Etwa 2.000 Menschen sind am Samstag in Berlin der Aufforderung "Rollt, humpelt, tastet Euch vor" gefolgt. Quelle: dpa/Geisler-Fotopress
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Pride Parade in Berlin - Die "Krüppelbewegung" akzeptiert auch "Normalgestörte"

Menschen mit Behinderung oder psychischen Problemen demonstrieren bei der Berliner Pride Parade für Barrierefreiheit und gegen Diskriminierung. Das Motto "behindert und verrückt feiern" zelebriert bewusst einen Akt der Selbstermächtigung. Von Carmen Gräf

Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Pride Parade wollen am Samstag in Berlin erneut gegen Diskriminierung demonstrieren: fröhlich und selbstbewusst, nach dem Vorbild der Mad Prides, die es schon lange  in Kanada und in den USA gibt. Und sie greifen dabei Gedanken aus der sogenannten Krüppelbewegung auf.

Paula, die nur mit Vornamen genannt werden möchte, hat die Pride Parade in Berlin im Jahr 2013 mit begründet: "Die Krüppelbewegung hat diesen Begriff verwendet, um sich einen abwertenden Begriff positiv anzueignen – und so ähnlich machen wir das auch mit unserer Parade. Deshalb heißt es ja, 'behindert und verrückt feiern', wir versuchen also zwei Begriffe, die eher diskriminierend verwendet werden, uns positiv anzueignen."

Ein schönes Leben jenseits der "Norm"

Stefan stieß vor drei Jahren zum Organisationsteam dazu. Dahinter steckt kein Verein – das Team setzt sich aus Einzelpersonen zusammen, erklärt Stefan. Er findet, dass niemand wegen einer sicht- oder unsichtbaren Behinderung aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden darf. "Wir wollen Menschen mit psychiatrischen Diagnosen und Menschen, die behindert sind, zusammenbringen", betont er, "wir wollen, dass Stigmatisierung abgebaut wird, Barrierefreiheit gewährleistet wird, wir wollen, dass sich die Menschen vernetzen, dass die Menschen sich so zeigen, wie sie sind." Dass ein schönes Leben möglich sei, auch wenn sie aus der "Norm" fielen.

Bis zu 2.000 Teilnehmer und Teilnehmerinnen kamen jeweils in den letzten Jahren zu den Pride Parades: Menschen mit und ohne Rollstuhl, mit körperlichen oder psychischen Einschränkungen. Mit dem Umzug, aber auch mit einer Schlusskundgebung wollen sie in der Stadt auffallen, sich Gehör verschaffen. Es sollen diejenigen eine Stimme bekommen, die sonst an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, etwa indem sie in der Psychiatrie ruhig gestellt werden.

Veranstalter verleihen die "Glitzerkrücke"

Finanziert wird die Pride Parade über Spenden, Fördermittel und viel Eigeninitiative. Bei der Vorbereitung geht es darum, Barrieren abzubauen: Die Strecke darf nicht zu lang sein, und irgendwie berollbar, sagt Paula. Außerdem wird so viel wie möglich in Gebärdensprache übersetzt. Es gibt zudem einen Ruhewagen und am Südblock einen Ruheraum für alle, denen der Rummel zu viel wird.

Die Veranstalter verleihen auch eine Auszeichnung: die "Glitzerkrücke". Ein Negativpreis für Vereine, Unternehmen, Institutionen oder Gesetze, die Menschen mit Behinderungen ausgrenzen oder benachteiligen.

Die Pride Parade startet am Samstag um 15 Uhr an der Jannowitzbrücke in Berlin mit einer Kundgebung. Der Zug zieht dann über die Heinrich-Heine-Straße zum Kottbusser Tor. Dort gibt es ab 18 Uhr ein Bühnenprogramm, das von behinderten Menschen gestaltet wird. Auftreten werden die Crazy Boys und Alice Dee.

Es sind übrigens auch Nichtbehinderte bei der Pride Parade willkommen. Sie werden hier "Normalgestörte" genannt.

Sendung: Abendschau, 21.06.2019, 19.30 Uhr

Beitrag von Carmen Gräf

Kommentar

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14 Kommentare

  1. 14.

    Das liegt daran, dass du keine persönliche Erfahrung darin hast, als behindert erkannt und stigmatisiert zu werden. ;)

  2. 13.

    Die Lebenssachverhalte von behinderten Menschen können aufgrund der unterschiedlichen Funktionsbeeinträchtigungen und der jeweiligen Umweltfaktoren zwar niemals identisch sein, doch wer bei Grundrechtseingriffen durch Tun bzw. Unterlassen, ohne Rechtfertigung keine Prüfung hinsichtlich der Zumutbarkeit unternimmt, begeht mMn eine Grundrechtsverletzung wegen Benachteiligung (Art. 3 Abs. 3 S. 2 GG). Zudem offenbart sich hinterhältige Brutalität dergestalt, dass dem behinderten Menschen die besonders schwere psycho-mentale Bürde des Weges bis zum Bundesverfassungsgericht auferlegt wird. Welch perverse Gerechtigkeit!

  3. 12.

    Welche haupt- und ehrenamtliche Richterperson kann einwandfreies Recht in Angelegenheiten von Behinderten sprechen, ohne jemals im Bewusstsein für die Würde und Rechte behinderter Menschen umfassend geschult zu sein? - Seit Ratifizierung der UN-BRK, hat sich niemand in meinen Verwaltungs- und Gerichtsverfahren die Mühe gemacht, Barrieren iSd Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) aufzuspüren. Bei genauer Betrachtung stellt der Dt. Staat vielfach eine unüberwindbare Barriere zur uneingeschränkten Wahrnehmung von Grundrechten dar.

  4. 11.

    Bravo!

  5. 10.

    Die Psychatrie kann je nach individueller Situation, zum Tatort staatlicher Willkür verkommen, insbesondere dann, wenn nicht die Funktionsbeeinträchtigungen eines behinderten Menschen das Problem darstellen, sondern die unzureichende Verfassungstreue von Amtspersonen.

  6. 9.

    hallo und guten morgen,
    interessanter kommentar, aber ich denke, es ist nicht jedem möglich, sein recht juristisch durchzusetzen. vor allem im bereich der psychiatrie ist es schier ein ding der unmöglichkeit..

  7. 8.

    Ich habe mir "das" heute angesehen. Bei manchen "Bildern" blieb mir das Lachen im Halse stecken. Scheisse, geht's mir gut. Manche Postings hier sind einfach unterirdisch.
    "Behinderte sind auch nur Menschen." - Jörg streiche bitte "auch nur"! Dein Folgeposting möchte ich nicht kommentieren - RBB würde es, berechtigt, löschen.
    @ schwer in Ordnung - Meine vollste Zustimmung!
    "Normalgestörte" - eine geiler Begriff. Trotzdem, oder gerade deshalb, habe ich ein Grinsen im Gesicht.

  8. 7.

    Na toll. Der Begriff „Krüppel“ wird doch nicht mehr benutzt. Eben hat mich mein Kind gefragt, was ein denn eine Krüppelbewegung sei. Danke Leute. Vlt. denkt die ältere Generation noch so, aber heutzutage ist die Teilhabe normal. Ich finde dieses Zelebrieren der Behinderung unnötig.

  9. 6.

    Einige der Missstände finden sich in der Politik (Stichwort "Kosten"), einige in der Arbeitswelt (Stichwort "Unflexibilität") andere in der Gesellschaft (Stichwort "Diskriminierung"). Dabei entstehen viele dieser Umstände auf Uninformiertheit. So gesehen ist es mehr als notwendig, auch mal aufmerksam zu machen, z.B. auf die Vielfältigkeit der Handicaps, aber auch, überhaupt eine Stimme zu haben und gehört zu werden.
    Anderes habe ich im Parallelbeitrag gepostet.
    Kritik: ob die(se) Form die geeignete ist. Und eines der evt. Ziele "Toleranz" (wenigstens die) erreicht wird, fraglich.

    Die Veranstaltung ist doch mehr ein Happening, denn ernsthafte Aufklärung. Immerhin zeigt es: auch Menschen mit Handicap haben außer "krank sein" noch anderes in ihrem Leben, was sie beschäftigt, nämlich die ganz normalen Dinge.

  10. 5.

    Nur ein für Berlin typisches medienwirksames Spektakel. Wer wirksame Änderungen im Sinne der Behinderten bewirken will, klagt seine Rechte bei der Sozialgerichtsbarkeit Deutschlands, dem Bundesverfassungsgericht und europäischen Institutionen ein.

  11. 4.

    Da liefern Sie gleich mehrfach treffende Gründe, warum solche Demonstrationen wichtig sind, indem Sie existente Diskriminierungen und Entrechtungen verleugnen und sich über vermeintlichen Narzissmus beschweren. Soziale Gerechtigkeit ist obligatorischer Bestandteil unserer Verfassung, aber zu Ihnen scheints nicht durchgedrungen.

    Die UN-Behindertenrechtskonvention wird in Deutschland nicht angemessen umgesetzt, Behinderte werden oft in vielen Aspekten ausgeschlossen. Teils werden Menschenrechtsverbrechen geduldet. Menschen mit psychischen Erkrankungen werden durch ihr Umfeld zu "Anstaltspersonen" geformt und entrechtet und z.B. geistig behinderte Frauen auch heute noch zum Teil zwangssterilsiert. Klingt nach Drittem Reich? Weil es zum Teil zutrifft. Sozialdarwinismus und Eugenik sind gerade im durchneoliberalisierten Medizinbereich dank PID umgesetzt und Abtreibungen von etwa Trisomie-21-Betroffenen finden in unserer behindertenfeindlichen Gesellschaft häufiger statt.

  12. 3.

    Ich bitte, die umfassende Bedeutung des Übereinkommens der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-BRK) in keiner Weise zu beschränken, daher: "Zu den Menschen mit Behinderungen zählen Menschen, die langfristige körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, welche sie in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern können." - Schlimm genug, dass der deutsche Staat im wesentlichen zu dieser Sichtweise, seit über zehn Jahren nicht befähigt ist.

  13. 2.

    Ach ja noch was zum Bild : "Bitte auffallen" ? Narzisten und andere Selbstdarsteller gibt es schon genug in Berlin die müsst ihr euch nicht zum Vorbild nehmen.

  14. 1.

    Behinderte sind auch nur Menschen. Wenn Sie sich deshalb diskreminiert fühlen tut mir das leid.

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