Nacktmullforschung, Max-Delbrück-Centrum für molekulare Medizin in Buch, Berlin. (Quelle: Roland Gockel)
Bild: Roland Gockel

Ernst Jung-Preis für Gary Lewin - Forschung an Nacktmullen gegen den Schmerz

Der Neurobiologe Gary Lewin forscht in Berlin zum Thema Schmerzempfinden - jetzt bekommt er einen der wichtigsten Wissenschaftspreise Europas. Dass er jedoch Nacktmulle für seine Experimente nutzt, brachte ihm auch schon Kritik ein. Von Marcus Latton

Umstrittene Experimente mit Nacktmullen im Kampf gegen den Schmerz: Der mit 300.000 Euro dotierte Ernst Jung-Preis für Medizin geht in diesem Jahr an Professor Gary R. Lewin, Neurobiologe am Berliner Max-Delbrück-Centrum (MDC). Das Preisgeld teilt er sich mit der Biochemikerin Brenda S. Schulman vom Max-Planck-Institut, die zu Ubiquitin-Molekülen forscht. Die Auszeichnung gilt als eine der am höchsten dotierten in Europa.

Lewin wurde 1965 auf der Isle of Man geboren und forscht seit 1996 am Max-Delbrück-Zentrum in Berlin. Er erhält den Preis laut der Jung-Gesellschaft für seine Grundlagenforschung zum Tastsinn und zum Schmerzempfinden: "Die Forschung von Professor Lewin könnte dazu beitragen, neue Therapien zu entwickeln, um chronische Schmerzpatienten zu behandeln", teilte die Stiftung mit.

Prof. Dr. Gary Lewin am 20.05.2019, Max-Delbrueck-Centrum für Molekulare Medizin. (Quelle: Pablo Castagnola)
Der Neurobiologe Gary LewinBild: Pablo Castagnola

Neue Rezepte gegen neuropathische Schmerzen

Lewin entschlüsselte in den 1990er-Jahren, welche biochemische Rolle das Protein NGF bei Verletzungen und Entzündungen spielt. Im Labor gelang es Gary Lewin, Antikörper gegen NGF zu entwickeln, der den Entzündungsschmerz bei Mäusen hemmt. Auf Basis dieser Forschung wird gerade ein neues Schmerzmittel gegen Arthrose entwickelt.

Wer nach einer Nervenerkrankung oder Diabetes selbst kleine Berührungen als stechende Qual wahrnimmt, leidet an sogenannten neuropathischen Schmerzen. Auch in diesem Bereich gelang es Gary Lewin und seinem Team, neue Erkenntnisse gewinnen: STOML3 heißt das Protein, das den Ionenkanal der Zellen und damit den Reizfluss steuert. Die Forscher haben ein Molekül gefunden, das STOML3 hemmt und eine lokale Betäubung herbeiführen kann. Auf der Grundlage dieser Forschungen soll jetzt ein spezielles Schmerzmedikament entwickelt werden.

Experimente mit Nacktmullen

"Wir haben bisher nur die Spitze des Eisbergs entdeckt", sagte Gary Lewin rbb|24. Er wolle weiter am MDC Grundlagenforschung zum Tastsinn betreiben, um Patienten mit extremen Schmerzen in Zukunft neue Therapiemöglichkeiten bieten zu können. Dabei behilflich sind ihm Versuche mit Nacktmullen.

Diese fast haarlosen Nagetiere leben normalerweise in afrikanischen Halbwüsten und sind für die Forschung deshalb so interessant, weil sie in der Lage sind, ihr Schmerzempfinden auszuknipsen und auch sonst als extrem anpassungsfähig gelten.

Zum Beispiel kommen sie bis zu 18 Minuten ohne Sauerstoff aus. Lewins Forschungskollegen Kollegen in Chicago haben das festgestellt: Als sie den Tieren Sauerstoff entzogen konnten sie beobachteten, dass die Tiere in eine Art Winterschlaf fallen, aus dem sie ohne Schaden wieder erwachen. Lewin und sein Team fanden den Mechanismus heraus, der den Tieren das Überleben ermöglicht: Die Nacktmulle können ihren Stoffwechsel von Sauerstoff auf Fruchtzucker umstellen. Diese Erkenntnisse dienen etwa der Raumfahrt und der Behandlung von Herzinfarkt- oder Schlaganfallpatienten. 

Lewin: Für Schmerzforschung wird nur Blut entnommen

Bei seinen Forschungen zum Schmerzempfinden mache er keine derartigen Experimente, sagte Lewin rbb|24. Er und sein Team entnähmen den Mullen lediglich Blut, um Erkenntnisse über genetische Besonderheiten und das Vorhandensein spezieller Proteine zu gewinnen. Auf diese Weise soll erforscht werden, warum die Tiere so schmerzunempfindlich sind – um auf dieser Grundlage neue Schmerzmedikamente für den Menschen zu entwickeln.

Bald zieht Lewin in ein neues Labor um, das Platz für knapp tausend Tiere bietet. "Wir machen Tierversuche nicht zum Spaß, sondern um der Menschheit zu helfen", sagt der Forscher. In der Verleihung des Ernst Jung-Preises sieht er eine Bestätigung seiner Arbeit.

Beitrag von Marcus Latton

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4 Kommentare

  1. 4.

    "Es gibt KEINEN nachvollziehbaren Grund oder Anlass für Tierversuche!!!"
    Tierversuche sind eine ethische Herausforderung, aber die obige Aussage ist Unsinn.
    Sie gehört zu den typischen Internet-Mythen, zusammen mit Unsinn wie "Die Erde ist flach", "Impfen verursacht Autismus" und "Der Mensch trägt nicht zum Klimawandel bei".
    Praktisch alle modernen medizinischen Verfahren wurden unter Beteiligung von Tierversuchen entwickelt. Die gesamten Grundlagen der modernen Medizin und Biologie beruhen auch aus Wissen aus Tierversuchen.
    Mehr dazu bei www.tierversuche-verstehen.de

  2. 3.

    Bravo. Solcherlei Forscher sollten sich bitte nur noch gegenseitig experimentell belästigen, einander Blut entnehmen oder gerne auch das individuelle Schmerzempfinden testen. Und dafür dann die Tiere in Ruhe lassen.

  3. 1.

    Es gibt KEINEN nachvollziehbaren Grund oder Anlass für Tierversuche!!!
    Jeder, der mit oder an Tieren experimentiert, sollte sich schämen, vor allem, wenn Lebewesen dadurch geschädigt werden.
    Wie empathie- und herzlos muss man eigentlich sein, Tieren Leid zuzufügen, um irgendwelche fixen Ideen auszuprobieren? Wenn das Wünschen wieder hilft: Mit den Experimentierenden sollte das Gleiche geschehen!

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