur ganz, ganz wenige werden anschließend fest eingestellt.

  2. 5.

    Logische Reihenfolge:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Bundespost
    https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Post_AG
    https://de.wikipedia.org/wiki/Postreform
    https://de.wikipedia.org/wiki/Bundesministerium_f%C3%BCr_Post_und_Telekommunikation
    Man darf also der Regierung Kohl und allen dt. Nachfolgeregierungen danken!

  3. 4.

    Es wäre schön, wenn endlich alle zusammenhalten und dieses unwürdige System nicht mehr unterstützen! Wenn keiner mehr für sie arbeitet, was dann liebe Post?
    Aber es gibt immer jemanden der arbeiten muss/ will. Hauptsache Arbeit heißt es dann.
    Na, wer will für mich für 3,50€ /Stunde arbeiten?

    Mein Porsche will auch gefahren werden!

    Einfach mal ein Beispiel an Frankreich nehmen und sagen:"Es reicht jetzt!"

  4. 3.

    Das ist wieder so eine absurde Art von Scheinselbständigkeit. Aber so lange Konzerne und ihre Lobbyisten die Gesetze schreiben ist da rechtlich nichts zu beanstanden.

  5. 2.

    Mal ehrlich, das ist Jammern auf hohem Niveau. Nicht weil die Bedingungen so schlecht sind, sondern weil man offensichtlich damit gut leben kann. Wenn ich sechs Tage die Woche arbeite, auch wenn es mit schlecht geht, dann brauche ich hinterher nicht heulen. Sorry, selber schuld.

  6. 1.

    So sieht die neue Post aus. Aktionärsfreundlich orientiert. Menschen bis an die Schmerzgrenze Ausbeuten und wenn’s den Oberen nicht mehr passt, wird fristgerecht/fristlos gekündigt. DHL Mitarbeiter können sicher auch ein Lied davon singen, weil nur befristet eingestellt. Der Gewerkschaft Verdi sind im Fall solcher Postfilialen die Hände gebunden, da es sich ja nicht direkt um Mitarbeiter d.DPAG handelt. Wäre aber schon recht interessant mal zu lesen, was denn Verdi zu solch einem Vorgehen sagt.

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