Europa, vom All aus gesehen (Quelle: NASA)
Bild: NASA

Interview | Reinhard Hüttl vom Geoforschungszentrum Potsdam - "Wir müssen den Planeten nicht retten"

Reinhard Hüttl hat am Montag "14 Minuten um die Welt zu retten". Beim neuen rbb-Format Talking Science hält der Potsdamer Wissenschaftler einen Vortrag darüber, in welcher Welt wir leben wollen und was wir bereit sind, dafür zu tun.

rbb Kulturradio: Herr Hüttl, was kann die Geowissenschaft beitragen, um das Bewahren der Welt zu fördern?

Reinhard Hüttl: Wir befassen uns mit dem System Erde, mit unserem Planeten, das ist unser Lebens- und Gestaltungsraum. Und da können wir sehen: Was ist seit Beginn der Erde so passiert? Was macht der Mensch mit der Erde? Wie wird er von der Erde beeinflusst und wie können wir das Leben auf der Erde bewahren? Insbesondere unsere Zivilisation und die Menschheit.

In was für einer Welt möchten Sie persönlich leben?

In einer möglichst guten! In der das Leben, das wir uns aufgebaut haben, mit unseren Infrastrukturen, mit unseren Technologien, aber auch mit einer möglichst intakten Umwelt, funktioniert. Ich glaube, das ist das Leben, das wir leben möchten. Natürlich auch in guten gesellschaftlichen Kontexten und in freiheitlich demokratischen Verhältnissen. All das ist ja am Ende nur möglich, wenn unser Planet es uns ermöglicht und wir den Planeten so beeinflussen, dass diese Option tatsächlich auch erhalten bleibt für uns und unsere Nachkommen. 

Ihr Leitsatz für Ihren Vortrag am kommenden Montag lautet allerdings: "Der Planet muss nicht gerettet werden". Das klingt ja nach einer steilen These. Was verbirgt sich denn dahinter?

Das ist die geologische Sicht. Die Erde an sich, die hat vor viereinhalb Milliarden Jahren angefangen zu existieren, aus Plasmodesmen heraus. Und wir haben als Menschheit vielleicht noch 900 Millionen Jahre vor uns. Die Erde wird dann noch länger da sein. Aber das ist eben die geologische Sicht. Um die Erde an sich müssen wir uns keine Sorgen machen, die wird weiter existieren. Aber die Frage ist, ob auch das Leben auf der Erde bestehen bleibt, nicht nur die Menschen, sondern auch der gesamte Artenkontext, die Biodiversität, unsere Ökosysteme. Das ist die Herausforderung, um die es geht.

Wenn wir jetzt wirklich diese Millionen, Milliarden Jahre zurückschauen in die Geowissenschaften – was lässt sich aus Ihrem Wissen sozusagen für die Zukunft transportieren? Welche Weisheiten verrät uns denn die Geowissenschaft über das, was wir machen müssten mit diesem Planeten, um ihn weiter zu bewahren?

Also einmal lernen wir, dass es immer wieder Situationen gegeben hat, in denen das Leben faktisch ausgelöscht wurde. Es hat immer wieder neu begonnen, das ist per se schon eine gute Nachricht. Aber ob dann eine Evolution zustande kommt, an deren Ende wieder ein Mensch, ein Homo sapiens, steht, ist natürlich eine ganz andere Frage.

Deswegen geht es darum, die Aspekte die wir in der Hand haben, wie Treibhausgas-Emissionen, Schadstoffausstoß, Ressourcenverbrauch und Artenverlust, nach menschlichem Ermessen anzugehen. Wichtig ist auch, das, was wir tatsächlich beitragen können -  neben den geologisch-dynamischen Prozessen, nicht nur zu gestalten, sondern auch wirklich zu leben. Das haben wir unter dem Paradigma der Nachhaltigkeit schon vereinbart: in Rio vor gut 20 Jahren, aber jetzt auch nochmal in Paris mit dem Klimaabkommen.

Das Interview führte Shelly Kupferberg für Kulturradio.

Sendung: Kulturradio, 15.04.2019, 19 Uhr

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4 Kommentare

  1. 3.

    "Der Planet muss nicht gerettet werden". Ein geradezu wunderbarer Satz, was die Allmachtsphantasien des Menschen angeht und ein Aufruf zur Demut. Und zugleich kann er wie nahezu alles missverstanden werden seitens Menschen. Menschen, die Gestaltung so verstehen, dass eine riesige Maschinerie nur weiterzulaufen brauche, ansonsten die Hände in den Schoß gelegt werden können.

    Die Erde war Jahrmillionen und -milliarden vor uns da und nichts spricht dagegen, dass sie auch Mill. und Mrd. von Jahren nach uns da sein wird. Es geht um angenehme, um zumutbare Lebensbedingungen oder eben um solche, bei der das Leben angesichts aller Schutzmaßnahmen zum unerträglichen Umstand wird: Schutz des Kopfes bis zum Geht-nicht-Mehr, Schutz von Armen und Beinen, wo wir OFFEN sein wollen, Aufgabe von angestammten Siedlungsgebieten.

    Wir sind verantwortlich für alles, was durch unseren Kopf, durch unsere Arme und Beine in die Welt gebracht wurde. Keine bloße Plecebo-Formulierung.

  2. 2.

    Wir haben das Audio des Interviews, was bei Kulturradio lief, oben eingefügt. Viel Spaß beim Hören! :)

  3. 1.

    Ich würde das Interview gerne nachhören. Wie muss ich vorgehen?

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