Symbolbild Hubschrauber mit Sprühsystem in Brandenburg (Quelle: dpa/Bernd Wüstneck)
Video: Brandenburg aktuell | 25.04.2019 | Ismahan Alboga | Bild: dpa/Bernd Wüstneck

Umstrittenes Insektizid - Mit "Karate Forst" gegen Raupen in Brandenburgs Wäldern

Weil die Nonnenraupen drohen, ganze Kiefernbestände kahl zu fressen, greift der Brandenburger Landesbetrieb Forst zu einem Insektizid mit martialischem Namen: "Karate Forst flüssig" soll ab Montag per Hubschrauber versprüht werden. Doch es gibt Widerstand.

Die Siedlung Fichtenwalde (Landkreis Potsdam-Mittelmark) liegt nicht am, sondern im Wald. In den Gärten der Bewohner wachsen neben Zierpflanzen, die in relativ dunklem Umfeld und saurem Boden gedeihen, vor allem: Kiefern. Der Wald reicht hier quasi ans Haus.

In bis zu 125 Metern Entfernung dieser Häuser soll ab Montag das Insektenmittel "Karate Forst flüssig" zum Einsatz kommen. Denn Millionen junge Raupen der Nonne bedrohen die Kiefern-Wälder in den Gemeinden Fichtenwalde, Borkwalde und Borkheide.

Anwohner fürchten Einsatz per Helikopter

Doch viele Anwohner fürchten sich vor einem großflächigen Insektizid-Einsatz im Wald in den nächsten Wochen. Das Mittel "Karate Forst flüssig" soll nämlich bis Mitte Juni auf einer Fläche von bis zu 9.000 Hektar Kiefernwald – das ist in etwa ein Zehntel der Fläche Berlins - per Hubschrauber versprüht werden. Denn in der Gegend um die Spargelstadt Beelitz hat sich der Nonnenfalter seit dem letzten Sommer offenbar enorm ausgebreitet und schädigt die Bäume. Das eingesetzte Mittel soll die Raupen - die dieser Tage geschlüpft sind und jetzt in die Baumkronen klettern, um dort zu fressen - töten.

Die Bürgerinitiative "Naturwald" will den Einsatz von "Karate Forst" jedoch verhindern und ruft am Freitagnachmittag, 15 Uhr, zur Demo in Fichtenwalde auf. Außerdem hat Waldbesitzer Karl Tempel am 11. April eine Petition [externer Link zu change.org] gegen den Einsatz des Insektizids gestartet. Bis Freitagvormittag haben 50.000 Menschen unterzeichnet. "Das ist ein Knaller, das haben wir nicht erwartet", sagte Tempel rbb|24 am Freitagvormittag.

Die Raupen der Nonne befallen eine Kiefer in Brandenburg (Quelle: rbb)Über Ostern sind viele Nonnenraupen geschlüpft

Nabu: "Da fällt die ganze Natur tot um"

Die Anwohner sorgen sich nämlich, dass "Karate Forst" nicht nur die schädlichen Insekten umbringt, sondern auch vielen nützlichen Tieren den Garaus macht. Die Angst ist groß, dass, nachdem das Mittel versprüht wurde, monatelang Totenstille im Wald herrschen könnte. Auch der Vorsitzende des Naturschutzbundes (Nabu), Friedhelm Schmitz-Jersch, schließt sich an: "Bei 'Karate Forst flüssig' sagt doch der Name schon alles. Da fällt die ganze Natur tot um". Alle Insekten, so Schmitz-Jersch weiter, würden von dem Mittel vernichtet - und auch ihre Gegenspieler. Es brauche mehrere Jahre, das wieder aufzubauen. "Aber die sogenannten Schadinsekten sind möglicherweise ganz schnell wieder da".

Die Umweltorganisation BUND Brandenburg hat Forstminister Jörg Vogelsänger (SPD) aufgefordert, den geplanten Einsatz von Insektiziden im Wald zu stoppen. Gemeinsam mit Nabu und Anwohnern fordert die Organisation, die Nonnenraupen einfach gewähren zu lassen. Sie setzen darauf, dass sich die Natur von selbst wieder erholt.

Land: Eingesetzte Dosis soll nur Raupen töten

Warum die Förster den Einsatz des Mittels mit dem martialischen Namen für nötig halten, erklärte Michael Ebell, Chef der Oberförsterei Jüterbog, schon Anfang April. Man wolle verhindern, dass stellenweise der gesamte Kiefernwald absterbe durch den Schädlingsbefall. Die Kiefern hätten wegen der Trockenheit im Vorjahr sowieso schon weniger Nadeln und weniger Abwehrkräfte, um sich gegen Schädlinge zu wehren.  

Michael Kopka vom Landesbetrieb Forst, der den Einsatz des Insektizids in der Umgebung von Fichtenwalde betreut, sagte Mitte April im rbb, man müsse bedenken, dass beispielsweise die Vögel, wenn der Wald erst einmal kahl gefressen sei, keinerlei Versteckmöglichkeiten mehr hätten. Viele Jungtiere würden auch verdursten, weil die volle Sonneneinstrahlung bis zum Waldboden reiche. "Die Wiederbesiedelung der behandelten Waldfläche geschieht schneller als man denkt", fügt er an. Er warnt vor falschen Informationen und Panikmache. Auf der Internetseite des Landesbetriebs Forst [externer Link] wird ausführlich dargestellt, was das Land plant.

Das Insektizid, das in die Baumkronen versprüht werde, bleibe dort auch zum größten Teil. Außerdem, so Kopka, werde es verdünnt eingesetzt. Auf 75 Milliliter Karate Forst kämen 35 Liter Wasser – diese Menge reiche für die Behandlung eines Hektar Waldes aus. In der Verdünnung sei das Gift nicht tödlich für alle Tiere. "Die Dosis ist so gering, um die winzig kleinen Raupen zu töten. 'Karate Forst flüssig' tötet nicht alles", sagt Kopka. Für den Maikäfer oder Laufkläger beispielsweise sei diese Dosis ungefährlich. Er selbst würde auch lieber ganz ohne den Einsatz des Insektizids auskommen, so Kopka. Aber in Monokulturen wie in Brandenburg sei es anders einfach nicht zu lösen, weil sich nicht alles von selbst reguliere.

Doch diese Argumente können die Anwohner in und um Fichtenwalde bislang nicht beruhigen.

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25 Kommentare

  1. 25.

    Es ist ein Unding u. eine große Dummheit Wald und Feld mit Pesitziden zu besprühen. Es gibt in der Natur keine Schädlinge, sie haben alle ihre Aufgaben. Die Nonnen können sich nur deshalb massenweise entwickeln, da die Forste in Brandenburg keine Wälder sind, sondern Forstmonokulturen. Im Grunde genommen Kiefernäcker! Da die Natur keine Monokulturen kennt, sondern nur Polykulturen sprich Vielfalt, Biodiversität, versuchen die Nonnen diese unnatürlichen Forste umzuwandeln und Raum für anderen Baumarten zu schaffen. Ein natürlicher Wald mit vielen Baumarten ist nicht nur gesund und krankheitsresistent, sondern ist auch in der Lage der Klimakrise etwas entegen zu setzen. Wir brauchen nicht nur Vielfalt auf dem Acker, sondern auch im Wald. Da es der Forstbehörde nur um Geld, Profit und Wirtschaftlichkeit geht, will sie ihre Forstmonokulturen behalten! Wir fordern hingegen einen naturnahen Waldumbau, weg von den Monokulturen und weg vom Gift. Anders ist eine Zukunft nicht möglich.

  2. 24.

    Bleibt zu hoffen, dass Vögel, Fledermäuse und co. die Bedienungsanleitung von Syngenta gelesen und ihren Atem-, Augen- und Hautschutz angelegt haben. Andererseits werden sie den Angriff nicht unbeschadet überstehen. Doch selbst wenn, wird es keine Nahrung mehr für sie geben, weil alle Insekten tot und Früchte (falls überhaupt vorhanden) ungenießbar sind. Das Mittel hat nach Angaben des Herstellers eine "bemerkenswerte Dauerwirkung"
    Quelle: https://www.syngenta.de/sites/g/files/zhg146/f/produktinformation-karate-forst-fluessig.pdf?token=1554461761
    Ich würde den Wald dieses Jahr nicht mehr ohne Schutzkleidung betreten.

  3. 23.

    Selbstverständlich löst sich das von selbst. Ein kurzer Besuch im Nationalpark Bayerischer Wald genügt. Über 5000 ha von Sturm umgeweht oder oder vom Borkenkäfer aufgefressen.

    Da wächst jetzt kergesunder Mischwald heran. Ohne dass die Förster auch nur einen kleinen Finger krumm machen mussten.

    Dauert halt. Und Brandenburger Förster sind vielleicht zu ungeduldig?

    Herzlichen Glückwunsch jedenfalls für die aktive Unterstützung des Artensterbens.

  4. 22.

    Als ehemaliger Einwohner Brandenburgs entsetzt mich dieser Angriff auf die Gesundheit der Menschen vor Ort. Ich rate allen Anwohnern dringend dazu, Strafanzeige bei der Polizei zu stellen wegen vorsätzlicher gefährlicher Körperverletzung. Verantwortlich für diesen Giftangriff ist der Landesbetrieb Forst Brandenburg. Zudem drohen 50.000 EURO Ordnungsstrafe, da diverse Naturschutzverbände Widerspruch gegen das Versprühen von >Karate Forst flüssig< eingelegt haben und dieser aufschiebende Wirkung hat. Im politischen Brandenburg scheint man sich zudem wie in einer Diktatur zu verhalten. Über 70.000 Menschen haben eine Petition gegen den Einsatz der Chemiekeule unterzeichnet und die Politik ignoriert das. Ich bin schwer enttäuscht von allen PolitikerInnen des Landes Brandenburg - insbesondere aber von denen der SPD, da diese direkt für diesen Gifteinsatz politisch verantwortlich zeichnen.

  5. 21.

    Ich kann nicht glauben, dass der Wald jetzt mit der Chemiekeule "gerettet" werden soll. Das ist einfach nur deprimierend.

  6. 20.

    Baumplantagen, ökologisch nutzlos....(Tobias)
    Unsere Baumplantagen sind älter als ich ca. 45- 100 J. alt. Da entwickelt sich ein Ökosystem mit geschützten Fledermäusen, Insekten, roter Waldarmeise, seltene Vögel,Waldsäugetiere.... das nennst Du ökologisch nutzlos ?
    Ich hoffe, Du warst mal in unseren Wäldern. Vermutlich nur um Pilze zu ernten. Es gibt ausserdem viele private Teiche mit Fischen, Schlangen, Salamander, Kröten, Frösche, Molche, Libellen....
    Man sollte nur zu Dingen schreiben, wenn man sie kennt....

  7. 19.

    ...bevor sie sich an der Rechtschreibung anderer stören, schreiben sie doch schizophren mit "z" statt mit "tz".
    Eigene Nase ist immer die Beste!

  8. 17.

    Für was braucht man wohl einen Garten?
    Zum Abhängen, grillen, ein gepflegten Wein trinken, sich in die Sonne legen, das Auto waschen und polieren, Party machen, ...
    Gibt es etwas Schöneres, als ein Garten?
    Morgens gesprüht, nachmittags ungezieferfrei.

  9. 15.

    "Aber in Monokulturen wie in Brandenburg sei es anders einfach nicht zu lösen" - Diesen Satz sollte Herrn Kopka sich selbst nochmal durch den Kopf gehen lassen. Pestizide sind eben nicht die einzige Möglichkeit, Schädlingsbefall zu reduzieren. Solange weiterhin Kiefern-Monokulturen gepflanzt werden (und das werden sie bis heute!), ist die Forstwirtschaft selbst mitschuldig an dem Problem.

    Dass der Klimawandel vermutlich auch hier einen gehörigen Anteil an der Misere hat (dass die Schäden gerade im Dürre- und Hitzejahr 2018 so zunahmen, ist bestimmt nicht Zufall), heißt nicht, dass die Forstwirtschaft alles richtig gemacht hat.

    Ganz im Gegenteil. Jeder Forstwirt weiß doch heutzutage, dass die Antwort auf mehr Wetterextreme nur Mischwald lauten kann!

  10. 13.

    Stimmt, offenbar geht es um relativ kurzfristigen Profit und nicht um Wald-, Gesundheits- oder Naturschutz. @50.000+ Viel Erfolg beim Kampf für einen "natürlichen" Wald. Und falls der Einsatz doch wie geplant kommt, bin ich wahrscheinlich nicht der einzige, der die Region und landwirtschaftliche Produkte aus derselben erstmal meiden wird.
    PS zum Glück hab ich den Spargel dies Jahr schon genossen.

  11. 12.

    Nöö! Ich bekämpfe das Ungeziefer doch auch mit der chemischen Keule.
    Eher stört mich der fehlende Bezug zur Rechtschreibung.
    "... dass würde ihnen nicht stören?"
    Ja, das würde mich stören.

  12. 11.

    Nein, ein Wald verwandelt sich nicht in eine Offenlandschaft, er ist in unseren Breitengraden die finale Entwicklungstufe der Vegetation. Überall, wo der Mensch aufhört, einzugreifen, wird wieder ein natürlicher Wald entstehen. Der im Beittag gemeinte Wald ist aber ein Wirtschaftswald, der zwar auch seinen Beitrag zur Natur liefert, aber der in erster Linie auf Profit ausgelegt ist. Jeglicher "Schädling", sei es Wild oder Insekten, mindern den Ertrag und Wert des Holzes. Ein naturbelassener Wald kann sich selber regenerieren, jedoch setzten sich dann auch Baumarten durch, die halt nicht unbedingt einen wirtschaftlichen Nutzen, jedoch dafür einen ökologischen haben.

  13. 10.

    Richtig, der Waldbesitzer kann ja dann die Leute auch bezahlen. Nebenfrage, wenn ihr Nachbar seinen ganzen Garten mit einem Insektizid besprüht, dass würde ihnen nicht stören? Oder ist das wieder die Logik, wenn es bei mir nicht in der Nähe ist, kann man so etwas ruhig machen.

  14. 9.

    Ja richtig, man muss dem Wald helfen. Aber hier geht es nicht um einen Wald, sondern um eine Baumplantage, diese ist ökologisch nutzlos für die Natur.

  15. 8.

    Man muss dem Wald doch helfen! Was ist wenn er abstirbt? Offenlandschaft mit vielem Gras. Vielleicht reagieren jetzt die Waldbesitzer, nutzen die Fördermittel und betreiben Waldumbau. Aber auch das ist ein Problem, bei diesem Wetter vertrocknen die jungen Pflanzen. Wir müssen den Wald erhalten!!!

  16. 7.

    "Doch es gibt Widerstand." - anderes hätte ich jetzt auch nicht erwartet
    Sicherlich treffen sich die Widerständler dann und samneln die Nonnenraupen mit der Hand ab oder, sie freuen sich darüber, dass die Nonnenraupen ihr waldvernichtendes Werk vollbracht haben.
    Irgendwie schitzophren, oder?
    Umweltschutz absurd.

  17. 6.

    "Versteckmöglichkeiten und Vögel" gibt es doch in diesen Kieferwälder keine. Da steht Baumstamm neben Baumstamm und die Krone mit etwas grün ist ganz weit oben.

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