Rosi Celic, 66, mit vollem Einkaufstrolley macht Pause auf der Treppe (Foto: rbb|24/Vanessa Klüber)
Video: Abendschau | 24.04.2019 | Tom Garus | Bild: rbb|24/Vanessa Klüber

Mieter fühlen sich wie "Gefangene" - Aufzug in Kreuzberg seit vier Monaten defekt

In einem achtstöckigen Wohnhaus in Kreuzberg funktioniert der Aufzug seit Ende Dezember nicht. Der Horror für viele Mieter. Hausverwaltung und Aufzugbetreiber geben sich gegenseitig die Schuld. Die Reparatur rückt in weite Ferne. Von Vanessa Klüber

Die Mieter in der Lobeckstraße 17 machen seit Dezember unfreiwillig viel Sport. Rosi Celic, 66, fünfter Stock, zieht ihren vollen Einkaufstrolley die Treppen hinauf. Die 83-jährige Christel Wesolowski, siebter Stock, hält sich fit beim Treppensteigen, versagt aber beim Getränke-Rauftragen. Hatice Acikyürek, sechster Stock, hat Asthma und kaum noch Puste, wenn sie im sechsten Stock angekommen ist.

Aylin Al-Sabbagh hat vier Kinder, darunter Zwillinge im Alter von zehn Monaten – sie kommt ohne fremde Hilfe überhaupt nicht nach oben oder unten. Eine Trageschale mit Kind wiegt ungefähr so viel wie ein Sechserpack der ganz großen 2-Liter-Cola-Flaschen aus dem Supermarkt. Stand Ende April, denn die Kinder wachsen ja.

"Ich fühle mich wie eine Gefangene", sagt Al-Sabbagh.

Aufzug hängt zwischen Erdgeschoss und erstem Stock

Der einzige Aufzug in Gebäudeteil Eingang 17 ist kaputt - und das seit Ende Dezember 2018. Er hängt zwischen dem Erdgeschoss und dem ersten Stockwerk und bewegt sich nicht, wenn man den Knopf drückt. In den 1960er Jahren wurde er gebaut, wie der Wohnblock mit kleinen Balkonen in Berlin-Kreuzberg auch. Davor soll er mal hier und da eine Macke gehabt haben, die aber nach einigen Tagen wieder behoben war.

Jetzt hat das Ganze eine neue Qualität.

Al-Sabbagh ruft "jeden Tag", wie sie sagt, die Hausverwaltung an, wann der Aufzug wohl wieder funktionieren wird. Angerufen haben die anderen Mieterinnen auch - und wollen jeweils unabhängig voneinander gehört haben, dass man nicht genau sagen könne, wann sich die Anlage wieder bewegen wird.

"Ich habe geweint, ich hatte Depressionen"

"Ich habe geweint, ich hatte Depressionen", sagt Al-Sabbagh. "Ich kann nichts spontan machen, und ich kann die Wohnung nicht verlassen, wann ich es möchte."

Gerade jetzt im Frühling wollen die zwei älteren Kinder nach draußen. Die Mutter müsse sie vertrösten, weil sie einfach nur sehr begrenzt nach unten könne. Ihr Mann arbeitet nachts, er schläft am Tag, er kann meistens nicht helfen.

Wenigstens gebe es seit einigen Wochen einen von der Hausverwaltung eingerichteten Dienst, der ihr hilft, die Kinder rauf- und runter zu tragen. Dieser könne aber nur zu bestimmten Zeiten. Zum Beispiel um 10 Uhr die Kinder runter- und um 16 Uhr wieder rauftragen, "oder aber mal gar nicht", meint Al-Sabbagh. Dann müsse sie in der Wohnung bleiben, um auf die Kinder aufzupassen.

Defekter Aufzug nicht tragbar für Kreuzberger Mieter

83-Jährige kauft Essen in kleinen Portionen

Die Nachbarn vernetzen sich untereinander, eigentlich gibt es kein anderes Thema mehr als diesen Aufzug. Ein alter Mann mit komplett weißen Haaren kommt die Treppe hinauf, er trägt einen Wäschekorb und grüßt. Ein Blick auf den Wäschekorb, ein Nicken.

Al-Sabbagh klingelt gegenüber, bei der 83-jährigen Christel Wesolowski, die seit 1963 im Haus wohnt, ebenfalls im sechsten Stock, damit die Nachbarin ebenfalls ihre Version schildert.

Wesolowski holt sich Lebensmittel aus dem Supermarkt in Portiönchen hinauf, meistens Fertiggerichte, weil sie nicht mehr selbst kocht und frische Lebensmittel jetzt ohnehin zu schwer wären. Wasser und Bier bringt ihr der Schwiegersohn. Wesolowski findet das Ganze auch schlimm, sagt sie, "schlimm, dass keiner Auskunft geben kann, wenn man nachfragt", sagt sie, wirkt aber ein wenig gelassener. Dem Treppensteigen versucht sie etwas Positives abzugewinnen, da bleibe sie fit. "Bisher hat es mich nicht belastet", sagt sie, "bisher bin ich in der Lage, rauf und runter zu gehen. Aber in Zukunft, wenn ich älter werde?"

Kalkulationen, seit der Aufzug nicht mehr geht. Was, wenn er dann und dann immer noch nicht geht? Wann genau geht man runter, wann rauf - und wie oft noch?

Viele Eigentümer-Wechsel

Das Haus in der Lobeckstraße war jahrzehntelang Eigentum des landeseigenen Wohnungsunternehmens Gehag. Nach dem Verkauf – Rosi Celic, die Mieterin mit dem Einkaufstrolley, erinnert sich, dass das Ende der 1990er Jahre gewesen sein muss – soll es mehrere Eigentümerwechsel gegeben haben. Derzeitige Eigentümerin ist die Claesson & Anderzén Real Estate AB mit Sitz in Schweden.

Auch die Hausverwaltungen sollen mehrmals gewechselt haben. Seit 1.1.2019 heißt die Hausverwaltung Capera mit Sitz im hessischen Neu-Isenburg, davor war es die Deutsche Immobilien Management (DIM).

Aufzug-Betrieber und Hausverwaltung geben sich gegenseitig die Schuld

Udo Taudt von der Capera-Hausverwaltung reagiert schriftlich auf die Vorwürfe der Mieterinnen. rbb|24 bestätigt er, dass der Aufzug Ende Dezember außer Betrieb gesetzt wurde – durch die Vorgänger-Verwaltung Kone. Aufgrund des technischen Defekts sei das Unternehmen Schindler, welches den Aufzug betreibt, neu beauftragt worden.

Schindler habe "einen notwendigen Ersatz" der Anlage festgestellt. "Daraufhin haben wir umgehend die Bestellung einer neuen Aufzugsanlage beauftragt. Seitdem warten wir auf die Lieferung durch die Firma Schindler. Nach heutiger Auskunft wird voraussichtlich Anfang Juni mit der Erneuerung begonnen werden können", heißt es in der Mitteilung der Hausverwaltung an rbb|24. Die Erneuerung werde etwa sechs Wochen dauern.

Ein Mitarbeiter von Schindler wiederum, der in der Störungszentrale arbeitet, stellt die Situation am Dienstag ein wenig anders dar – man habe einen "Defekt der Oberlenkrollen-Bremsen" festgestellt und der Hausverwaltung "relativ bald", er schätze im Februar, jedenfalls vor Monaten, ein Angebot gemacht. Das genaue Datum könne er aus dem Notdienst heraus nicht einsehen. Die Hausverwaltung habe sich allerdings "lange Zeit gelassen", sagt der Mitarbeiter am Telefon. "Uns sind die Hände gebunden, wenn auf unser Angebot an die Hausverwaltung nicht reagiert wird."

Mietminderung angekündigt

Die Mieter sollen eine Mietminderung bekommen, wenn der Aufzug wieder funktioniert. 25 Prozent der Warmmiete ganz oben und zehn Prozent weiter unten. Aylin Sabbagh würde 15 Prozent im siebten Stock bekommen.

"Über die Neueinrichtung der Aufzugsanlage informieren wir unsere Mieter", schreibt Udo Taudt von der Hausverwaltung. Demnach dürften nun also Briefe in der Post liegen, dass im Juni an einem neuen Aufzug gebaut wird.

Celic setzt sich immer wieder auf einen Treppenabsatz, wenn sie ihre Einkäufe nach oben bringt, um Pause zu machen. Sauber sei die Treppe ja, wie sie anmerkt.

Egal wie lange die Reparatur am Ende dauern wird, Celic will sich nicht unterkriegen und schon gar nicht zum Umziehen bewegen lassen. "Ich werde weiter die Treppen steigen, und wenn es irgendwann mit Krücken sein sollte."

Sendung: Abendschau, 24.04.2019, 19.30 Uhr

Kommentar

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12 Kommentare

  1. 12.

    Waren Sie es nicht, der vor Tagen zum Thema "Enteignung der Deutschen Wohnen" noch ganz andere Töne anschlug?
    Waren Sie nicht einer derjenigen, die von postkommunistischer Verstaatlichung fabulierte?
    Damit haben Sie sich als Sprücheklopfer entlarvt, der je nach Gusto seine Fahne, oder Meinung, in den Wind hängt?

  2. 11.

    Ja das ist die selbe Hausverwaltung... In der Ritterstr. 97 ist der Aufzug seit September 2018 abgestellt worden. In der Ritterstr. 98 seit vier Monat. Im Haus wohnt eine Dame 93 Jahre alt im 4.Stockwerk. Ein Mann im 5. Stockwerk mit Schlaganfall und Asthma und ganz oben eine Familie mit 5 Kinder davon Vierlinge (Kleinkinder). 6.Etage auch mehrere Kinder usw. Viele ältere Menschen wohnen in diesem Block. Jetzt stellt euch mal vor wie schlimm das für uns alle ist und die Hausverwaltung hat ständig neue ausreden! Frechheit!

  3. 10.

    Gehören die Häuser demselben Eigentümer? Werden diese von derselben HV betreut. Oder was wollen Sie denn nun sagen? Ich wollte es nur verstehen. Da Sie aber dazu nichts sagen, lasse ich das mal einfach im Raum stehen.

  4. 9.

    Wenn ein Aufzug mehr als 50 Jahre auf dem Buckel hat, dann hat er seine Schuldigkeit doch wohl mehr als getan. Bei Anschaffungskosten vergleichbar mit einem gehobenen PKW ist es wohl nur guter Wartung und Instandhaltung zu verdanken, dass dieser überhaupt so lange in Betrieb war (In der Zeit haben die meisten wohl 12 Autos gefahren). Sich nun über die Aufzugsunternehmen, die das so erfolgreich gemacht haben, zu beschweren ist heuchlerisch. Diese werden schon in eigenem Interesse rechtzeitig auf Erneuerungsbedarf hingewiesen haben. Auch ein Aufzug hält nicht ewig. Da hat dann wohl die Hausverwaltung (die übrigens Betreiber ist - und nicht das Aufzugsunternehmen) gepennt.

  5. 8.

    vor Jahren kam ein Buch auf den Markt " Deutschland schafft sich ab "
    Es stimmt ! man merkt es täglich und das in fast allen Bereichen und Belangen auch des täglichen Lebens. Wenn ich jetzt anfangen würde, alles aufzulisten sitze ich morgen noch hier oder würde den Server sprengen.

  6. 7.

    Wer unfähig zur Unternehmensführung ist, solls besser sein lassen.

  7. 6.

    Ach das tut mir Leid, dass ich sie mit meiner Andeutung so verärgert habe und sie jetzt denken ich sei der Schelm.
    Nun, wenn ich das wäre würde ich denken, dass systematisch versucht wird, "alte" Mieter rauszugraulen (denn der defekte Fahrstuhl ist nur das i-Tüpfelchen), um die Mieten gleich nochmal zu erhöhen.
    Aber bin ich der Schelm oder bin ich es nicht?
    Aber ist ja echt ätzend, dass ihnen die Andeutung mehr Kopfzerbrechen bereitet, als die Tatsache, dass in einer Wohnsiedlung zeitgleich in mehreren Häusern die Fahrstühle zwischen dem EG und ersten Stock ageschaltet werden.
    Für jetzt inzwischen 4 Monate !

  8. 5.

    Aha. Und Sie meinen, der Staat kann es besser? Marode Schulen, marode Dienstgebäude, schleppende Begleichung von Handwerkerrechnungen usw.... Beim Staat ist der Kunde auch nicht König. Im Übrigen verwechseln Sie hier Hausverwaltung mit Hauseigentümer. Finden Sie mal eine echt gute Hausverwaltung. Kapazitäten muss sie auch noch haben, ach ja.. Handerker sind auch Mängel“ware“. Kunde ist in Falle der Hausverwaltung sowohl der Eigentümer als auch der Mieter. Es gibt immer wieder Probleme mit der Reparatur. Erst recht, wenn Teile fehlen. Ein Aufzug ist nicht mal eben Mist dem Schraubendreher repariert. Und wenn Abstimmungsschwierigkeiten dazu kommen, dann passiert eben mal ein Chaos. Bei großen Baustellen (BER) wie bei kleinen.... Der Ruf nach dem Staat ist wieder typisch sozialistisch.

  9. 4.

    Man liest auf der Webseite des Verwalters CAPERA ("Über uns"):
    "Aktuell verwalten wir rund 20.000 Wohn- und Gewerbeeinheiten für unsere Auftraggeber, die über unser flächendeckendes Niederlassungsnetz sowie die Hauptzentrale in Neu-Isenburg betreut werden."
    "Wir sind Profi in der Koordination und Umsetzung von Hauswartleistungen und der Instandhaltung durch eigene Service-Teams"
    "Wir sind Ihr Partner für einen ganzheitlichen, integrierten Verwaltungsprozess"
    "Wir sorgen für die vertriebsorientierte Aufbereitung und Optimierung von Immobilienbeständen auf höchstem Niveau"
    "Wir garantieren unseren Kunden rund um die Uhr Akten- und Datenverfügbarkeit durch digitale Mieterakten mit 24/7 Online-Zugang"
    Selbstverständlich ist der hier angesprochene Kunde nicht der Mieter...
    Gut das es eine Enteignungsdebatte gibt. Wer auch noch frech lügt hat er den Reparaturauftrag gar nicht ausgelöst, hat das Recht Wohnungen zu verwalten verwirkt.

  10. 2.

    Ist ja interessant. In den in der Nähe liegenden Häusern Ritterstrasse 96, 97 und 98 (jeweils 7 Etagen) ist ebenfalls der Fahrstuhl seit Dezember kaputt.
    Ein Schelm, der dabei Böses denkt.

  11. 1.

    Meine 82 jährige Mutter wohnt in einem Haus das 1976 gebaut wurde. Aufzug der Firma Schindler verbaut. Vor einigen Jahren war der Aufzug kaputt. Ersatzteile gab es nichtmehr, da Schindler alle an Russland verkauft hatte. Musste dann von dort reimportiert werden.

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