Die 360°-Kamera ist bei der Jagd dabei: Jäger Harnischs Augen leuchten nach dem gelungenen Abschuss des Rehs. (Quelle: Tobias Schmutzler)
Video: rbb|24 | 10.04.2019 | Brandenburg aktuell, Tobias Schmutzler | Bild: Tobias Schmutzler

Virtual Reality - Herr Harnisch liebt die Jagd

Leckeres Wildfleisch oder brutaler Eingriff in die Natur? Kaum ein Thema spaltet die Gemüter so wie das Jagen. In diesem Virtual-Reality-Videoporträt erzählt ein Brandenburger Jäger, was ihn daran fasziniert, Tiere zu erlegen. Von Tobias Schmutzler

Sekunden der Stille. Jetzt ist Alexander Harnisch voll konzentriert. In seinem Zielfernrohr visiert er das Reh an. Sieht er die Schürze? Nur dann darf er schießen, denn seine Freigabe gilt ausschließlich für weibliche Tiere. Ein ohrenbetäubender Knall. Der Jäger lehnt sich keuchend zurück, ein wenig euphorisch wirkt sein Lächeln. "Da ist das zweite Stück, das erste liegt", sagt er und meint damit, dass er soeben das eine Reh erschossen hat und dessen Begleittier nun davonläuft.

Alexander Harnisch, geboren und großgeworden in Berlin-Friedrichshain, lebt seit 2006 mit seiner Frau und inzwischen drei Söhnen in Zeesen. "Ich halte es wie Walt Disney: If you can dream it, you can make it", beschreibt der 41-Jährige seine Einstellung zum Leben.

Das Motto gilt auch für das Jagdgrundstück, das er auf einem Gelände gleich neben dem Familiengrundstück mit Einfamilienhaus errichtet hat. Mächtig präsentiert sich hier die hölzerne Jagdhütte, sie ist Harnischs Stolz: "Dieses Haus ist in meinem Kopf entstanden – und zwar genau so, wie ich es mir vorgestellt habe. Wenn ich mir etwas vorstelle, dann setz ich das um, da bin ich so'n Macher."

Fernsehabende in der Jagdhütte

In die Hütte zieht sich der Zeesener zurück, wenn er gelegentlich erst nachts von der Pirsch zurückkehrt. Ein oder zwei Mal pro Woche geht er jagen, in der Drückjagdsaison im Herbst und Winter können es auch drei Mal sein. Kleines Badezimmer, Doppelbett, Sitzecke: Die Hütte ist voll ausgestattet. "Wenn es sehr spät wird und ich durchgeschwitzt von der Jagd komme, kann ich hier duschen, alle viere von mir strecken und tot ins Bett fallen", erzählt Harnisch. Auch Fernsehabende mit den Söhnen verbringt er regelmäßig in der Hütte.

An einer der Holzwände präsentiert der Jäger seine Trophäen, darunter einige "Waffen von den Schwarzkitteln", gemeint sind die gefährlichen Eckzähne von Wildschweinen. Harnischs Highlight hat sogar einen Preis gewonnen, eine Silbermedaille: "Mein ganzer Stolz ist ein ungerader Sechzehnender – ein Lebenshirsch, den ich schon zu Beginn meiner Jägerlaufbahn strecken konnte." Altersklasse 4, also um die zehn Jahre alt war das Tier beim Abschuss. "Och, da bin ich schon recht stolz drauf", sagt Harnisch und hängt die silberne Preismünze mit Bedacht zurück an ihren Haken unter dem Geweih.

Mit Harnisch auf Jagd in Brandenburg

Nach dem Schuss leuchten die Jägeraugen

Die Jagd ist nur das eine Leben des Alexander Harnisch. In seinem "richtigen" Beruf ist er Vermögensberater und leitet eine Kanzlei für ein Schweizer Finanzdienstleistungsunternehmen. In diesem Job ist Anzug Pflicht. Bei seinen Jagdausflügen sieht man ihm dieses Büroleben nicht an: Mit grünbrauner Jägerkleidung und Tarnnetz im Gesicht sitzt er im Hochsitz. In diesen Momenten ist Geduld der Schlüssel zum Erfolg: Stunden kann es dauern, bis ein Tier auch nur vorbeiläuft. Eine hektische Bewegung, ein unaufmerksames Geräusch reicht, um Beute zu verschrecken und einen ergebnislosen Nachmittag im Hochsitz zu fristen.

Doch heute war Harnisch erfolgreich. Im Moment nach dem Schuss ist der Jäger sehr aufgeregt, seine Augen leuchten nach dem gelungenen Abschuss. Etwas Geduld muss er jetzt noch aufbringen, denn das Begleittier soll den Menschen nicht mit dem Schuss in Verbindung bringen. Also heißt es einige Minuten warten. Dann klettert der Jäger vom Hochsitz herunter, läuft etwa hundert Meter zur Beute und begutachtet das Tier: "Weiblich, sehr gut", sagt er nach Geschlechtskontrolle.

Hauptgrund für die Jagd: Das Lebensmittel Wildbret

Dem leblosen Reh legt er einen Zweig zwischen die Zähne: "Jetzt kriegt’s den letzten Bissen." Eine Geste, die zum jahrhundertealten Jagdbrauchtum gehört. Sie steht für die Aussöhnung zwischen Wildtier und Jäger. "Das ist natürlich absolut im Bewusstsein, dass es sich da um eine Kreatur, ein Tier gehandelt hat. Irgendwann ist dann aber ein Punkt erreicht, da ist es wirklich ein Lebensmittel für mich."

Nun geht es ans "Aufbrechen": Fachmännisch schneidet Harnisch das Reh mit seinem Messer auf. Ein langer Schnitt durch die Körpermitte legt die Innereien frei. Einen Teil, darunter die Milz, sammelt der Jäger in einer Plastiktüte. "Da freut sich die Dora", seine Jagdhündin, eine Kleine Münsterländerin. Den Großteil der Gedärme wirft der Jäger ins Unterholz, auch das ist Teil des Jägerhandwerks. Nach getaner Arbeit hebt Harnisch den ausgenommenen Rehkörper hoch und urteilt: "Super Wildbret!"

"Andere spielen Golf, ich sitze im Wald"

An der Jagd liebt Alexander Harnisch die Entspannung: "Es ist ein unbeschreibliches Naturerlebnis, morgens an der Kanzel den Sonnenaufgang zu sehen. Andere gehen Golf spielen – ich setz mich alleine in den Wald oder mache bei Gesellschaftsjagden mit." Für ihn sei die Jagd nicht nur Hobby, sondern Passion, die ihm helfe, vom anstrengenden beruflichen Alltag runterzukommen. "Da bin ich ein bisschen Gaga im Kopf: Wenn ich im Wald sitze, spült mir das den Kopf frei."

Ein Jahr lang hat Harnisch das Handwerk an der Landesjagdschule Michendorf gelernt. "Das ist der Brandenburger Weg: Nicht nur einen zweiwöchigen Kompaktkurs machen, sondern viel Zeit aufwenden und Praxis sammeln." Klar seien seine ersten Schnitte damals noch danebengegangen, erzählt Harnisch. Doch die anlernenden Jäger hätten ihn bestärkt, es beim nächsten Mal besser zu machen. "Mit der Zeit habe ich gemerkt: Das funktioniert."

Auch das "Zerwürgen" begeistert Harnisch

Das erlegte Reh fährt er nun im Jeep zum Förster, der ihm das Fleisch direkt abkauft. Meist fährt Harnisch seine Beute aber zu sich nach Hause. Denn neben die Jagdhütte hat der Zeesener noch eine Kühlzelle gebaut. Hier verarbeitet er seine erlegten Tiere zu Fleischprodukten. Auch das Schlachten, das er in Jägersprache "Zerwürgen" nennt, begeistert Harnisch. Sehr ruhig und handwerklich geht er dabei vor. Wichtig ist, dass die Schnitte gut sitzen, damit edle Stücke wie der Rücken keinen Schaden nehmen. Immer wieder wetzt Harnisch das Messer nach, damit es scharf bleibt.

"Ich will nicht sagen, dass ich dabei meditiere. Aber man kommt auf die unterschiedlichsten Gedanken, privater Natur oder was die Firma angeht", sagt der Finanzberater. Nach fertiger Schlachtung schweißt er alle Fleischstücke ordentlich in Vakuum ein. Die Tiefkühltruhe steht gleich nebenan, bis zu sechs Monate lagern Hüftsteaks und Rouladen hier. Als er die Stücke ins Kühlfach packt, sieht man Alexander Harnisch an, dass er sich schon auf's Essen freut.

Beitrag von Tobias Schmutzler

Kommentar

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Antwort auf [hephaistos] vom 12.04.2019 um 22:37
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4 Kommentare

  1. 4.

    Pfui, Tiermord als Hobby!

  2. 3.

    Geht es nur mir so oder warum würgt es mich gerade am Hals wenn ich diesen Harnisch sprechen oder agieren sehr?

  3. 2.

    Pfui, Tiermord als Hobby!

  4. 1.

    Bei uns wird der Wildkörper „zerwirkt“... Ich hab bisher Wild weder erwürgt noch zerwürgt sondern erlegt und dann zerwirkt.
    ; )

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