Kassandra aus Berlin neben einem Schild von Housing First (Quelle: rbb/Nina Amin)
Audio: Inforadio | 17.04.2019 | Nina Amin | Bild: rbb/Nina Amin

Projekt gegen Obdachlosigkeit - Nach fünf Jahren erstmals wieder eine eigene Wohnung

Schwierige Familienverhältnisse, ein gewalttätiger Ex-Freund, Krankheit - das war Kassandras Weg in die Wohnungslosigkeit. Das Projekt Housing First für Frauen hat ihr nach langer Zeit wieder zu einer eigenen Wohnung verholfen. Von Nina Amin

Zum ersten Mal wurde Kassandra obdachlos, als sie vor neun Jahren von zu Hause rausflog. Als schwierig bezeichnet die heute 29-Jährige das Verhältnis zu ihrer Familie. Aber die gelernte Floristin fand eine Wohnung. Sie lebte dort, bis sie ihren damaligen Freund kennenlernte und zu ihm zog. Danach fing die Odyssee erst richtig an, sagt Kassandra rückblickend. Ihr Ex-Freund war gewalttätig, warf sie aus der Wohnung. Das war vor fünf Jahren. Seitdem hatte die junge Frau kein eigenes Dach mehr über dem Kopf.

Kassandra aus Berlin hat eine Wohnung über Housing First gefunden. (Quelle: rbb/Nina Amin)
Kassandra lebt mittlerweile in einer Einzimmerwohnung in Berlin-Hellersdorf | Bild: rbb/Nina Amin

Von einer Notunterbringung zur nächsten

"Das erste halbe Jahr kam ich bei Freunden unter und habe probiert, mich so durchzuschlagen", erzählt Kassandra. "Dann bin ich zum Wohnungsamt in Spandau gegangen und habe mich dort vorgestellt. Ich erzählte ihnen von meinem gewalttätigen Ex-Freund. Und dass ich keine Wohnung mehr habe." Kassandra bekam Hilfe. Zwei Jahre lang lebte sie in einer betreuten Wohngemeinschaft. "Dort habe ich mich gut stabilisiert, aber ich musste gehen, als ich nach einer Operation vorübergehend zum Pflegefall wurde." Man habe ihr gesagt, sie erfülle die Ziele der Einrichtung nicht mehr. Daraufhin bekam sie ein Hotelzimmer ohne Kochmöglichkeit – 19 Monate lang. "Keine schöne Zeit", bilanziert Kassandra.

Housing First

Das Projekt Housing First will Obdachlosigkeit langfristig begrenzen. Es bietet Vermietern und Hausverwaltungen zusätzliche finanzielle Sicherheiten und die Gewähr, dass die Mieter weiterhin betreut werden und damit einen Anreiz, dem Projekt Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Housing First wurde in den USA in den 1990er Jahren ins Leben gerufen und wird seit Oktober 2018 auch in Berlin umgesetzt.

Betroffene sollen einen eigenen unbefristeten Mietvertrag bekommen, müssen aber auch in der Lage sein, über Transferleistungen die Miete aufzubringen und mit dem Housing First-Team zusammenzuarbeiten.

Träger des Modellprojekts Housing First Berlin ist eine Projektpartnerschaft aus Neue Chance gGmbH und Berliner Stadtmission. Zweiter Träger ist "Housing First für Frauen", hinter dem der Sozialdienst katholischer Frauen steht. Die Umsetzung erfolgt in enger Zusammenarbeit mit der Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales.

Sie bat immer wieder darum, woanders unterzukommen. Schließlich landete sie in einer Obdachlosennotunterkunft für Frauen in Kreuzberg. Die ganze Zeit über habe ich eine Wohnung gesucht, in verschiedenen Jobs gearbeitet", sagt Kassandra. Vergeblich. "Das war ein langer Kampf. Ich habe mir den Arsch aufgerissen die letzten Jahre, habe immer wieder gezeigt, dass ich arbeiten gehe und alles versuche. Ich habe so viele Wohnungen besichtigt, aber niemand hat mir eine Chance gegeben." Dann las sie Anfang dieses Jahres in ihrer Kreuzberger Notunterkunft vom Projekt Housing First für Frauen. "Ab da hat alles klappt", erzählt sie lächelnd. 

"Einfach nach Hause kommen, Essen kochen und Ruhe genießen"

Seit wenigen Wochen lebt Kassandra, die ihren Nachnamen nicht öffentlich nennen möchte, in einer Einzimmerwohnung in Hellersdorf. Vermittler war das Housing-First-Team, das im Auftrag der Sozialverwaltung tätig ist. Eine Sozialarbeiterin hat sie zur Wohnungsbesichtigung begleitet, hilft ihr bei allen weiteren bürokratischen Wegen. Ihren Mietvertrag hat Kassandra selbst unterschrieben. Bezahlt wird die Wohnung vom Amt. In ihr neues Zuhause lässt sie nur sehr vertraute Menschen – auch, weil sie erstmals wieder einen Ort hat, über den sie selbst bestimmen kann: "Es ist so schön, dass ich einfach nach Hause kommen und Essen machen kann. Auch meine Sachen endlich wieder auszupacken ist toll. Sie waren jahrelang an verschiedenen Orten untergestellt. Aber dass ich jetzt meine Ruhe habe, ist für mich das Schönste".

Erst Therapie, dann Zukunft planen

In ihrer neuen Wohnung will Kassandra zunächst zur Ruhe kommen. Sie arbeitet ehrenamtlich zwei Stunden täglich in einem Kindergarten. Diese Struktur helfe ihr im Alltag. Und sie will eine Therapie machen, um die Erlebnisse der vergangenen Jahre zu verarbeiten. Alkohol oder Drogen seien glücklicherweise nie ihr Problem gewesen, sagt Kassandra, wohl aber schlimme Depressionen. Und ihre Wünsche für die Zukunft? "Ich wünsche mir ein normales Leben und möchte irgendwann eine Familie gründen. Das alles, ohne noch mal auf der Straße zu landen oder eine Wohnung nochmals zu verlieren."

Kommentar

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13 Kommentare

  1. 13.

    Eine großartige Geschichte einer ganz offensichtlich großartigen Frau. :)

    Dieses Beispiel zeigt auch auf, dass es keinerlei Form einer selbstverschuldeten Verursachung braucht, um in Wohnungslosigkeit zu geraten. Auch pauschal zugeschriebenen Suchtproblematiken wird hier ein Gegenbeispiel gesetzt. Diese diskriminerenden Narrative von angeblich faulen, unfähigen oder suchtkranken und unhygienischen Menschen dominieren aber leider noch immer die stereotypen Bilder über Wohnungslose, auch bei Wohnungsgesellschaften und potenziellen Vermieter*innen.

    International verglichen lässt sich empirisch belegen, dass ein größerer Druck auf dem Wohnungsmarkt auch für mehr Wohnungslosigkeit sorgt. Mehr (teure) Wohnungen zu bauen, hilft keinem Wohnungslosen. Die Hilfesysteme und -konzepte, wie Housing First, und Soziale Arbeit sind entscheidend. Bleibt zu hoffen, dass der SenIAS beim Ausbau der Intervention bleibt, jedoch wäre zusätzlich Prävention so viel weniger problematisch.

  2. 12.

    Nicht nur das "Ob?" sondern auch das "Wie?" besitzen enorme Bedeutungen im Fall von Machtmissbrauch durch Männer und Frauen. Aktive Gewaltausübung von Männern schadet Menschen ebenso wie passive Gewalt in Form einer Verweigerungshaltung durch Frauen. Auch Frauen können brutal sein, aber auf ihre Weise.

  3. 11.

    Darf ich für Tremor antworten? Was ist der Unterschied, ob Frauen oder Männer die Macht missbrauchen? Ich finde beides sch...lecht.

  4. 8.

    Ja. Das Team von Housing First Berlin bietet Männer so wie Frauen Hilfe an .

    HousingFirstFürFrauen ,wie hier, ist ausschließlich nur für Frauen .

    Liebe Grüße

  5. 7.

    Danke, doch ich brauche keine Wohnung (ich hab sogar - man merkt es nicht gleich - einen Computer) und wollte es nur neugierhalber wissen.
    Also eine rein weibliche Sache.

  6. 6.

    "Träger des Modellprojekts Housing First Berlin ist eine Projektpartnerschaft aus Neue Chance gGmbH und Berliner Stadtmission. Zweiter Träger ist "Housing First für Frauen", hinter dem der Sozialdienst katholischer Frauen steht. Die Umsetzung erfolgt in enger Zusammenarbeit mit der Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales."

    Fragen Sie doch einfach mal beim Sozialdienst katholischer Männer nach.

  7. 5.

    Wo ist all die anderen Menschenschicksale Berlins dokumentiert oder sogar publiziert, deren Versuche auf ein Leben in Würde mit eigener Wohnung nicht so glücklich wie bei Kassandra verlaufen?

  8. 4.

    Eine sympathische junge Frau, der man nur alles Gute wünschen kann.
    Gibt es eigentlich auch ein "Housing First" für Männer?
    Falls nein: Warum nicht?

    PS: Männer die Frauen schlagen sind Abschaum.

  9. 3.

    Und dieser Teufelskreis beginnt sich schneller zu drehen als einem lieb ist. Ich wünsche Ihr alles gute für die Zukunft. Mögen ihre Wünsche in Erfüllung gehen.

  10. 2.

    Es freut mich, dass Kassandra geholfen werden konnte.

    Wenn nicht so viele Berliner dem Wohnungsbau ablehnend gegenüber stehen würden, könnte man sicherlich viel mehr Menschen helfen, die schuldlos in einen Teufelskreis aus Obdachlosigkeit und Sucht geraten sind, den aber gerne verlassen wollen.

  11. 1.

    Das ist mal eine Erfolgsmeldung und man kann dieser starken und fleißigen jungen Frau nur alles Gute wünschen. Möge sie sich schnell weiter stabilisieren und auch beruflich festigen.

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