Straßenansicht Manfred-von-Richthofen-Straße
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Video: rbb|24 | 18.05.2019 | Bild: radioeins/Mücke

Unterwegs in der Manfred-von-Richthofen-Straße - Im Sturzflug durch die Geschichte

Herrschaftliche Gründerzeit-Paläste neben kleinen Reihenhäusern: Die Manfred-von-Richthofen-Straße in Berlin-Tempelhof wirkt recht uneinheitlich. Um die Ecke ist das hippe Kreuzberg, aber das interessiert hier längst nicht alle. Von Annekatrin Mücke

Welcher 20-Jährige wird schon gern "Papa" genannt? Horst Henschel ist nicht begeistert, als ihm Anfang der 1950er dieser Spitzname verpasst wird. Aber in New Orleans werden alle guten Jazz-Trompeter liebevoll "Papa" genannt, und deshalb wird auch Henschel von seinen Fans in Berlin bald so gerufen – denn Trompete spielen kann er.

Horst und Ewa Henschel (Bild: rbb/Annekatrin Mücke)
Horst und Ewa Henschel | Bild: rbb/Annekatrin Mücke

Der studierte Maschinenbauer, der als Kind aus Schlesien nach Berlin kommt, ist begeistert von der Musik aus Amerika. Er spielt abends nach der Arbeit und am Wochenende in Klubs und Kneipen, einmal applaudiert ihm sogar Louis Armstrong. Irgendwann kann Henschel ganz von der Musik leben. Doch der Freigeist, der noch heute Ohrring und verwegene Koteletten trägt, lebt nicht etwa im bunten Kreuzberg oder mondänen Charlottenburg, sondern im eher spießigen Tempelhof. 1960 zieht er in die Manfred-von-Richthofen-Straße und wohnt dort bis heute gemeinsam mit seiner Frau Ewa.

Wendeltreppen für das Personal

Henschel kennt die Straße wie kaum ein anderer hier und hat ihre vielen Wandlungen in den letzten Jahrzehnten miterlebt. Anfang der 1960er-Jahre war er noch im Lichtspieltheater "Korso", das von 1918 bis 1964 in dem heute denkmalgeschützten, markanten Eckhaus am Tempelhofer Damm existierte. Er selber lebt nicht weit davon entfernt in einem der hochherrschaftlichen Gründerzeithäuser, die hier um 1900 erbaut wurden, als die Straße noch Hohenzollernkorso hieß. Als Henschel hier einzieht, gibt es in jeder Wohnung noch eine Extra-Wendeltreppe und eine kleine Kammer für die Dienstboten – typisch für großbürgerliche Behausungen.

"Papa" Henschel kann sich auch noch an die Lücken in der Manfred-von-Richthofen-Straße einige Meter weiter erinnern, die der Krieg zurück gelassen hatte. Heute stehen dort schmucklose Betonkästen aus den 1960er- und 70er-Jahren.

Und dann wird es auf einmal fast provinziell

Doch dann beginnt der Teil der Straße, den er und die anderen Anwohner besonders lieben. Hier wird die bis dahin urbane Manfred-von-Richthofen-Str. auf einmal fast provinziell. Zwei- bis dreigeschossige Reihenhäuschen mit kleinen Vorgärten vermitteln den Eindruck einer beschaulichen Kleinstadt. Die "Gartenstadt Neu-Tempelhof" ist eines der vielen Architekturexperimente in Berlin. Statt der dunklen, feuchten Mietskasernen, die seit 1925 nicht mehr gebaut werden durften, entwickelten viele Architekten Visionen vom neuen, gesunden und dennoch bezahlbaren Wohnen.

Die Buchdruckerei Müller in der Manfred-von-Richthofen-Straße (Bild: rbb/Annekatrin Mücke)
Die Buchdruckerei in der Manfred-von-Richthofen-Straße 19 | Bild: rbb/Annekatrin Mücke

Aber nicht nur die vielfältige Architektur macht die Manfred-von-Richthofen-Straße für "Papa" Henschel zu einem besonderen Ort. Es sind auch ihre Bewohner, die teilweise genauso lange hier leben wie er. Man kennt sich. Angefangen beim Regierenden Bürgermeister Michael Müller, der seit seiner Geburt hier zu Hause ist und zusammen mit seinem Vater lange Zeit die "Buchdruckerei Müller" betrieb. Bis hin zum "Bürgermeister der Straße", einem pensionierten Bäckermeister, der hier mal seinen Laden hatte, und noch immer fast täglich in der Manfred-von-Richthofen-Straße unterwegs ist.

Bis heute heißen die Straßen nach Kriegshelden

Mit ihm hat "Papa" Henschel auch schon über den Namen der Straße diskutiert. Manfred von Richthofen – "Der rote Baron" - gilt bis heute als der erfolgreichste Jagdflieger des Ersten Weltkrieges. Er wurde am 21. April 1918 im Alter von knapp 26 Jahren über Frankreich abgeschossen. Sein Geschwader übernahm Hermann Göring, der den Ruf Richthofens als Kriegshelden für den eigenen Aufstieg nutzte und der dessen Todestag 1936 zum offiziellen "Tag der Luftwaffe" machte. Aus diesem Anlass wird am 21. April 1936 der Hohenzollernkorso in Manfred-von-Richthofen-Straße umbenannt, 15 weitere Straßen und Plätze (zum Beispiel der Rumeyplan) erhalten ebenfalls Namen von deutschen Jagdfliegern aus dem Ersten Weltkrieg. Die Gartenstadt wird nun Fliegersiedlung genannt - bis heute.

Bezirksverordnete in Tempelhof konnten sich nicht einigen

Dabei gibt es bereits 1946 einen offiziellen Stadtplan, auf dem die Straßen im Kiez die Namen pazifistischer Schriftsteller tragen. Grundlage ist eine Vorlage des Berliner Magistrats vom 25. September, die die Umbenennung von 1.700 Straßen in ganz Berlin vorsieht. Aber der Plan ist voreilig gedruckt, denn die Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof hat die Vorlage noch nicht beschlossen. Doch die Verordneten können sich nicht einigen, das Thema wird verschleppt. Letztlich bleibt dann alles beim Alten, die Fliegersiedlung wird bei den Umbenennungen völlig ausgespart. Wäre es anders gekommen, hieße die Manfred-von-Richthofen-Straße heute Erich-Mühsam-Straße.

Auszug aus dem Stadtplan 1946, (Quelle: Archiv Berliner Geschichtswerkstatt e. V)
Ausschnitt aus dem Berliner Stadtplan 1946 - hier waren die vorgeschlagenen Umbenennungen für Neu-Tempelhof bereits umgesetzt. Letztlich blieb dann aber doch alles beim Alten (s.u.) | Bild: Archiv Berliner Geschichtswerkstatt e. V
Auszug aus dem Stadtplan 1947, (Quelle: Archiv Berliner Geschichtswerkstatt e. V.)
| Bild: Archiv Berliner Geschichtswerkstatt e. V

Sendung: radioeins, 17.05.2019, 13:00 Uhr  

Beitrag von Annekatrin Mücke

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 1.

    Was will man eigentlich mit diesen ganzen alten nach Schimmel riechenden 1900er Bauten?
    Haben die Erbauer aus der Gründerzeit Rücksicht auf die Bauten davor genommen?
    Ich würde diese ganzen Platzverschwender abreißen und zeitgemäße Hoch-Bauten mit Komfort bauen. (Klima, BUS-Systeme, Tiefgaragen, Einkaufsmöglichkeiten..)

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