BesucherInnen im Textilhafen Berlin (Quelle: dpa/Gregor Fischer)
Bild: dpa/Gregor Fischer

Klamotten-Upcycling der Berliner Stadtmission - Im Textilhafen werden alte T-Shirts zu neuer Unterwäsche

In Berlin werden jährlich tonnenweise Altkleider gesammelt. Oft werden sie dann verklappt nach Afrika und Osteuropa. Das ist weder gut für die Umwelt noch für die dortigen Märkte. Im Berliner Textilhafen werden diese Klamotten jetzt weiterverarbeitet. Stichwort Upcycling. Von Carmen Gräf

Tau Pibernat webt einen Teppich. Er schimmert in bunten Streifen: etwa Dunkelblau und Türkis, durchsetzt mit Korallen-Rot. Die Studentin der Kunsthochschule Weißensee ist begeistert vom Upcycling-Gedanken - also aus gebrauchten Textilien Neues herzustellen. Man sei verbunden mit den einzelnen Stücken, sagt sie. "Also man kann beispielsweise lange ein T-Shirt tragen, dann schneiden und dann selber als Teppich noch mal länger benutzen."

Labor für Upcycling in der Storkower Straße

Im neu gegründeten Textilhafen in der Storkower Straße im Bezirk Pankow hat die Berliner Stadtmission ein Labor für Upcycling eingerichtet. Hier werden aus Krawatten Schlüsselanhänger, aus alten Sweatshirts Unterwäsche, aus alten Taschentüchern Aufnäher für T-Shirts. "Upcycling ist für uns so gerade sehr relevant. Weil wir vor Ort so viel konsumieren, ist es auch gut, sich direkt vor Ort um die Müllreste zu kümmern und daraus was zu bearbeiten. Sie nicht irgendwo anders schicken, wo dann andere Teppiche machen, die wir wiederum wieder kaufen hier", sagt Tau Pibernat.

Projektleiterin Anna Lichtwer ist stolz auf das, was entsteht."Wir bekommen ja manchmal Pullover aus Kaschmir geschenkt, die ein Mottenloch haben oder so", sagt sie. Aber Lochpullover würden gar nicht weitergegeben an Bedürftige. "Aus den Pullovern nähen wir dann hochwertige Mützen. Und es steht Water to Wine drauf. Das ist unsere Upcycling-Marke: Wasser zu Wein", so Anna Lichtwer weiter.

In den Regalen stapeln sich T-Shirts, Pullover, Bettwäsche

Gebraucht für die direkte Weitergabe wird vor allem Männerkleidung, denn 80 Prozent der wohnungslosen Menschen sind Männer. Aber rund 80 Prozent der gespendeten Textilien, die die Berliner Stadtmission bekommt, sind Frauenmode. Daher kam die Idee mit dem Textilhafen auf. Der ist zugleich ein großer Secondhand-Markt.  

In Regalen stapeln sich T-Shirts, Pullover und Bettwäsche – alles fein säuberlich nach Farben sortiert. Auf Kleiderstangen hängen Jacken, Mäntel, Hemden und Kleider. Jedes Stück für einen Euro, Jacken und Schuhe für jeweils drei Euro. Ab zehn Kilo Textilien kostet jedes Kilo zwei Euro. Alles gesammelt vom Unternehmen Komm & Sieh, das zur Berliner Stadtmission gehört.

Hier kann jeder Upcycling ausprobieren

"In den Kiezläden wird ein Teil verkauft, das sind ungefähr 20 bis 30 Prozent. Dann haben wir Upcycling-Möglichkeiten. Und wir bekommen auch Müll geschenkt, also Sachen, wo man sich wundert, warum man das noch weitergibt, das sind ungefähr 5 Prozent", sagt Projektleiterin Lichtwer. Ein kleiner Teil wird upgecycled - und viele Kleider blieben übrig, berichtet Lichtwer.

"Diese wunderbaren Textilien, die wollen wir hier zeigen", so Lichtwer und spricht von einem "textilen Materialpool" in der Stadt. "Muss man sie denn wirklich nach Osteuropa oder Afrika weiterversenden oder könnten wir diese Textilien auch regional nutzen und wenn ja, wie?"

Im Textilhafen kann jeder selbst Upcycling ausprobieren. Jeden Mittwoch gibt es dazu Workshops. So viel wie möglich vor Ort verarbeiten lautet die Devise.

Textilien sind Umweltverschmutzer

Es sei einfach nicht nachhaltig, die Kleidung zu transportieren, sagt Lichtwer. "Im Grunde genommen exportieren wir die Textilien in die baumwollproduzierenden Länder. Aber die Textilien haben eigentlich auch immer einen größeren Anteil an Ölprodukten. Die haben eigentlich immer einen größeren Anteil an Kunststoffen. Insgesamt könnte man sagen, dass Textilien Umweltverschmutzer Nr. 2 sind", so die Projektleiterin.

Gleich nach Automotoren und großen Industrieanlagen. Der weltweite Transport der Textilien trägt mit zur Luftverschmutzung bei.

Textilien aus Europa zerstören zudem die heimischen Märkte in vielen Ländern Afrikas. "Eigentlich sind die Märkte schon lange kaputt. Das ist ja eine Geschichte, die schon viel früher passiert ist. Soweit ich weiß, gehen Überproduktionen auch stark nach Ostafrika. Sachen, die einfach nicht gekauft werden. Auch wenn Sie jetzt online was bestellen, die ganzen Retouren, die werden ja nicht nochmal verkauft oder wenn zu viel produziert wird. Und diese ganzen Geschichten plus die extreme Billigware, die geht natürlich auch in die Entwicklungsländer", sagt Lichtwer.

Kunststudentin Tau Pibernat im Textilhafen Berlin (Quelle: dpa/Gregor Fischer)Studentin Tau Pibernat upcycelt alte Kleider im Textilhafen

Im Textilhafen entstehen hochwertige Sachen

Der Textilhafen zeigt, dass es auch anders geht. Hier entstehen originelle und hochwertige Sachen, die man zu fairen Preisen kaufen kann. Eine flauschige Kaschmir-Mütze kostet um die 20 Euro. Der Preis für Tau Pibernats Teppich, für dessen Produktion sie eine Woche brauchen wird, steht noch nicht fest.

Beitrag von Carmen Gräf

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