Einsatzkräfte der Feuerwehr bei einem Waldbrand auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz nahe Jüterbog am 13.07.2010 (Quelle: dpa/Patrick Pleul)
Video: rbb24 | 27.06.2019 | Daniel Gäsche | Bild: dpa-Zentralbild

Bürgermeister vermutet chemische Kampfstoffe - Jüterbogs Feuerwehr darf nicht mehr auf Truppenübungsplatz

Waldbrände auf Brandenburgs ehemaligen Truppenübungsplätzen sind für die Einsatzkräfte gefährlich. Der Bürgermeister von Jüterbog vermutet, dass neben explosionsfähiger Munition auch noch andere Gefahren im Boden lauern - und hält die Feuerwehrleute zurück.

Die örtliche Feuerwehr in Jüterbog (Teltow-Fläming) darf im Falle eines Waldbrandes den ehemaligen Truppenübungsplatz nicht mehr betreten und sich an den Löscharbeiten beteiligen. Das hat der parteilose Bürgermeister Arne Raue (parteilos) verfügt. Eine Ausnahme für dieses Verbot sei nur die Rettung von Menschen, sagte Raue dem rbb.

Aufgrund der Kampfmittelbelastung des Gebietes könne er die Sicherheit der Kameraden, "ob nun Single oder Familienvater", nicht gewährleisten, heißt es von Seiten des Bürgermeisters. Er vermute chemische Kampfstoffe auf dem Gebiet.

Kritik von Landrätin und Feuerwehrverband

"Ich persönlich werde als Träger des Brandschutzes definitiv keinem irgendwelche schlechten Nachrichten überbringen. Das verantworte ich nicht", so Raue. Man müsse, so der Bürgermeister weiter, keine Glaskugel bemühen, um zu wissen, dass es hier zu großen Schadenslagen kommen werde. "Das, was wir jetzt hier in den letzten Wochen erlebt haben, auch in der Dimension, ist nur ein Vorbote dessen, was hier kommen wird", begründete Raue seine Entscheidung.

Kritisiert wird diese Entscheidung von der Landrätin des Landkreises Teltow Fläming, Kornelia Wehlan (Linke) und dem Präsidenten des Landesfeuerwehrverbands Werner-Siegwart Schippel. Wehlan sagte, es gebe keine Hinweise auf chemische oder uranbelastete Kampfstoffe. Auch die Stiftung Naturlandschaften Brandenburg, die Eigentümer des Waldes ist und immer wieder Wege beräumt, hat nach eigenen Angaben dabei nie chemische Kampfmittel gefunden.

Schon während des Waldbrandes Anfang Juni auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz hatte Raue die Feuerwehrleute der Stadt aus dem Einsatzgebiet abgezogen. Die Situation für die Einsatzkräfte sei laut Raue wegen möglicher Reaktionen von Chemikalien im Boden zu gefährlich, hatte er die Entscheidung zu diesem Zeitpunkt begründet. Der Landkreis hingegen hatte erklärt, dass Experten des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe dort keine chemischen Gefahrenstoffe entdeckt hätten.

Altmunition auf 7.000 Hektar

Der ehemalige Truppenübungsplatz wurde von 1864 bis 1992 militärisch genutzt. Dort lagert nach Angaben des Kampfmittelbeseitigungsdienstes noch heute Munition aller Art, darunter sollen nach Angaben der Stadt Jüterbog auch U-Boot-Munition und Torpedos sein. Der ehemalige Truppenübungsplatz umfasst rund 7.000 Hektar Land. Es gibt dort beräumte Wege, ansonsten wird die Fläche sich selbst überlassen. Immer wieder brennt es, unter anderem weil sich an sehr heißen Tagen Munition selbst entzündet.

Rund ein Drittel der Waldfläche in Brandenburg gilt als potentiell munitionsbelastet, das sind rund 350.000 bis 370.000 Hektar. Im bundesweiten Vergleich ist es das am stärksten belastete Bundesland. Besonders stark betroffen sind ehemalige Truppenübungsplätze, aber auch Flächen, auf denen etwa im Zweiten Weltkrieg Bomben abgeworfen wurden.

Sendung: Radioeins, 26.06.2019, 18 Uhr

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Antwort auf [Trurl] vom 28.06.2019 um 08:31
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9 Kommentare

  1. 9.

    Erschreckend wie leichtfertig einige das Leben der Feuerwehrleute aufs Spielsetzen wollen. Die Spur etlicher chemischer Kampfstoffe endete im Großraum Berlin nach dem 1. Weltkrieg.

  2. 8.

    Der Bürgermeister, der mit Angst Politik macht. Es gibt Menschen, die das mögen.

  3. 7.

    Wird da auch noch zu ende gedacht? Chemische Kampfstoffe werden bei einem unkontrollierten Brand selten vollständig verbrannt, sondern durch die entstehende Thermik weit verbreitet. Das gilt erst recht für radioaktive Partikel.
    Also Feuerwehr rein, weil es keine chemischen/radioaktiven Stoffe in der Gegend gibt oder direkt räumen, bis sie wieder rein kann. Bei der Haltung bringt er statt den Feuerwehrleuten alle Anwohner in Windrichtung in Gefahr.
    Die Waldbrände letztes Jahr konnte man bis Berlin riechen. Potentielle Gefahrenstoffe werden genauso weit verbreitet...

  4. 6.

    Wieso ist der Bürgermeister in Ihren Augen unbedeutend? Kennen Sie ihn oder ist das nur ihr Empfinden?
    Er hat im Übrigen die volle Verantwortung zur Sicherheit der örtlichen Feuerwehr. Und ich behaupte, daß er sich mit Sicherheit mehr über die Altlasten in der Gegend auskennt, als "jemand" aus der Ferne.
    Und NEIN da gibt es keinen Treffer in der BbgKVerf zum Absetzen, nach dem Motto " einfach mal so".

  5. 5.

    Wieder so eine klassische Raue-Aktion. Erstmal eine unbewiesene Behauptung in die Welt setzen und die anderen sehen lassen, wie sie damit klarkommen. Es kam schon beim letzten großen Waldbrand super an, die eigenen Leute mit dieser Begründung von der Einsatzstelle abzuziehen und die auswärtigen Kräfte die Arbeit machen lassen. Gefunden wurde - wie im Artikel beschrieben - nix.

    Wenn Herr Raue Kenntnisse über chemische oder sonstige nicht-konventionelle Altlasten hat, soll er die mit den zuständigen Stellen teilen, statt weiter solche unkameradschaftlichen Extrawürste zu braten.

  6. 4.

    Gut so ! Endlich mal einer, der nicht alles glaubt, was vermeintlich nicht sein kann.

    Wenn es zu spät ist, ist es immer unvorhersehbar gewesen oder eine Verkettung unglücklicher Umstände.
    Quatsch mit Soße. Unfälle passieren. Aber es gibt mit Sicherheit viele Situationen wo nichts passieren würde, wenn man vorher den Kopf einschaltet und Gefahren ausschaltet.

    Die Feuerwehrleute werden es ihm hoffentlich danken. Ein Chef, der seiner Fürsorgepflicht tatsächlich nachkommt.

  7. 3.

    Warum darf ein unbedeutender Bürgermeister einer Kleinstadt solche eigenmächtigen Anweisungen geben? Da stimmen doch die Strukturen nicht. Hier ist doch das Landesinnenministerium gefragt solche Alleingänge zu unterbinden. Und mit Sicherheit gibt es in der Kommunalverfassung einen Passung mit dem man solche Bürgermeister absetzen kann.

  8. 2.

    Wie soll ein (sehr wahrscheinlicher) Waldbrand dann kontrolliert und gelöscht werden?
    Wird die Feuerwehr am Rande von Dõrfern und Städten (aich Jüterbog) stehen und warten. Meint jemand, das könnte gelingen, ein Feuer genau dort zu stoppen?

  9. 1.

    ringsum mit Räumpanzern breite Schneise ziehen
    abbrennen lassen-da geht Munition auch gleich mit "hops"
    " Brandrodung " dann mit Mischwaldbepflanzen

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