Weil er seinen Betreuer erstochen haben soll, muss sich Arthur J. seit dem 2. Mai 2019 vor dem Berliner Landgericht verantworten. (Quelle: rbb/Ulf Morling)
Audio: Inforadio | 02.05.2019 | Ulf Morling | Bild: rbb/Ulf Morling

Betreuer erstochen - Psychisch Kranker wegen Messerangriffs vor Gericht

Ein Treffen des psychisch kranken Arthur J. mit seinen Helfern endet tödlich: J. sticht 51 Mal auf seinen Betreuer ein. Offenbar war das Ausmaß seiner Psychose verkannt worden. Seit Donnerstag steht der 30-Jährige vor dem Berliner Landgericht. Von Ulf Morling

Als am Tattag Sozialarbeiter Bernd B.*(39) nach der "Helferkonferenz" dem Patienten Arthur J. (30) einen Zettel mit weiteren Terminen für Zusammenkünfte überreichen will, zieht der kräftige Mann ein Messer und beginnt, auf seinen Bezugsbetreuer einzustechen. Die Psychiaterin, eine Psychologin und die Bewährungshelferin erleiden einen Schock und flüchten aus dem Besprechungszimmer. Ein anderer Mitarbeiter des freien Trägers hört die Hilferufe der Frauen, eilt in den Konferenzraum, greift sich einen Stuhl und brüllt mehrmals  "Aufhören!". Der Täter lässt von seinem blutüberströmten Opfer ab, dreht sich um, steht auf und geht an dem Zeugen vorbei aus dem Haus auf die Straße.

Polizeihubschrauber über dem Wedding

Stundenlang wird nach dem mutmaßlich immer noch bewaffneten psychisch kranken Patienten gesucht. Ein Hubschrauber der Polizei kreist stundenlang über dem Wedding. Drei Moscheen werden aufgesucht, weil sich der aus Tschetschenien stammende J. dort eventuell geistlichen Beistand erhoffen könnte. SEK-Beamte laufen mit vorgehaltenen Schutzschilden durch die Straßen. "Mantrailer"-Hunde versuchen, mitten in Berlin den Gesuchten aufzuspüren. Der Kindergarten, den der kleine Sohn des Beschuldigten besucht, wird besonders gesichert.

Stunden später kehrt J. zum Tatort zurück. Er raunt einem Polizisten, der zum Absichern des Hauses eingesetzt ist, ins Ohr: "Ich war das alles hier." Arthur J. wird überwältigt und mit richterlichem Beschluss in die Psychiatrie eingewiesen. Dort war er seit 2009 schon einmal gewesen, weil er versucht hatte, mit einem Hammer einen Mitgefangenen in der Jugendstrafanstalt zu töten.

2016 war er auf Bewährung entlassen worden und in das betreute Einzelwohnen des freien Trägers im Wedding eingewiesen worden. Zweieinhalb Jahre lang bewährte er sich und soll psychiatrisch nicht aufgefallen sein - bis wenige Wochen vor der Tat wieder seine Medikation umgestellt wurde, offenbar mit tödlichen Folgen.

Anzeichen einer Psychose von allen falsch eingeschätzt?

Schon lange hatte J. geklagt, dass ihn die von den Betreuern kontrollierte Einnahme seiner Psychopharmaka dick und träge mache. Nachdem er eine junge Tschetschenin kennengelernt, eine Tischlerausbildung in einer geschützten Werkstatt bestanden und einen inzwischen dreijährigen Sohn hatte, wollte J. auf dem freien Arbeitsmarkt bestehen. Nachdem er als 15-Jähriger allein aus Tschetschenien geflüchtet war, wo er gefoltert wurde, war das eine Aussicht, die ihn stolz machte.

Doch die Medikamente machten ihn langsam, zu langsam für das Leben draußen. So entschied die zuständige Forensisch-Therapeutische Ambulanz (FTA) der Charité, die mit den Senatsverwaltungen für Gesundheit und Justiz kooperiert und finanziert wird, seine Medikation umzustellen, schließlich war jahrelang nichts Bedenkliches vorgefallen.

Allerdings gab es bereits Wochen vor der Tat im November vergangenen Jahres Anzeichen, dass sich mit den neuen Medikamenten J.s psychischer Zustand bedenklich veränderte: Er verdunkelte seine Wohnung mit Tüchern vor den Fenstern, klebte sich ein Auge ab, wurde immer dünner, trug ständig eine Sonnenbrille. Auch deshalb sollte die Hilfekonferenz am 16. November stattfinden.

Doch eine erneute Einweisung in die geschlossene Psychiatrie sei nicht in Frage gekommen, so eine der Vertreterinnen des Charité-Projektes im Prozess. Die rechtlichen Voraussetzungen seien nicht erfüllt gewesen, habe man besprochen. Außerdem habe J. bei der Helferkonferenz sich nicht extrem auffällig verhalten, im Gegenteil. Denn er habe "Kekse gegessen, Wasser getrunken und gelacht", er habe also keine typischen Ängste eines Psychotikers gezeigt, der glaube, dass man ihn vergiften wolle, versuchte eine Psychiaterin der FTA als Zeugin dem Gericht zu erklären. "Diese Aussage wirft ganz erhebliche Fragen auf", wenn allein damit erklärt werden solle, dass sich der Gesundheitszustand J.s gebessert habe, so Oberstaatsanwalt Ralph Knispel am Rande des Prozesses.

Doch eine erneute Einweisung in die geschlossene Psychiatrie sei nicht in Frage gekommen, so eine der Vertreterinnen des Charité-Projektes im Prozess. Die rechtlichen Voraussetzungen seien nicht erfüllt gewesen, habe man besprochen. Außerdem habe J. bei der Helferkonferenz sich nicht extrem auffällig verhalten, im Gegenteil. Denn er habe "Kekse gegessen, Wasser getrunken und gelacht", er habe also keine typischen Ängste eines Psychotikers gezeigt, der glaube, dass man ihn vergiften wolle, versuchte eine Psychiaterin der FTA als Zeugin dem Gericht zu erklären. "Diese Aussage wirft ganz erhebliche Fragen auf", wenn allein damit erklärt werden solle, dass sich der Gesundheitszustand J.s gebessert habe, so Oberstaatsanwalt Ralph Knispel am Rande des Prozesses.
Doch eine erneute Einweisung in die geschlossene Psychiatrie sei nicht in Frage gekommen, so eine der Vertreterinnen des Charité-Projektes im Prozess. Die rechtlichen Voraussetzungen seien nicht erfüllt gewesen, habe man besprochen. Außerdem habe J. bei der Helferkonferenz sich nicht extrem auffällig verhalten, im Gegenteil. Denn er habe "Kekse gegessen, Wasser getrunken und gelacht", er habe also keine typischen Ängste eines Psychotikers gezeigt, der glaube, dass man ihn vergiften wolle, versuchte eine Psychiaterin der FTA als Zeugin dem Gericht zu erklären. "Diese Aussage wirft ganz erhebliche Fragen auf", wenn allein damit erklärt werden solle, dass sich der Gesundheitszustand J.s gebessert habe, so Oberstaatsanwalt Ralph Knispel am Rande des Prozesses.

"Keinerlei Sicherheitsvorkehrungen"

Nebenkläger im Prozess ist der Mann des erstochenen Sozialarbeiters. Rechtsanwalt Roland Weber vertritt den Wissenschaftler, der sich ein knappes halbes Jahr nach dem Tod seines Partners nicht in der Lage sieht, im Prozess dem Täter im Saal gegenüber zu sitzen. "Der Mann des Getöteten will erfahren, warum es passiert ist. Und er will wissen, ob man den Tod seines Partners hätte verhindern können", sagt Weber.

Während die Mitarbeiterinnen der Forensisch-Therapeutischen Ambulanz der Charité im Prozess bestätigen, dass es in ihrer Zentrale ein Sicherheitskonzept gibt, falls Patienten gewalttätig werden, ist auch nach dem gewaltsamen Tod von Sozialarbeiter Bernd B. in dem freien Weddinger Träger bis heute keinerlei Schutz für die Angestellten vorgesehen. Aber es gebe Schulungen zur Deeskalation bei Konflikten mit Klienten, so ein Mitarbeiter am Donnerstag vor Gericht.

"Nach den ersten Zeugenvernehmungen habe ich den Eindruck, dass es keinerlei Sicherkeitsvorkehrungen in den Räumlichkeiten gab, in denen die Helferkonferenz stattfand. Es wurde darauf vertraut, dass die Patienten nicht auffällig werden und keinerlei Gefährdung von ihnen ausgeht", so Rechtsanwalt Weber. Und das, obwohl viele der Patienten wegen schwerster Gewalttaten als Ausfluss ihrer psychischen Krankheit zuvor im geschlossenen Maßregelvollzug als Schuldunfähige untergebracht gewesen seien.

Mit dem Urteil am 9. Mai wird der Beschuldigte wegen Schuldunfähigkeit während der Tat aller Voraussicht nach wieder in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen werden. Dort war er bereits von 2009 bis März 2016 untergebracht, nachdem er einen Mitgefangenen mit einem Hammer fast erschlagen hatte.

* Name geändert

Beitrag von Ulf Morling

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