Kurfürstenstraße in Berlin Schöneberg (Quelle: imago/Rolf Kremming)
Bild: imago/Rolf Kremming

Straßenstrich an der Kurfürstenstraße - Sperrgebiete oder Verrichtungsboxen?

Der Straßenstrich an der Berliner Kurfürstenstraße ist vielen Anwohnern ein Dorn im Auge. Bei einer Versammlung wurden nun sogenannte Verrichtungsboxen vorgestellt, die in Köln seit 2002 im Einsatz sind. Doch manche wollen den Strich ganz verbannen. Von Annette Miersch

Der Straßenstrich rund um die Berliner Kurfürstenstraße wird von Billig-Freiern gut besucht – zum Leidwesen vieler Anwohner. Die Bezirke Mitte und Schöneberg sind seit Längerem bemüht, die Situation in den Griff zu kriegen. Nachdem immerhin zwei Toiletten für die Prostituierten aufgestellt wurden, könnten nun auch so genannte Verrichtungsboxen kommen. Das wurde bei einem Bürger-Informationsabend am Dienstag deutlich.

In Köln haben sie "die Scheune"

Erfunden wurden diese Boxen in Holland. In Deutschland wurde das Konzept zuerst von der Stadt Köln übernommen: Die Stadt hat seit 2002 Verrichtungsboxen für die Sexarbeit. Die Sexkabinen werden von der Stadt im öffentlichen betreut und komplett finanziert - und diese Investition zahle sich aus, berichtet Anna Wolff vom Kölner Gesundheitsamt. Sie ist nach Berlin gekommen, um den Kurfürstenkiez-Bewohnern von ihren Erfahrungen mit den Boxen zu erzählen: "Früher waren Frauen, die in der Innenstadt anschaffen waren, von massiven Übergriffen durch ihre Kunden oder Partner betroffen. Das findet nicht mehr statt."

Hinter dem Begriff Verrichtungssboxen steht eigentlich ein Sozial- und Sicherheitskonzept: quasi ein geschützter Straßenstrich. In Köln sieht das Ganze wie ein schlichter Carport aus: ein hohes Wellblechdach, acht Autostellplätze für den Vollzug darunter, getrennt durch Seitenwände. Die Kölner nennen das Ensemble auch "die Scheune".

Die Frauen können raus, die Freier nicht

Der Fahrer muss so hineinfahren, dass er seine Tür nicht öffnen kann. Die Frau auf der Beifahrerseite kann allerdings aussteigen und in die Scheune flüchten, falls es zu einer bedrohlichen Situation kommt. "Da gibt es einen Notknopf und es ertönt ein großer Alarm", erklärt Anna Wolff. "Und alle, die auf dem Platz sind, können zur Hilfe kommen."

Die Scheune steht auf einem abgezäunten Parkplatz in einem Industriegebiet - außerhalb der Innenstadt, denn die ist Sperrbezirk. Der Sex-Drive-In ist täglich von zwölf Uhr mittags bis zwei Uhr nachts geöffnet. Das Ordnungsamt schließt auf und zu. Polizei und Sozialarbeiterinnen schauen täglich vorbei. Zuhälter müssen draußen bleiben. Die Prostituierten zahlen für die Nutzung nichts.

Verrichtungsboxen auf dem Tempelhofer Feld?

Einen geschützten Straßenstrich nach Kölner Vorbild kann sich Stephan von Dassel (Grüne), Bezirksbürgermeister von Mitte, auch in Berlin vorstellen. Klar sei allerdings auch, dass es in Berlin nicht per se Orte gebe, wo man Verrichtungsboxen aufstellen könne, so von Dassel. "Da müssten wir sehr gut nachdenken."

Der Grünen-Politiker sieht am Tempelhofer Feld Potenzial für solche Sexkabinen. Gleichzeitig fordert von Dassel weiterhin Prostitutions-Sperrgebiete in Berlin. Doch da geht der Senat nicht mit – das macht Gleichstellungs-Staatsekretärin Barbara König (SPD) deutlich. Sie leitet den berlinweiten "Runden Tisch Sexarbeit". Seit dem vergangenen Herbst tauschen sich dort Vertreter von Senat und Bezirken, Polizei und Sozialarbeit, Prostitutionsbetrieben und Sexarbeiterinnen aus. Ziel ist es, die Arbeitsbedingungen von Sexarbeiterinnen zu verbessern.

"Sperrbezirke sperren Menschen weg, keine Probleme"

Barbara König sagt, Verrichtungsboxen sollten dort hinkommen, wo Prostitution jetzt stattfinde - also in die Nachbarschaft. Dabei werde es allerdings nicht um große Boxen wie in Köln gehen, sagt König – sondern eher um kleine für Fahrradfahrer und Fußgänger. Diese Boxen seien Teil eines gesamtstädtischen Konzepts zur Sexarbeit. Das Geld dafür sei für den Doppelhaushalt 2020/21 angemeldet und werde sehr wahrscheinlich auch bereitgestellt.

Diese Ankündigung wird von Anwohnern im Saal mit Buhrufen quittiert: Viele der Anwesenden sprechen sich für ein Verbot der Prostitution im Kurfürstenkiez und Sperrgebiete aus. "Sperrbezirke sperren Menschen weg, aber nicht die Probleme", sagt Barbara König dazu.

Möglicherweise erwarten Anwohner von einem Verbot beziehungsweise einer Verlagerung des Strichs weg vom Kurfürsten-Kiez zu viel. In Köln ist die Straßenprostitution durch die Verrichtungsboxen im Industriegebiet zwar eingedämmt - doch trotzdem in der Innenstadt auch weiter sichtbar, nach wie vor gelegentlich mit öffentlich vollzogenem Geschlechtsverkehr.

Sendung: Inforadio, 29.05.2019, 07:25 Uhr

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Antwort auf [Dinz] vom 30.05.2019 um 10:20
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11 Kommentare

  1. 11.

    Eine schlimmere Zukunft kann man Tempelhof nicht wünschen, als von den Berlinern zum „Stadtpuff“ eingerichtet zu werden. Von diesen Berlinern, die den Flughafen, über den sie ein Jahr lang von den Alliierten ernährt und vom Erfrieren und Verhungern dadurch verschont wurden, anstatt zum Cityflughafen jetzt zum Vergnügungsviertel gemacht werden soll. Ganz abgesehen von der kürzlichen Unverschämtheit der Berliner Verwaltung, die jetzt aus den USA eingeflogenen Veteranen, welche ihr Leben damals riskiert haben, nicht dort ausnahmsweise noch einmal landen zu lassen.

  2. 10.

    Wahre Worte. Danke. Mittlerweile dürfte jedem bekannt sein, welche dieser Damen in der Kurfürstenstraße stehen MÜSSEN.

  3. 7.

    Prostitution ist ein Job. Auch andere Jobs haben schlechte Arbeitsbedingungen. Am Fliessband, in Kneipen, Lautstärke, Emissionen, Aufstehen früh um fünf Uhr, Kälte, e.t.c... , e.t.c... .
    Nicht alle Prostituierte in der Kurfürstenstrasse haben einen Zuhälter oder werden hingeschickt.
    Dass halb Rumänien und Bulgarien da anschafft, haben wir anderen, unpassenden Gesetzen zu verdanken.
    Die deutschen Prostituierten werden verdrängt von der "Billigkonkurrenz" aus anderen Ländern, die auch teilweise anders arbeiten, nämlich "ungeschützter". Ganz zu schweigen von deren "Müllverhalten".
    Dennoch ist es nicht in Ordnung, dass derjenige, der eine teure Wohnung erwirbt, glaubt das Recht zu haben, auf den "Strich" zu bashen. Er/Sie wusste vorher, wo er sich "einkauft".

  4. 6.

    Jedem dem was an diesem Thema liegt weiß, was da für Damen in der Kurfürstenstraße täglich stehen. Es sind Zwangsprostituierte und die stehen dort mit absoluter Sicherheit nicht freiwillig dort. Denn für die Wahlfreien Damen gibt es hier in der Stadt zig andere Orte, wo sie ihrem Geschäft nachgehen können und dürfen. Schon deshalb gehört die Kurfürstenstraße zum schmuddeligsten was den Straßenstrich in Berlin anbelangt. Ich erinnere nur mal an den Kurfürstendamm der 70er Jahre. Da standen oberhalb der Straße Edelnutten und es lief alles gesittet zu. Heute steht da keine mehr. Wieso geht das nicht ebenso mit der Kurfürstenstraße? Zudem sich Jahrelang schon die Anwohner über die unhaltbaren Zustände beklagen. Anstatt Nägel mit Köpfen zu machen, wird nun beschlossen Buden dahinzustellen. Schlimmer noch, Herr von Dassel siniert offen über einen Standort auf dem Tempelhofer Feld nach. Hat der Sie noch alle?

  5. 5.

    Versucht nicht immer wieder vergeblich von den leidgeprüften und zwangsweise Prostitution verrichtenden Damen zu reden. Ja es gibt auch wenige die in einer so schlimmen Lage sind; die Mehrheit tut es aber immer noch gern freiwillig. Das ist Fakt. Nur mitten im Wohngebiet wie der Kurfürstenstr. muss es wohl nicht mehr sein. Das war mal und sollte geändert werden. Warum gibt es nicht neue große Laufhäuser, wo alles sauber, sicher unter Kontrolle läuft?

  6. 4.

    Darum geht es hier aber nicht. Es geht um die betroffenen. Da müssen sie nicht wieder mit clans kommen....Und die Kunden sind auch keine Clan Mitglieder...

  7. 3.

    "... zum Leidwesen vieler Anwohner." - Wenn Frauen wie austauschbares Vieh in sogenannten Verrichtungsboxen den vielfachen Geschlechtsverkehr mit wechselnden Männern ausführen sollen, vermag ich keine Menschenwürde zu erkennen. Es meldet sich aber auch keine Kirche hier zu Wort, sodass das wohl alles im Sinne Gottes sein müsste. Und, sehr geehrtes rbb24-Team, schreiben Sie bitte nicht mehr von "freiwilliger" Prostitution, ohne die gleichen Erfahrungen wie diese erniedrigten Menschen gemacht zu haben.

  8. 2.

    Wie schauts denn wirklich aus? - https://www.n-tv.de/mediathek/videos/panorama/Wie-Clans-den-Berliner-Strassenstrich-beherrschen-article21043973.html

  9. 1.

    Wie schauts denn wirklich aus? - https://www.n-tv.de/mediathek/videos/panorama/Wie-Clans-den-Berliner-Strassenstrich-beherrschen-article21043973.html

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