Collage: links - eine männliche Hyalomma rufipes Zecke (Bild: dpa/Fabian Sommer), Mitte - Exemplar der Mückenart "Aedes koreicus" (dpa/Thomas Zarkiewicz), rechts - Ammendornfinger (dpa/Kunz)
Bild: dpa/Sommer/Zarkiewicz/Kunz

Riesenzecken und Tigermücken - Diese Gefahr geht von neuen Insekten und Spinnen wirklich aus

Sie sind giftig oder können tropische Krankheiten übertragen. Aber sind sie hierzulande eine Gefahr? Seit einiger Zeit werden neue Spinnentiere und Moskitos gesichtet. Das liegt vor allem an Klimawandel, Tourismus und dem Handel mit gebrauchten Reifen. Von Oliver Noffke

Die gute Nachricht vorweg: Bisher wurde in Deutschland keine Übertragung einer tropischen Erkrankung wie Dengue-, Krim-Kongo-, Chikungunya-, Zika- oder Gelbfieber auf den Menschen registriert. Zwar gibt es durchaus Patienten, die hierzulande wegen dieser Krankheiten behandelt werden müssen. Bisher fanden die Infektionen jedoch nachweislich jedes Mal im Ausland statt.

Alle Experten, die zu diesem Thema mit rbb|24 gesprochen haben, warnen deshalb vor unbegründeter Panik. Unabhängig voneinander hielten sie es für extrem unwahrscheinlich, dass in den kommenden Jahren eine dieser Erkrankungen eine Epidemie in Berlin oder Brandenburg auslösen wird.

Vollkommen ausschließen lässt sich so ein Szenario natürlich nicht - zumal in Berlin und Brandenburg neuerdings Tierarten gesichtet werden, die Experten aufmerksam beobachten.

Eine männliche Hyalomma rufipes (r) Zecke liegt neben einer gemeiner Holzbock-Zecke (Ixodes ricinus, Weibchen) auf einem Millimeterpapier (Bild: dpa/Fabian Sommer)
Bild: dpa/Fabian Sommer

Hyalomma-Zecke: die ideale Transportkiste

Hyalomma marginatum sieht recht bedrohlich aus. Sie ist deutlich größer als ihre mitteleuropäischen Verwandten und ihre gestreiften Beinchen signalisieren Gefahr. Menschen, die ihr zum ersten Mal begegnen, sind oftmals verstört vom Verhalten dieses Spinnentiers. Im Gegensatz zum Gemeinen Holzbock lässt sich die Hyalomma-Zecke nicht aus dem Gras oder aus Büschen heraus auf ihre Opfer plumpsen. Dieser Parasit geht aktiv auf Jagd, läuft flink und hat er einmal ein Opfer ausgemacht, verfolgt er es.

Es gibt bisher keine sicheren Beweise dafür, dass Hyalomma-Zecken in Deutschland heimisch geworden sind. Da sie auch Zugvögel befallen, kommt es vor, dass sie auf diese Weise zu uns gelangen – und zwar extrem selten. Im vergangen Jahr registrierte das Robert Koch Institut (RKI) 19 Tiere in Deutschland, drei davon in Berlin. 2019 wurde bisher eine Hyalomma-Zecke in einer Wohnsiedlung in Berlin-Reinickendorf entdeckt und eine weitere in Essen. Das Bundeswehr-Institut für Mikrobiologie und die Universität Hohenheim berichten von sechs weiteren Zecken, die an Pferden in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen gefunden wurden. Forscher beider Hochschulen glauben, dass die Zecke erstmals in Deutschland überwintert haben könnte [uni-hohenheim.de]. Vom Befall eines Wasserbüffels in Potsdam-Mittelmark hat das RKI aus der Presse erfahren.

Gefährlich sind Hyalomma-Zecken, wenn sich das Krim-Kongo-Virus in ihnen breit gemacht hat, das entgegen seines Namens vorrangig in Zentralasien vorkommt, aber nicht nur. Allerdings: "Es ist nicht so trivial, dass man sagen kann: 'Die Zecke ist hier, das Virus ist auch hier'", sagt Peter Hagedorn vom RKI. "Kein Mensch weiß zum Beispiel, ob das Virus hier überleben könnte. Viren sind sehr komplizierte und fragile Organismen." Die Hyalomma-Zecke beschreibt er hingegen als ideale Transportbox. Sie sei anspruchslos und anpassungsfähig, komme mit trockenen wie feuchten, warmen und möglicherweise auch mit kühleren Bedingungen gut zurecht.

Hagedorn sagt, wer einer Hyalomma begegnet, könne sie recht einfach mit einem Glas einfangen, mit einem Klebestreifen fixieren und in einem sicheren Kuvert an das RKI schicken. "Wir untersuchen das dann auf Krankheitserreger", so Hagedorn. Es sei theoretisch zwar nur eine Frage der Zeit, bis das Krim-Kongo-Virus nach Deutschland komme, sagt er. "Aber das kann nicht plötzlich von einem Jahr aus das andere passieren und es gibt derzeit keine Anzeichen, dass dies bevorsteht."

Ein Ammen-Dornfinger-Weibchen sitzt in einem Nest (Bild: imago/Kunz)
Bild: imago/Kunz

Der Ammen-Dornfinger: die Wespe der Spinnenwelt

Als Schönheit werden viele Menschen Cheiracanthium punctorium nicht bezeichnen. Insbesondere die Ammen-Dornfinger-Weibchen wirken durch ihre orange-braunen Kieferklauen bedrohlich. Dank dieser Werkzeuge ist sie die einzige Spinnenart Mitteleuropas, die ihr Gift unter die menschliche Haut spritzen kann. Laut Nabu [brandenburg.nabu.de] können unter anderem Schmerzen und Schwellungen die Folge sein. Bei Allergikern kann es zu Herzrasen kommen.

Ursprünglich war der Ammen-Dornfinger im Mittelmeerraum zu Hause. Mittlerweile hat sich die Spinne aber auch in Brandenburg eingerichtet. Aufgrund der veränderten klimatischen Bedingungen wird sie wohl bleiben. Ihr zu begegnen ist jedoch geradezu Glückssache. Sie ist nachtaktiv und scheu, auf Angriff schaltet sie nur, wenn sie sich bedroht fühlt.

Verwaltungspolitisch krabbelt die Spinne bisher unter dem Radar. Da sie einheimischen Arten derzeit nicht den Lebensraum streitig macht, wird sie vom Umweltministerium in Potsdam zwar zur Kenntnis genommen, aber nicht bekämpft. Das RKI schenkt ihre keine Beachtung, schließlich überträgt sie keine Krankheiten. Und beim Gesundheitsministerium steht die Spinne auch nicht unter Beobachtung. "Denken Sie an Wespenstiche, die auch zum Alltag gehören", teilt eine Sprecherin auf Anfrage mit. Sollten Ärzte zukünftig eine ungewöhnliche Häufung feststellen, würden die Gesundheitsämter die Bevölkerung informieren.

Die Kollage zeigt: links - Asiatische Tigermücke (Bild: dpa/James Gathany) mitte - Aedes Koreicus (Bild: dpa/Thomas Zarkiewicz) rechts - die Asiatische Buschmücke (Bild: dpa/Kunz)
Bild: dpa/Gathany/Zarkiewicz/Kunz

Asiatische Tigermücke, Asiatische Buschmücke und Aedes koreicus: stechendes Trio

Aedes albopictus, die Asiatische Tigermücke, hat zu Recht einen schlechten Ruf. Das winzige Insekt nähert sich lautlos, plagt seine Opfer mit juckenden Wunden und sticht mit Vorliebe mehrere Menschen hintereinander. Dies macht sie zum idealen Taxi für Krankheitserreger. Mehr als 20 verschiedene Erreger fühlen sich in ihr wohl. Laut der Biologin Doreen Werner vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (Zalf) in Müncheberg (Märkisch-Oderland) steht die Asiatische Tigermücke im Ranking der gefährlichsten Stechmücken auf Platz zwei. Werner sagt aber auch: "Bisher hat in Deutschland noch keine Übertragung von gefährlichen tropischen Viruserkrankungen durch Mücken stattgefunden."

Das gilt auch für ihre ebenfalls aus Fernost eingewandertenVerwandten: die Asiatische oder Japanische Buschmücke (Aedes japonicus) und Aedes koreicus – so neu, dass sich unter Experten noch nicht einmal ein deutscher Name eingebürgert hat. Diese beiden Arten sind zwar weniger nervig und gefährlich als die Tigermücke, haben es aber offenbar ebenso geschafft, in Deutschland den Winter zu überstehen und Populationen zu bilden. Bisher ist dies vor allem im Süden und Westen nachgewiesen.

Die Geschwindigkeit mit der sich die drei Arten breitgemacht haben, ist erstaunlich. Eier der Tigermücke wurden erstmals 2005 in Deutschland entdeckt. Die Asiatische Buschmücke hat vermutlich 2012 ihren ersten deutschen Winter überlebt und Aedes koreicus, die 2016 zum ersten Mal in Augsburg entdeckt wurde, hat sich mittlerweile in Wiesbaden etabliert.

Bei der interkontinentalen Verbreitung dieser drei Arten spielt der Gebrauchtreifen-Handel eine bedeutende Rolle. Die Reifen liegen in Asien auf Halde. Sammelt sich in ihnen Wasser, nutzen die Mücken dies als Ort der Fortpflanzung. Allerdings legen diese drei Arten ihre Eier über der Wasserlinie ab. Sie werden also an die Innenseiten der Reifen geklebt. Werden die Reifen weiterexportiert, müssen sie am Zielort nur mit Wasser in Berührung kommen, etwa bei einem Regenschauer, und die Larven schlüpfen. Einmal in Europa, Amerika, Australien oder Afrika angekommen, haben sie sich als blinde Passagiere in Autos, Lastern oder Zügen in Windeseile über die Kontinente verteilt.

Die Angst vor der Asiatischen Tigermücke hält Biologin Doreen Werner allerdings für übertrieben. "Ich bekomme im Sommer 30 bis 80 Proben pro Tag eingeschickt. Bei etwa der Hälfte der Zusendungen glauben die Menschen eine Tigermücke erkannt zu haben", sagt sie. "Das konnte ich noch kein einziges Mal bestätigen." Oft hielten die Leute einheimische Mücken aufgrund ihrer ähnlichen Körperfärbung für Tigermücken.

Werner ist Teil einer Forschungsgruppe, die für Deutschland einen Mückenatlas [mueckenatlas.com] pflegt, mit dem die Ausbreitung der Tiere dokumentiert wird. Wer wissen will, was um seinen Gartenteich oder die Balkonpflanzen schwirre, könne ihr ein Exemplar zu schicken, sagt die Expertin. "Wir geben dann Tipps, was man tun kann, um die Vermehrung einzudämmen."

"Wenn" und "falls"

Wenn Susanne Glasmacher, Sprecherin des RKI, über das Gefahrenpotential neuer Mücken- oder Zeckenarten im Zusammenhang mit tropischen Krankheiten spricht, verwendet sie sehr oft die Wörter "wenn" und "falls". "Man muss sich immer bewusst machen, die Tiere sind nur die Vektoren. Transportkisten, die Krankheiten übertragen", sagt sie. "Dazu müssen die Krankheiten in Deutschland erst einmal vorkommen."

Es müsste also Menschen geben, die unbehandelt diese extrem seltenen Krankheiten in sich tragen, die dann von seltenen Tieren gestochen werden, die von diesen Viren überhaupt befallen werden können. Dass diese Viren in unseren Breiten diesen unwahrscheinlichen Weg überhaupt überleben würden, wurde bisher noch nicht nachgewiesen. "Aber es ist wichtig zu beobachten, was herumfliegt und inwieweit sich da etwas verändert", so Glasmacher.

Beitrag von Oliver Noffke

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

11 Kommentare

  1. 11.

    Die 35 Jahre beziehen sich auf den Veröffentlichungszeitpunkt der Literatur, die ich angesprochen hatte, nicht auf den Nachweiszeitpunkt (Zitat: etablierte Art) - das war so auch eindeutig formuliert.

    Zum Vergleich mit dem Kaninchen: Zwischen Süddeutschland und Brandenburg liegt kein Ozean - nicht einmal mehr eine Landesgrenze - und Nachweise von stabilen Populationen des Dornfingers in der Südhälfte von Deutschland reichen bis in die 1950er Jahre zurück, was aber nicht heißt, dass sie nicht vorher schon dagewesen wäre. In Südwestbrandenburg wurde die Art in den 1960ern sicher nachgewiesen, vorher hatte man aber gar nicht nach ihr gesucht.

    Die Art wird und wurde in der Fachliteratur trotz Hinweis auf eine (mögliche) Ausdehnung des Verbreitungsgebiets nach Norden hin auch nicht als Neozoon geführt, als solchen sollte man sie daher mE. auch nicht hinstellen.

  2. 10.

    Naja, auch wenn es einem nach so einem Bericht überall kitzelt und kribbelt, die statistische Unwahrscheinlichkeit, von so einem Tier gestochen UND mit einer der genannten, hier seltenen Krankheiten angesteckt zu werden, ist wohl ähnlich groß, wie vom Blitz getroffen zu werden.

    Mir graut's eher vor Bettwanzen oder etwa Krätzmilben. Furchtbar.

  3. 9.

    Kaninchen wurden bereits Mitte des 19. Jahrhunderts in Australien eingeschleppt und sind dort trotzdem Neozoone. Mir ist zwar bekannt, dass der Begriff von manchen mit dem Zeitpunkt interkontinentaler Reisen ab Kolumbus in Verbindung gebracht wird, aber wie kommen Sie darauf, dass ausgerechnet 35 Jahre irgendeine Aussagekraft haben sollen?

  4. 7.

    Liebe Redaktion, wer sagt eigentlich, dass der Ammen- Dornfinger ein Neozon ist? Diese Art wurde in der Fachliteratur schon vor rund 35 Jahren als etablierte einheimische Art geführt, die zumindest in Süddeutschland häufig anzutreffen ist. Richtig mag sein, dass sich die nördliche Verbreitungsgrenze in den letzten Jahren aufgrund günstiger klimatischer Bedingungen leicht nach norden verschoben bzw. die Population bei uns zugenommen hat. Als Beispiel für eine eingeschleppte Art eignet sich der Dornfinger mE. gerade nicht.

  5. 4.

    Gehen nicht eigentlich viel viel grössere Gefahren von Spinnern aus? Vor Spinnen u.a. Getier habe ich schon lange keine Angst mehr. Dafür um so mehr vor Spinnern, die laufend der Meinung sind, uns die Welt erklären zu müssen.

  6. 3.

    Sehr geehrter Herr Noffke,

    vielen Dank für den sachlichen Beitrag.
    Das "Leipniz-Zentrum" schreibt sich "Leibniz-Zentrum" und Aedes koreicus sollte auch in der Teil-Überschrift so heißen.

    Mit freundlichen Grüßen

  7. 2.

    Lieber RBB,
    das Zecken aus Bäumen fallen würden ist ein weit verbreiteter und vielfach widerlegter Irrtum.

    https://www.rki.de/SharedDocs/FAQ/FSME/Zecken/Zecken.html
    "Gegensatz zum Gemeinen Holzbock lässt sich die Hyalomma-Zecke nicht aus dem Gras oder aus Bäumen heraus auf ihre Opfer plumpsen."

  8. 1.

    Vielleicht haben wir ja Glück und Brandenburg verwandelt sich in eine mückenfreie Steppenlandschaft bevor nach den Mücken auch die Krankheiten zu uns kommen.

Das könnte Sie auch interessieren