Collage rbb|24: in Bus der BVG fährt durch Charlottenburg. Auf dem Bus steht "60 Quadratmeter, Keine Küche, kein Bad - für 60,66 Euro warm im Monat" als Anspielung auf die Wohnungsnot in Berlin und den Preis einer Monatskarte. Der Preis ist von rbb24 durchgestrichen (Quelle: Collage/ dpa/ Steinberg)
Audio: Radioeins | 11.06.2019 | Interview Daniel Ellmenreich | Bild: dpa/ Steinberg

Interview | Aktion "Mein Nulltarif" - Initiative verlost bundesweit Jahres-Tickets für ÖPNV

Kostenloser Nahverkehr - das ist das Ziel der Aktion "Mein Nulltarif". Bis es soweit ist, will der Berliner Initiator Daniel Ellmenreich bundesweit ÖPNV-Jahrestickets verlosen. Dabei orientiert er sich an einer ähnlichen Aktion zum Grundeinkommen.

rbb: Herr Ellmenreich, bevor es einen politischen Beschluss gibt, dass öffentliche Verkehrsmittel kostenlos werden, wollen Sie einspringen. Wie läuft das genau ab?

Daniel Ellmenreich: Wir haben uns das Prinzip von "Mein Grundeinkommen" als Vorbild genommen. Das heißt, wir sammeln per Crowdfunding Geld, das wir in Form von Jahresbudgets verlosen. Somit wollen wir kostenlosen Nahverkehr für so viele Menschen wie möglich erlebbar machen. Immer, wenn 1.000 Euro zusammengekommen sind, verlosen wir ein Jahresticket für den jeweiligen Verkehrsverbund bundesweit. Auf unserer Webseite [Mein-Nulltarif.de] kann sich jeder kostenlos anmelden und an der Verlosung teilnehmen.

Fahren Ihrer Meinung nach wirklich sehr viele Menschen nicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, weil es ihnen zu teuer ist?

Wir haben 260.000 Schwarzfahrer jährlich und viele aus ärmeren Verhältnissen. Wir sind der Meinung, dass ein kostenloser Nahverkehr diesen Leuten unter anderem hilft, unabhängig von Einkommen, Vermögen und Gehalt daran teilnehmen können.

Autofahrer machen das ja in der Regel auch nicht aus finanziellen Gründen, sondern weil sie Autofahren bequemer finden und es oft auch schneller geht. Die locken Sie mit dem Nulltarif dann ja auch nicht in Busse und Bahnen. Oder doch?

Wir glauben, dass ein kostenloser Nahverkehr langfristig die Umwelt entlasten kann. Und wir hoffen, die Leute vom motorisierten Autoverkehr wegzubekommen, weil diese so den Nahverkehr nutzen können. Fahrverbote wegen der Feinstaubbelastung einzuführen, wie es die Politik gerade macht, ohne gleichzeitig ein Angebot zum kostenlosen Nahverkehr einzuführen, bringt alleine nichts.

Einmal pro Monat sollen die kostenlosen Jahreskarten verlost werden. Jeden Monat Tausend Euro für ein Jahresticket. Sie haben sich da am teuersten Ticket in Frankfurt am Main orientiert. Wie viel Geld ist denn bisher zusammengekommen?

Wir starten jetzt gerade erst unsere erste Finanzierungsrunde auf Startnext. Jeder, der da Geld spenden möchte, kann sich informieren auf unserer Webseite. Die Aktion läuft jetzt einen Monat lang und je nachdem wie viel Geld wir eingesammelt haben, verlosen wir dann die Jahrestickets. Wir hoffen natürlich, so viele Jahrestickets wie möglich in einem Monat zu verlosen, um damit so vielen Menschen wie möglich den kostenlosen Nahverkehr erlebbar zu machen.

Wenn die Politik auf Landes- oder Bundesebene Geld für öffentliche Verkehrsmittel in die Hand nimmt, würde ich mir ja zuerst Investitionen in Fahrzeuge und Schienen wünschen, bevor Geld fürs kostenlose Öffi-Fahren ausgegeben wird. Sehen Sie das anders?

Nein, das sehen wir genauso. Klar, vor einem kostenlosen Nahverkehr müssen Dinge gemacht werden, wie zum Beispiel das Schienennetz auszubauen. Aber wir wollen einfach mit dieser Aktion den kostenlosen Nahverkehr für Menschen näherbringen, bevor wir auf politische Entscheidungen und deren Umsetzung warten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Marco Seifert, Radioeins.

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16 Kommentare

  1. 16.

    Tolle Verarsche. Habe im Radio davon erfahren und mich bei Nulltarif angemeldet, aber mich anmelden für die Verlosung für das Ticket von Morgen ging nicht. Was funktioniert hätte wäre Geld spenden. Bei dem Verein sollten die Medien vielleicht mal genauer hinschauen. Wenn ich eine arme Sau bin kann ich doch nichts geben!

  2. 15.

    Hallo Mein Nulltarif.
    Danke für den Link, doch als Nichtbetroffener ist das nicht so ganz meine Baustelle.
    Doch befürchte ich, dass wir diesbezüglich aneinander vorbei geredet haben.
    Denn ich meinte GELEGENTLICHE, unvermeidbare Fahrten.
    Warum jemand, der weder Schüler noch Arbeitnehmer ist, gleich ein MONATSticket braucht, kann ich nicht so recht verstehen.
    Wenn man von den unvermeidlichen Terminen (Wieviele entsprechende Fahrscheine werden vom Sozialamt NICHT erstattet?) auch noch jene ab, die man mit ein wenig gutem Willen auch zu Fuß bewältigen kann (Es hat seinen Grund, dass es etliche Ämter in ALLEN Bezirken gibt!), dürften nicht viele zwingend erforderliche Beförderungserschleichungen übrig bleiben.

  3. 14.

    Vielleicht werden die Busfahrer in NRW besser bezahlt?

    Für den Hungerlohn, den die BVG bzw. ihre Billigtochter "Berlin Transport" zahlt, haben viele Busfahrer eben wenig Neigung, sich auch noch mit dem stets freundlichen und umgänglichen Publikum in Berlin anzulegen. Weshalb übrigens auch kaum (und wenn dann nur sehr selten richtig) kontrolliert wird, ob die Zusteigenden im Besitz eines gültigen Fahrscheins sind. Frau Nikutta und der stetig wachsende Wasserkopf in der BVG-Zentrale meinen eben, mit mieser Entlohnung können sie am ehesten die vom Senat gewünschte positive Bilanz produzieren.

    Und wenn Ihnen nicht gefällt, wie es in Berlins Bussen und Bahnen zugeht: Bewerben Sie sich doch! Die BVG sucht händeringend Fahrpersonal (hoch bezahlte Manager hat sie mehr als genug).

  4. 13.

    Das verstehe ich jetzt nicht: Über was informieren denn Gratistickets und wie soll das irgendwie die Politik betreffen? Ich finde z. B. die Idee von Zwangsmonatstickets als (überwiegend) Radfahrer regelrecht gruselig, weil einem dann wieder nur unnötig Geld aus der Tasche gezogen wird. Das wäre wie GEZ. Wie informieren Sie denn die Politiker dazu?
    Es wäre viel sinniger, die Tickets stark zureduzieren, dann würden die ja alle gern benutzen. Immer 1 Euro beim Eintritt in die Öffis nehmen und fertig. Einige wenige Gratistickets ändern da doch nichts oder wie meinen Sie das?

  5. 12.

    Hallo F.M. ,
    die Finanzierung eines kostenlosen Nahverkehrs sehen wir nicht als unsere Aufgabe, sondern da ist die Politik in der Verantwortung entsprechende Konzepte zu entwickeln.

    unser Ansatz ist zu informieren, wir werden dazu verschieden Experten zu diesem Thema befragen und veröffentlichen.

  6. 11.

    Hallo Tremor,
    du hast recht, Uns fällt es auch schwer das zu glauben aber die Realität sieht derzeit genau so aus. Nur zum Beispiel:
    im Hartz 4 Regelsatz sind 34,66Euro für Verkehr vorgesehn, in Hamburg kosten eine erm. Monatskarte aber bereits 85,30Euro. Es gibt zwar Sozialtickets in Deutschland aber die Rabatte reichen nicht aus.

    Auf unserer Webseite www.mein-nulltarif.de wollen wir genau über diese Themen und weitere Informieren. Ich lade dich gerne ein dort weiter über diese Themen zu belesen.

  7. 10.

    Hallo Mein Nulltarif,
    im Land der Sozialleistungen muss jemand schwarzfahren, um (was wohl zwingend erforderlich ist) von A nach B zu kommen?
    Es fällt mir sehr schwer, das zu glauben.
    Keine Möglichkeit, ein vergünstigtes Ticket vom Sozialamt finanziert zu bekommen?
    Und dass dies sogar für über 135.000 Menschen gelten soll, übersteigt meine Fantasie dann doch deutlich.

  8. 9.

    Aber was soll das, wenn die Öffis immens kosten? Man müsste hier auf angepasste Ticketpreise gehen.
    Der Monatspreis für H-IV ist einfach viel zu hoch, aber um eine Alternative kümmern Sie sich ja auch nicht.

  9. 8.

    Die Nutzung des ÖPNV kostet einem Berliner mit geringen Einkommen nichtmals einen Euro pro Tag, Normalsterbliche zahlen etwas über zwei Euro.

    Das gesammelte Geld sollten die lieber den Grünen spenden, damit die endlich erkennen, welche Art von Verkehrswende nach dem Vorbild anderer Metropolen erforderlich und von vielen Berliner gewünscht ist. Selbst die Radfahrer bevorzugen mehrheitlich wetterabhängig den ÖPNV.

  10. 7.

    Hallo Tremor,
    ca 270.000 Schwarzfahrer in Deutschland (die meisten machen das nicht aus Spass sondern aus Armut) - Ihre Armut ist dabei keine Entscheidung sonder bittere Realität.

    Es gibt also tatsächlich Menschen die sich ein Ticket - meistens braucht man ja sogar ein zweites für die Rückfahrt nicht leisten können. wie sollen diese menschen 60Euro Strafe aufbringen?
    Und wen sie diese nicht bezahlen können kommen sie ins Gefängnis was dem Staat 150Euro täglich pro Häftling kostet - das macht für uns keinen sinn.

  11. 6.

    Hallo Sebastian,
    uns ist bewusst das der Begriff kostenlos einige stört, uns ist klar das ein kostenloser ÖPNV finanziert werden muss. Trotzdem verwenden wir den Begriff absichtlich weil es das ist was wir wollen (Das kostenlose Benutzen vom ÖPNV).

    Auf unserer Webseite wollen wir Experten zu Wort kommen lassen die sich mit diesem Thema auseinander setzen und Ideen zur Realisierung sowie Finanzierung vorstellen werden.

  12. 5.

    Eine durchaus gute und gleichzeitig nette Spielerei, um das Thema kostenlosen ÖPNV mal wieder in die Diskussion zu werfen. Meine Meinung: Nette Spielerei aber für die Zukunft so nicht zu gebrauchen. Allein die Kapazitäten fehlen ja, auch in 20 Jahren noch. Und ja... was kostenlos und geschenkt ist, wird nicht immer gut und respektvoll behandelt. Ein im Vergleich zu heute niedrigerer Pauschalpreis wäre da schon angemessen.

  13. 4.

    In Singapur kostet sogar das Ausspucken von Kaugummi viel Geld. In Berlin scheint "schweinigeln" Pflicht zu sein.
    Wenn ich sehe, dass Leute ihre Einkaufstaschen erst auf die Erde, dann auf die Sitze stellen, dass Kinder mit Straßenschuhen auf den Sitzen stehen (was die Mütter mal so überhaupt nicht interessiert), dann bevorzuge ich doch mein Auto.
    Da wird mit Getränken oder stinkendem Essen eingestiegen, die Busfahrer interessiert sowas nicht. Null Reaktion. Die sollten das mal in NRW probieren. Schon wären Sie aus Bus und Bahn rausgeworfen.

  14. 3.

    Sehe ich auch so. Zumal sofort kostenloser Nahverkehr ihn überlasten würde und so auch Radfahrer und Fußgänger in die Züge locken würde.

    Wichtig ist mMn der rasche Ausbau, die Pünktlichkeit, die Sicherheit und dass der ÖNPV modern ist.

    Wie z.B. in Singapur, Peking oder Amsterdam.

  15. 2.

    DIe typisch sozialistische Gießkanne:
    Wenn einer das Gesetz übertritt, geht man einfach mal davon aus, dass er ansich ein netter und guter Mensch ist, der nur aus Notwendigkeit so gehandelt hat.
    (Ob Herr Ehrenreich auch so denken würde, sollte ihm jemand die Wohnung ausräumen?)
    Und dann werden die Freifahrtscheine nach dem Zufallsprinzip verteilt, weil man Bedürftigkeit (also einen Unterschied) erst ermitteln und werten müsste.
    Nicht kostenloser ÖPNV wäre die Lösung, sondern harte Strafen für Schwarzfahrer.
    Das aber würde die Einsicht voraussetzen, dass es auch links von Rechts böse Menschen gibt.

  16. 1.

    Ich bin nicht davon überzeugt, dass ÖPNV zum Nulltarif der richtige Weg ist. Was nichts kostet, ist in den Augen vieler Leute auch nichts wert. Und letztendlich wird das dann von denen finanziert, die überdurchschnittlich viele Steuern zahlen, während die anderen davon profitieren. Meiner Meinung nach gibt es andere Wege, den ÖPNV attraktiver zu machen: Zum Bespiel muss sehr viel härter und entschiedener gegen Leute vorgegangen werden, die Fahrzeuge beschmieren oder zerkratzen. Und es muss durch viel mehr Sicherheitspersonal dafür gesorgt werden, dass in den Zügen nicht mehr hausiert wird. Ein blitzblanker ÖPNV nach Vorbild von Singapur wäre sicher etwas, wo auch Leute gerne mitfahren würden, die sich heute lieber noch im eigenen Pkw verschanzen.

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