Archivbild: Ein Mitgründer der Prinzessinnengärten, Marco Clausen, steht am Montag ( 11.06.2012 ) in Berlin am Moritzplatz im Grünen am Rande der Präsentation des Projekts "Urban Gardening" (Quelle: dpa/ Levetzow)
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Interview | Marco Clausen, Mitgründer der Prinzessinnengärten - "Die Beete kann man verschieben – die Menschen nicht"

Es grünt und blüht - auch in den Prinzessinnengärten in Berlin-Kreuzberg. Marco Clausen hat den mobile Garten mit aufgebaut und sich erfolgreich gegen den Verkauf gewehrt. Jetzt kämpft er für den langfristigen Erhalt und stellt Forderungen an den Berliner Senat.

rbb24: Herr Clausen, ein Teil der Gründer des Prinzesinnengartens zieht in diesem Jahr auf einen neuen Standort in Neukölln. Was bedeutet der Umzug für den Garten am Moritzplatz?

Marco Clausen: In dieser Saison wird sich äußerlich am Garten noch nicht allzu viel ändern. Spätestens ab Endes des Jahres fallen aber durch den Umzug wesentliche Teile der Infrastruktur des Gartens weg. Ein Großteil der Pflanzen, die Bänke und Verkaufsstände für das gastronomische Angebot werden nicht mehr da sein. Um den Garten in seiner jetzigen Form zu erhalten, müssten wir das ersetzen. Das ist durchaus möglich, aber natürlich auch mit finanziellen Fragen verbunden. Da kommen schnell ein paar Hunderttausend Euro zusammen. Das kann man nur wiederaufbauen, wenn es eine Zusicherung für die Fläche oder einen Teil der Fläche gibt.

Können Sie dem Ganzen auch etwas Positives abgewinnen?

Für uns ist das zwar einerseits eine schwierige Situation, aber auf der anderen Seite ist das auch ein guter Moment für eine Neuausrichtung. Weil klar ist: 2020 läuft der Mietvertrag aus, die Zwischennutzung ist damit beendet. Jetzt stellt sich die Frage, ob man das, was hier angefangen wurde, politisch dauerhaft will. Momentan gibt es in Berlin eine Diskussion, wie die Stadt ihr grünes Erbe sichern will, und für uns ist das jetzt genau der Modellfall, wo sich zeigt, wie ernst das gemeint ist. Was tut der Senat zur langfristigen Verwurzelung urbaner Gärten in der Stadt?

Trotz der Schwierigkeiten hat der Verein Common Grounds entschieden, für den Erhalt des Gartens in Kreuzberg zu kämpfen. Warum?

Wenn wir über Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit reden, geht es eben auch darum, dass Orte nicht einfach austauschbar sind. Sie leben von der besonderen Beziehung, die man dazu hat. Es geht darum, dass man verantwortlich ist für das Stück Boden, das einem anvertraut ist. Verantwortlich heißt nicht, den größtmöglichen persönlichen Nutzen daraus zu ziehen, sondern es auch an folgende Generationen zu übergeben. Das sind wir auch der Nachbarschaft schuldig, die sich in all den Jahren mit uns für den Garten eingesetzt hat. Die Beete kann man verschieben, aber die Menschen nicht.

Wir müssen den politischen Humus aufbauen, damit das hier nicht nur eine Wüste aus Glas und Beton wird.

Was ist das Besondere an diesem Standort?

Ich glaube, der Prinzessinnengarten ist nicht durch Zufall am Moritzplatz entstanden. Die Fläche war nur frei, weil schon in den späten Siebzigern die Menschen in Kreuzberg die Autobahn, die da geplant war, verhindert haben und wir im Grunde auch ein Ergebnis dieser Kämpfe der Vergangenheit sind. Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass das, was wir heute tun, auch in Zukunft Früchte trägt. Wir müssen den politischen Humus aufbauen, damit das hier nicht nur eine Wüste aus Glas und Beton wird.

Ihr Verein sagt ganz deutlich: Wir wollen keine weitere Zwischennutzung mehr. Stattdessen fordern Sie einen langfristigen Pachtvertrag über 99 Jahre.

Wir brauchen verbindliche Formen der Absicherung, die deutlich machen, dass dieses Gärtnern nicht einfach ein Privatvergnügen ist, sondern dass es wirklich ein wichtiger Bestandteil einer sozial-ökologischen Entwicklung in den Kiezen ist. Deshalb haben wir dem Bezirk vorgeschlagen, einen Teil der Fläche jetzt dauerhaft als Garten zu widmen und zu sichern, und für den Rest der Fläche könnte es ein Dialogverfahren mit der Nachbarschaft geben, in dem man fragt: "Was brauchen wir denn hier an diesem Ort in der Zukunft?" Für uns sollte das ein Ort werden, an dem man zeigt, wie eine Nachbarschaft aussehen kann, die sich gemeinsam verantwortlich um die Zukunft kümmert. Für diese Diskussion würden wir als Verein gerne die Rahmenbedingungen schaffen.

Was heißt das konkret?

Zum Beispiel arbeiten wir gerade an einem nachbarschaftlichen Kompostprojekt, wo wir zusammen mit Gastronomen und anderen Einrichtungen den Kompost sammeln, um damit den Boden wieder aufzubauen. In diese Richtung würden wir den Garten am Moritzplatz gerne weiterentwickeln. Mit der Sicherheit von 99 Jahren kann man eben auch ganz anders gärtnern. Man muss nicht mehr alles in Kisten und Säcken machen, sondern kann über neue Formen nachdenken und vieles weiterentwickeln, was bisher unmöglich war.

Prinzessinnengaerten am Moritzplatz in Berlin. (Quelle: Prinzessinnengärten)

Sie haben einen eigenen "Dauergartenvertrag" entwickelt. Was ist das und was wollen Sie damit erreichen?

Mit diesem Vertrag wollen wir allen gemeinschaftlichen Gartenprojekten in Berlin helfen. Die Stadt muss sich Gedanken machen, wie man diese Gärten in der Planung berücksichtigt, denn offiziell existieren sie bisher nicht. Es geht uns um ganz konkrete Regelungen, damit diese Orte verbindlich und langfristig von der Bebauungsspekulation und Privatisierung freigehalten werden. Wir brauchen Eigentumsformen, die die Gemeinwohlorientierung der urbanen Gärten sichern.

Um das zu erreichen, haben wir nach dem Vorbild des Dauerwaldvertrags von 1915 [Anm. d. Red.: Damals kaufte Berlin vom preußischen Staat große Waldflächen wie den Grunewald, um sie dauerhaft als Naherholungsflächen für seine Bürgerinnen und Bürger zu sichern.]  einen "Dauergartenvertrag" entworfen, der die Zukunft der urbanen Gärten in Berlin regelt. Der Dauerwaldvertrag von vor mehr als 100 Jahren beweist: Man kann sich nicht rausreden und sagen, das gab es noch nie. Ganz im Gegenteil: Es können politische Lösungen gefunden werden, wenn es den Willen gibt.

Was muss jetzt auf politischer Ebene passieren?

In der Charta für das Berliner Stadtgrün*, die der Senat gerade entwickelt, muss die existentielle Bedeutung des Grüns im Hinblick auf die ökologischen Herausforderungen, mit denen wir es zu tun haben, klar gemacht werden. Die mehr als 100 Gemeinschaftsgärten, die es in Berlin gibt, sind genau die Orte, wo die Fragen der Zukunft diskutiert werden und praktische Lösungen angeboten werden: Was bedeutet der Klimawandel für die Städte? Wie müssen wir unsere Ernährungssysteme ändern? Wie können wir die Artenvielfalt in der Stadt sichern? Das reicht vom Verzicht auf Pestizide und Hybridsaatgut bis zu Bildungsangeboten für Kitas und Schulen.

Wir können es uns nicht erlauben, noch weitere fünf, sechs Jahre darüber zu reden, ob man einen Zaun aufstellen darf oder ob das Gärtnern der Stadt in irgendeiner Form nützt. Da erwarte ich, dass man die Zeichen der Zeit erkennt und sagt: Wir müssen jetzt wirklich etwas tun und auch gerade mit den Menschen zusammenarbeiten, die sich schon seit Jahren in diesen Fragen engagieren.

Wie soll es 2020 am Moritzplatz weitergehen?

Meine Idealvorstellung ist, dass der Ort eine Widmung als ein Gemeingut hat, das einer sozial und ökologisch gerechten Stadtentwicklung dient. Dass die unterschiedlichsten Menschen und Gruppen dazu beitragen, dass am Moritzplatz nicht nur wieder ein Garten entsteht, sondern kontinuierliche Angebote für alle Nachbarn, für Kitas, für Schulen. Dass das ein Ort wird, der uns allen gehört und der diese Frage stellt: "Wie wollen wir in Zukunft in Städten leben, ohne die Natur und damit unsere Lebensgrundlage weiter zu zerstören?" Das wäre mein Traum.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch mit Marco Clausen führte Annika Klügel.

*In der Charta für das Berliner Stadtgrün möchte der Berliner Senat verbindliche Zielsetzungen festhalten. Vom 14. Mai bis zum 11. Juni 2019 können alle Bürgerinnen und Bürger in einem Online-Verfahren ihre Vorschläge einbringen. In der zweiten Jahreshälfte 2019 soll die Charta beschlossen werden. 

Kommentar

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9 Kommentare

  1. 9.

    Ich wollte mich nun keineswegs gegen die Prinzessinnengärten aussprechen, nur die Frage stellen, wie der Platz zu einem Platz gemacht werden kann. Angesichts des heutigen Zustandes verdient er m. E. mehr den Namen Moritz-Verkehrskreisel. Dies als Kreuzberger Kleinausgabe des großen Ernst-Reuter-(Auto-)Verkehrskreisels in Charlottenburg.

  2. 8.

    Die kalt-kriegerische Antwort galt dem Springerhochhaus an der Mauer. Erst kürzlich zog Springer nach mit der Bebauung eines ganzen Blocks im ehemaligen Niemandsland ;) Ein Experimentierfeld für Partizipation und Stadtgrün ist für Kreuzberg mit den kleinsten Grünflächen (je Einwohner*in) dringend notwendig! Auch die besonders mangelhafte Beteiligung von Kindern und Jugendlichen kann hier schön geübt werden und gelingen. Viel Erfolg mit den vorbildlichen Verträgen für mehr Stadtgrün in unseren Zeiten, wo zunehmend Grünanlagen zubetoniert werden - besonders in Kreuzberg: Anhalter Bahnhof (Tempodrom, Museum...) Gleisdreieck Park (Häuser), Halleschen Tor (Bibliothek), ... Außerdem wird Karstadt, ursprünglich am Moritzplatz geplant, am Hermannplatz wieder aufstocken :)

  3. 7.

    Moritzplatz, kein Platz, sondern zerrissen und gezerrt von allen Seiten. 40 Jahre lang em Ende der (westlichen) Welt: Ein Rest Altbaubstand auf der einen Seite, gegenüber vglw. recht bescheidene Hochhäuser als Schaufenster gegenüber "dem Osten", bevor der entlang der Heinrich-Heine-Straße recht martialisch antwortete. Nach der Wende: die Fassung des Platzes durch das Aufbau-Haus. Innovativ, doch, mit Verlaub, "verkopft". An der vierten Seite eben die Prinzessinnengärten. "Moritzplatz" ist ein historischer Name. Ein Platz ist das nicht, nur eine vernachlässigte, rasengrün gebliebene Verkehrsinsel. Wenn sich die Spekulanten durchsetzen, wird das eine bloße Chiffre, wenn es bleibt, wie es ist, bleibt das ein nichtssagender Ort.

  4. 6.

    Schrecklich! Alles Schöne und Individuelle wird zerstört und verdrängt. Berlin wird verscherbelt und dadurch kaputt gemacht. Alles wird immer monotoner und öder. Das bricht einem alten Ur-Berliner wie mir das Herz.

  5. 5.

    Langsam aber sich kommt die Erkenntnis durch, dass mitten in einer Hauptstadt nicht ein Phantasialand dauerhaft bestehen kann. Das liegt einfach an dem Wert des Areals, der stetig steigt. Dem kann man sich nicht entziehen.

  6. 4.

    Als ich das letzte Mal dort war, wurde mir eine Brennnessel im Topf für 2,50 Euro angeboten.
    Berlin braucht Wohnraum und Arbeitsplätze für Viele und nicht Interessenvertretungen für Wenige, die à la mode geschickt alles aus dem Bereich Umwelt und Kultur für ihre Sache nutzen. Das ist weder sozial noch gerecht sondern eigennützig und engstirnig Die Welt wird dadurch keinen Deut besser oder gesünder. Der Traum ist aus!

  7. 3.

    Menschen werden hier nicht verschoben sondern durch Horror-Mieten vertrieben.

  8. 2.

    naja--Garten hin-Garten her--wennes doch ein garten wär--
    diese Holzhochbeete sehen nach meinem Empfinden von Garten hässlich aus
    das Holz fault mit der Zeit und dann fängst an zu stinken----
    Ergo : wenn die Fläche erhalten bleiben soll : Anlage eines sehenswerten GARTENs

  9. 1.

    Wünschen wir Herr Clausen viel Erfolg, bei seinem Vorhaben und mögen die Verantwortlichen des Bezirks und des Senats diesen Plan unterstützen. Vielleicht hilft eine alte Indianerweisheit:

    " Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann. "

    Allen, ein Frohe Osterfest

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