Mordprozess nach über 31 Jahren - Der Angeklagte Klaus R. (60) verbirgt sein Gesicht im Gerichtssaal hinter einer Spiegelfolie. (Quelle: rbb/Ulf Morling)
Video: Abendschau | 14.05.2019 | Norbert Siegmund | Bild: rbb/Ulf Morling

Prozessauftakt - Mord vor 31 Jahren: Angeklagter weist Vorwürfe zurück

Ein heute 60-Jähriger steht seit Dienstag vor dem Berliner Landgericht - er soll 1987 eine Neuköllnerin in ihrer Wohnung ermordet haben, vor den Augen ihres zweijährigen Kindes. Neue DNA-Analysen hatten auf die Spur des Verdächtigen geführt. Von Ulf Morling

Klaus R. hält sich in der Gefangenenbox im Saal 217 des Landgerichts eine Spiegelfolie vor sein Gesicht, Kameras filmen und fotografieren den 60-Jährigen. Ihm gegenüber steht der jüngste Sohn der Ermordeten. Der 34-Jährige Christoph T.* ist Nebenkläger. Er und sein älterer Bruder wollen herausfinden, was genau vor fast 32 Jahren mit ihrer Mutter geschah. Die Neuköllnerin wurde im Jahr 1987 in ihrer Wohnung ermordet.

Auch die heute 89-jährige Mutter der Getöteten ist Nebenklägerin im Prozess. Sie habe jedoch nicht die Kraft, zum Prozessauftakt am Dienstag zu erscheinen, sagt ihre Anwältin. "Es kommt alles wieder hoch", so der jüngste Sohn der Ermordeten, Christoph, vor dem Gerichtssaal. Er soll Tatzeuge gewesen sein.

Als der Mord geschah, stand in Berlin noch die Mauer. Am 18. September 1987, einem Freitag, soll Klaus R. an der Wohnungstür von Familie W. in Neukölln geklingelt haben, mutmaßlich am Vormittag. Die 30-jährige Anne T.* oder ihr zweijähriger Sohn Christoph öffneten die Tür.

R. plante, so die Ermittler, die dreifache Mutter zu berauben und zu vergewaltigen. Die 30-Jährige soll ihm die Geldbörse im Flur überreicht haben. R. soll sie dann ins Schlafzimmer auf das Bett gestoßen und ihr das Kleid hochgeschoben haben, das sie am Tattag trug. "Der Angeschuldigte sah sich jedoch plötzlich aus einem unbekannten Grund an der weiteren Tatausführung gehindert und gab daher sein Vorhaben, die Geschädigte zu vergewaltigen, schließlich auf", schreibt die Staatsanwaltschaft in der Anklage. Um aber einer Strafverfolgung zu entgehen und eine Zeugin zu beseitigen, strangulierte der Täter die 30-Jährige "vor den Augen ihres damals zweijährigen Sohnes" mit einem Damenpullover, so die Ermittler.

Um sicher zu sein, dass die junge Frau tot war, soll R. aus der Küche ein Messer geholt, mehrfach zugestochen haben und dann geflüchtet sein. Als der sechsjährige Sohn der Getöteten nach Hause kam, fand er die Leiche seiner Mutter, sein zweijähriger Bruder Christoph soll hochtraumatisiert danebengelegen haben.

Fahndungserfolg nach 31 Jahren

Die Mordkommission hatte lange erfolglos im Mordfall T. ermittelt, jahrzehntelang lagen dann die Akten im Archiv. Anne T.s Kinder waren inzwischen erwachsen und die betagte Mutter der Getöteten ging inzwischen davon aus, dass die Ermordung ihrer Tochter wohl niemals gesühnt würde. Doch knapp 30 Jahre nach der Tat wurden die Ermittlungen wieder aufgenommen.

Mithilfe neuer, verfeinerter DNA-Analyse wurden die archivierten Beweisstücke erneut untersucht. In dem Kleid, das Anne T. am Tag des Geschehens trug, soll die DNA des Angeklagten gefunden worden sein. Im Zuge anderer Ermittlungen war der genetische Fingerabdruck von Klaus R. gespeichert und jetzt erkannt worden. R. wurde am 15. November 2018 verhaftet und sitzt seitdem in Untersuchungshaft.

Angeklagter bestreitet Mord

"Ich werde mich zu der Sache nicht äußern", sagt Klaus R. zum Prozessauftakt. Seine beiden Verteidiger geben an, die Beweislage sei äußerst dürftig. Selbst wenn es sich bei der am Hauskleid des Opfers gefundenen DNA wirklich um die des Angeklagten handeln sollte, sei dessen Täterschaft noch lange nicht erwiesen. Dass das Kleid hochgeschoben wurde, müsse nichts mit einer geplanten Vergewaltigung zu tun haben. Ohnehin sei möglicherweise der Rettungssanitäter, der zum Tatort gerufen worden sei und die Vitalfunktionen des Opfers habe prüfen wollen, für das Hochschieben des Kleides verantwortlich.

"Es sind viele Gefühle, die da mit reinspielen", sagt der jüngste Sohn Christoph zum Prozessauftakt dem rbb. "Mal freut man sich, mal trauert man - alles gleichzeitig. Ich habe vieles vergessen. Ich erwarte ein gerechtes Urteil, sonst wäre ich nicht hier." Über die Mutter der Getöteten sagt Rechtsanwalt Manuel Reiger: "Meiner Mandantin geht es psychisch sehr schlecht. Sie hat das Verfahren sehr mitgenommen. Zur Urteilsverkündung wird sie aber wahrscheinlich da sein, denn die Ermordung ihrer Tochter hat sie nie losgelassen."

Neun weitere Verhandlungstage sind geplant. Am 4. Juli soll nach vorläufigen Einschätzungen das Urteil gesprochen werden.

*Namen geändert

Sendung:  Inforadio, 14.05.2019, 7 Uhr

Beitrag von Ulf Morling

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