Der Angeklagte steht am 14.03.2019 im Berliner Landgericht (Quelle: rbb/Ulf Morling)
Audio: rbb 88.8 | 28.05.2019 | Ulf Morling | Bild: rbb/Ulf Morling

Urteil im Berliner Landgericht - Zahnarzt wegen Vergewaltigung seiner Patientin verurteilt

Nach Feierabend trifft ein Berliner Zahnarzt eine Patientin, mischt K.-o.-Tropfen in ihren Cocktail und vergewaltigt sie mehrmals in einem Hotelzimmer. Gegen den Freispruch im ersten Prozess ging das Opfer in Berufung - mit Erfolg. Von Ulf Morling

Ein Zahnarzt und Kieferchirurg ist am Dienstag wegen Vergewaltigung und gefährlicher Körperverletzung vom Berliner Landgericht zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt worden. Zusätzlich muss er dem Opfer Schmerzensgeld und die Verfahrenskosten zahlen. In einem ersten Prozess war der 53-Jährige freigesprochen worden, doch sein Opfer war in Berufung gegangen.

Vergewaltigungen in Fünf-Sterne-Hotel

"Wir sind der Überzeugung, dass sich alles tatsächlich so abgespielt hat, wie Henriette E.* es hier geschildert hat", so die Vorsitzende Richterin in der Urteilsbegründung. E. war die Patientin des angeklagten Zahnarztes Rudolfo T. *(53).

Nach einer erfolgreichen Zahnbehandlung hatte die 38-Jährige sich mit einem Blumenstrauß bei T. in dessen Praxis in der City West bedanken wollen. Beide hatten sich abends zum Pizzaessen verabredet. Während des anschließenden Besuchs einer Cocktailbar habe T. der 38-Jährigen K.-o.-Tropfen in das Getränk gemischt, hieß es im Urteil. Auf diese Weise willenlos gemacht, habe der Zahnarzt sein Opfer zu einem Fünf-Sterne-Hotel in der City-West geführt, ein Zimmer gemietet und die Frau dort mehrfach vergewaltigt. Gleich zwei Straftaten habe der Angeklagte damit begangen: Durch das Verabreichen der K.-o.-Tropfen eine gefährliche Körperverletzung, außerdem eine mehrfache Vergewaltigung im Hotel.

Zu seinen Gunsten müsse gewertet werden, dass der 53-Jährige nicht vorbestraft und alkoholisch beeinflusst gewesen sei. Deshalb verhängte das Landgericht eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren. Außerdem muss Rudolfo T. 7.000 Euro Schmerzensgeld an Henriette E. zahlen, plus deren Kosten für ihre Anwältin, die sie als Nebenklägerin im Prozess vertrat.

Zunächst Freispruch wegen Falschaussage

Zunächst, direkt nach dem Geschehen im Juni 2015, hatte Henriette E. den Zahnarzt nicht angezeigt. Sie sei durch die Wirkung der K.-o.-Tropfen unsicher gewesen, was in jener Nacht geschehen sei, auch wenn der Mann plötzlich nicht mehr über Whatsapp zu erreichen war. 

Freunde hatten der Juristin geraten, eine Haarprobe zur Analyse in ein Labor zu schicken, um feststellen, ob ihr K.-o.-Tropfen bei dem Treffen verabreicht wurden. Das Ergebnis der Haarprobe war eindeutig: Wochen nach dem Rendevous mit dem Angeklagten zeigte Henriette E. ihn wegen Vergewaltigung an.

Nach langen Ermittlungen wurde der Zahnarzt Ende 2017, bereits 18 Monate nach dem Vorfall, freigesprochen. Der Grund: Eine Managerin des Hotels sagte als Zeugin falsch aus, so dass das Amtsgericht Tiergarten Zweifel hatte, ob die Tat überhaupt stattgefunden haben konnte, denn: Nach den Zeitstempeln der Hotelbar und des Auscheckens aus dem Hotel wäre niemals Zeit gewesen für den Besuch eines Hotelzimmers und die anschließende Tat.

Die Begründung des damaligen Freispruchs liest sich wie eine Entschuldigung des Richters gegenüber dem mutmaßlichen Vergewaltigungsopfer: ihre Aussage sei absolut glaubhaft und nachvollziehbar gewesen, doch er komme nicht an der Aussage der Hotelmanagerin vorbei. Selbst die Staatsanwaltschaft hatte einen Freispruch beantragt. 

Große Unsicherheit beim Opfer

"Mein Urvertrauen ist weg", sagte Henriette E. damals nach dem Freispruch des Zahnarztes und suchte sich einen neuen Anwalt. Währenddessen gab die Staatsanwaltschaft plötzlich Nachermittlungen zu dem Vergewaltigungsfall in Auftrag. Es stellte sich heraus, dass die Hotelmanagerin im ersten Prozess falsch ausgesagt hatte. Nur unwillig ließ sich die Angestellte nach mehreren Vorladungen darauf ein, noch einmal bei der Polizei auszusagen. Auch ein Barkeeper bestätigte jetzt, dass es sehr wohl sein könne, dass die Barrechnung des Angeklagten erst beim Auschecken aus dem Hotel beglichen wurde statt unmittelbar beim Verlassen der Bar.

Parallel dazu entschied sich Henriette E., gegen den Freispruch in Berufung vor das Landgericht zu ziehen. Sie wolle zwar nicht mehr an jene Nacht im Hotel erinnert werden und doch unbedingt verhindern, dass anderen Frauen ähnliches durch den Angeklagten widerfahre, sagte sie im Vorfeld und zweifelte daran, was sie tun sollte. Beratungsstellen hätten ihr bereits abgeraten, als sie die Tat 2015 habe anzeigen wollen. Trotzdem entschied sie, gegen den Freispruch ihres mutmaßlichen Peinigers gerichtlich vorzugehen.

Angeklagter beteuerte Unschuld

Während Rudolfo T. im ersten Prozess zum Tatvorwurf der mehrfachen Vergewaltigung geschwiegen hatte, sagte er diesmal vor dem Landgericht aus. Seine Ehefrau saß erstmals mit im Gerichtssaal. Sie zeigte sich von seiner Unschuld überzeugt.

In seinen Ausführungen erklärte der Angeklagte, die Patientin habe ihn am Tattag immer wieder nach seinem Verdienst als Zahnarzt und Kieferchirurg gefragt. Was am Abend geschehen sei, wisse er darüber hinaus nur in Bruchstücken, da er viel getrunken habe und das Gefühl hatte, seltsam benommen wie noch nie gewesen zu sein. Hatte E. etwa dem Zahnarzt K.-o.-Tropfen in seinen Cocktail gemischt statt umgekehrt?

Außerdem seien die 40 Whatsapp-Nachrichten gefälscht, die angeblich zwischen seiner Patientin und ihm gewechselt wurden, sagte er. "Ich bin seit 32 Jahren verheiratet und habe zwei Kinder. Ich bin kein Verbrecher." Sein Verteidiger fragte im Plädoyer: "Welches Motiv sollte ein erfolgreicher Arzt haben, eine Frau zu sexuellen Handlungen zu nötigen?"

Richterin spricht von "ganz ungewöhnlichem Fall"

Im Urteil hatte die 77. Kammer des Landgerichts keinerlei Zweifel an der Schuld des 52-Jährigen. "Das ist ein ganz ungewöhnlicher Fall", sagte die Vorsitzende Richterin. Es sei wünschenswert gewesen, wenn Henriette E. früher zur Polizei gegangen wäre. Aber auch die Polizei hätte schneller und besser ermitteln können, auch das Hotel hätte sich kooperativer verhalten können, so die Richterin. Gleichzeitig nahm sie das Opfer in Schutz: Wenn selbst Beratungsstellen ihr von einer Anzeige abgeraten hätten, sei es nur zu verständlich, dass E. erst ihre Haaranalyse abgewartet habe, bis sie zur Polizei gegangen sei.

Nach dem Urteil wirkte Henriette E. nach zuvor monatelanger Anspannung ruhiger. Trotz ihrer "grauenhaften Erfahrung" mit dem Angeklagten, wie es ihre Anwältin beschrieb, lächelte sie und sagte: "Es hat sich gelohnt, weiter zu kämpfen."

*Namen geändert

Sendung: Inforadio, 28.5.19, 18:24 Uhr

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6 Kommentare

  1. 6.

    Ich finde es auch viel zu gering. Es kann zudem jeder sagen, er wäre angetrunken. Dagegen spricht auch, dass stark betrunkene Männer zum Sex biologisch einfach nicht mehr fähig sind, das ist nichts Neues. Das ändert eh nichts an der Straftat, sowas führt erst recht dazu, dass Besoffene es als Freikarte sehen Straftaten zu begehen! Wenn man besoffen zum kriminellen Straftäter wird, dann muss man das Trinken ebend sein lassen. Wenn MANN es dann doch macht, muss er die VOLLE Verantwortung tragen. Hier in Deutschland, einem sogenannten 1. Weltland, kann ein Mann K.O. Tropfen geben (schwere Körperverletzung) und eine Frau vergewaltigen und verbringt KEINEN EINZIGEN Tag im Gefängnis. Das ist doch DIE Einladung an alle Vergewaltiger! Kein Wunder, dass Frauen und Kinder wie der letzte Dreck behandelt und angesehen werden, bei so einem UNrechtssystem! Was soll das bitte für ein Signal senden? Eine abschreckende Wirkung hat es ganz sicher nicht. Sowas lehrt wohl kaum jemanden, mehr Respekt!

  2. 5.

    Wo steht geschrieben, dass Straftaten unter Alkoholeinfluss im Strafmaß schuldmindernd beurteilt werden müssen? - Zum Alkoholrausch käme dann noch das motivierende Erfolgserlebnis der gelungenen Tatausübung! Dieser Logik vermag ich nicht zu folgen.

  3. 4.

    Guten Tag, ich war bei den Prozessen im Gerichtssaal. Da der Zahnarzt die Taten bestritt, räumte er auch nicht ein, K.O.-Tropfen bei sich gehabt zu haben. Insofern erübrigt sich die an ihn gestellte Frage, warum er diese bei sich hatte. Es ist nicht strafbar, K.O.-Tropfen zu besitzen, wenn sie nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fallen bzw. bei einer Straftat verwendet werden. Zu ergänzen ist, dass Straftaten unter Alkoholeinfluss im Strafmaß meist schuldmindernd beurteilt werden. Das ist gesetzlich vorgeschrieben und entspringt nicht dem Gutdünken eines Richters. Im hiesigen Fall wurde zudem strafmildernd gewertet, dass die verurteilten Taten knapp vier Jahre zurück liegen und die lange Dauer zwischen Tat und Urteil nicht der Angeklagte verschuldet hat. Kurz und knapp: Je langsamer die Berliner Strafjustiz arbeitet ( vor allem aufgrund der seit Jahren fehlenden Staatsanwälte und Richter), umso milder müssen Täter bestraft werden, auch das ist gesetzlich so geregelt. Beste Grüße

  4. 3.

    Was berechtigt sie dazu, das Urteil von 2 Jahren auf Bewährung als „kein Urteil“ zu verunglimpfen? Waren Sie an allen Prozesstagen im Saal? Haben Sie das mündliche Urteil gehört? Oder gehören Sie nur zu denjenigen, die stets den obersten möglichen Strafrahmen bei einer Straftat für akzeptabel halten?

  5. 2.

    "Zu seinen Gunsten müsse gewertet werden, dass der 53-Jährige [...] alkoholisch beeinflusst gewesen sei"
    Bitte was? Die Entscheidung k.o.-Tropfen überhaupt mitzunehmen, hat er sicherlich nicht besoffen gefällt. Wer zu einem Pizza-Essen k.o.-tropfen mitbringt, wird bereits einen Vorsatz haben. Die Strafe mMn ist viel zu gering.

    an den RBB: Waren Sie mit einem Gerichtsreporter vor Ort? Wurde erfragt warum der Zahnarzt überhaupt k.o.-Tropfen dabei hatte?

  6. 1.

    "Bewährungsstrafe von zwei Jahren" also praktisch keine strafe. na dann gute nacht.

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