Archivbild: Polizeibeamte und Polizeitaucher sind am Ufer und in einem Boot am Storkower Kanal direkt an der Mündung zum Wolziger See im Landkreis Dahme-Spreewald zu sehen. Fast zwei Monate sind vergangen und der anfängliche Optimismus der Polizei bei der Aufklärung des Falls Rebecca ist gewichen. (Quelle: dpa/P. Pleul)
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Audio: rbb24 | 15.04.2019 | Interview mit Axel Petermann | Bild: dpa/p. Pleul

Interview | Ex-Profiler über den Fall Rebecca - "Es ist definitiv zu früh, um von einem Cold Case zu sprechen"

Seit acht Wochen fehlt von der 15-jährigen Rebecca aus Berlin jede Spur. Stecken die Ermittler in der Sackgasse? In gar keinem Fall, betont der erfahrene Profiler Axel Petermann im rbb|24-Interview. Er sieht noch einige Möglichkeiten.

rbb|24: Herr Petermann, seit acht Wochen ist die 15-jährige Rebecca verschwunden, alle Suchaktionen blieben bislang erfolglos, die Aufklärung des Falls stagniert. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage ein, wie weit ist die Polizei von der Lösung des Falles entfernt?

Axel Petermann: Das ist natürlich schwierig zu beantworten. Man scheint den Schwager von Rebecca ja weiterhin für verdächtig zu halten. Das Einzige, was fehlt, sind die Beweise - und ich könnte mir vorstellen, dass man versuchen wird, neue Beweise gegen den Schwager zu finden beziehungsweise bereits gesicherte kriminaltechnisch untersuchen zu lassen, um dann neue Anhaltspunkte für seine Täterschaft zu erlangen. Gleichzeitig geht es natürlich auch darum, dass man tatsächlich den Ort findet, an dem Rebecca entweder tot liegt oder versteckt wird. Auch dieser Ort könnte Hinweise auf den Täter geben.

Die Ermittler gehen davon aus, dass Rebecca das Haus des Schwagers nicht mehr lebend verlassen hat. Teilen Sie diese Einschätzung?

Die Ermittler werden sicherlich gute Gründe haben, das so anzunehmen. Ich weiß natürlich nicht, woran sie das festmachen. Mögliche Faktoren können ihr Verhalten mit dem Internet oder Handygespräche sein. Oder WhatsApp-Nachrichten - oder was auch immer abgesetzt oder empfangen wurde. Andererseits scheint es hier nicht so zu sein, dass man objektive Beweise hat, die eine Tötung ganz klar belegen.

Eine Spur scheint sich ja zerschlagen zu haben, nämlich die Haare, die im Kofferraum vom Auto des Schwagers gefunden wurden. Zuletzt gab es Berichte, dass die gar nicht von Rebecca stammen. Wie bewerten Sie das?

Bei den Haaren wäre es darauf angekommen, um wie viele Haare es sich handelt. Denn Menschen verlieren jede Sekunde mehr oder weniger häufig Haare. Das ist nicht unbedingt ein Indiz dafür, dass Rebecca tot im Kofferraum des Fahrzeugs transportiert wurde. Und wenn das jetzt gar nicht mehr so sein soll, dann verwundert mich doch sehr, dass es falsche Informationen gegeben hat. DNA-Ergebnisse einer Untersuchung können eigentlich relativ schnell vorliegen.

Wenn Sie jetzt mitermitteln würden, was wären Ihre nächsten Schritte? Haben Sie eine Idee, was genau aus dieser Ermittlungssackgasse, die es da offensichtlich gibt, herausführen könnte?

Ich würde mich genau mit dem auseinandersetzen, was den Schwager konkret belastet. Andererseits würde ich versuchen, all das, was bisher ermittelt wurde, beiseite zu schieben und noch einmal ganz neu mit der Beurteilung der Umstände des Verschwindens von Rebecca zu beginnen. Dazu gehört natürlich auch die Interpretation der vorhandenen Spuren.

Stichwort "Cold Case": Ab wann wird aus dem Fall Rebecca ein solcher? Was kommt als nächstes, sollten keine weiteren belastbaren Spuren und Beweise gefunden werden? Wird dann die Mordkommission verkleinert? Und wann werden die Ermittlungen vorläufig eingestellt?

Es sind ja mehr als 2.000 Hinweise auf das Verschwinden von Rebecca eingegangen, und die sollten natürlich alle abgearbeitet werden. Es ist klar, dass man die erfolgversprechenden überprüft oder heranzieht und sich dann um die anderen kümmert. Aber das sollte schon zügig geschehen - und wenn es überhaupt keine Hinweise mehr gibt, gibt es natürlich auch keinen Grund, eine Mordkommission weiter bestehen zu lassen oder in dieser Größenordnung bestehen zu lassen. Gleichwohl ist das natürlich ein Umstand, mit dem man nicht zufrieden sein kann. Deswegen würde ich immer raten, sofern das nicht schon geschehen ist, externe Spezialisten einzubeziehen, die nochmal eine völlig neue Bewertung des Sachverhaltes durchziehen.

Welche externen Spezialisten wären das konkret?

In meinen Augen wären das Fallanalytiker. Die gibt es in jedem Bundesland, bei jedem Landeskriminalamt. Sie sind besonders ausgebildet und dafür da, dass sie sich mit dem Rätsel eines Verbrechens oder eines Geschehens auseinandersetzen. Sie orientieren sich an den Umständen, die ein möglicher Tatort bietet. In einem Fall ohne Leiche, also wie bei Rebecca, schauen sie sich auch sehr genau an: Wer ist das Opfer, wer ist der Mensch, der verschwunden ist? Finde ich in dessen Biografie Hinweise, die sein Verschwinden erklären lassen oder die Frage beantworten können, warum gerade dieser Mensch Opfer eines Verbrechens wurde?

Es gibt also noch einige Anknüpfungspunkte für weitere Ermittlungen – der Fall Rebecca ist also noch kein Cold Case?

Es ist jetzt noch definitiv zu früh, um von einem Cold Case zu sprechen. Für mich fängt ein Cold Case dann an, wenn die Ermittlungsgruppe und die Sonderkommission alle Spuren, die eingegangen sind, überprüft hat und zu keinem Ergebnis gekommen ist, die Akten also in gewisser Weise dichtgemacht werden. Und dann hängt das immer davon ab, ob die Ermittlungsleiter sagen, wir haben immer noch Hinweise, wir haben immer noch Ansätze, die wir überprüfen wollen die wir überprüfen müssen. Das wollen wir erst einmal zu Ende führen.

Herr Petermann, wir danken für das Gespräch.

Das Interview führte Frank Preiss.

Kommentar

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6 Kommentare

  1. 6.

    Wieso alles? Ich lese nur den durchaus gängigen Begriff Cold Case. Da wir im Zeitalter der Globalisierung leben, ist es gut und richtig, dass solche Begriffe international gehandelt (ausgesprochen für Sie: gehändelt) werden.
    Wenn Sie so ein Deutsch-Fan sind, sollten Sie sich in Gehhilfe umbenennen. :-)

  2. 5.

    Solange noch mit der Ungewissheit über das Verschwinden von Rebecca eine Golden Nose verdient werden kann, darf es keinen Cold Case geben. - Der Einen Not, ist Anderen Brot.

  3. 4.

    Cold Case = Wieso muss eigentlich alles ver-English-t werden? der RBB hat zu viel "Cold Case" fremdgeguckt.

  4. 3.

    Aha, so eine einfache Erklärung, nur trift dies nicht zu, da der Mensch überall seine Haare hinterläßt, wenn es kein Kahlwüchsiger ist. Also, spielen ohne Haare zu verlieren ist nicht möglich.

  5. 2.

    @Panke, die Frage können Sie sich doch sicher selbst beantworten.
    Rebecca hat am/im Auto gespielt. Aber keine Haare hinterlassen. Ende der sensationslüsternen Vermutungen.
    Somit hat die Polizei Zeit, sich nicht mit so unwichtigen Bewertungen, sondern mit der tatsächlichen Ermittlungsarbeit zu befassen.

    Mag sein, dass der Fall noch kein Cold Case ist. Aber sind nach so langer Zeit bei einem Leichenfund überhaupt noch Mordmerkmale zu finden? Offenbar wird der Fall Rebecca zum Fall Georgine Krüger.

  6. 1.

    Die Eltern sagten nach dem Fund der mutmaßlichen Haare im Kofferraum von Rebecca,dass dies am Tage zuvor dort mit einem Kind gespielt hat.Nun stammen diese Haare aber nicht von Rebecca.Wie wird jetzt die damalige Aussage der Eltern bewertet?

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