Sprengmeister Mike Schwitzke vom Kampfmittelbeseitigungsdienst hockt am 07.01.2015 in Potsdam (Brandenburg) hinter der entschärften 250-Kilogramm-Bombe. (Quelle:dpa)
Audio: Inforadio | 28.05.2019 | Mike Schwitzke | Bild: dpa-Zentralbild

Interview | Sprengmeister Mike Schwitzke - "Viel gefährlicher sind Kampfmittel, die in Hosentaschen passen"

Mike Schwitzke entschärft Weltkriegsbomben in Brandenburg. Weil es im märkischen Boden Tausende davon gibt, ist sein Job, sorry, bombensicher. Er war früher bei NVA und Bundeswehr - und fürchtet nur Dauerregen und Schnee.

rbb: Mike Schwitzke, wenn Sie so eine 250-Kilo-Bombe neben sich haben, gerade entschärftes, explosives Material, dann lächeln sie in die Kamera - was geht da in Ihnen vor?

Mike Schwitzke: Erleichterung – weil alles so geklappt hat, wie ich mir das im Vorfeld vorgestellt habe.

Zählen Sie eigentlich noch die Bomben?

Ich habe nie gezählt, denn es gibt eigentlich auch keinen Grund, die Bomben zu zählen. Wir haben tagtäglich mit Kampfmitteln zu tun, die ich teilweise als viel gefährlicher betrachte, als die große Fliegerbombe. Außerdem gibt es bei uns auch im Kampfmittelbeseitigungsdienst oder auch länderübergreifend keinen Wettkampf, dass einer der Bessere ist, weil er zwei oder drei Bomben mehr hat als der andere.

Was ist gefährlicher als dieser große eindrucksvolle Blindgänger?

Ich habe immer großen Respekt vor Kampfmitteln, die so klein sind, dass sie in die Hosentasche passen. Bei diesen ist der Prozess bedeutend weiter fortgeschritten als bei einer Fliegerbombe, die Empfindlichkeit ist bedeutend höher. Die Kraft, einen Menschen zu töten, geht von jedem Kampfmittel aus - egal wie groß es ist.

Brandenburg ist das Bundesland, das noch am stärksten mit Munition belastet ist – bis zu zwölf Prozent der Fläche.

Das ist ganz einfach dadurch zu erklären, dass sich die Kampfhandlungen zum Ende des Zweiten Weltkriegs schwerpunktmäßig in und um Berlin abgespielt haben. Des Weiteren war Brandenburg ein Tummelplatz für das Militär: sowohl vor dem Ersten Weltkrieg, während des Ersten Weltkrieges, zwischen den beiden Weltkriegen, im Zweiten Weltkrieg und auch in der Nachkriegszeit durch die Besatzungstruppen und durch die ehemalige Nationale Volksarmee. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir große, ausgedehnte Truppenübungsplätze im Land Brandenburg haben, die heute nicht mehr oder kaum noch militärisch genutzt werden. Auch dort ist die Munitionsbelastung enorm hoch.

Das trifft auch für die ehemaligen Liegenschaften der sowjetischen Streitkräfte zu, die jetzt nach und nach gerade in Potsdam als Wohngebiete umgenutzt werden. Dort gilt es natürlich, im Vorfeld die Flächen und Gebäude auf Kampfmittel zu untersuchen. Was wir dort finden, bewegt sich im mehrstelligen Tonnenbereich. Es ist manchmal erstaunlich, was dort an Munition versteckt oder vergraben wurde.

Wenn Sie so eine Fliegerbombe finden - wie kalkulierbar ist das Risiko? Wie bereiten Sie sich auf so eine Entschärfung vor?

Wir kriegen in der Regel vom zuständigen Räumstellenleiter die Meldung. Dann fahren wir direkt zum Ort des Geschehens und müssen uns dort erstmal davon überzeugen, ob es tatsächlich eine Fliegerbombe ist - was in der Regel dann der Fall ist, weil ja der Räumstellenleiter auch fachkundig ist, also auch Ahnung von Munition hat. Und hier gilt es dann festzustellen: Ist die Fliegerbombe bezündert? Was für Zünder sind vorhanden? Wem ist die Bombe zuzuschreiben? In welchem Zustand sind die Zünder? Im Vorfeld müssen wir abwägen, ob wir eine klassische Entschärfung durchführen können oder ob die Zünder unter Umständen beschädigt sind.

Oder handelt es sich vielleicht um einen chemisch-mechanischen Langzeitzünder? Dann ist die Herangehensweise natürlich eine völlig andere und alles andere wird dann mit der zuständigen Ordnungsbehörde besprochen, um möglichst zeitnah einen Termin zu finden, um die Bombe dann irgendwie aus der Stadt zu bekommen.

Sprengmeister Mike Schwitzke entschärft Brandenburg

Und wenn alles geklärt ist - sind Sie dann allein in der Grube mit dieser alten Munition?

Nein. Es gibt bei uns ein Allein-Arbeitsverbot. Der Umgang mit Munition - egal welcher Art - hat grundsätzlich zu zweit stattzufinden. Ich habe dann in der Regel ein bis maximal zwei Assistenten dabei, die mir zur Hand gehen oder gar die Entschärfung unter meiner Anleitung selbst durchführen. Wir ziehen ja unseren Nachwuchs selber heran. Ich habe nicht selten auch Azubis dabei, die ich durch die Entschärfung vor Ort an die Praxis heranführe.

Wie muss ich mir das vorstellen - sezieren Sie das wie ein Chirurg oder ist es eine Arbeit, die an einen Schlosser oder einen Mechaniker erinnert?

Letzteres ist zutreffender. Man muss in manchen Sachen relativ grob rangehen, sonst würde man niemals fertig werden. Deshalb ist es unerlässlich, dass man weiß, was man da vor sich hat. Ich muss wissen, an welcher Stelle ich wie grob vorgehen kann und an welcher Stelle ich wie ein Chirurg arbeiten muss.

Sie selbst sind Schlosser, haben dann bei NVA und bei Bundeswehr gearbeitet und sind jetzt quasi auf der anderen Seite. Sie entschärfen Kampfmittel. Ist das Zufall oder war das eine bewusste Entscheidung?

Ich habe mich schon als Kind für die Kampfmittelbeseitiger des Munitionsbergungsdienstes der Deutschen Volkspolizei interessiert. Andererseits wollte ich auch Soldat werden. Ich habe im Prinzip schon als Soldat immer geliebäugelt: Mensch, wenn meine Dienstzeit mal beendet ist, wäre es das, was ich später machen würde.

Sind Sie eigentlich in einem Schutzanzug, wenn Sie da unten sind oder einfach so, wie wir uns gegenübersitzen?

Na ja, ich habe etwas an, was schmutzig werden kann. Aber ich trage keinen Entschärfer-Anzug, wenn Sie das meinen. Ein Entschärfer-Anzug, so wie man das in schlechten Filmen sieht, würde bei einer Bombe, die eine Netto-Explosivstoff-Masse von mehr als 70 Kilo im Bauch hat, nicht viel bringen.

Haben Sie eigentlich Angst?

Nein, hatte ich auch noch nie.

Haben Sie vor nichts Angst?

Mir fällt jetzt spontan nichts ein, wovor ich Angst habe. Wir reden ja hier über meinen Beruf. Und wenn man einen Beruf ergreift, in dem man schon in der Ausbildung oder am Anfang seiner Karriere feststellt, dass man Angst hat, sollte man sich einen anderen suchen.

Was sagt Ihre Frau zu ihrem Job? "Tschüss, bis heute Abend"?

Genauso ist es. Der Beruf, den ich vorher als Soldat hatte, ist ja heute auch nicht mehr ungefährlich. Man ist weltweit unterwegs und es gab ja auch schon Todesfälle von Soldaten, die im Auslandseinsatz auf irgendwelchen Trupps unterwegs waren und vorher nicht wussten, dass eine Mine, eine versteckte Ladung oder ein Scharfschütze auf sie lauert. Von daher betrachte ich meinen jetzigen Beruf als sicherer. Ich habe immer die Möglichkeit, die Bombe auch vor Ort zu sprengen - auf die Gefahr hin, dass es Kollateralschäden gibt.

Wir haben es bei den Waldbränden im letzten Sommer gesehen: In Treuenbrietzen knallte dann die Munition mit hoch. Kann man Brandenburg räumen oder ist das eine Vorstellung, die völlig daneben ist?

Ich sag mal so: Wenn man jetzt nicht auf den Kalender schaut, kann man das mit Sicherheit tun. Ich werde es in meiner Karriere nicht mehr erleben, dass ich wegen Ermangelung von Kampfmitteln arbeitslos werde. Aber es kostet auch alles Geld und wir arbeiten ja auch nur im Auftrag. Wir gehen nicht willkürlich in den Wald und sagen: "So, jetzt suche man den Wald ab." Es gibt keinen Wald, der herrenlos ist. Und was würden Sie dazu sagen, wenn ich plötzlich Montagfrüh mit einem Metalldetektor auf ihrem Grundstück stehe und sage: "Ich suche heute mal ihr Grundstück ab"?

Es wird noch sehr lange dauern. Ich lehne mich immer weit aus dem Fenster und sage: Zwei Generationen haben wenigstens noch nach mir damit zu tun, die Altlasten der beiden Weltkriege und die Altlasten der ehemaligen Truppenübungsplätze hier bei Bedarf zu beräumen.

Wird man zum Pazifisten, wenn man so einen Beruf macht?

Nein, eigentlich nicht. Ich betrachte das vor allen Dingen als technische Aufgabe. Ich mache mir weniger Gedanken darüber, für was die Kampfmittel eigentlich hergestellt wurden. Ja, der  Gedanke kommt auch immer mal und zwar wenn wir Kriegstote finden - und das passiert gar nicht mal so selten. Die waren teilweise so alt wie mein ältester Sohn ist. Der ist jetzt 19 Jahre alt. Die hatten damals nichts vom Leben und haben im Frühjahr 1945 sinnlos für irgendeinen "Endsieg" ihr Leben gegeben. Da macht man sich Gedanken drüber. Aber ansonsten sehe ich das aus technischer Sicht.

Wo sehen Sie hier noch die größten Schwierigkeiten im Land? Ihr Arbeitsgebiet ist Potsdam mit Potsdam-Mittelmark, Brandenburg Havel und das Havelland. Wird in diesem Gebiet noch viel vermutet - oder ist es doch eher der Nordosten?

Bei mir im Bereich sehe ich die Belastung vor allen Dingen im Landkreis Potsdam-Mittelmark durch die Kämpfe 1945 und die Querbewegung mehrerer Armeen. Dadurch sind die Wälder hochgradig belastet, dort liegt also Munition teilweise eine Handbreit unter dem Moos.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt im Norden, in Oranienburg, wo wir überwiegend mit Bomben mit einem chemisch-mechanischen Zünder zu rechnen haben - geschätzt sind es noch circa 300 Stück. Da stellt sich nicht die Frage, ob die Bomben irgendwann mal selbst explodieren, sondern wann sie das tun und wer dabei unter Umständen ums Leben kommt – beziehungsweise, was die Bomben dann für Schäden mit sich bringen.

Das klingt jetzt sehr dramatisch.

Die Gefahr ist sehr groß. Wir reden hier über Bomben mit einem chemisch-mechanischen Langzeitzünder. Bei diesen Bomben reicht eine Temperaturänderung. Auch ein stark beladener, zu schnell fahrender Lkw, der durch ein Schlagloch fährt, kann unter Umständen ausreichen, um so eine Bombe auszulösen.

Aber chemische Zünder können Sie auch entschärfen?

Ja. Wir haben dazu vor einigen Jahren ein Gerät beschafft: Mit hohem Wasserdruck schneiden wir die Zünder aus der Bombe heraus. Der eigentliche Entschärfungsvorgang wird dann aus der Ferne durchgeführt.

Wir haben am Anfang gesagt: Es ist heute Bombenwetter…

Dieser Spruch kommt aus dem Weltkrieg. Dort war bei klarem Himmel die Gefahr groß, dass Flieger Tagesangriffe durchführen, weil sie freie Sicht auf ihre Ziele haben. Aber wir haben heute auch eine andere Art Bombenwetter: Denn ich mag es nicht, wenn man in der Grube hockt und im Schlamm versinkt, weil es regnet. Es ist so unangenehm, wenn die Hände klamm sind, es kalt ist oder schneit. Heute wäre der perfekte Tag, um eine Bombe zu entschärfen.

Herr Schwitzke, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Anke Burmeister, Redaktion Inforadio

Sendung: Inforadio, 28.05.2019, 18:45 Uhr

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Alle Achtung, diese hochgefährliche Arbeit erfordert viel Mut.

  2. 1.

    "Viel gefährlicher sind Kampfmittel, die in Hosentaschen passen" und noch gefährlicher sind Giftmittel, die aus Kohlegruben, Fabrikschloten und aus dem Auspuff kommen.

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