Symbolbild - Mann steht neben einer Frau gekettet an eine herzförmige Bärenfalle (Bild: imago/John Holcroft)
Audio: rbb 88,8 | 29.04.2019 | Interview mit Eva Kaiser* | Bild: imago/John Holcroft

Interview | Zwangsheirat - "Man kann mit seiner Tochter nicht alles machen, was man will"

570 Fälle von versuchter oder erfolgter Zwangsverheiratung wurden 2017 in Berlin bekannt, fast alle Ehen wurden im Ausland geschlossen. Eine Mitarbeiterin der Hilfsorganisation Papatya erzählt im Interview, wie Mädchen und junge Frauen sich schützen können.

rbb: Frau Kaiser, in einem Präventionsfilm Ihrer Hilfsorganisation Papatya ist eine junge Frau zu sehen, die ihre Eltern liebt, Berlin ist ihr Zuhause - doch plötzlich wird sie im Ausland verheiratet. Es wird nicht ganz klar, ob es in der Türkei ist oder in einem anderen Land. Sind es immer Mädchen aus streng gläubigen Familien, die zwangsverheiratet werden?

Eva Kaiser*: Ach, ich weiß nicht. Ich glaube nicht, dass es unbedingt mit dem Glauben zu tun hat, aber sie sind aus streng patriarchalischen Familien, also traditionellen Familien. Mit Absicht kann man nicht erkennen, aus welchem Land das Mädchen ist, weil es viele Mädchen aus vielen Ländern betrifft, die sich damit identifizieren sollen. Es sind traditionelle Strukturen, die dazu führen, dass Mädchen gegen ihren Willen verheiratet werden sollen, und wenn sie sich widersetzen, dann eben auch ins Herkunftsland der Eltern geschickt werden.

Dass Sie patriarchalisch sagen, leuchtet mir ein. Es sind ja trotzdem auch die Mütter, die dann nicht die Vertrauten ihrer Töchter sind, sondern die machen dann mit - vielleicht traurig, aber sie machen ja trotzdem mit.

Ja, das ist leider so. Die Frauen als diejenigen, die die Kinder erziehen, geben tatsächlich diese Traditionen weiter und sind letztendlich verantwortlich dafür, dass es immer weiter so existiert. Sie könnten das auch ändern. Und ich denke, die Mädchen, die jetzt sich dagegen wehren, sind vielleicht zukünftig die Frauen, die etwas ändern an ihrer Tradition.

Was ich besonders schrecklich finde: Jedes Kind ist es gewohnt, sich an seine Eltern zu wenden, wenn etwas schiefgeht. Aber hier werden im Grunde die Eltern zu Verrätern an diesen Mädchen. Wie helfen Sie jetzt konkret, was können Sie tun?

Naja, wir sagen erst mal: "Wenn du Angst hast, dass du in den Sommerferien oder irgendwann im Ausland zurückgelassen wirst, dann tu rechtzeitig was. Wehr dich, sprich mit deinen Eltern. Wenn das nichts nützt, such dir Hilfe, wende dich an uns, wende dich an eine Lehrerin, werde krank, bevor der Flug geht." Es ist immer möglich, zu verhindern, dass man dort landet.

Wenn ich mich an Sie wende und sage "Ich habe Angst, ich will da nicht hin fliegen" - was machen Sie dann?

Ich würde erstmal genau wissen wollen, wer helfen könnte. Gibt es innerhalb der Familie Leute, die helfen könnten? Was ist das Mädchen selbst bereit zu tun? Also kann sie sich widersetzen, kann sie zum Beispiel auch tatsächlich eine Krankheit simulieren, um am Ende nicht mit zu fliegen? Ist sie dazu in der Lage oder sagt sie: "Nein, das kann ich meinen Eltern nicht antun"?

Aber können Sie sie denn schützen?

Wenn sie wollte, könnten wir sie schützen, indem wir sie bei uns aufnehmen, indem wir sie irgendwo unterbringen. Wir sagen: "Auch du kannst weglaufen und kannst auch später wieder nach Hause gehen". Nur flieg erst mal nicht mit, denn wenn du dort bist, ist es sehr viel schwieriger wieder zurückzukommen.

In dem Video sitzt das Mädchen auf dem Rücksitz einer Limousine und ist plötzlich eine Braut. Wenn es so weit gekommen ist, welche Optionen gibt es dann noch für sie?

Es gibt immer die Möglichkeit, nach Deutschland zurückzukehren. Wenn sie minderjährig verheiratet ist, wird die Ehe gar nicht anerkannt. Das müssen auch die Eltern wissen, dass diese Ehe gar nicht rechtsgültig ist, wenn sie minderjährig ist.

Was können Sie noch machen? Gehen Sie auch über die Konsulate?

Jeder Fall ist anders. Jeder Fall ist ein Einzelfall. Man muss mit den Mädchen Schritt für Schritt absprechen, weil sie letztendlich die Konsequenzen tragen. Man kann in der Türkei die Polizei in die Familie schicken, das kann man in Pakistan nicht, jedenfalls funktioniert es dort nicht so. Aber wenn man die Polizei dort in die Familie schickt und das Mädchen rausholt, weil die Polizei erfahren hat, dass da eine Zwangsverheiratung stattgefunden hat, kriegt sie womöglich noch mehr Ärger, wenn sie nicht mitgeht.

Deswegen muss man immer ganz genau mit dem Mädchen besprechen, was sie sich vorstellen können. Die meisten sagen: "Ich will einfach zurück, ich will mein altes Leben in Deutschland wiederhaben. Wie kann ich das machen?". Wenn sie minderjährig ist, haben die Eltern ja grundsätzlich das Sorgerecht. Wobei sie gegen ihr Sorgerecht verstoßen, wenn sie ihre Tochter gegen ihren Willen ins Ausland verschleppen. Ein Jugendamt könnte ihnen das Sorgerecht über das Familiengericht nehmen, das ist aber ein langer Prozess, das dauert.

Wie viele Jahre oder Jahrzehnte müssen wir uns damit noch beschäftigen? Wird das besser?

Ich glaube, es wird nicht besser, aber es wird vielleicht auch nicht mehr. Ich würde auch nicht sagen, dass es mehr geworden ist. Diese Fälle gab es schon immer. Früher haben die deutschen Botschaften noch gesagt: "Da kann man nichts machen. Wenn sie die deutsche Staatsangehörigkeit aber auch eine andere hat, dann gilt das Recht des Landes, wo sie gerade ist". Inzwischen halten die deutschen Botschaften das durchaus anders und sagen: "Eine deutsche Staatsbürgerin kriegt unsere Hilfe, egal welche Staatsangehörigkeit sie sonst noch hat."

Ich glaube, der Umgang damit hat sich verändert. Es wird mehr hingeguckt. Vielleicht werden die Fälle auch irgendwann mal weniger, weil damit auch Signale ausgesandt werden. Wenn ein Mädchen wieder zurückgeholt wird und die Familie dagegen war, dann spricht sich das auch rum, in der Community. Die anderen merken dann, man kann mit seiner Tochter nicht alles machen, was man möchte. Sie ist nicht das Eigentum der Eltern.

*Eva Kaiser heißt eigentlich anders, möchte ihren tatsächlichen Namen aber nicht genannt haben.

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4 Kommentare

  1. 4.

    Der letzte Satz ist bezeichnend für das, was in diesem Land gerade passiert.

  2. 3.

    In der beschriebenen Situation sind viele junge Mädchen überfordert und ihr Handeln ist irrational. Wenn wir darüber diskutieren, ob eine Rückholung vermeindlicher Kinder von IS- Mitgliedern unsere Aufgabe ist, dann sollten wir sehen, dass der Schutz der betroffenen jungen Mädchen, die hier leben und sich den veralteten Strukturen ihrer, nur äußerlich integrierten Familien, beugen müssen, auch unsere Aufgabe ist. Eine gute psychologische Betreuung und zeitnahe Entscheidungen des Jugendamtes und des Familiengerichts,sind Eckpunkte dieser Hilfe. Dazu benötigen wir mehr Fachpersonal mit Empathie und interkulturelle Kompetenzen und Politiker,
    die das Problem erkennen und nicht, wie geschehen, jahrelang ignorieren.
    Mein Dank geht an Papatya und alle anderen Organisationen, die sich für die Rechte aller Frauen in Berlin einsetzen.

  3. 2.

    Es sind immer die Eltern die das Vertrauen der Kinder missbrauchen. In jeder patriarchalischen Gesellschaft. Egal ob Türke oder Bayer.

    Zwangsheirat von Mädchen UND Jungen ist Missbrauch der Erziehungsmacht und sollte mit Entzug des Sorgerechts geandet werden . Ausserdem sollten disse "Eltern" wegen Sklaverei angezeigt werden. Kinder sind KEIN Eigentum der Eltern !

  4. 1.

    Stets wahre Aussage: "Man darf mit seiner Tochter nicht alles machen."

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