Symbolbild - Eine Frau hält in Berlin ein Kind an der Hand (Bild: dpa/Silvia Marks)
Audio: rbb|24 | 01.05.2019 | O-Ton Angelika Nitzsche | Bild: dpa/Silvia Marks

Interview | Pflegekinder in Berlin - "Wir suchen Eltern für die Kinder, nicht umgedreht"

Die Zahl der Pflegekinder in Berlin steigt, genügend Pflegeeltern gibt es jedoch nicht. Angelika Nitzsche arbeitet an einer Beratungsstelle für Vollzeitpflege. Sie sagt, dieser Missstand ist hausgemacht - denn ein Pflegekind muss man sich auch leisten können.

rbb|24: Frau Nitzsche, wie finden Sie die richtigen Eltern für Pflegekinder?

Angelika Nitzsche: Menschen, die sich für das Thema interessieren, besuchen bei uns einen Infoabend oder ein ganztägiges Seminar und können dann auch persönliche Gespräche mit uns führen. Damit erhalten sie so viele Informationen, dass sie ein gutes Gefühl dafür haben, was auf sie zukommt, wenn sie mit einem Pflegekind zusammenleben. Sie können dann entscheiden, ob sie in diese Gespräche einsteigen und sich prüfen lassen wollen und ob sie als Pflegeeltern infrage kommen.  

Was haben diese potenziellen Pflegeeltern denn für Beweggründe?

Wir haben viele Interessierte, die kinderlos sind und für die Adoption nicht mehr in Frage kommt. Dann ist manchmal die Aufnahme eines Pflegekindes die letzte Chance, um eine Familie zu gründen. Wir haben aber auch Menschen die alleinstehend sind und überlegen, über die Aufnahme eines Pflegekinder eine Familie zu gründen.

Zudem wir haben viele Personen, die bereits eine Familie haben und diese erweitern wollen. Und wir haben natürlich auch gleichgeschlechtliche Paare. Die Motivationen, ein Pflegekind aufzunehmen, sind sehr verschieden - und dementsprechend unterschiedlich sind dann auch die Pflegefamilien, mit denen wir zu tun haben.

Sind Pflegekinder nicht eher was für Erziehungs-Profis?

Nein, das glaube ich nicht, Pflegekind ist ja nicht gleich Pflegekind. Sie sind sehr unterschiedlich und haben sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Grundsätzlich haben Pflegekinder natürlich schwierige Startbedingungen. Nicht ohne Grund können sie nicht länger in ihrer eigenen Familie leben und werden in einer Pflegefamilie untergebracht.

Sie bringen Päckchen mit, mit denen die Pflegeeltern klarkommen müssen. Aber diese Päckchen haben sehr unterschiedliche Formate. Es gibt natürlich auch Pflegekinder, bei denen die Herausforderungen im Zusammenleben heftig sind. Da ist es dann gar nicht schlecht, wenn man auch Profi ist. Deswegen haben wir viele Pflegeeltern, die in pädagogischen Bereichen tätig sind.

Generell birgt das Zusammenleben mit Pflegekindern Herausforderungen, das können wir nicht schönreden. Von Pflegeeltern wird aber nicht erwartet, dass sie von Anfang an alles richtig machen. Pflegeeltern wachsen sehr häufig im Laufe der Zeit in diese Rolle hinein.

Was hat denn so ein Kind im schlimmsten Fall erlebt - geht es wirklich um das, was man im Zweifelsfall auch in Medien liest, also Vernachlässigung, Gewalt, Missbrauch?

Wir wissen nicht immer ganz genau, was da passiert ist. Aber bestimmte Sachen kann man einem Kind natürlich ansehen. Wenn ein Kind zum Beispiel schwer vernachlässigt wurde, wenn ein Kind nicht regelmäßig etwas zu essen, nicht regelmäßig was zu trinken bekommen hat, dann sieht man das rein äußerlich dem Kind an.

Oder wenn ein Kind nicht liebevoll umsorgt wurde, wenn da niemand war, der das Kind mal in den Arm genommen und ihm Liebe gegeben gegeben hat. Dann merkt man auch einem Baby an seinem Verhalten, dass da was gefehlt hat. Pflegekinder sind auf eine gewisse Art und Weise auch immer Überraschungspakete.

Statistisch wissen wir, aus welchen Hintergründen heraus Kinder untergebracht werden müssen. Vernachlässigung ist definitiv das allergrößte Thema. Außerdem haben wir natürlich Suchtproblematiken. Wir haben viele Pflegekinder, wo Drogen- oder Alkoholproblematiken in der Herkunftsfamilie eine Rolle gespielt haben.

Außerdem spielt der ganze Bereich der psychischen Erkrankungen mittlerweile eine größere Rolle, wenn es um die Vermittlung von Pflegekindern geht. Pflegekinder, die aus Gewaltsituationen heraus untergebracht werden müssen, haben wir nicht so oft, wie man gemeinhin glauben könnte. Vernachlässigung oder eben auch Überforderung der Herkunftsfamilie sind die Schwerpunkte.

Erst kürzlich hieß es, in Berlin gäbe es immer mehr Pflegekinder, die untergebracht werden müssten. Auf der anderen Seiten stagnierten aber die Zahlen potenzieller Eltern. Ist das so und wenn ja, woran liegt das aus Ihrer Sicht?

Es gibt bestimmte formale Voraussetzungen, die Pflegeeltern erfüllen müssen. Und manchmal liegt es an diesen formalen Voraussetzungen, dass Menschen, die sich eigentlich dafür interessieren mit einem Pflegekind zusammenzuleben, keines bekommen.

Ein Beispiel: Wir haben sehr häufig auch sehr kleine Kinder die untergebracht werden müssen. Und wenn wir kleine Pflegekinder haben, dann ist eine Grundvoraussetzung, dass mindestens ein Elternteil mit diesem Kleinkind auch zu Hause bleibt. Denn man kann so einem Kind nicht gleich wieder zumuten, in eine Fremdbetreuung zu gehen. Bei diesen Kindern geht es ja darum, dass sie neue Erfahrungen im Zusammenleben mit ihren neuen Pflegeeltern machen.

Damit Vertrauen und eine Bindung entstehen, muss man ganz exklusiv Zeit miteinander verbringen. Pflegeeltern erhalten über das Jugendamt finanzielle Unterstützung, aber das entspricht in dem Sinne nicht dem Erziehungsgeld, das leibliche Eltern erhalten. Und das ist ein Problem. Auf der einen Seite wird erwartet, dass mindetens ein Teil der Pflegeeltern zu Hause bleibt. Auf der anderen Seite müssen diese aber die finanzielle Sicherheit selbst organisieren. Letztendlich müssen Pflegeeltern sich das irgendwie leisten können in Erziehungszeit zu gehen mit dem Kind und das ist nicht immer machbar.

Fragen und Antworten

  • Voraussetzungen für Pflegeeltern

  • Diese Varianten der Pflege gibt es

  • Dauer bis zur Pflegeelternschaft

  • Die Rolle des Jugendamtes/Freier Träger

  • So viel Geld bekommen Pflegeeltern

  • Welche Kinder vermittelt werden

  • So verläuft das Kennenlernen

  • Der Status der Kinder

  • So viele Pflegekinder gibt es in Berlin

  • Pflegeeltern werden in Brandenburg

Muss man in dem Überprüfungsprozess mit dem Jugendamt dann tatsächlich transparent machen, was man zum Beispiel verdient und wie die eigene Kindheit so verlaufen ist?

Ja. Pflegeeltern wird man nicht von einem Tag auf den anderen, es ist ein längerer Prozess. Es macht Sinn, sich Zeit zu nehmen, um ganz genau zu schauen, ob und wie dieses besondere Familienmodell passt. Es gibt keine einheitlichen Standards deutschlandweit, sondern jedes Bundesland hat seine eigenen Vorgehensweisen. Da ist nichts dem Zufall überlassen. Wir sagen immer: Wir suchen für das Pflegekind die geeignete Pflegefamilie, nicht umgedreht.

Werden die Familien auch nach der Aufnahme des Kindes noch von Ihnen betreut?

Ja, auf jeden Fall. Pflegeeltern werden überprüft von Fachkräften und wenn sie dann das Kind aufgenommen haben, werden sie auch begleitet. In der Regel ist das eine Fachkraft die für eine Pflegefamilie zuständig ist. Die Pflegeeltern haben immer die Möglichkeit, Kontakt aufzunehmen, wenn sie eine Frage haben oder wenn sie in irgendeiner Form Unterstützung benötigen. Diese Fachkräfte passen auf, dass es allen Beteiligten gut geht, das passiert dann in der Regel in Form von Hausbesuchen.

Wenn Sie sich etwas wünschen dürften, was wäre das?

Ich würde mir wünschen, dass Pflegeeltern Anspruch auf Elterngeld haben. Wenn sie mit kleinen Kindern zu Hause bleiben, wären sie finanziell besser ausgestattet. Für die Kinder ist der enge Kontakt das Wichtigste, wenn sie neu in eine Pflegefamilie kommen.

Außerdem würde ich mir wünschen, dass Pflegeeltern in der Rentenversicherung besser abgesichert werden. Sie leisten über viele Jahre soviel für die Kinder, sind aber in Bezug auf Kranken- und Rentenversicherung völlig auf sich alleine gestellt.

Frau Nitzsche, vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Sabine Priess, rbb|24

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8 Kommentare

  1. 8.

    Da das Thema aktuell glücklicherweise soviel Präsenz hat, möchte ich eine Ergänzung beitragen. Es gibt nicht nur die Heimunterbringung als Alternative zur Pflegefamilie. Für Kinder, deren Betreuungsbedarf, eine Pflegefamilie nicht bewältigen kann, gibt es sog. Erziehungsstellen/ähnlich wie Pflegefamilien, nur andere Finanzierung u eine päd.Fachkraft als Elternteil ist Voraussetzung. Bitte mal googlen, wer Interesse hat. Leider gibt es Signale, dass die Finanzierung dieses Modells zukünftig nicht sicher ist, bzw einfach zu teuer werden kann, da teurer als Heimunterbringung.
    Das Pflegefamilien für die wichtige Zeit der Eingewöhnung ein Elterngeld bekommen, halte ich für ein MUSS. Verstehe nicht, dass dies Privatsache ist. Das müssen die Träger gemeinsam erstreiten, sonst gibt es in einigen Jahren gar keine Pflegefamilien mehr.

  2. 7.

    Insbesondere dem letzten Satz kann ich zustimmen. Kinder hab in unserer Gesellschaft kaum noch einen Stellenwert. Sie haben einfach zu funktionieren und möglichst still zu sein. Da sind andere Länder viel Kinderfreundlicher.

  3. 6.

    Mein Mann und ich haben uns als Pflegeeltern beworben. Das Prozedere dauert nun schon 12 Monate.
    Die Empfehlung des Trägers, uns als Pflegeeltern zuzulassen ist uns gegenüber erteilt. Nun liegt es bei dem Träger alle Unterlagen zusammenzutragen und die Empfehlung sowie den Tauglichkeitsbericht zu verfassen um dieses Paket an das Jugendamt zur Genehmigung weiterzuleiten. Hierran scheitet es nun, da der Träger scheinbar überlastet ist.
    Leider schlägt sich das nun auch auf unseren Gemütszustand nieder. Wir wollen, aber das lange warten und die ständigen Rückfragen zermürben einen. Da hat man langsam den Mut und die Hoffnung verloren.
    Kinger und Pflegeeltern können nur zusammengebraccht werden, wenn die gesetzlichen Rahmenbedingungen erfüllbar sind. Leider sind diese aus verschiedenen FFaktoren nicht gegeben, was viele potenzielle Pflegeeltern abschreckt anstelle motiviert!
    Sehr schade das dieses ganze Konstrukt daher in sich zusammenbricht.

  4. 5.

    Werter Herr Passing, wenn die von Ihnen beschriebene Misere bereits seit 30 Jahren besteht, dürfte wohl gerechter Weise vor Frau Senatorin Scheeres die Spontangenesung des maroden Sozialsystems von Berlin nicht erwartet werden können. Es haben mMn auch nicht alle Teile der Gesellschaft versagt sondern diejenigen, welche keinen Mut zur Menschlichkeit aufbringen wollen bzw. sich ihrem Bewusstsein und der Empathie für die Würde anderer Menschen (hier: Kinder) verschließen.

  5. 4.

    Zuerst versagt der Staat (Legislativ, Judidative, Exekutive) beim verfassungsmäßigen Schutz (Art. 6 GG) von Ehe, Familie, Frauen sowie Kinder und dann fehlt auch noch der Mut, sich den destruktiven Realitäten zu stellen. Ein vergleichbares Muster findet man bei der HartzIV-Misere und Behindertenbelangen, wo mittels unreichender Gesetzgebung bzw. andere Mängel erst Probleme konstruiert und dann staatlicherseits ignoriert werden. Mein Eindruck, wonach sich vordergründige staatliche Verantworungsbereiche in wirtschaftliche Instrumente verwandelt haben, dürfte nicht zu leugnen sein. Die politische Kaputtspielerei schreckt also auch nicht vor der Zerstörung von Kinderschicksalen zurück.

  6. 3.

    Thema Pflegeeltern wird in Berlin immer schwieriger, denn die Mietpreise erfordern ein Einkommen, dass einem Normalbürger nicht mehr ermöglicht, einen zusätzlichen Raum zur Verfügung zu stellen. Auf der einen Seite darf man nicht Vollzeit arbeiten gehen, um ein Pflegekind aufzunehmen, auf der anderen Seite soll man genug Geld auf der Kante haben, um zusätzlichen Raum zur Verfügung zu stellen. Paradoxum an sich. Ich selbst arbeite von 9 bis 16 Uhr, verdiene nicht schlecht, bin alleinerziehend und habe eine Dreiraumwohnung in Grunewald. Da ich weder mein Schlafzimmer, noch mein Wohnzimmer aufgeben möchte, müsste ich für das Kind eine 4 Raum Wohnung beziehen, was ich alleine nicht stämmen kann. Meine Arbeitszeit steht dann auch im Weg, obwohl meines Erachtens genug Zeit für das Pflegekind wäre, denn dies muss auch in die Schule und Kindergarten, wo es betreut wäre. Das System steht sich selbst im Weg, denn auch da wo Paare in einem Haushalt sind, müsste man mehr Raum und haben und Zeit.

  7. 2.

    Pflegefamilien. Ich arbeite nun seit 30 Jahren als Pädagoge in der Jugendhilfe und habe es 4x geschafft Kinder nachhaltig und erfolgreich in Pflegefamilien unterzubringen. In 80% der Fälle hat es daran gelegen, das es schlichtweg keine Pflegefamilien gibt und das die Probleme der Kinder für "normale" Familien nicht stemmbar und somit nicht verantwortbar waren. Diese Kinder haben grösstenteils nur in Händen von geschulten Pädagogen , also in Heimen der Jugendhilfe eine Chance. Das Hauptproblem ist und bleibt aber die kinderfeindlichkeit der Politiker und unserer Gesellschaft. Kinder haben keine Lobby. Man muss sich nur die Situation in den Bereichen Kita, Schule und Jugendhilfe anschauen. Katastrophal und unverantwortlich. Hier hat die Politik und Gesellschaft versagt und sich schuldig gemacht. Schämen sie sich Frau Scheeres.

  8. 1.

    Dass Pflegeeltern nach der Aufnahme "auf jeden Fall" betreut werden, ist ein netter Wunsch.
    In Treptow-Köpenick war der Pflegekinderdienst zwischenzeitlich nicht vorhanden, da alle gekündigt hatten oder wegen Dauerkrankheit ausgefallen waren. In anderen Bezirken sind die Fachkräfte dann Monate im Sabbat ohne Ausgleich.
    Schade, wenn die Situation von Beteiligten nicht realistisch dargestellt werden. So kann man im Vorbereitungsavend auch schön falsche Erwartungen wecken nur um möglichst viele Interessenten zu finden.

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