Ein Mann fährt mit einem E-Scooter auf der Straße in Berlin (Quelle: imago/Thomas Trutschel)
Bild: imago/Thomas Trutschel

Interview | Unfallforscher - "Ein Scooter-Unfall mit 20 km/h kann lebensgefährlich sein"

Mehrere Tausend E-Scooter verteilen Verleihfirmen bald in der Berliner Innenstadt. Viele freuen sich darauf, sie mal auszuprobieren. Doch Unfallforscher Siegfried Brockmann warnt: Wer ohne Helm fährt, riskiert schwere Verletzungen.

Elektrische Tretroller dürfen jetzt auf deutschen Straßen fahren - eine entsprechende Verordnung trat am Samstag in Kraft. Hersteller und Verleihfirmen können jetzt die Zulassung für ihre Modelle beim Kraftfahrtbundesamt beantragen. Bis die Erlaubnis erteilt ist, können allerdings noch mehrere Wochen vergehen.

Der Bundesrat hatte Mitte Mai den Weg für E-Tretroller freigemacht. Fahrer müssen mindestens 14 Jahre alt sein und dürfen nur Radwege benutzen.

Acht Verleihfirmen haben bereits angekündigt, ihre Modelle in der Berliner Innenstadt verteilen zu wollen. Nach ersten Schätzungen könnten bis Ende des Sommers bis zu 10.000 E-Scooter auf Berlins Straßen unterwegs sein. Eine Obergrenze hat der Berliner Senat nicht festgelegt.

rbb|24: Herr Brockmann, gleich acht Verleiher von E-Scootern wollen ab Juli Tausende E-Scooter in Berlin aufstellen, versprechen sich große Geschäfte. Die Zeitschrift Capital begründet den Hype so: "Die Leute lieben die Tretroller. Sie lassen sich einfach steuern, sind aufregend, neu, schnell, unkompliziert." Teilen Sie die Begeisterung?

Siegfried Brockmann: Damit ich mitreden kann, habe ich so einen E-Scooter auch mal getestet. Zunächst mal bin ich froh, dass sich die Verleihsysteme in Deutschland darauf verständigt haben, für ihre Modelle etwas größere Räder zu benutzen, das macht die Steuerung einfacher als bei Rollern mit kleinen Räder. Schon nach zehn Minuten hatte ich das Gefühl, dass ich den E-Scooter gut beherrsche und ja – es hat Spaß gemacht.

Warum raten Sie E-Scooter-Fahrern dann trotzdem zur Demut?

Die Gefahr liegt für mich darin, dass E-Scooter-Fahrer in der Regel nicht so vertraut sind mit kritischen Situationen, wie das zum Beispiel Fahrradfahrer sind. Fast jeder Fahrradfahrer weiß, was er tun muss, wenn plötzlich ein Hindernis auftaucht, weil er schon Tausende Kilometer mit dem Fahrrad gefahren ist. Die meisten, die bald in Berlin einen E-Scooter ausleihen werden, werden privat keinen E-Scooter fahren. Deshalb wird es brenzlig, wenn sie dann in kritische Situationen geraten.

Eine US-Studie scheint ihre Befürchtungen zu bestätigen: Allein in der texanischen Haupstadt Austin verletzten sich innerhalb von drei Monaten 192 E-Scooter-Fahrer. 42 Prozent davon brachen sich einen oder mehrere Knochen, 15 Prozent erlitten ein Schädel-Hirn-Trauma. Auf 100.000 gefahrene Kilometer mit dem E-Scooter kamen zwölf verletzte Fahrer. Die Verleiher argumentieren, Autofahren sei viel gefährlicher. Wie beurteilen Sie die Zahlen dieser Studie?

Zwölf Unfälle auf 100.000 Kilometer ist schon eine sehr hohe Zahl. Beim Autofahren passiert statistisch gesehen ein Unfall auf 250.000 Kilometer. Die Ergebnisse der Studie sind aber nicht unbedingt auf Deutschland übertragbar.

So argumentieren auch die Hersteller. Die E-Scooter der neuen Generation seien inzwischen sicherer, zudem sind die deutschen Gesetze strenger als die in den USA. Die Roller müssen hierzulande zwei Bremsen haben und dürfen maximal 20 km/h schnell fahren.

Das klingt zwar nicht sehr schnell, aber das sollte man nicht unterschätzen. Wenn man mit 20 km/h einen Unfall hat und mit dem Kopf auf den Asphalt knallt, kann das lebensgefährlich sein. Umgerechnet ist das die Wucht von 18 Zementsäcken, die da von oben auf den Kopf knallen.

Obwohl Verkehrsminister Scheuer eine große Kampagne mit dem Motto "Helme retten leben" gestartet hat, gilt für E-Scooter keine Helmpflicht. Es wird nur empfohlen, einen Helm zu tragen. Verstehen Sie das?

Eine Helmpflicht wurde deshalb nicht eingeführt, weil sie die Verleihsysteme vor unlösbare Probleme stellen würde. Anders als bei einem E-Roller, bei dem Sie den Helm unter dem Sitz einschließen können, können Sie an einen schlanken E-Scooter, der an einer Straßenecke steht, keinen Helm anschließen – und der sporadische Nutzer, den diese Systeme im Blick haben, wird in der Regel keinen Helm mitführen. Hätte man von vornherein eine Helmpflicht eingeführt, dann hätten die Verleihsysteme gar nicht die Chance, sich am Markt zu etablieren.

Wohl aufgeschreckt durch die hohen Unfallraten in den USA empfehlen die großen E-Scooter-Verleiher Lime, Bird, Voi und Tier inzwischen alle, während der Fahrt einen Helm zu tragen. Lime und Bird verschenkten im Rahmen von Sicherheitskampagnen sogar zehntausende Helme an ihre Nutzer.

Ich würde es mir sehr wünschen, dass die Nutzer alle freiwillig einen Helm tragen. Aber ich glaube nicht wirklich daran. Der Reiz der Leihsysteme liegt ja in der Spontanität. Nicht jeder ist bereit, den ganzen Tag einen Helm mit sich herumzutragen. Deshalb muss man genau beobachten, wie sich die Anzahl der Unfälle mit den E-Scootern entwickeln wird. Die Bundesanstalt für Straßenwesen wird das im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums in den kommenden drei Jahren auswerten. Dann wird man Bilanz ziehen – und wenn die Zahlen zu hoch sind, hoffentlich eine Helmpflicht einführen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte rbb|24-Redakteur Robin Avram.

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Beitrag von Robin Avram

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25 Kommentare

  1. 25.

    Ich möchte nicht wissen wie viel die Autoindustrie zu solchen "Untersuchungen" beisteuert...

  2. 24.

    Leute macht euch nochmal bewusst, hier geht es um einen Roller und nicht um Schwerlasttransporter.
    Zu den vielen täglichen Verkehrstoten durch den PKW und LKW Verkehr sagt keiner was, aber der Roller ist jetzt plötzlich der Todesbringer, einfach nur noch lächerlich.

  3. 23.

    Lieber TG - Es hilft niemandem weiter, wenn wir uns gegenseitig beschuldigen. Im Grunde verhält sich die bei weitem größere Menge der Verkehrsteilnehmer absolut korrekt, ohne Unbeteiligte zu gefährden. Ich fahre im Jahr knapp 15.000km mit dem Fahrrad und von hunderten Menschen die sich am Tag mit mir durch den Verkehr bewegen, sind nur wenige derart Rücksichtslos, dass es Grenz-wertig wird. Von den letztgenannten sind Fußgänger, Radfahrer sowie Autofahrer in gleicher Menge vertreten. Vielleicht sollten man in der Öffentlichkeit einfach mehr Geduld mitbringen, denn die 5 Minuten die man schneller zu Hause sein könnte, könnten das Ableben eines Anderen bedeuten.

  4. 22.

    Bei den schlechten Fußwegen in Berlin, löst sich manches Problem von selbst.

  5. 21.

    Was soll die Aufregung? Noch gefährlicher, als wie es schon heute mit all den rücksichtslosen Radfahrern auf den Fußwegen ist, kann es diesem Kinderollerchen mit auch nicht mehr werden. Das Grundproblem ist, daß hier mittlerweile jeder glaubt, alles tun zu dürfen, wonach ihm oder ihr der kindliche Sinn steht.

  6. 20.

    Es wird vermutlich vor allem mit Fußgängern krachen, weil diese hippen E-Fahrer von da kommen, und an zweiter Stelle mit Radfahrern, denen man mit seiner nicht auf den Verkehr orientierten Haltung in den Weg fährtt, vor allem die Touris, die sowas woanders nie benutzen. Die radeln hier ja auch wie kleine Kinder in der Großstadt. Skatebord und Radfahrer passt von den Geschwindigkeiten, Kurvenverläufen usw. auch nicht gut zusammen, daher gehen die Skater meist auf die Fußwege. Also ich tippe da vor allem auf die Fußwege.

  7. 19.

    Leben ist tödlich herzlichen Glückwunsch zu dieser Erkenntnis an die Unfallforscher.

  8. 18.

    Das Gejammer geht sicher erst los, wenn die ersten Unfälle passiert sind. Dann waren wieder die anderen Schuld. Wer hält sich denn dann daran, nicht auf dem Gehweg zu fahren? Solange der E-Scooter-Fahrer sich nur selbst was antut hält sich mein Mitleid in Grenzen, ich will aber nicht als ahnungsloser Fussgänger umgefahren werden oder mal schnell zur Seite springen.

  9. 16.

    Es ist wirklich zum Mäusemelken! Ein E-Scooter ist einfach nur ein sogenanntes Fahrrad mit Hilfsmotor. Dazu ist Alles, Alles, Alles bereits gesetzlich geregelt. Genauso wie Uber und Co. einfach nur stinknormale Taxis sind und auch dazu Alles, Alles, Alles bereits geregelt ist. Ich baue mir jetzt 200 Stück E-Hubschrauber, pfeife auf alle bestehenden und aus JAHRZEHNTEN ERFAHRUNG aufgebaute Ordnungsrahmen und verlange eigene Regeln sobald ich die Hubschrauber - natürlich ganz toll per App mit Bilderchen und mit Anflug-Beschreibung und Bewertungen und so – verleihe. Weil, sind ja keine Hubschrauber. Nein ... Sind ja EEE-Hubschrauber … Und per App vermietet … Und nach dem free-floater-Prinzip vermietet ... Und gaaanz neu und gaaanz anders. Ironie aus.

  10. 15.

    In der Dusche auszurutschen ist auch potentiell lebensgefährlich, aber da verlangt auch niemand eine Helmpflicht.

  11. 14.

    Dann gehöre ich zu den 20%, die nicht selber schuld sind. Die aber von Autofahrern in Sippenhaft genommen werden. Das geht gar nicht. Egal wie oft sich Radfahrer falsch verhalten, diejenigen, die es nicht tun, dürfen nicht mit denen über einen Kamm geschoren werden. So wie nicht alle Autofahrer rasen oder falsch parken. Auch bei uns draußen gibt es schon E-Scooter. Und wo kein Radweg ist, fährt keiner auf der Straße. Vorfahrt hat natürlich immer der Scooter. Hier sind die Gehwege nicht so voll, ärgerlich ist es trotzdem. In der Innenstadt wird das zum täglichen Nerv-Programm werden. Behinderte und Senioren bleiben dann am besten zu Hause und Kinder laufen bei Fuß. Solch einen zusätzlichen Spaß-Mist braucht Berlin jetzt dringend.

  12. 13.

    Mir doch scheißegal, wie viele Verletzte es geben wird - solange kein anderer beteiligt ist! Sind doch dann selbst schuld, wenn sie nicht an ihre Sicherheit denken. Mir tun nur jetzt schon die ganzen Fußgänger leid! In unserer Spaßgesellschaft nimmt doch keiner auf den anderen Rücksicht. Hauptsache ich. Bin selber Autofahrer und es ist verdammt schwer, alles im Überblick zu behalten. Und man darf nicht vergessen, die Dinger sind leicht zu übersehen. Ebenso wie die-ich sage mal "Liegefahrräder". Die sieht man nicht einfach weil sie nicht höher sind als eine Motorhaube. Und aus meiner Erfahrung kann ich nur sagen ca 80% aller Zweiradfahrer sind an ihren Unfällen selber schuld. Sehe das jeden Tag. Wenn die Autofahrer nicht teilweise Hellseher währen, würde noch viel mehr passieren. Aber sollen doch machen was sie wollen - kann alles nur noch viel lustiger werden. *Ironie Off*

  13. 12.

    Einen Helm tragen beim E-Scooter-Fahren sei nicht so wichtig, finden Sie? Mal sehen, was die großen Anbieter von Leih- E-Scootern dazu sagen...

    Bird: "Bird empfiehlt allen Bird-Fahrern, einen Helm zu tragen und auf die Sicherheit zu achten."

    Lime: "Wenn du keinen Helm trägst, gehst du bewusst ein Verletzungsrisiko ein und wir sind für diese Verletzung nicht haftbar."

    TIER: "Trage einen Helm. Ein Helm ist für eine sichere Fahrt unerlässlich."

    Spricht eigentlich für sich, oder?

  14. 11.

    Dann müßte man konsequenterqerwese auch Helme für Fußgänger verpflichtened machen - immerhin ca. 16% der Unfallopfer sind Fußgänger. Auch zu Hause sollte Helmpflicht gelten, 10.000 Tote jährlich durch Unfälle im Haushalt sprechen eine deutliche Sprache. Güldene Zeiten für Helmhersteller stehen an .... für Friseure sieht´s in Zukunft mau aus.

  15. 9.

    Am schlimmsten sind Politiker*innen, die Sicherheit und Ordnung vernachlässigen.

  16. 8.

    Meine aktuelle Visite in Stockholm lässt erahnen, wohin die Reise geht: Neben den vernünftigen Rollerfahrern gibt es eben auch jede Menge (!) derer, denen die Regeln egal sind und die eben überall fahren, ob Gehweg, Radweg, ob zu Zweit, wackelig, zwischen den Autos oder über rote Ampeln. Und praktischerweise werden die Scooter dort stehen gelassen, wo die Fahrt zu Ende ist, natürlich auch mitten im Weg. Macht ja auch Bock, sich als erlebnishungriger Touri oder sonstiger Spaß-Egomane nicht um Regeln oder Andere zu scheren. Wer sollte das Gewimmel auch kontrollieren?
    Ist ja auch nicht so schlimm, erst kommen tausende Scooter und in ein paar Jahren machen man sich (vielleicht) noch ein paar Gedanken über passende Konzepte.
    Auch wenn man es mittlerweile gewohnt ist, ist es höchst bedauerlich, dass aus den Erfahrungen Anderer nicht die notwendigen Lehren gezogen werden !

  17. 7.

    "Eine Helmpflicht wurde deshalb nicht eingeführt, weil sie die Verleihsysteme vor unlösbare Probleme stellen würde."

    Da sind diese Unternehmen wohl nicht kreativ genug. Aber selten wurde das Geschäftliche so offen über die Gesundheit gestellt wie hier.

  18. 6.

    Es ist toll, dass die E-Scooter nicht auf dem Bürgersteig fahren dürfen. Da können Sie wenigstens nicht mit den Radfahrern zusammenstoßen.

    Oder werden die Fahrer der E-Scooter es so wie die Radfahrer handhaben? Auch rechtswidrig auf dem Gehweg fahren?
    Ich freue mich schon auf die ersten Roller im Bus. Das fördert den öffentlichen Nahverkehr sicher ungemein. *ironieoff*

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