"Rosinenbomber" fliegen am 16.06.2019, 70 Jahre nach dem Ende der Luftbrücke, über das Tempelhofer Feld. (Quelle: dpa/Paul Zinken)
Bild: dpa/Paul Zinken

Kommentar | Rosinenbomber - Die Verwaltung, dein Freund und Sündenbock

Die Rosinenbomber durften zum Jubiläum nicht in Tempelhof landen. Dafür machen viele Berlinerinnen und Berliner den Senat verantwortlich. Auch, weil einige Medien das gezielt so berichten. Das eigentliche Versagen liegt aber bei anderen, kommentiert Sebastian Schöbel.

Tausende Internetkommentatoren und die Boulevardzeitungen der Stadt sind sich einig: Dass die Rosinenbomber 70 Jahre nach dem Ende der Berliner Luftbrücke nicht auf dem Ex-Flughafen Tempelhof landen durften, sei ein "Skandal" und ein "Versagen" der aktuellen Berliner Regierung. Von schnöde verweigerten Ausnahmeregelungen ist die Rede, von gezielter Sabotage durch missgünstige oder schlicht desinteressierte Politiker, vom Wiederaufleben der Ressentiments aus den Tagen des Kalten Krieges. Die "Helden der Luftbrücke" seien 70 Jahre nach ihrer Rettung einfach abgewiesen worden, heißt es.

Die Wahrheit gerät bei so viel nostalgischer Wut gerne einmal unter die Fahrwerke. Denn tatsächlich zeigt der Streit um die Rosinenbomber und ihre Landung in Tempelhof, wie selektiv der Umgang mit Fakten und unbequemen Wahrheiten heutzutage geworden ist. Nur in einer Sache können sich fast alle Konfliktparteien einigen: Wenn alle Stricke reißen, sind die Behörden und die Politik Schuld.

Die Schuld trifft die Verantwortlichen und die Bevölkerung

Gescheitert sind die heldenhaften Rosinenbomber nun aber nicht am unwilligen Berliner Amtsschimmel oder fiesen ideologischen Vorbehalten. Sondern an der "Nicht vor meiner Haustür"-Mentalität der Berliner Bevölkerung - und am eigenen Unvermögen, sich rechtzeitig um die nötigen Genehmigungen zu kümmern. 

So hätten die Veranstalter der Luftbrücke-Aktion vielleicht vor dem Start der betagten Flieger klären sollen, ob der so wichtige Höhepunkt ihrer aufwändigen, sehr teuren Aktion überhaupt stattfinden kann. Dass Städte wie Wiesbaden, Erfurt, Jagl oder Faßberg ihre Regionalflughäfen oder Sonderflächen für die Landung der historischen Maschinen freiräumen können, ist nachvollziehbar. Dass die Berliner Flughäfen das eher nicht können, war allerdings absehbar. Auch die sehr strengen Auflagen für Überflüge über das Stadtzentrum, speziell das Regierunsgviertel, sollten bekannt sein. Wer so etwas dann nicht fristgerecht beantragt und auch auf Nachfrage Nachweise schuldig bleibt, scheitert mit Ansage.

Vor allem aber die Problematik mit dem Tempelhof-Gesetz hätte den Veranstaltern bewusst sein müssen: Der durch einen Volksentscheid erzwungene Schutz des früheren Flugfeldes ist so absolut, dass es schon jede Menge Optimismus braucht, um zu hoffen, dass sich Politiker darüber hinwegsetzen würden.

Kein Feld für alle Fälle

Dass sich nun ausgerechnet die Initiative, die den Volksentscheid zum Tempelhofer Feld auf den Weg brachte, über das vermeintliche Versagen der Politik beklagt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Die Initiative selbst hat das Gesetz ja so geschrieben, dass man auf dem Feld nicht einmal einen im Boden verankerten, dauerhaften Feld-Post-Briefkasten aufstellen könnte. Von Wohnungsbau ganz zu schweigen. Jede Abweichung, Aufweichung oder Ausnahmeregelung wurde bislang erbittert bekämpft und rundweg abgelehnt - übrigens auch von zwei der drei Koalitionsparteien. Nun aber für eine Handvoll antiker Flugzeuge genau diese Ausnahme zu fordern, ohne diese vorher im entsprechenden Gesetz auch nur angedeutet zu haben, lässt tief blicken.

Die Rosinenbomber haben ein großes Loch in die Tempelhof-Orthodoxie gerissen: War es wirklich so eine gute Idee, ein so großes Areal mitten in der Stadt, noch dazu mit solch einer historischen Bedeutung, so völlig dem planerischen Zugriff entzogen zu haben? Ist es weise, ein ehemaliges Flugfeld auf so wenige Nutzungen festzulegen, dass im Ausnahmefall nicht einmal Flugzeuge darauf landen könnten? Die Antwort lautet seit vergangenem Wochenende: Nein.

Unwürdiger Umgang mit Pilotenlegende

Die Kampagne, die nun in den Berliner Boulevardblättern gegen die Entscheidung geführt wird, entbehrt also jeder Grundlage. Und sie ist beschämend, weil dafür vor allem der greise Gail Halverson ausgenutzt wird: Den "Vater der Rosinenbomber" im Nachinein im Rollstuhl auf das Tempelhofer Feld zu stellen und ihm ein paar gezielt kritische Worte in Richtung Senat abzutrotzen, ist ein unwürdiger Umgang mit dieser Berliner Legende. Das Vorgehen hat nach Informationen dieses Autors auch in seinem engeren Umfeld für Entsetzen gesorgt.

Was in Vergessenheit gerät: Halverson selbst war bei der eigentlichen Jubiläumsfeier am 12. Mai dabei, auf dem Tempelhofer Feld, und hatte sich sehr zufrieden mit dem Gedenken an die Luftbrücke gezeigt.

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46 Kommentare

  1. 45.

    Was mir gar nicht gefällt ist, dass Sie aus "Rosinenbomber" schlicht sinnverdehend "Bomber" machen, mit allen negativen Assoziationen. Sicher nicht ohne Absicht!

  2. 44.

    Zynisch betrachtet, haben die Piloten mit der Luftbrücke damals nur ihren Job gemacht. Sie gehörten zur Besatzungs- resp. Schutzmacht und haben damit die Verantwortung für die Bevölkerung gehabt. Also, wozu überhaupt Dank und Anerkennung? Berlin hat erst nach Aufgabe des Schutzstatus die Verantwortung übernommen und schuldet niemandem Dank. Wer Zynismus nicht versteht sollte jetzt nicht antworten..... An alle, die hier nur auf die Vorschriften und Zuständigkeiten abstellen empfehle ich, sich mal damit zu beschäftigen, dass Freundschaft mehr erfordert .... Menschen legen sich alles so zu recht, wie sie es brauchen. Deswegen findet auch immer wieder Urteilsschelte statt, wenn Richter die Gesetze anwenden.

  3. 43.

    Drollig, wie der Autor die Schuld vom "angeblichen" Amtsschimmel wegzuschieben versucht, aber gleichzeitig die "strengen Auflagen" (freilich, freilich...) und die verspätete Antragstellung als Begründung für die nicht erteilte Genehmigung anführt.
    Anderswo (Faßberg, Wiesbaden, Jagel..) sei es leichter, aber in Berlin eben komplizierter. Eben, das genau ist der Punkt!
    ;-)

  4. 42.

    Sie waren willkommen und haben viel Freude bereitet. Jetzt machen Sie mal langsam einen Punkt. Ihre Wut und Ihr Frust-sprechen Sie nicht für ganz Berlin. Auch in meinem Umfeld gab es etwas Enttäuschung, aber insgesamt bleibt uns das allen in positiver Erinnerung. Je mehr hier Gift und Galle gespuckt wird, desto negativer die Botschaft nach außen.

  5. 41.

    Wieso sparen können? War doch eine gelungene Sache, wir alle waren begeistert die Riesen am Himmel zu sehen und zu hören. Nur die riesen Welle, die die Senats-Basher in den Tagen danach gemacht haben, hat die Sache in ein schlechtes Licht gerückt und das positive Erlebnis weitgehend zerstört. Wir alle, eine große Mehrgenerationen-Familie, haben über früher, diese Zeit gesprochen und die ganze Aktion positiv empfunden. Aber Berlin und deren Meckerer schaffen es, alles in ein schlechtes Licht zu rücken. Wie bockige Kinder, die ihren Willen nicht kriegen. Danke dafür.

  6. 40.

    Ich finde es befremdlich, Herr Schoebel, wie Sie Ihre Position beim rbb ausnutzen, um voellig themenfremd Ihre Meinung zum Wohnungsbau auf dem Tempelhofer Feld kundzutun. Wie Sie z.B. dem Faktencheck aus eigenem Hause entnehmen koennen, steht NICHTS im Gesetz zum Tempelhofer Feld, das eine Landung der Flieger grundsaetzlich ausgeschlossen haette. Was hat die einmalige, jubilaeumsbezogene Landung historischer Flugzeuge mit einem Verankern von Briefkaesten oder gar dem Bauen von Haeusern zu tun? Was mit dem langfristigen Schutz von Wiesen- und Erholungsflaechen? Ueberhaupt nichts!! Welcher 'planerische Zugriff' auf das Tempelhofer Feld waere erforderlich gewesen, um fuer die Landung und Start von 11 kleinen Flugzeugen die noch immer bestehenden Betonpisten temporaer freizugeben? Ueberhaupt keiner!! - Also, Ihre Ansichten in angemessenen Ehren, aber bitte nutzen Sie doch keine so billigen Tricks fuer deren Publikation.

  7. 39.

    Dann hätten sich die Piloten den Weg nach Berlin sparen können. Ich würde auch nur noch dorthin gehen, wo ich willkommen bin. Egal... ist vorbei.

  8. 38.

    Hallo liebe Berliner und Politiker.
    Ich kenne mich mit Gesetzen und Regularien ihrer Stadt nicht aus, mich hat aber diese Diskussion über den Flugverbot der Rosinenbomber über Berlin angesprochen. Ich hätte da nur eine Frage zu: warum durfte 2014 das Flugzeug mit der Deutschen Fußballnationalmanschaft bei ihrer Ankunft über die Innenstadt Berlins zur Freude der Fans fliegen? Ist ein Fußball-WM Titel dann wohl wichtiger,als die Erinnerung an eine historische, monatelange Rettungsaktion für die Berliner Bürger...

  9. 37.

    Die Kommentare derjenigen, die hier sämtliche Fakten leugnen warum die Rosinenbomber nicht landen durften machen einem Angst und Bange dass man mit solchen sturen, merkbefreiten und dummen Menschen zusammenleben muß.

  10. 35.

    Eine Rechtfertigung in Sachen der Politik geht fast immer zu Lasten der "Anderen". Ich habe 4 Jahrzehnte mit Luftfahrtbehörden und Genehmigungen zu tun gehabt. Alle Amtsschimmel waren immer zu Stelle. Denn: Wer an der Macht sitzt, nutzt diese aus. Soll man der Politik in Berlin glauben?

  11. 34.

    Wenn ich die Kommentare lese, bekomme ich einen dicken Hals! Ist es wirklich sooo wichtig, dass die Bomber gelandet wären?!? Nein! Wichtig ist, dass man sich überhaupt an dieses Ereignis erinnert und gedenkt! Die Piloten haben damals nicht ihr Leben riskiert, um 70 Jahre später daraus ein Spektakel zu machen! Außerdem, hätte man das Feld gesperrt und die Bomber wären gelandet, hätten die Leute sich auch wieder beschwert, weil sie nicht aufs Feld dürfen, um ihre Hunde gassi zu führen oder Umweltschützer, weil irgendein Insekt sich gestört fühlt.

  12. 33.

    Ich denke den meisten Einwohnern Berlins, ist das völlig Schnuppe! Ich fand den Kommentar informativ, es wurden klar Fakten genannt, warum es zu keiner Landung kam.

  13. 32.

    Hier mal, wie es auch in Berlin hätte aussehen können. Statt vdL hätte Müller sich Müller die Show holen können

    https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/lueneburg_heide_unterelbe/Meisterleistung-Von-der-Leyen-preist-Luftbruecke,rosinenbomber102.html

  14. 31.

    Es ist einfach schlimm, wie manche sich hinter Vorschriften verschanzen. Fakten? Tatsachen? Fakt ist, ohne die Luftbrücke wäre die Freiheit verloren gewesen. Tatsache ist, die Piloten sind zum Jubiläum nach Berlin gekommen und durften nur eine Runde über der Stadt drehen und sind enttäuscht, dass sie nicht von Berlin empfangen wurde. Fazit ist, die Retter von Einst fühlen sich ignoriert. Die typisch deutsche Bürokratie hat wieder ihren Ruf bestätigt. Und das sollen wir nun angemessen finden, weil eben Gesetze es verhindern, Freunde zu begrüßen?

  15. 30.

    Juhu. Sie haben fertig. Dann können wir anderen ja wieder sachlich diskutieren.

    Das Dilemma ist ja nicht, dass um bei der Diskussion auf der einen Seite um Gesetze, Recht und Verordnungen (sog. Fakten) und der anderen Seite um Emotionen und Anstand und um den politischen Willen des Senats geht. Natürlich kann man sich hinter die Gesetzeslage stellen oder hinter ihr verstecken, auf der anderen Seite hätte man aber auch aktiv vom Senat die Ankunft der Rosinenbomber begrüßen und verwenden können, um Ihnen nochmals zu danken, dass sie Berlin über Monate am Leben gehalten haben. Behandle den anderen immer so wie du von ihm behandelt werden willst. Für die Piloten wirkt eine Berufen auf die Rechtslage wie ein Schlag ins Gesicht. Fakt ist auch, dass der Senat passiv blieb. Wer will findet Lösungen, wer nicht will findet Ausreden.

  16. 28.

    Mal ein Wort an die unfähigsten Kommentatoren aller Zeiten hier. Es ist lächerlich wie ihr euch aufführt. Wir sind hier NICHT in China, Russland oder der Türkei wo sich ein Despot und seine Claqueure einfach mal über alle Gesetze stellen kann, nur weil es euch so in den Kram passt!

    Noch sind wir ein einem Rechtsstaat, auch wenn ihr kräftig dabei seid den zu unterwühlen.

    Ich habe fertig!

  17. 27.

    Es ist peinlich und typisch wie weit die Berlin-Basher hier Fakten und Tatsachen ignorieren, nur um auf die eigene Stadt zu pinkeln. Pfui!

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