Eine Bronze-Plastik im Berliner Zoo von Kult-Flusspfer Knautschke (Quelle: imago/Olaf Wagner)
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Audio: rbb | 12.06.2019 | Susanne Gugel | Bild: imago/Olaf Wagner

Legendäres Berliner Zoo-Tier - Flusspferd Knautschke war offenbar kein Berliner

Mehr als 30 Jahre nach seinem Tod stellt sich die Geschichte von Knautschke, dem Kult-Flusspferd aus dem Berliner Zoo, anders dar, als man sie sich bislang erzählt hat. Neue historische Funde legen den Schluss nahe: Knautschke war gar kein Berliner. Von Susanne Gugel und Thorsten Gabriel

Knautschke – das ist für viele wie Currywurst: typisch Berlin. Und es ist eine dieser anrührenden kleinen Geschichten, die Menschen durch dunkle Zeiten tragen: Knautschke, das Berliner Flusspferdkind, das wie durch ein Wunder Zerstörung und Elend überlebt. "Er ist sogar noch im Krieg geboren – 1943. Und wir fanden ihn am Schluss des Krieges neben seiner toten Mutter, die einen Schuss bekommen hatte", schilderte einmal Katharina Heinroth, die erste Berliner Zoo-Direktorin nach dem Krieg, die Szene im zerstörten Flusspferdhaus.

Und auch ihr Nachfolger Heinz-Georg Klös erzählte immer wieder davon: "Bei Knautschke ist das Bemerkenswerte, dass er im Krieg geboren worden ist. Die Eltern wurden von den Bomben erschlagen beziehungsweise von den Eisenträgern des Hauses, die auf das Becken stürzten. Der kleine Knautschke war damals acht Wochen alt, lag zwischen den Eltern und die Sachen haben ihm nichts ausgemacht."

Ist Knautschke aus Berlin eigentlich Max aus München?

Die Schilderungen variieren. Letztlich sind es Ungenauigkeiten, die keine große Rolle spielen. Das Drama bleibt schließlich dasselbe. Und doch gibt es im Fall von Knautschke weitere Ungereimtheiten. So diskutierten findige Flusspferdfreunde immer wieder, wann genau Knautschke eigentlich geboren wurde – und wer eigentlich sein Vater war. Einen Zuchtbullen habe es zur fraglichen Zeit im Berliner Zoo gar nicht gegeben.

Die Inventarlisten des Zoos aus den Jahren 1943 und 1944 sind nicht mehr da.

Doch der Historiker Clemens Maier-Wolthausen hat jetzt andere Dokumente gefunden, die einen erstaunlichen Schluss nahelegen: "Es deutet vieles darauf hin, dass Knautschke nicht nur kein Berliner ist, sondern, was vielleicht viele Berlinerinnen und Berliner schmerzen wird: Es könnte sein, dass er ein Bayer ist", sagte er rbb Kultur.

Maier-Wolthausen arbeitet sich im Auftrag des Zoos seit vier Jahren durch das bislang unsortierte Archiv im Keller des Aquariums. Demnächst erscheint sein Buch zur 175-jährigen Geschichte des ältesten deutschen Tierparks – dem Berliner Zoo. Aus der Zeit zwischen 1925 und 1945 gebe es eine "sehr, sehr detailliert geführte Tierkartei aller Berliner Zootiere".

Historiker Maier-Wolthausen (Quelle: privat)Clemens Maier-Wolthausen

Bei seinen Recherchen stellte Maier-Wolthausen fest: "Für die fragliche Zeit, in der Knautschke geboren sein soll, verzeichnet diese Kartei keine Geburt eines männlichen Flusspferdes – wohl aber, im Oktober 1942, den Transport eines jungen Flusspferdes namens Max aus dem Hellabrunner Tierpark in München." Für Maier-Wolthausen liegt es daher sehr nahe, dass es sich bei Knautschke aus Berlin ursprünglich um Max aus München handelt. Der Flusspferd-Transfer könnte eine Art Familien-Geschäft gewesen sein. In Berlin hieß der Zoo-Direktor damals Lutz Heck, in München war es sein Bruder Heinz Heck.

Wie kommt es zur Legende?

Nun stellt sich natürlich die Frage: Wenn es so war, wie kam es zur Legende vom Berliner Flusspferdkind? Eine mögliche Erklärung sieht Clemens Maier-Wolthausen in der besonderen Verbundenheit vieler Berliner mit Knautschke nach dem Krieg, als die ihn mit Futterspenden versorgten, obwohl sie selbst kaum zu essen hatten.

Zu den bekanntesten Anekdoten gehört die Geschichte einer Frau, die in den 1950er Jahren Knautschke mit Kartoffelschalen füttern will und ihm versehentlich dabei ihr Küchenmesser mit in den Rachen schüttet. Drei Tage lange habe Berlin um sein Lieblings-Flusspferd gebangt, so der Historiker. Und die damalige Zoo-Direktorin Katharina Heinroth selbst erzählte, dass sie Knautschke mit Unmengen an Heu gefüttert hätte, damit das Messer so fest umschlossen keinen Schaden in seinem Körper anrichten konnte. Schließlich sei es dann auf dem Grund des Beckens gefunden worden.

Die Zoo-Direktoren der Nachkriegszeit hätten um den hohen emotionalen Wert des Dickhäuters gewusst, sagt Maier-Wolthausen. "Da spielte es dann für sie vielleicht nicht unbedingt eine so große Rolle, die ganze Wahrheit über Knautschke zu erzählen."

Möglich ist auch, dass es in den Wirren des Krieges in der Erinnerung zu einer Verwechslung kam. Verzeichnet sei in den Unterlagen des Zoos zu jener Zeit nämlich die Geburt eines Zwergflusspferds, so Maier-Wolthausen.

Knautschkes Erbe

Knautschke jedenfalls, so viel ist verbrieft, war eher Koloss als Zwerg. Auf mehr als drei Tonnen Gewicht brachte er es zu seinen besten Zeiten. Im West-Berliner Flusspferdhaus zeugte er eifrig Nachkommen. 1950 gebar ihm die Leipziger Flusspferddame Grete den Bullenjungen Schwabbel, 1952 kam Tochter Bulette zur Welt. Bei der Damenwahl war Knautschke nicht zimperlich. Auch mit Bulette hatte er Nachwuchs. Die inzestuöse Zucht war äußerst fruchtbar.

Am 20. Juni 1988 starb Knautschke. Nach aktuellem Stand der Überlieferungen erlitt er nach einem Rivalenkampf mit seinem Sohn Nante so starke Verletzungen, dass er eingeschläfert werden musste.

Im Zoo erinnert heute eine Bronze-Plastik an das legendäre Flusspferd. Und vielleicht könnte man die Geschichte auch so lesen: Gerade, weil Knautschke wohl – wie so viele – nach Berlin zugezogen ist, war er dann doch ein echter Berliner.

Sendung: rbb Kultur, 12.06.2019, 8.10 Uhr

Kommentar

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8 Kommentare

  1. 8.

    Sie haben aber schon auf den Artikel geantwortet, das ist doch auch schon mal was. Ziel erreicht;-) Danke an Fr. Gugel und Hr. Gabriel.

  2. 7.

    Eine epochale Nachricht, ähnlich der, dass in China ein Fahrrad umgefallen ist.

  3. 6.

    Ach hören Sie doch auf mit dieser ewigen Leier. Schauen Sie sich mal nur die Zoos an in Deutschland. Überall wird geändert und die Gehege werden vergrößert. Dies übrigens nach Vorschrift. Auch in Berlin. Zudem sorgen Zoos dafür, das aussterbende Tierarten wenigstens dort ein einwandfreies Leben führen dürfen. Zum Teil setzt man sogar Zoonachwuchs wieder in ihre angestammten Gebiete zurück. Wie z.B. die Löwenäffchen oder auch Papageien. Zu guter letzt denken Sie auch mal an die Stadtkinder, die meistens nur aus Film und Fernsehen Wildtiere kennen. Jedesmal wenn ich im Zoo bin, sehe ich Kinder mit staunenden Blicken. Allein schon das Berliner Aquarium ist einfach großartig. Und ich freue mich insbesonders über den Tierpark Berlin. Nur leider ist die Kantine dort verbesserungswürdig.

  4. 5.

    Man sollte Zootierhaltung überdenken und kurz- bis mittelfristig beenden.

  5. 4.

    Am Ende gar Schwabe??!

  6. 3.

    Macht nichts, dass Knautschke ein Zugezogener war. Wir haben ihn dennoch geliebt. So wie alle unsere anderen Zugezogenen (mehr oder minder). :-)

  7. 2.

    Ob nun Knautschke oder Max aus Bayern. Ist doch schnurzpiepe egal. Knautschke wurde geliebt von den Zoobesuchern und den Berliner Bürgerinnen und Bürger, nur das zählt. Bei den Pandas schreit ja auch keiner: die sind ja keene echten Berliner. So what?

  8. 1.

    Dit issn Ding! Knautschke is een Ansylant ausm Bayrischen Ausland???
    Wann fällt der Startschuss für die übliche Denkmalstürmerei aus der blau-braunen Ecke?

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