Günter M. Ziegler, der neue FU-Präsident, sitzt vor einer mit mathematischen Formeln beschriebenen Tafel (Bild: dpa/Tagesspiegel/Mike Wolff)
Bild: dpa/Tagesspiegel/Mike Wolff

Mathematiker Ziegler seit einem Jahr FU-Präsident - "Wir brauchen mehr Leute aus Nicht-Akademikerfamilien"

Seit fast einem Jahr führt Günter Ziegler die Freie Universität Berlin. Der Mathematiker will die Hochschule international profilieren und mehr Forschende und Studierende aus allen Gesellschaftsschichten anwerben. An seiner Arbeit gibt es auch Kritik. Von Marcus Latton

Vorurteile über Mathematiker hat Günter M. Ziegler zur Genüge gehört: Eigenbrötler seien diese, übermäßig rational, verkopft. Mithin war der habilitierte Mathematiker für manche nicht die erste Wahl für Führungsaufgaben, die soziale Kompetenzen und Teamfähigkeit erfordern. Dennoch hat es der 56-Jährige im vergangenen Jahr geschafft, zum Präsidenten der FU Berlin gewählt zu werden – als erster Mathematiker. "Es fühlt sich großartig an", sagt Ziegler rbb24, "Ich habe viel Neues gelernt."

Günter Ziegler stammt aus München, studierte dort sowie am renommierten Massuchusetts Institute of Technology (MIT) im US-amerikanischen Cambridge. Er forscht unter anderem zu Diskreter Geometrie und schrieb mehrere populärwissenschaftliche Sachbücher über Mathematik. Seit 1992 lebt er in Berlin und wurde 1995 Professor an der Technischen Universität. 2011 wechselte er zur Freien Universität, seit dem 4. Juli 2018 ist er hier Präsident.

"Wir möchten einen integrierten Standort etablieren"

38.000 Studierende, 4.350 Mitarbeiter, ein Budget von 500 Millionen Euro – es sei, so Ziegler, eine "Riesenverantwortung", die FU zu führen. Im komplexen Organisationsgeflecht der Universität bekleidete er zuvor keine Leitungsfunktion.  

Eines der wichtigsten Projekte seiner Amtszeit ist die Bewerbung für die sogenannte Exzellenzstrategie des Bundes, einem Förderprogramm zur Weiterentwicklung und Stärkung deutscher Universitäten. Im Verbund wollen sich die drei Berliner Universitäten und die Charité-Universitätsmedizin für die Forschungsgelder bewerben. "Wir möchten einen integrierten Standort etablieren", sagt Günter Ziegler. Auch soll eine Kooperation mit der University of Oxford ausgebaut werden. "Berlin soll damit als Wissenschaftsmetropole weltweit noch sichtbarer werden."

"Der am wenigsten autoritäre Präsident"

Ob die Bewerbung für die Exzellenzstrategie gelingt, wird von den Universitätsmitarbeitern und Studierenden genau beobachtet. "Die Aufgabe wird sein, die gesamte Universität mitzunehmen", sagt Dr. Peter Witte, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Pharmazie und Vertreter für die gewerkschaftsnahe GEW-Mittelbauinitiative im Akademischen Senat der FU. Ziegler müsse allen klarmachen, dass das Projekt ein Mehrwert für die Universität sei. In der Vergangenheit hätte die Exzellenzinitiative, das Vorgängerprogramm der Exzellenzstrategie, das Haus "fast gespalten". Vor allem kleinere Fachbereiche sahen sich von der finanziellen Förderung nicht berücksichtigt.

Er selbst schätze Günter Ziegler als Präsidenten, sagt Witte. Dieser sei nicht eitel, höre sich Kritik und Widerspruch an – ein anderer Leitungsstil als bei seinen beiden Vorgängern Peter-André Alt und Dieter Lenzen. "Er ist der offenste, kollegialste und am wenigsten autoritäre Präsident, den ich an dieser Universität erlebt habe", sagt der Pharmazeut Witte.

Kritik kommt von Studierenden

Der allgemeine Studierendenausschuss der FU Berlin beurteilt die Arbeit des neuen Präsidenten zwiespältig.

"Es hat sich schon etwas verbessert", sagte Asta-Referent Janik Besendorf rbb|24. Positiv bewertet er auch, dass Ziegler kein "Verfechter einer neoliberalen Hochschule" sei. Der Asta hatte in der Vergangenheit die Förderung der FU durch die Exzellenzinitiative kritisiert. Das Geld sei ausschließlich der Forschung zu Gute gekommen, nicht aber den Studierenden. "Allen Universitäten sollte stattdessen die gleiche Grundfinanzierung zur Verfügung stehen", so Besendorf. Mit Günter Ziegler könne man über solche Themen zumindest reden.

Nichts geändert habe sich hingegen an der Anwesenheitspflicht bei Lehrveranstaltungen und den Prüfungsordnungen, kritisierte Besendorf. Diese schreiben weiterhin vor, dass Studierende maximal dreimal durch eine Prüfung fallen dürfen, bevor sie vom Studium ausgeschlossen werden. Zudem darf der Asta weiterhin nicht mehr an Präsidiumssitzungen teilnehmen, wie dies früher einmal der Fall gewesen sei. "Ziegler ist auf unsere Kritik daran nicht eingegangen."

Wie geht es weiter mit der größten Universität der Hauptstadt? Günter Ziegler sagt, er wolle die FU noch stärker vernetzen und "dialogischer" machen. Dazu gehöre auch Internationalität und Diversität – bei Lehrenden wie Studierenden. "Wir brauchen mehr Professorinnen und Professoren aus dem Ausland, mehr Wissenschaftlerinnen und mehr Studentinnen und Studenten, die nicht aus Akademikerfamilien stammen."

Sendung: rbb-Fernsehen, 05.07.2019, 0 Uhr

Beitrag von Marcus Latton

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Arbeiter und Bauern an die Macht. Oder wie heißt es in der Werbung: „ lieber grübeln als dübeln“

  2. 3.

    Ja. Leistungserfolg an den Unis wird wohl abgesagt, da dem Zeitgeist entsprechend.
    Dissertationen sind ja auch oft kein mehr, sondern hunderte Fehlzitate usw. Wozu Studienerfolg.

  3. 2.

    Eins kann man Herrn Ziegler nicht vorwerfen: Er würde nicht den politisch korrekten Mainstream-Trends hinterherlaufen. Ob er damit Erfolg hat, darf bezweifelt werden. Der Erfolgsfaktor in der Wissenschaft hängt bestimmt nicht von Gleichmacherquoten und Diversity ab, wie die Vergangenheit an deutschen Hochschulen gezeigt hat.

  4. 1.

    Meine Schwester ( Mathe Lehrerin ) und ich hätten nicht studieren können ohne BAFÖG !

    Dafür gibt es heute auf den U-Bahnhöfen Werbung für Privat Unis. Statt kostenloe Bildung für alle , Bildung für die die es sich leiten können. Ggf in Privatschulen und mit Nachhilfe.

    Die Lehrerinnen und Lehrer kommen nicht mehr hinterher mit der Arbeit aber die Anforderungen werden weiter erhöht, so sieht heute Spd Bildungspolitik aus.

    Letztere gilt übrigens auch in anderen Bereichen.

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