Archivbild: Wildschwein in Brandenburg. (Quelle: dpa/Hirschberger)
Audio: Antenne Brandenburg | 07.03.2019 | Susanne Hakenjos | Bild: dpa/Hirschberger

Maßnahmen gegen die Wildschweinplage - Stahnsdorf setzt auf Pfeil, Bogen und einen Gemeindejäger

Stahnsdorf leidet unter Wildschweinen. Mehrere Rotten haben sich im weitläufigen Siedlungsgebiet breitgemacht. Das ist nicht nur lästig, sondern gefährlich. Für die Jagd  sollen nun Pfeil und Bogen eingesetzt werden - und ein eigener Gemeindejäger. Von Susanne Hakenjos  

Die Gemeinde Stahnsdorf (Kreis Potsdam-Mittelmark) hat ein schwerwiegendes Wildschweinproblem. Zur Lösung dieser wohl schon ausgewachsenen Plage setzt die Verwaltung dort nun auf alternative Jagdmethoden und auf eine neue Personallösung: ein neuer Stahnsdorfer Gemeindejäger.

Gemeindejäger ist Teil eines Maßnahmenpakets

Viele Hoffnungen der wildschweingeschädigten Stahnsdorfer ruhen auf dieser neuen Personallösung. Sie ist Teil eines ganzen Maßnahmenpakets zum Vorgehen gegen Wildschweinrotten, die sich im weitläufigen Siedlungsgebiet breit gemacht haben. Allerdings wird dieser neue Gemeindejäger kein hauptamtlich angestellter Berufsjäger in Vollzeit sein. Sein Aufgaben- und Einsatzgebiet wird klar begrenzt, erklärt Bürgermeister Bernd Albers (BfB) den Beschluss der Gemeindevertretung.

Dieser Gemeindejäger soll laut seiner Jobbeschreibung nicht etwa selbst auf die Pirsch gehen, sondern ausschließlich bei der Jagd mit sogenannten Sauen-Fängen zum Gewehr greifen. "Aufgabe des Gemeindejägers wird die Fallenbetreuung sein", erklärt Albers. Sauen-Fänge sind Kasten-Fallen aus Metall, in die Schweine durch Futter angelockt hineinlaufen. Dabei darf die Klappe nicht automatisch auslösen. Der Jäger muss sich in Sichtweite befinden und kann dann die Klappe - z.B. per Handysignal - schließen. Anschließend muss er klären, ob es sich um ein Wildschwein handelt, das er entsprechend dem Jagdrecht auch jagen darf. Dann erlegt er es, würde es waidgerecht ausnehmen, in eine Kühlzelle transportieren, die Falle säubern und mit neuem Lockfutter versehen, damit erneut Schweine gefangen werden können. Auch diese nicht unumstrittene Jagdmethode ist Teil des umfangreichen neuen Maßnahmenpaketes.

Gespräche zur Besetzung des Postens laufen

Angedacht ist, dass der künftige Stahnsdorfer Gemeindejäger für seine Tätigkeit eine Aufwandsentschädigung erhält, entsprechend seinem Zeitaufwand. Der Job soll an einen älteren, bereits im Ruhestand lebenden Stahnsdorfer Jagdberechtigten vergeben werden. Dazu laufen bereits Gespräche mit Interessierten.

Im April, spätestens aber im Mai, soll eine erste Kasten-Falle aufgestellt werden, die die Untere Jagdbehörde zur Verfügung stellen will. Der genaue Ort im Gemeindegebiet wird noch geklärt. Längerfristig kann sich der Bürgermeister nach eigenen Angaben auch den Einsatz weiterer Fallen vorstellen.

Pfeil und Bogen als sicherer Alternative

Und dann gibt es da noch eine Neuerung in dem Maßnahmenpaket: die Jagd mit Pfeil und Bogen. Die Idee dafür stammt von Jagdpächter Peter Hemmerden. Er besitzt als bislang einziger in der Region bereits den notwendigen Bogenjagdschein. Als geübter, ausgebildeter und geprüfter Bogenjäger trifft Hemmerden mit dem Pfeil aus 25 Meter Entfernung eine nur fünf Zentimeter große Fläche. Hemmerden selbst hat als Jäger bereits die Bogenjagd in Namibia praktiziert. Verwendet wird dabei ein hochmoderner, leistungsstarker und präziser sogenannter Compound-Bogen mit speziellem Konstruktionsprinzip und Visiereinrichtung sowie Carbon-Pfeile mit Spezial-Pfeilspitzen und rasiermesserscharfen Schneiden. Kommt die erhoffte Genehmigung der Obersten Jagdbehörde, könnten in der Gemeinde im Berliner Speckgürtel deutschlandweit einzigartig Wildschweine innerorts mit Pfeil und Bogen erlegt werden.

Der Pfeil hat das Problem des Querschlägers nicht, auch nicht das Problem der Geschoss-Zerlegung.

Peter Hemmerden, Jagdpächter in Stahnsdorf mit Bogenschießlizenz

In Stahnsdorf wie in Frankreich und Spanien

Die Bogenjagd ist seit 1976 in Deutschland verboten. Darum hat Peter Hemmerden als zuständiger Jagdpächter in Stahnsdorf Ende Januar bereits einen Antrag für eine Ausnahmegenehmigung beim Ministeriums für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft (MLUL) als Oberster Jagdbehörde des Landes Brandenburg gestellt, und er tat dies in Absprache mit der Gemeinde.

Die Gemeindevertreter halten das Risiko dieser Jagdmethode innerorts für vertretbar und sind sich sicher: Für Wildschweine auf Straßen und Plätzen ist die Bogenjagd genau das Richtige. "Der Pfeil hat das Problem des Querschlägers nicht, auch nicht das Problem der Geschoss-Zerlegung, (also von Splittern) – es besteht eine deutlich geringere Gefährdung von Dritten", erläutert Peter Hemmerden die Vorteile der Bogenjagd im Vergleich zum Einsatz eines Gewehrs in besiedeltem Gebiet.

"Ein Pfeil verliert sehr viel Energie im Tier im Gegensatz zur Kugel, kann dann zwar wieder austreten, aber da er so viel Energie verloren hat, ist die Gefahr, dass er danach noch jemanden verletzt oder gar tötet oder Sachen beschädigt eben nicht mehr gegeben, wie das bei einer Kugel der Fall ist," ergänzt Bürgermeister Albers. Er sagt, er sei optimistisch, dass diese Ausnahmegenehmigung erteilt wird, möglicherweise aber wohl unter Auflagen. "Aber was in Ungarn, Spanien und Frankreich geht, sollte auch in Deutschland klappen."

Wer Wildschweine füttert, wird gemeldet

Damit innerorts, also dem rechtlich sogenannten "befriedeten Bezirk", überhaupt gejagt werden darf, wird die Gemeindeverwaltung weitere entsprechende Genehmigungen für die Jagd auf gemeindeeigenen Grundstücken bei der Unteren Jagdbehörde des Landkreises Potsdam-Mittelmark beantragen. Zudem wird die Gemeindeverwaltung Privateigentümer bei ihren Anträgen auf Genehmigung für ihre Grundstücke unterstützen.

Auch will die Gemeinde laut Maßnahmenpaket die verbotene Fütterung der Wildschweine aus falsch verstandener Tierliebe dokumentieren und auch Beweismittel sichern, um diese an die zuständige Untere Jagdbehörde beim Landkreis Potsdam-Mittelmark weiterzugeben.

Für die Bogenjagd einen Bogenjagdschein

Die Bogenjagd soll - wenn sie zugelassen wird - ausschließlich unter strengen Auflagen stattfinden. Mit Pfeil und Bogen soll dann nur jagen dürfen, wer über die klassische Jagdscheinausbildung und Prüfung hinaus die Zusatzqualifikation eines Bogenjagdscheins besitzt. Einige Jäger sollen sich bereits beim Deutschen Bogenjagdverband (DBJV) für Schulungen angemeldet haben.

Für den Erwerb einer solchen Genehmigung ist über den regulären Jagdschein hinaus noch eine weitere anspruchsvolle theoretische und praktische Schulung, sowie eine Prüfung beim Bogenjagdverein verpflichtend, wie Bürgermeister Albers versichert. Ob und wer hier zum Einsatz kommt, entscheide Peter Hemmerden, der als Jagdpächter zuständig ist für die Erteilung weiterer sogenannter "Jagdbegehungsscheine".

Eiine Zielscheibe in Form eines Wildschweins, sowie ein Jagdbogen des ersten geprüften Bogenjägers in Brandenburg (Bild: Peter Hemmerden)
Bild: Peter Hemmerden

Wenn das Wild in den Ort kommt, wird entschieden

Weil alle diese Regularien die Jagd mit Pfeil und Bogen sehr einschränken, beruhigt Bürgermeister Albers auch: "Es wird nicht so sein, dass hier ganz viele selbsternannte Robin Hoods durch Stahnsdorfs hüpfen, aber es könnte sein, dass es auch mal mehr als nur einer ist." Zwei, drei oder vier Jäger mit Pfeil und Bogen auf der Pirsch - das könnte es durchaus an einem Wochenende geben. Schließlich sollen auch die Abschussraten erhöht werden.

Erhält Hemmerden die erhoffte Sondergenehmigung, würde er konkret beim jeweiligen Einsatz über die Wahl der Waffe entscheiden. "Es wird so sein: Wenn das Wild im Ort gesichtet wird, bekomme ich die Information und kann dann entscheiden: 'Beschieße ich das Wild mit dem Gewehr oder mit dem Bogen?'" Es werde also nicht kreuz und quer mit dem Pfeil im Gemeindegebiet herumgeschossen. "Wir werden mit dem Pfeil und Bogen genauso sorgsam umgehen wie mit dem Jagdgewehr."

Sendung: Antenne Brandenburg, 07.03.2019, 15.10 Uhr

Beitrag von Susanne Hakenjos

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    Die Bogenjagd ist keine Alternative zur Jagd mit der Kugel. Wer Schwarzwild erfolgreich jagen will, muss sich deren Verhaltensweisen anpassen. Wer schon einmal einen Frischling an einer Kirrung aus einer Rotte beschossen hat, wird feststellen, das diese Rotte so schnell nicht wiederkommt. Erhöht sich der Jahddruck, werden die Aktivitäten des Schwarzwildes in die Dunkelheit verlegt. Wie wollen da die Bogenjäger erfolgreich werden? Für diese " Problemfälle" sollten nachtsichtaugliche Zielgeräte per Bundesgesetz freigegeben werden, ebenso für die ASP-Bekämpfung. Wieder ein Fall, wo ein Problem nicht im Ursprung analysiert wird. Waidmannsheil!

  2. 2.

    Zu den Tierquälerkäfigen soll also entsprechend auch Tierquälerausrüstung bei der Bejagung hinzukommen, das passt ja. Nicht dass man seit der Antike weiß, dass Schwarzwild eher nicht mit Pfeil und Bogen bejagt werden sollte, nicht dass es neben Bögen auch sinnvollere Methoden gäbe, die weder aufwendiges Training noch Tierquälerei beinhalten. Was passiert denn mit einem nur verletzten Tier in Panik?

    Na klar, das gute alte Entlastungsargument: Wenn Andere doof sind, darf man das auch sein mit dem Hinweis auf Anwendungen in anderen Ländern. Wir sind hier aber für uns verantwortlich, Punkt.

    So viel zur Qualität, nur was hat das dann für quantitative Folgen? Warum sollte sich der Bestand durch andere Bewaffnung besser regulieren lassen können? Warum sollen Idiotenkäfige - denn davor zu warten und manuell auszulösen, ist Idiotenarbeit - irgendeinen nennenswerten Beitrag leisten, wenn man sich bereits auf die Empirie von Fehlschlägen in der DDR mit dieser "Jagd"methode berufen kann?

  3. 1.

    Zitat:""Bei einer Falle ist das Besondere, dass sie 24 Stunden rund um die Uhr jagt, der Moment aber, wo das Tier gefangen ist, nicht vorhersehbar ist." Die Stahnsdorfer Jäger dagegen würden fast alle nicht hauptberuflich jagen, machten das nach Feierabend, wenn sie von der Arbeit kommen. Eine Falle aber kenne diese Pausen nicht."
    Das ist doch widersprüchlich: Die Fallen dürfen nicht automatisch auslösen, es muss vom Jäger der Knopf gedrückt werden. Und ein Gemeindejäger soll sich nun an die Falle setzen und warten, bis ein Wildschwein kommt, um dann die Falle auszulösen und damit zu schließen.
    Ich glaube kaum, dass sich jemand 24 Stunden, sieben Tage die Woche in den Wald setzt und auf die Wildschweine wartet. Und das für eine zeitabhängige Aufwandsentschädigung. Wird wenigstens der Mindestlohn gezahlt?

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