Die Eltern Fabiens, Britta und Christian Martini, in der Grunerstraße in Berlin-Mitte, nahe der Unfallstelle, wo ihre Tochter Fabien (21) bei dem Verkehrsunfall mit einem Polizisten getötet wurde (Quelle: rbb/Ulf Morling)
Video: Abendschau | 26.06.2019 | Norbert Siegmund | Bild: rbb/Ulf Morling

Tödlicher Unfall auf der Grunerstraße - Fall Fabien: "Das Warten ist wie Folter für uns"

Vor 17 Monaten tötet ein Einsatzfahrzeug der Polizei die 21-jährige Fabien, als diese gerade in der Berliner Grunerstraße mit ihrem Auto parken will. Doch ein Prozess gegen den Polizisten, der am Steuer saß, ist nicht in Sicht. Die Eltern sind verzweifelt. Von Ulf Morling

Mit 134 Kilometer pro Stunde und mit Blaulicht war der Einsatzwagen der Polizei durch den Tunnel an der Grunerstraße gerast - mit 93 km/h schlug er in die Fahrertür von Fabien Martinis Kleinwagen ein. Die 21-Jährige war sofort tot. Die junge Frau hatte gerade einparken wollen.

Zwar liegen inzwischen Zeugenaussagen und Gutachten zu dem Unfall am 29. Januar 2018 vor, aber trotzdem will die Staatsanwaltschaft noch nicht entscheiden, wie sie mit dem mutmaßlich Schuldigen am Tod der jungen Frau verfährt: Man könne nicht sagen, ob und wann Anklage erhoben würde, so der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaften, Martin Steltner, gegenüber rbb|24.

Schleppende Ermittlungen

Schon die Unfallaufnahme hat für manche Beobachter des Verfahrens ein "Geschmäckle" - nehmen doch Polizeibeamte derselben Direktion 3, aus der die Insassen des Einsatzfahrzeugs stammen, den Unfall auf. Zudem sei in späteren Aussagen über die Tatortarbeit gelogen worden, behaupten die Rechtsanwälte Phillip Appelt und Matthias Hardt, die die Eltern Fabiens vertreten. So seien erst drei Wochen nach dem Unfall der Beifahrer des Einsatzfahrzeugs vernommen worden, sechs Monate danach der Einsatzleiter. Der habe schriftlich beteuert, keine Alkoholisierung des Unfallfahrers bemerkt zu haben. Außerdem habe er ihn direkt ins Krankenhaus geschickt.

"Das waren zwei klare Lügen und eine Verdeckung von Straftaten schwersten Ausmaßes", so Rechtsanwalt Hardt, denn: Sowohl Fahrer, wie auch Beifahrer, hätten noch bis über 40 Minuten nach dem Unfall im Rettungswagen der Sanitäter gesessen. In der Charité in Wedding seien später 1,24 Promille Alkohol im Blut des Polizisten festgestellt worden. Die Ergebnisse der Blutabnahme im Krankenhaus wurden allerdings erst ein Jahr nach dem Unfall bekannt. "Wir hatten bei der Staatsanwaltschaft immer wieder die Beschlagnahme der Patientenakte des Polizisten beantragt, aber das sei nicht möglich wegen der ärztlichen Schweigepflicht", seien sie von der Staatsanwaltschaft abgewiesen worden, so die Anwälte der Familie.

"Wir wollen endlich trauern dürfen"

"Ich glaube an diesen Staat nicht mehr", sagt der Vater Fabiens, Christian Martini. "Die wollten von Anfang an eine Menge vertuschen." Jeden zweiten Tag geht er zum Mahnmal am Straßenrand an der Grunerstraße. Er sorgt für frische Blumen und dafür, dass die Grabkerzen brennen. "So bin ich meiner Tochter ganz nahe. Ich bin es ihr schuldig, dass ich für sie weiterkämpfe", sagt der Gerüstbauer, der sich auf dem linken Arm "Fabien" eintätowieren ließ und auf dem rechten den Namen des Sohnes. "Für ihn lebe ich weiter", sagt er und versucht erfolglos, seine Tränen zu unterdrücken.

Britta Martini und er stehen Hand in Hand, hilflos und ohnmächtig, und schauen auf das Foto, dass sie heute an dem großen, schwarzen Herz anbrachten, das am Kopf des Mahnmals steht. Zu sehen ist auf dem Bild Fabien, lächelnd, erwartungsvoll in die Kamera schauend. "Das Warten ist wie Folter für uns", sagt die Mutter Fabiens. "Wir fühlen uns veräppelt - von der Polizei, der Staatsanwaltschaft, dem Innen- und Justizsenator, dass man uns so lange hinhält."

"Es gibt keine Vertuschung"

"Es gibt keine Vertuschung", sagt der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaften, Martin Steltner. Es gäbe mehrere Ermittlungsverfahren, wie das um den tödlichen Unfall in der Grunerstraße, aber auch das Verfahren gegen Unbekannt wegen erhobener Vertuschungsversuche im Laufe der Ermittlungen um den Unfall. Allein 20 Zeugen seien in dem Verfahren um "Strafvereitelung im Amt" vernommen worden. "Bei so einem tragischen Geschehen kann ich die Verzweiflung der Familie absolut verstehen." Der Umstand, dass es lange dauere, heiße aber gerade nicht, dass es nicht mit rechten Dingen zuginge, sondern das Gegenteil: dass mit größter Sorgfalt allem nachgegangen werde in den Ermittlungen.

Bis heute will die Staatsanwaltschaft keine Termine nennen, wann und ob mit einer Anklage möglicherweise wegen fahrlässiger Tötung gegen den mutmaßlichen Fahrer des Streifenwagens zu rechnen ist. Der Mann ist vom Dienst suspendiert.

Anderthalb Jahre nach dem tragischen Tod ihrer Tochter steigt bei Britta und Christian Martini das Unverständnis über die lange Ermittlungszeit weiter. So sagt Britta Martini: "Die müssen doch verstehen, dass wir einen Abschluss finden wollen. Wir werden immer hingehalten: Es werde noch ermittelt. Doch selbst nach 17 Monaten ist noch keine Anklage in Aussicht. Das ist für uns nicht zu verstehen."

Sendung: Abendschau, 26.06.2019, 19.30 Uhr

Beitrag von Ulf Morling

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23 Kommentare

  1. 23.

    "Es gibt keine Vertuschung" - es gibt aber schon mehrere Verfahren die in die Länge gezogen werden. Gegen Unbekannt wegen Vertuschungsversuches. Wieso nicht gegen dem Beifahrer? Das wird wohl ein ganz neues Verfahren werden, dass erst eingeleitet wird wenn alle andere Verfahren abgeschlossen sind. Vielleicht meldet sich der Whistleblower noch mal, dann kann die StA noch mehr verfahren öffnen. Am liebsten mehrere, gegen Unbekannt, und vor allem ohne konkrete Anklagen.
    Die StA weiß genau was sie macht und was sie nicht unternommen hat. Hier sollte die StA selbst mal unter der Lupe genommen werden. Sonst bleibt 'das Geschmäckle'

  2. 22.

    Sie haben ja wirklich keine Ahnung vom Aufbau des Staates. Und ich dachte, Sie wollen mich provozieren. Tja, dann kann ich Ihnen nicht mehr helfen, schönes Wochenende

  3. 21.

    Sie erkennen den Konflikt, das Problem, den Widerspruch weder an noch wollen Sie ihn lösen. In Verfahren gegen Polizisten, ermittelt die Polizei gegen sich selbst. Sollte man auch ihr nicht zumuten. Wovor haben Sie Angst oder /und wem wollen Sie in der Polizei, oder der Auffassung von Polizei beispringen? Gerade dieser Tage ist ein falscher, staatsgefährdender Korpsgeist in der Polizei Thema. In Fachkreisen ist das Fehlen einer unabhängigen Beschwerdestruktur unbestritten. Die Diskussion geht bereits seit Jahrzehnten. Sehr lange schon ist Deutschland von internationalen Organisationen aufgefordert endlich eine solche Struktur zu schaffen. Dabei handelt es sich keineswegs nur um irgendwelche NGO´s Hier mal zwei davon:
    https://www.bmi.gv.at/408/Menschenrechtsbeirat/Berichte/files/Abschlussbericht_AG_Misshandlung_Druckversion.pdf

    https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/uploads/tx_commerce/Unabhaengige_Polizei_Beschwerdestellen.pdf

  4. 20.

    Ich stimme Ihnen völlig zu. Im Falle Fabien M, wird gelogen, betrogen und vertuscht - von ganz oben. Das die Öffentlichkeit hier versagt, ist sonnenklar. Unverständlich, unverschämt und gefühlslos sind einige Kommentare. Aber politisch korrekt sind diese Kommentare ('Redecke' 'Max' )gewiß.

  5. 19.

    Sie haben echte Probleme. den Aufbau unserer Staates zu verstehen. Merke ich schon. Aber vlt. sind Sie nicht mit ihm aufgewachsen. Ich empfehle einfach mal, sich die Akteure anzuschauen und ins Verhältnis zu setzen.

  6. 18.

    Richtig viel Ahnung vom Aufbau unseres Staates haben Sie offenbar nicht. Bitte beschäftigen Sie sich wenigstens mit dem Aufbau der Exekutive und der Judikative. Dann merken Sie schon, wo Sie hier falsch liegen. Den Abschluss der - inzwischen - zahlreichen Ermittlungen wird die StA schon rechtzeitig bekanntgeben und auch das jeweilige Ergebnis. Ihre historischen Ausflüge sind ja lustig, aber sinnlos. Wir leben in einer Demokratie. Und eine parlamentarische Kontrolle ist auch gegeben. Und was Sie nun mit Kontrolle der Polizei wollen ist so schwammig. Wie gesagt, die StA ist Herrin der Ermittlungen.

  7. 17.

    Interessanter Einwand. Was bitte würde die Freiheitlich-Demokratische Grundordnung gefährden oder gegen sie verstossen, müsste ich als Bürgerin nicht selbstverständlich auf Ehr´und Glauben´vertrauen, sondern verfügte über eine rechtsstaatliche, polizeiunabhängige Institution, die die Polizei freundlich aber bestimmt kontrolliert? Also über ein polizeiunabhängiges Beschwerderecht mit dazugehöriger Struktur.
    Die vielfach gestaffelte demokratische Kontrolle unserer Institutionen ist die DNA unseres Staatswesens. Wer diese Kontrolle delegitimiert greift unsere Institutionen an. Er zersetzt sie. Es muss eben niemand einem Kaiser oder Führer, Präsidenten oder Kanzler mehr einfach so folgen und vertrauen, nur weil er diese Position im Staat besetzt. Und Widerspruch Majestätsbeleidigung wäre. Unser System wird davon angegriffen, dass es kein unabhängiges Beschwerderecht gibt. Das ist der zersetzende Status Quo. Unhaltbar im Interesse der Polizei, des einzelnen Beamten.
    Und des Bürgers.

  8. 16.

    Sie hören sich an wie... Nee, sage ich nicht, jedenfalls greiFen Sie unser Staatssystem an. Bitte an die FDGO denken und dann mal überlegen, was Sie da wollen.

  9. 15.

    Die Familien der Opfer zu fragen wäre ein Weg zu einer Art Rachejustiz. Die sind nie objektiv. Die Staatsschelte ist unangebracht.

  10. 14.

    Doch, ich bin ebenfalls dafür! Polizei und Justiz dürfen sich nicht ihr eigenes Recht nach gut dünken zurecht biegen. Auch diese Organe müssen unabhängig kontrolliert werden. Aus meiner Sicht sogar besonders gut kontrolliert werden. Wo kämen wir sonst hin...
    Mein Beileid und Mitgefühl gilt den Eltern, Familie und Freunden von Fabien.

  11. 12.

    Doch, brauchen wir. Ich sehe das so wie Martina. Es muss sich dringend was ändern damit sich so was nicht immer und immer wiederholt.

  12. 11.

    Nein. Sie brauchen es offenbar nicht. Aber reden von "uns" Herr Carlos.
    Fragen wir die Familie von Fabien.
    Das wäre schon mehr "wir" als Sie uns und unserem Gemeinwesen in Aussicht stellen.

  13. 10.

    Wie bezeichnet man fehlenden Mut zur Wahrheit? - Feigheit!

  14. 8.

    Bei solchen Fällen wird sehr deutlich, warum ein besonderer Schutz für Whistleblower in Deutschland bisher erfolgreich geblockt wurde. Hut ab für denjenigen, der den Hinweis gegeben hat! Ich drücke der Familie die Daumen, dass sich bei den Ermittlungen bald etwas tut.

  15. 7.

    Wir brauchen: Eine polizeiunabhängige Institution die sich der Ermittlungsarbeit widmet, die nach Beschwerden und (Straf)Anzeigen gegen Polizeibeamte zu leisten ist. Kann nicht sein das Staatsanwaltschaft /Gerichte auf die Ergebnisse der Behörde angewiesen sind, die in diesen Fällen gegen sich selbst ermittelt. Mangels Alternative: gegen sich selbst ermitteln muss. Gibt ja sonst niemand. Stattdessen werden Bürger obrigkeitsstaatlich darauf verwiesen, wir hätten der Polizei zu vertrauen. Wer unabhängige Ermittlung will, wird in dieser Logik zum Täter. "Gegen unsere Polizei" Politik muss die Institution, die Struktur, das Recht dafür schaffen. Wähler müssen es von den demokratischen Parteien fordern, die sie bevorzugen. Muss ein Konsens der demokratischen Gesellschaft sein. Fachlich-personell ist eine solche Behörde wie eine Kriminalpolizei auszustatten. Als Ermittlungsbehörde, bzw. Zuarbeiterin zu (aussergerichtlichen) Schiedsstellen, wo geboten Staatsanwaltschaften, Gerichten.

  16. 6.

    Die Tochter totgefahren und die Eltern kaputtgestresst! - Tolle Leistung!

  17. 5.

    Rechtsstaatlichkeit sieht anders aus.
    Aber Wehr Dir,du beleidigst einen Staatsvertreter.
    Das wird dir übel bekommen.

  18. 4.

    Ein absoluter Albtraum für die Eltern und alle Angehörigen. Vielleicht hat ja einer der Polizisten doch noch die Größe die Wahrheit zu sagen. Unter denen muss es doch auch Eltern geben. Na ja, die Hoffnung stirbt...

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