Besser geht immer - Moderatorin: Astrid Frohloff, Foto: Steph Ketelhut
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Video: rbb-Fernsehen: "Besser geht immer" | 13.05.2019 | Bild: rbb/Steph Ketelhut

Neue Reportagereihe im rbb-Fernsehen - "Ich zeige, was andere besser machen als wir in Berlin"

Warum läuft die Verwaltung in Wien viel reibungsloser als die in Berlin? Was kann Berlin sich da abschauen? Im rbb-Fernsehen startet am Montag eine Reportagereihe, die genau solchen Fragen nachgeht. Wir haben mit der Reporterin Astrid Frohloff gesprochen.

Mit der neuen Reportagereihe "Besser geht immer" begibt sich Astrid Frohloff am Montag, 13. Mai, 21 Uhr erstmals im rbb Fernsehen auf Reisen, um kleine und große Erfolgsgeschichten zu finden. Im Sinne eines "konstruktiven Journalismus" spürt die Journalistin in dem gemeinsam mit der Regisseurin und Produzentin Gesine Enwaldt für den rbb entwickelten Format neue Wege, kluge Köpfe und überraschende Ideen auf. rbb|24 hat mit ihr gesprochen.

rbb|24: Frau Frohloff, Sie treffen am Montag kreative Bürokraten. Das klingt wie ein Widerspruch in sich. Wie dürfen wir uns das vorstellen?

Astrid Frohloff: Tatsächlich gehört diese Sorte Bürokraten bei uns eher zu den selteneren Exemplaren. Wer in Berlin mit Ämtern zu tun hat, braucht vor allem eins: Humor. Das liegt aber weniger an den Mitarbeitern der Verwaltungen, sondern an den Umständen: 20 Jahre Investitionsstau auf den Berliner Ämtern, große Personalnot, Kompetenzgerangel zwischen den Ämtern. Das hat uns international total ins Hintertreffen gebracht. Was moderne, digitale Verwaltung angeht, liegt Deutschland im europäischen Vergleich nur auf Platz 21 von 28, steht auf einer Stufe mit Slowakei und Bulgarien. Dabei sind wir wohlgemerkt die stärkste Wirtschaftsmacht der EU.

Interessanterweise haben es andere Länder sehr gut hinbekommen, Kreativität und Bürokratie zusammenzubringen. Wie das aussieht, was andere besser machen als wir, was wir uns vielleicht abgucken können, - das zeige ich auf meinen Reisen.

Sie haben ja in Europa nach Vorbildern für eine innovative und bürgerfreundliche Verwaltung gesucht. Was haben Sie herausgefunden, wo sind Sie fündig geworden?

Wien ist ein Vorzeigebeispiel dafür, wie eine moderne, serviceorientierte Verwaltung ihren Bürgern den Alltag vereinfacht. Die Wiener sind richtig zufrieden mit ihren Behörden, haben gar nicht verstanden, was ich mit "Problemen auf Ämtern" meinte, als ich eine Umfrage machte. Die ganze Stadt ist durchdigitalisiert, auch die Behörden. Noch krasser war der Gegensatz in Barcelona. Da sind echte Pioniere am Werk. Die Verwaltung hat dort ein radikales Gesellschafts-Experiment gestartet. Alle Macht dem Volk!

Besser geht immer - Astrid Frohloff häkelt sich ihr eigenes Rotes Rathaus, Foto: Fabian Meyer
Astrid Frohloff häkelt sich ihr eigenes Rotes RathausBild: rbb/Fabian Meyer

Können Sie Beispiele geben, was und wo in Wien oder Barcelona besser funktioniert als bei uns?

In Wien sind die Behörden, anders als bei uns, elektronisch alle miteinander vernetzt. Die Ämter tauschen digital Dokumente aus, lästige Amtsgänge sind kaum noch nötig. Die Wiener können über 300 Behördendienste komplett online erledigen - ob Alterspension, Pflegegeld oder Kinderbetreuungsgeld. In Berlin haben wir ganze drei gefunden, bei denen das in dieser Form möglich ist.

Die Wiener Verwaltung denkt außerdem in die Zukunft. Ich hatte einen sehr inspirierenden Besuch bei der Strategieabteilung für Innovation, wo ständig neue digitale Service-Angebote für die Wiener ausgetüftelt werden. Stark genutzt wird von den Wienern zum Beispiel eine Handy-App, mit der man Verschmutzungen, Ampelausfall, Vandalismus oder sonstige Schäden melden kann. Die werden umgehend beseitigt mit einer sagenhaften Erledigungsquote: 99,7 Prozent. Zum Neidischwerden.

In Barcelona ist man noch einen Schritt weiter. Dort hat die Verwaltung digitale Plattformen entwickelt, mit deren Hilfe die Bürger politisch direkt mitbestimmen. Entscheidungen soll nicht mehr die Stadt treffen, sondern die Bürger selbst. 70 Prozent von dem, was die Stadt künftig umsetzen will, basiert inzwischen schon auf Vorschlägen der Bürger. Da lebt die Parole: Power to the People!

Besser geht immer - Astrid Frohloff mit Robin Heilig, Leiter Digitale Innovation, im Co-Working-Space der Stadtverwaltung Wien, Foto: Fabian Meyer
Asdtrid Frohloff trifft Robin Heilig, Leiter Digital Innovation, im Co-Working-Space der Stadtverwaltung Wien.Bild: rbb/Fabian Meyer

Was könnten sich die Bürgerämter Berlins davon abgucken?

Eine ganze Menge. Erstens: Es braucht an der Spitze der Verwaltung Menschen, die einen klaren politischen Willen haben, starre eingefahrene Strukturen in den Apparaten zu ändern. Mutige Köpfe, die sich nicht scheuen, mit dem Gewohnten zu brechen. Solche Menschen sind es jedenfalls, die in Wien und Barcelona Veränderungen bewirkt haben.

Zweitens: Die Digitalisierung muss schneller vorangetrieben werden. Berlins Ämter leben da hinterm Mond, arbeiten immer noch mit zig unterschiedlichen Softwares, die nicht kompatibel sind.

Drittens: Die Berliner Verwaltung muss sich als Arbeitgeber attraktiver machen, um neue Mitarbeiter zu finden. In den nächsten sechs Jahren müssen rund 30.000 Stellen neu besetzt werden.

Und Viertens kann man sich in Wien und Barcelona abgucken, wie man einen Kulturwandel in den Behörden hinbekommt, einen Mentalitätswechsel, mit dem die Bürger nicht länger als Bittsteller betrachtet werden.

In Berlin gibt es nur zwei Bürgerämter, in denen man noch ohne Termin sein Anliegen vorbringen kann. Das sind die Ämter in Neukölln und Zehlendorf. Bild: imago images/Olaf Wagner
Tristesse in Berliner Bürgerämtern trifft auf frische Innovation in Wien und Barcelona.Bild: imago images/Olaf Wagner

Das neue Reportageformat steht unter dem Motto "Konstruktiver Journalismus". Was bedeutet das und was wollen Sie damit erreichen?

Ich fürchte, dass die Menschen sich von den Medien immer mehr abwenden, wenn die nur als Aufregungsmaschine funktionieren. Das zeigen uns auch Untersuchungen. Wir Medienmacher sind ja sehr konzentriert auf das, was nicht klappt, schiefgeht, nach Skandal riecht. Dabei gibt es unendlich viel, das richtig gut - sogar beispielhaft - läuft.

Viele Menschen arbeiten Tag für Tag an kreativen, beeindruckenden Lösungen für Probleme. Auch diese Seite der Realität gehört zum Qualitätsjournalismus – das ist mir nach vielen Jahren im investigativen- und Nachrichtenjournalismus klar geworden. Ich denke, dass Fernsehsender den Zuschauern auch solche konstruktiven Angebote machen sollten. Mit einem eigenständigen Format wie "Besser geht immer!" liegt der rbb damit ziemlich weit vorne.

Kommentar

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14 Kommentare

  1. 14.

    Zum Teil des Berichtes über digitale Bürgerbeteiligungen in Barcelona sei hier noch der Link zur Partizipationsplattform in Berlin nachgetragen: https://mein.berlin.de/

    Auch hier hätte ich mir gewünscht, dass der ansonsten gute Bericht etwas mehr Augenmerk auf die Digitalisierungsprojekte der Berliner Verwaltung legt, die schon seit Jahren existieren. Vielleicht hätten die mit der Digitalisierung und der Verwaltungsreform betrauten Staatssekretäre in Senatskanzlei und Senatsinnenverwaltung hierzu einige gute Informationen geben können. Oder wurde dort gar nicht recherchiert?

  2. 13.

    Als kurze Ergänzung zu der App in Wien, über die Bürger Vorfälle melden können, die dann von den zuständigen Stellen bearbeitet werden.

    Das "rückständige" Berlin verfügt schon seit Jahren über solch ein System, das über das Internet https://ordnungsamt.berlin.de/frontend/dynamic/#!start und natürlich auch per App https://www.berlin.de/ordnungsamt-online/mobile-app/ nutzbar ist.

  3. 12.

    Abseits der Frage, ob derartig positive Tendenzen allein an der Digitalisierung liegen oder nicht, bin ich jedenfalls beeindruckt. Negative Meldungen verschleißen sich und stumpfen ab und müssen darum in ihrem Effekthaschenden stetig überboten werden. Irgendwann ist dann das Ende der Fahnenstange erreicht.

    Positive Beispiele im Sinne von "best practice", einer bestmöglichen Praxis, die bürgernah und nicht bürger-abweisend ist, ermuntern zum Zuhören und eben nicht nur abgehetzten Vorbeigleiten und billigem Aufschnappen. Nicht nur den Berliner Ämtern, im Grunde genommen allen deutschen Ämtern fehlt Ermessen. Fehlt das Einräumen von Spielräumen. Immer noch endet die eigene Kompetenz an der Schreibtischkante.

    Dass es anders geht: Wunderbar. Und mehr davon. Dann gibt es - hoffentlich - auch eine konstruktive Rückwirkung.

  4. 11.

    Die digitale Welt ist zwar schön, aber in Deutschland möchte niemand den gläsernen Bürger. Der Personalausweis sollte ja schon mal mit einer digitalen Signatur verknüpft werden. Hat kaum einer gewollt. Wir sind nicht bereit, unsere individuellen Daten einfach so preis zu geben. Möglich wäre alles. Technische Lösungen wären auch vorhanden. Das ist ein viel tieferliegendes Problem als nur die reine Serviceleistung durch den Staat.

  5. 10.

    In der Tat, vielfach endet ein bereits jetzt möglicher Datenabgleich und die Zusammenarbeit an datenschutzrechtlichen Vorgaben. Gehen andere Länder damit anders um? Die Gründe, warum es woanders besser läuft, sollten auch hinterfragt werden.

  6. 9.

    Ist immer gut über den Tellerrand zu schauen und Berlin hat es nötig. Schauen wir auch mal nach Madrid. Längst sind die Zeiten vorbei, als Madrid wegen seiner hohen Zahl von Unfällen im Stadtgebiet negative Schlagzeilen machte. Noch zu Beginn des neuen Jahrtausends hatte Spanien unter allen Ländern der damaligen Europäischen Union die erschreckendsten Unfallstatistiken. Doch ein rigoroses und konsequent durchgeführtes Programm schlug an: Die Verkehrsströme werden in den Städten über die Ampelschaltungen nun so gelenkt, dass Rasen praktisch unmöglich ist. Flächendeckend wurden Radarfallen installiert, die Strafen für überhöhte Geschwindigkeit sind drastisch, ebenso wie für das Missachten von Fußgängern am Zebrastreifen.

  7. 8.

    Ich lese hier nichts von Datenschutz und Datenschutzverstößen!

  8. 7.

    "Ich fürchte, dass die Menschen sich von den Medien immer mehr abwenden, wenn die nur als Aufregungsmaschine funktionieren".

    Ja, so ist es, geht mir genauso. Aber auch dieses Format bedient nichts anderes. Letztlich wird sich auch hier auf den Mangel konzentriert und die Empörungskultur bedient, da es woanders doch so viel besser scheint (erste Kommentare weisen schon darauf hin).
    Ich habe selbst lange im öffentlichen Dienst gearbeitet. Die Umstände haben vor allem auch mit der deutschen Bevölkerung zu tun, die sehr auf Absicherung fixiert ist. Ein kürzlich gelesener Satz wie "Hochzeitskonvoi ist kein freudiges Ereignis sonder ein Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung" könnte typischer nicht sein. Dementsprechend ist das bürokratische System verkrustet und unflexibel, und zieht zudem entprechende Menschentypen an, die in diesem System arbeiten können und die Verkrustung nachhaltig festigen.
    Wer Veränderungen möchte sollte selbst seine Einstellungen überprüfen.

  9. 6.

    Konstruktive Kritik gepaart mit Lösungsvorschlägen und Beispielen aus Städten, in denen Dinge besser laufen. Eine gute Sache. Egal aus welcher Partei, Politiker müssten sich dem stellen und zum Wohle der Stadt und uns Bürgern daraus lernen und handeln. Solange aber alle weiterhin nur aufeinander rumhacken und Arroganz und Selbstüberschätzung nicht aufhören, sowie Wahlversprechungen, die wie immer nicht haltbar sind, gemacht werden, wird daraus wohl nichts werden. Und Berlin kiekt weiter inne Röhre...

  10. 4.

    Sehr gute Idee. Nur weiter so.
    Da fällt mir Amsterdam als Velometropole ein.
    Kleiner Hinweis an der rbb: Frau Frohloff sitzt auf dem einen Foto vor dem Berliner Roten Rathaus.

  11. 3.

    Ich hab den Eindruck, Fortschritt ist in Berlin gar nicht gewollt. Besser den Verwaltungsapparat weiter aufblähen....tja, warum weiss ich auch nicht :-((

  12. 2.

    Es bringt aber nichts sich überall auf der Welt das Tolle herauszusuchen, wenn in Berlin z.B. nicht im Ansatz die Infrastruktur vorhanden ist, und auch Städte aus Historie nicht vergleichbar sind. Man kann nicht die Vorteile Skandinaviens auf Berlin übertragen, Berlin ist zu voll und durch Häuser zugepflastert. Die E-gov Tatsache in Estland scheitert hier schon an Behörden/Beamten und fehlendem Netz... und noch viel mehr.

  13. 1.

    Eine sehr gute Idee vom rbb. Legen sie den Finger in die Wunde und zeigen sie den Behörden und Verantwortlichen der Stadt wie weit andere Städte Berlin voraus sind. Nur mit Hilfe der Presse können Verbesserungen für die Bürger vorankommen. Danke!

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