Außenansicht der Ernst-Moritz-Arndt Kirche in Berlin-Zehlendorf (Quelle: Tagesspiegel/Thilo Rückeis)
Bild: Tagesspiegel

Ernst-Moritz-Arndt-Kirche in Zehlendorf - Berliner Kirchengemeinde legt Namen von Antisemiten ab

Als Judenfeind war er bei den Nationalsozialisten beliebt. Durch seine von Hass und Antisemitimus getragenen Texte galt der Schriftsteller Ernst Moritz Arndt als Vordenker. Weiter seinen Namen zu tragen, kommt für eine Berliner Kirche nicht mehr in Frage.

Die Evangelische Ernst Moritz Arndt Kirchengemeinde in Berlin hat ihre Umbenennung beschlossen. Die Gemeinde im Südwesten der Bundeshauptstadt wird künftig nicht mehr nach dem Schriftsteller und Historiker Ernst Moritz Arndt (1769-1860) heißen. Das beschloss der Gemeindekirchenrat am Montagabend mit sechs zu vier Stimmen, wie die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) am Dienstag in Berlin mitteilte.

Ausschlaggebend war laut Landeskirche die Tatsache, "dass Arndt bei allen sonstigen Verdiensten wegen seiner militant-nationalistischen und judenfeindlichen Äußerungen als Vorbild und Namenspatron einer christlichen Gemeinde ungeeignet ist".

Dröge: Gutes Beispiel für kirchliche Entscheidungskultur

Der Beschluss zur Umbenennung der Kirchengemeinde betrifft den Angaben zufolge auch die zugehörige Kirche. Die Suche nach einem neuen Namen soll laut dem Beschluss "unter größtmöglicher Beteiligung der Gemeinde stattfinden".

Der Berliner Landesbischof Markus Dröge begrüßte die Entscheidung, "die die Gemeinde nach einem intensiven und ernsthaften Prozess der Auseinandersetzung mit der Geschichte und Tradition ihrer Namensgebung nun getroffen hat". Die Gemeinde habe angesichts der vielschichtigen Fragestellung einen vorbildlich offenen und fairen Diskussionsprozess geführt, Verantwortungsbewusstsein gezeigt und ein gutes Beispiel für eine angemessene kirchliche Entscheidungskultur gegeben, erklärte der Bischof.

Name war unter Druck der Nationalsozialisten gewählt worden

Ernst Moritz Arndt war als Namenspatron zuletzt wieder verstärkt in die Diskussion geraten. Anfang 2017 entschied die Universität Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern, seinen Namen abzulegen. An der Universität hatte Arndt eine Professur inne. In der Stadt wird derzeit, im Jahr des 250. Geburtstag Arndts, jedoch wieder über die Ehrung des Schriftstellers debattiert. Auf Betreiben der CDU soll die Errichtung eines Denkmals geprüft werden. Im Vorfeld der Kommunalwahlen wirbt die CDU MV in Greifswald aktuell zudem mit dem Slogan "Wir sind Arndt".

Arndt hatte Anfang des 19. Jahrhunderts in Schriften gegen die Besatzung Deutschlands durch Napoleon gekämpft. Kritiker verweisen darauf, dass er damit eine Art Volkshass auf die Franzosen schürte. Zudem steht das nationalistische Gedankengut Arndts und die antisemitischen Tendenzen in der Kritik.

Die Berliner Kirchengemeinde hatte sich den Angaben zufolge 1935 nach Arndt benannt. Dies sei unter dem Druck der Nationalsozialisten geschehen, die das Christentum zu jener Zeit durch ein sogenanntes Neuheidentum hätten ablösen wollen, sagte der Superintendent des Kirchenkreises Teltow-Zehlendorf, Johannes Krug, dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Es handelte sich bei der Namensgebung aus der Sicht des Historikers und Kirchenratmitglieds Michael Häusler weniger um ein Einknicken als vielmehr um einen "Akt der Selbstbehauptung" gegen den Nationalsozialismus. Dieser behauptete, dass ein guter Deutscher kein Christ sein könne. Arndt als Namenspatron war gewissermaßen die Gegenthese, war er doch als Judenfeind bei den Nazis beliebt, jedoch auch überzeugter evangelischer Christ gewesen.

Heute sei jedoch die Benennung einer Kirche und einer Gemeinde nach Arndt indes "kaum noch vermittelbar", erklärte die Landeskirche.

Sendung: Abendschau, 07.05.2019, 19.30 Uhr

Kommentar

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17 Kommentare

  1. 17.

    Und war E. M. Arndt dann auch später im Widerstand, oder wo ist der Bezug zu Sophie Scholl?

  2. 16.

    Dahlem ist aber nur die halbe Gemeinde, oder Wahrheit. EMA kann als Name ruhig bleiben, niemand sagt Ernst Moritz Arndt.. oder Onkel Tom?

  3. 15.

    In Zeiten, wo der neue Kapitän(Florian Silbereisen) des ZDF-Traumschiff es den Namen eines berüchtigten WK2 U-Bootkommandanten trägt, ist für mich die gespielte Empörung nur Schaumschlägerei. Die evangelische Kirche ist über die antisemitischen Umtriebe eines ihrer Namensgeber empört - aber über Luther nicht. Wie verlogen!
    Ich bin vor Jahren ausgetreten, Andere sollten es mir Gleich tun.

  4. 14.

    Folgerichtig muss nun auch die evangelische Kirche den Namen Martin Luther überall streichen.

  5. 13.

    Am einfachsten wäre Kirchengemeinde Dahlem. Nach Personen sollte lieber nichts mehr benannt werden. Wir können unserer Vergangenheit nicht tilgen, versuchen aber, nachträglich alles zu bereinigen. Dabei gehen wir immer von der Gegenwart aus. Wer weiß, wie in 100 Jahren jemand über Namen denkt, die wir heute wählen?

  6. 12.

    Es ist beruhigend zu wissen, dass es sich bei der Evangelischen Kirche um eine stetig schrumpfende Gruppierung handelt. Ich freue mich aber darauf, wenn sie sich auch klar und entschieden von dem Antisemiten Martin Luther distanzieren wird, auf den sich die Nazis gern berufen haben, und den Namen dieser Unperson überall tilgen wird.

    Ach, und übrigens, kleiner Tip fürs Fontane-Jahr, an dem sich auch der RBB so begeistert beteiligt: Recherchieren Sie doch mal dessen Verhältnis zu einer gewissen Minderheit und deren Darstellung in seinen Büchern.

  7. 11.

    "Wer von Euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein ..."

    ... das ist gewiss etwas anderes als das besungene "Wir sind alle kleine Sünderlein", denn anders ginge es ja angeblich garnicht.

    Einstein, der zu recht Verehrte, war sträflich vernachlässigend, was seine Familie und seine Nachkommen anging. Als Vorbild, wie in der Physik, schied er da vollkommen aus. Eher wäre es als Antibild geeignet gewesen, wie es nicht zu machen wäre.

    Ist das ein Grund, ihn nicht für seine physikalischen Errungenschaften zu ehren?
    Ich denke, der Unterschied liegt in der Hochstellung, im Heraufschauen zu ihm als Mensch an sich. Auch wenn das mitunter eine Gratwanderung ist, dies Beides auseinanderzuhalten.

    Eine leichte Lösung wird und kann es nicht geben. Ist der Film "Panzerkreuzer Potemkin" ein antisemitischer, weil im Film neben der Sequenz "Tod den Unterdrückern!" auch die Sequenz "Nieder mit den Juden!" vorhanden ist und dort fratzenhaft ein Jude sein Herrschaftsgestus zeigt?



  8. 9.

    Es wird für die Gemeinde sehr schwierig werden den richtigen Namen zu finden. Schließlich muss er nicht antisemitisch sein (fallen unter heutigen Gesichtspunkten fast alle Personen weg) und er muss gendergerecht, nicht sexistisch und sollte einen umweltbewussten und weltoffenen Bezug haben. Ich schlage vor "Gemeinde" oder "1234" da dürfte man auch nach 3 Bundestagswahl noch keine Probleme haben und kleiner Tipp: Schilder und Stempel aufheben - sicher ist sicher. Ich wünsche bei der Namensgebung eine glückliche Hand, aber wer alles ganz korrekt haben will muss da jetz durch. Klingt zwar spitz aber ich empfinde dies leider so als Realität.

  9. 7.

    Es wird arm in unserer Gesellschaft, dank einer Art des Denkens mit dem Drahtbesen. "Es wird immer was zu finden geben." Was wird übrig bleiben nach der Bereinigung? Wie dürfen wir uns dann fühlen im Nichts?

  10. 6.

    Luther hat ein ganz Guter.
    Hat sich nicht zum 500. Jahrestag die gesamte Politprominenz mit ihm geschmückt.
    Selbst Obama wurde vor den Karren gespannt.

  11. 5.

    Hm, finde ich nicht gut. Was ist mit dem Arndt-Gymnasium? Man kann es auch übertreiben mit dem Umbenennen.

  12. 4.

    Leider auch völlig ungeeignet: Offizier und U-Boot-Kommandant im 1. Weltkrieg sowie Bataillonsführer in einem rechtsextremen Freikorps 1920... Hätten auch die Grünen in XBerg/ Fhain etwas dagegen: dort sollen ja alle Namen mit Militärbezug aus dem Stadtbild verschwinden...
    Anscheinend sind heutzutage nur "glatte" Biographien gefragt, weniger die mit "Brüchen"...
    Achso: Sophie Scholl war beim BDM und überzeugte Nationalsozialistin! Das entwertet aber keinesfalls ihre spätere Widerstandsleistung!!!

  13. 3.

    Da "man" sich (noch) nicht an Antisemiten wie Martin Luther ("Von den Juden und ihren Lügen") und Richard Wagner heranwagt ("Das Judenthum in der Musik"), muss erst einmal die weniger populäre zweite "Garnitur" (Beuth, Arndt) abgearbeitet werden!! Sehr inkonsequent!
    Gibt es eigentlich noch den Hindenburgdamm in Berlin??

  14. 2.

    .... was wird dann mit Luther?

  15. 1.

    Wie wäre es denn mit Martin Niemöller als Namensgeber.

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