Reste von Feuerwerksartikeln in der Steinmetzstraße am 1.1.2018 (Quelle: imago/Stefan Zeitz)
Audio: Inforadio | 11.05.2019 | Wolf Siebert | Bild: imago/Stefan Zeitz

Angriffe auf Polizei und Feuerwehr - Immer wieder Gewalt im Steinmetzstraßen-Kiez

Im Kiez um die Schöneberger Steinmetzstraße werden Polizisten und Feuerwehrleute immer wieder angegriffen, besonders an Silvester. Täter sind oft junge Männer - ohne Verantwortungsgefühl und ohne Perspektive. Von Wolf Siebert

Der Jugendclub "fresh" in der Schöneberger Steinmetzstraße: Eine große Ladenwohnung mit Tischtennisplatte, Billiardtisch und Dartscheibe, eine Küche, ein Zimmer für Hausaufgaben und ein Raum, in dem sich Mädchen ungestört treffen können. In einer Sofa-Ecke sitzen Jugendliche und junge Männer, die vergangenes Silvester aktiv dabei waren, als Böller und Raketen auf Polizisten und Feuerwehrleute flogen. Alle haben einen Migrationshintergrund. Das ist nicht überraschend, denn in der Straße leben überwiegend Migrantenfamilien.

Die Polizei will "Kante zeigen"

Warum schießen junge Männer gezielt Raketen auf Polizisten und werfen Böller nach ihnen? Man wolle Spaß haben, wenn Silvester anstehe, sagt einer der Besucher. Deshalb mache man den Krawall. Doch weil die Polizisten meist schon so früh vor Ort seien, hätten sie keine Möglichkeit "irgendwas zu machen, wie zum Beispiel eine kleine Bombe unter ein Auto schmeißen oder so, wobei halt etwas passieren könnte oder ein Mensch verletzt wird". Sind sie unreif und gedankenlos? Oder kriminell – weil Bushaltestellen zerstört und Polizisten attackiert wurden? Ein anderer junger Mann sieht die Schuld bei der Polizei. Schon ein paar Tage vor Silvester würden sie grundlos kontrolliert. Davon fühlten sie sich provoziert, sagt er. "Wenn dann einer festgenommen wird, ist man halt aggressiv. Dann schlägt man zurück", sagt er.

Zuletzt wollte die Polizei die Randale an Silvester mit der Strategie "Kante zeigen" eindämmen. Schon vor dem Jahreswechsel suchte sie bekannte Rädelsführer zuhause auf. Das Signal: Wir haben euch im Blick. Auf der Straße wurden Jugendliche und junge Erwachsene Migranten kontrolliert, auf der Suche nach illegalen Böllern zum Beispiel. Die jungen Männer im "fresh" empfinden das als Diskriminierung.

Auch Angelika Tilp sitzt im "fresh". Die 62-Jährige ist Streetworkerin bei "Outreach", einem anerkannten Träger der Jugendarbeit. Tilp kennt den Kiez seit vielen Jahren, jeden Mittwoch ist sie im Jugendclub und bietet Beratungen an. Es gäbe nicht den einen Grund für die Gewalt, sagt sie. Aber für viele junge Männer sei ihr ungeklärter Aufenthaltsstatus ein Riesenproblem. Sie fühlten sich nur geduldet, nicht gewollt. Die Folge seien Frust, Perspektivlosigkeit, das Gefühl von Ausgrenzung. "Wie viel Integration ist von jemandem zu erwarten, der alle drei Monate Gefahr läuft, in ein Flugzeug gesetzt zu werden", sagt sie. "Das ist schon ein hartes Brett alles", so die Streetworkerin weiter.

Seit fünf Jahren eskaliert die Gewalt

Seit 2014 eskaliert die Gewalt um die Steinmetzstraße regelmäßig an Silvester und an Halloween. Polizei, Bezirksamt und Quartiersmanagement in Schöneberg-Nord haben reagiert und die "AG Böller" gegründet. Und dann ist da noch die "AG Steinmetzstraße", in der freie Träger und die bezirkliche Jugendhilfe zusammenarbeiten. Dazu die vielen anderen Akteure: Familien-, Jugend- und Straßensozialarbeiter, Anti-Gewalttrainer - das volle Programm. Ein Netzwerk, das nicht nur Gewalt verhindern, sondern auch den Kiez und seine Bewohner stabilisieren soll.

Zum Netzwerk in Schöneberg-Nord gehört auch das dreiköpfige Präventionsteam des Polizeiabschnitts 41. Die Aussage, die Polizei diskriminiere junge Migranten, hält Polizeirat Dominique Freund für eine Ausrede. Die meisten, die in irgendeiner Form auffällig würden, seien tatsächlich Jugendliche mit Migrationshintergrund. Freund hat zweimal die Einsätze an Silvester geleitet und die Gewalt gegen Polizisten miterlebt. Seine Erklärung: Viele der Jugendliche hätten Langeweile und ein großes Geltungsbedürfnis. Ihnen sei wichtig, vor ihren Freunden eine bestimmte Rolle einzunehmen. Da mache es Eindruck, wenn man "solche Taten begeht und sich als Rädelsführer vor Ort zeigt".

Die Steinmetzstraße in Berlin Schöneberg (Quelle: rbb/ Wolf Siebert)
Bild: rbb/ Wolf Siebert

Viele Rädelsführer sind mehrfach wegen Körperverletzung oder schwerem Landfriedensbruch aufgefallen, einige gelten als Intensivtäter. Sorgen macht sich der Polizeirat um deren kleinen Geschwister. In einer Grundschule in der Steinmetzstraße hätten schon Drittklässler damit geprahlt, an Silvester "dabei" gewesen zu sein. Um späteren Nachahmern vorzubeugen, sei es für die Polizei auch wichtig, etwaige Straftaten konsequent zu verfolgen.

Dem Präventionsteam ist auch aufgefallen, dass sich das Gefüge in vielen Familien mit Migrationshintergrund verändert hat: Es gebe keine soziale Kontrolle durch die Eltern mehr, die Autorität der Väter sei verschwunden. Sie seien häufig arbeitslos und ohne Aufgabe.

Hamad Nasser, der Leiter des Nachbarschaftszentrums Steinmetzstraße (Quelle: rbb/Wolf Siebert)
Hamad Nasser (links) mit Vätern der VätergruppeBild: rbb/Wolf Siebert

Die Straße hat sich verändert

Die Steinmetzstraße hat viele Gesichter: mal Autostraße, mal Fußgängerzone. Gesichtlose Neu- und hässliche Sozialbauten stehen Wand an Wand mit stuckverzierten Gebäuden aus der Gründerzeit. Im Norden liegt die Bülowstraße mit dem bekannten Strich, ganz in der Nähe ein Kletterfelsen, den der Alpenverein betreut.

In der Steinmetzstraße 68 war früher ein Spielcasino. Gewalt und Kriminalität waren an der Tagesordnung. Heute ist hier das Nachbarschaftszentrum des Pestalozzi-Fröbel-Hauses. Alles dreht sich um Bildung, um Familie - und auch um Väter. "An zwei Tagen in der Woche tagt hier die Vätergruppe", sagt Hamad Nasser, der Leiter des Zentrums. Er kam mit neun Jahren aus Beirut nach Berlin. Auch seine Familie war lange nur geduldet. Nasser kennt das Gefühl, von der Mehrheitsgesellschaft nicht erwünscht, nicht anerkannt zu sein. Mit Hartnäckigkeit und Unterstützung hat er sich durch das Bildungssystem gebissen und studiert.

Bildung ist für den  Pädagogen ein wichtiges Instrument zur Integration. Deshalb bietet Nasser im Zentrum Deutsch-Kurse an, einen Lese-Club für Kinder und viel Beratung. Die Familien sollen so gestärkt werden. Ein Projekt ist die Vätergruppe, die es seit vierzehn Jahren gibt. Ihr Motto: "Vater sein ist schön!" Hier kommen gut ein Dutzend Väter zusammen - man spricht über Probleme, über Erziehung und auch über Gewalt. Viele Väter, die nicht präsent seien in der Erziehung, hätten es versäumt, ihren Kindern mitzugeben, dass es nicht nur eine Dummheit, sondern auch eine Straftat sei, wenn man Böller in die Richtung von Menschen werfe, sagt Nasser.  

Steinmetzstraße Ecke Goebenstraße in Schöneberg (Quelle: rbb/Wolf Siebert)
Steinmetzstraße Ecke Goebenstraße in Berlin-SchönebergBild: rbb/Wolf Siebert

Großelterngeneration als Verbündete

Doch der Pädagoge hat Verbündete gefunden – und die helfen vielleicht auch gegen die Gewalt an Silvester. "Einige Großeltern, die dort waren, als das passierte, haben deutlich ihre Entrüstung gezeigt". Sie hätten gesagt, die Eltern sollten auf ihre Kinder aufpassen und ihnen sagen, dass das so nicht gehe. So ein Verhalten sei eine Schandtat. "Und das macht Hoffnung", so Nasser.

Aber reicht das? Mit einem modernen Aufenthaltsrecht und einer Stärkung der bezirklichen Jugendarbeit hätte der Kampf gegen Perspektivlosigkeit und Gewalt sicher größere Chancen.

Beitrag von Wolf Siebert, Inforadio

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6 Kommentare

  1. 6.

    Herr Petzinna, ich kann Ihren Unmut nachvollziehen. Es geht uns nicht anders. Sie können sich nicht mal im Ansatz vorstellen was meine Kollegen und ich tagtäglich erleben.
    Jedoch ist Arbeitsunwilligkeit juritisch kein ausreichender Grund, einem Kunden die Leistung zu entziehen. Wir könnten maximal sanktionieren. Da diese Personen i.d.R. aber auch alternative Einnahmequellen haben, greifen Sanktionen hier erfahrungsgemäß meist nicht. Lediglich bei Inhaftierung stellen wir die Zahlung der Regelleistung ein, jedoch zahlen wir die Miete bis zu 6 Monaten weiter. Erst bei einer Verurteilung > 6 Monate wird nichts mehr gezahlt.

    Außer bei einem freiwilligen Verzicht, ist es sehr schwer in Deutschland KEINE steuerfinanzierten Transferleistungen mehr zu bekommen.

  2. 5.

    Um welches problematische Klientel es sich im Steinmetzkiez handelt, muss hier nicht durchdekliniert werden. Wir kennen es. Die Behörden sind da am Zuge, nicht nur die Justiz, sondern auch die Jobcenter, die so leichtfertig jungen arbeitsunwilligen Leuten das Geld auszahlen. Schon recht frühzeitig denjenigen permanent auf die Finger schauen, hilft.

  3. 4.

    Liebe, lieber Frau/Herr von Mayet. Genau solche Vergleiche sind das Problem. Junge Leute, die, wie in der West Side Story, über die Stränge schlagen - ich schlage Ihnen mal einen Spaziergang am Abend in der Bülowstraße, so ab 23.00 Uhr, vor. Dann sehen Sie, in welchem Umfeld von Drogen, Zwangsprostitution, Gewalt, Illegalem Glücksspiel, Hehlerei, Hass auf andere, Frauenfeindlichkeit und Clankriminalität (ist gerade In) diese jungen Leute aufwachsen. Das Ausmaß an Gewalt, die dort schon kleine Kinder erleben müssen, ist schier unglaublich. Davon existieren in den einschlägigen Netzwerken lustige Videos. Nein, es gibt keinen Vergleich zu „früher“. Ein Menschenleben zählt sehr schnell nur noch sehr wenig. Und unsere Politiker schauen seit Jahrzehnten zu, erhöhen Ihre Diäten und schotten sich ab. Deren Kinder gehen nicht auf die Rütli Schule, seien Sie sicher. Wir sind, sehenden Auges, auf dem direkten Weg zu unserem großen Vorbild USA

  4. 3.

    Junge Leute die über die Stränge schlagen gibt es nicht erst seit heute. Ich erinnere nur an die“West Side Story“ Dort ging es irgendwie auch um Migrationsprobleme. Wichtig ist , dass diejenigen, die unsere Gesellschaft bejahen und sich an die Regeln halten, NICHT von Abschiebung bedroht sind. Leute die sich nicht daran halten, also alles kaputt machen oder die Polizei angreifen z.B. müssen im Wiederholungsfall raus, sonst funktioniert das mit dem sozialen Frieden nicht.

  5. 2.

    "Doch weil die Polizisten meist schon so früh vor Ort seien, hätten sie keine Möglichkeit "irgendwas zu machen, wie zum Beispiel eine kleine Bombe unter ein Auto schmeißen oder so, wobei halt etwas passieren könnte oder ein Mensch verletzt wird". ......... Schon ein paar Tage vor Silvester würden sie grundlos kontrolliert. Davon fühlten sie sich provoziert, sagt er. "Wenn dann einer festgenommen wird, ist man halt aggressiv. Dann schlägt man zurück", sagt er." Toller Wiederspruch in sich...

  6. 1.

    Das ist eine der Spitzen der Eisberge die sich hier zeigt.
    Die Polizei kann einem leid tun.
    Das ist von Anfang an die falsche Toleranz
    unseres Senats.
    Ich befürchte das ist die Zukunft Berlins.
    Überall gibt es Ecken die man meidet und es werden immer mehr.

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