Video: Brandenburg Aktuell | 28.06.2019 | Jacqueline Piwon, Fred Pilarski

Millionenschaden nach Brandstiftung - Müssen Kinder für Großbrand in Strausberg haften?

Der Großbrand im "Handelscentrum" in Strausberg hat einen Schaden in Millionenhöhe verursacht. Die beiden mutmaßlichen Brandstifter sind Kinder: 12 und 13 Jahre alt. Trotzdem könnten sie für den Schaden haftbar gemacht werden - und viele Jahre zahlen. Von Roberto Jurkschat

Ein brennendes Einkaufszentrum, Großeinsatz der Feuerwehr, Sachschaden in Millionenhöhe: Wenn der Verdacht der Polizei gegen die beiden mutmaßlichen Brandstifter im Alter von 12 und 13 Jahren sich vor Gericht erhärtet, könnte der Samstag vergangener Woche, an dem das große Einkaufszentrum in der Strausberger Herrenseeallee in Flammen aufging, viele Jahre lang Folgen für die Kinder haben.

Das Feuer war nach den Ermittlern am Samstagabend in dem Reifenlager einer Autowerkstatt ausgebrochen. Von dort hatten die Flammen auf das "Handelscentrum" übergegriffen und einen Großeinsatz der Feuerwehr ausgelöst. Zwei Kinder waren schon früh ins Visier der Polizei geraten, weil sie beim Brand unter den Schaulustigen standen und bei der Befragung mit Täterwissen auffielen. Der Polizei zufolge sollen sie an einem Seitengang, wo zwei Autos abgestellt waren, eine Sprayflasche als Flammenwerfer genutzt haben.  

Kinder können für Schäden haften

Bei dem großen Feuer brannten vier der 60 Geschäfte vollständig aus, darunter ein Elektronikmarkt und eine Drogerie. Die genaue Höhe des Schadens ist derzeit noch unklar, heißt es von der Polizei. Es werde aber von einem "Millionenschaden" ausgegangen. 

Die Versicherung des Kaufhauses dürfte finanziell erst einmal in die Bresche springen. Sollte sich der Verdacht der Polizei erhärten, könnte die Versicherung aber Regress fordern - und zwar direkt von den Kindern. "Dass Kinder für Schäden haftbar gemacht werden, ist keine Seltenheit", sagt der Potsdamer Rechtsanwalt Andreas Lau. Für die Versicherer sei es ein ganz normaler Vorgang, sich das Geld von den Schadensverursachern zurückzuholen.

Eltern haften selten für ihre Kinder

Da es in diesem Fall aber offenbar um mehrere Millionen Euro geht, könnten die Schadensersatzforderungen gravierende Folgen haben. Im Jahr 2010 verurteilte das Oberlandesgericht in Köln einen Jungen, der im Alter von neun Jahren eine Scheune angezündet hatte. Die Richter waren der Ansicht, dass der Junge alt genug war, um einschätzen zu können, dass ein kleines Feuer die gesamte Scheune in Brand setzen konnte. Nach diesem Urteil kann der Junge 30 Jahre lang zur Begleichung des Schadens herangezogen werden.

Die sogenannte Strafunmündigkeit sieht das deutsche Strafrecht zwar bis zum 14. Lebensjahr vor - im Zivilrecht aber gelten Kinder schon ab sieben Jahren als deliktfähig und können somit haftbar gemacht werden.

Dass Eltern für ihre Kinder haften, sei in solchen zivilrechtlichen Angelegenheiten nur selten der Fall, sagt Rechtsanwalt Andreas Lau. Dazu müsse der Nachweis erbracht werden, dass die Eltern ihre Aufsichtspflicht verletzt haben. Beim Großbrand in Strausberg wäre dies streng genommen aber nur der Fall, wenn die Eltern die mutmaßliche Brandstiftung vorher hätten absehen können, sagt Lau.

Retten könnte die Kinder im Ernstfall noch eine Familienhaftpflichtversicherung. Sollten die Eltern aber nur eine einfache Haftpflichtversicherung haben, kommt es darauf an, ob laut dem Kleingedruckten auch Schäden beglichen werden, die von den Kindern verursacht wurden.

Zwangsvollstreckung gegen Kinder möglich

Sollte ein Urteil gegen die Kinder fallen, könne auch die sofortige Zwangsvollstreckung folgen. "In dem Fall müsste geprüft werden, ob die Kinder Vermögen besitzen - etwa in Form von Erbschaften oder von Geld auf Sparkonten. Diese Werte könnten sogar vor der Volljährigkeit der Kinder eingezogen werden", erklärt Lau. Häufig dauere es in solchen Fällen bis zu zwei Jahre, bis ein Urteil getroffen werde. Ab dann aber könnten die enormen Schadensersatzforgerungen 30 Jahre lang wirksam werden.

Wenn es um Brandstiftungen geht, ist der Anteil junger Menschen unter den Verdächtigen hoch: In der Kriminalstatistik des Landes Brandenburg waren im Jahr 2018 rund 38 Prozent der mutmaßlichen Brandstifter jünger als 21 Jahre. Einen ähnlich hohen Anteil hatten junge Verdächtige auch bei Raubdelikten, Fahrraddiebstählen und im Bereich Sachbeschädigung.

Sendung: Brandenburg Aktuell, 28.06.2019, 19.30 Uhr

Beitrag von Roberto Jurkschat

Kommentar

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30 Kommentare

  1. 30.

    Es sollte ein natürlicher Instinkt sein, anderen weder weh tun zu wollen, noch Gegenstände mutwillig zu zerstören (kleinere Missgeschicke und Streiche ausgenommen). Wenn dann auch noch der Aspekt der ethischen und moralischen Erziehung der Eltern dazu kommt, sowieso. Ich hoffe daher nicht, dass es bei diesen Jungs tiefergehende psychologische Ursachen hat, dass sie so fahrlässig zündelten.

  2. 29.

    Also, zumindest ich konnte als Kind meist sehr gut einschaetzen was es heisst, wenn einem wehgetan wird. Natuerlich wusste ich auch was es heisst, wenn einem was kaputt gemacht wird. Aber das waren dann Dinge, zu denen ich eine emotionale Bindung hatte, wie z.B. ein besonderes Kuscheltier oder ein bestimmtes Spielzeug, das mir viel bedeutet. Ich bin nicht auf die Idee gekommen, ein anderes Kind bewusst zu schaedigen. Allerdings hab ich als 8jaehriger mit einem Freund auch mal ein Feuerchen entzuendet, das aber ohne Folgen wieder ausging. Uns faszinierten die Flammen und wir wollten weder jemandem schaden noch hatten wir ueberhaupt das Risiko auf dem Schirm.
    Spaeter hatte ich im Rahmen ehrenamtlicher Arbeit mit Kindern zu tun, und auch die haben sich gegenseitig selten bewusst wehgetan. - Also, wenn Kinder mehr Scheu haben, einen Gegenstand zu beschaedigen als einen Menschen, dann laeuft da m.E. irgendwas ganz gewalt-ig schief. Mit solchen Kindern sollten Sie mal reden :-(

  3. 28.

    Ist doch ganz einfach. Wenn zb ein Kind ein anderes schubst und das dann hinfällt. Dabei zerbricht das Spielzeug des Hingefallenen. Der Schubser weiß zwar, schubsen ist nicht erlaubt, kann aber Folgen eines möglichen Körperschadens nicht einschätzen. Also strafrechtlich irrelevant. Was er aber weiß ist, dass man einem anderen was bezahlen muss, wenn man es kaputt gemacht hat. Da klappt der Zusammenhang Schubsen/kaputtes Spielzeug. Das wissen schon kleinere Menschen ganz gut. Deswegen geben sie als Ersatz dann auch mal ein eigenes Spielzeug her und haben ein schlechtes Gewissen. Reden Sie doch mal mit einem Kind :-)

  4. 27.

    Was ich nicht verstehe ist, wieso z.b. ein 9-jähriger hätte verstehen müssen, was sein Feuer hätte anrichten können, viele Intensivtäter mit 12/13 aber nie belangt werden und z.t. hochkriminelle Schwersttäter Ü18 nach Jugendstrafrecht verhandelt werden. Hört sich doch sehr nach Entscheidungen nach subjektiver Wahrnehmung von Staatsanwälten und Richtern an. Am Wichtigsten ist m. E. dass eruiert wird, was die Jungs dazu trieb.

  5. 26.

    Der juristische und damit hier auch faktische Unterschied ist mir schon bewusst. Widersinnig finde ich ihn dennoch: Im Text wird ein Koelner Richter zitiert, der 2010 einem Neunjaehrigen mit Hinweis auf "ausreichendes Alter" unterstellte, das Abbrennen einer Scheune nach einem kleinen Feuer vorausgesehen zu haben - und ihn auf dieser Grundlage zu Schadenersatz verurteilte. Wie immer man das konkret bewertet, hier passen die Grundlagen des Zivilrechts zur Muendigkeit von Kindern ganz eindeutig nicht mit jenen des Strafrechts zusammen! Zudem denke ich, dass ein Kind viel eher einschaetzen kann was es bedeutet, einem anderen direkten koerperlichen oder seelischen Schaden zuzufuegen als dass es wirtschaftliche Schaden z.B. durch Feuer realistisch abschaetzen kann. Waehrend ich also einen durchschnittlichen 11jaehrigen, der jmdn bedroht oder verletzt, bzgl dieses Delikts durchaus fuer strafmuendig halte, haette ich Zweifel, ob derselbe 11jaehrige beim Zuendeln echt weiss, was er tut.

  6. 25.

    .... der "Minderjährigenhaftung" welche mit dem 18 Lebensjahr in Anspruch genommen werden kann, da Sie ja greifen sollte. Die im gesetzt definierten Ausschlussgründe treffen hier ja nicht zu. Als Anwalt hätte ich eigentlich mehr Neutralität erwartet, da offensichtlich die Möglichkeit besteht das nur die Versicherung in die Breche springt. Und der Informationsgehalt darüber wichtig gewesen wäre.

    Und von Sachen wie Verbraucherinsolvenz im Ausland mit verkürzter Zeit gibt es ja auch noch, da wir ja freie Wohnsitz Wahl haben. Alles in allem netter Artikel aber ohne journalistische Tiefe.

  7. 24.

    Grundsätzlich ist der Artikel nicht schlecht ausgearbeitet. Was ich aber Grundsätzlich sehr komisch finde das einige Sachen, die offensichtlich mit in Betracht gezogen werden müssen, einfach weggelassen werden müssen.

    Ja es ist grundsätzlich richtig, dass man erst mit 14 Jahren strafrechtlich Konsequenzen anwenden kann. Ebenso trifft die Aussage zu das Zivilrechtliche Haften mit dem 7 Lebensjahr beginnt. Jedoch erst dann wenn hier

    "§ 828 Abs. 2 Satz 1 BGB dafür voraus, dass das Kind die Folgen seines Handelns aufgrund seines persönlichen Entwicklungsstandes erkennen konnte („…die zur Erkenntnis der Verantwortlichkeit erforderliche Einsicht hat“). Aufgrund dieses eher unbestimmten Rechtsbegriffes muss also in jedem Einzelfall geprüft werden, ob ein Kind ab sieben Jahren für einen von ihm verursachten Brand verantwortlich gemacht werden kann."

    Sollte dies eingetroffen sein - kann man darüber streiten ob Sie den Schaden jemals bezahlen müssen oder nicht. ......

  8. 23.

    der Unterschied in diesem Alter ist:
    strafrechtlich - sie können nicht bestraft werden (also kein Knast) zu zivilrechtlich - sie können "belangt" werden (Schadenersatz).

  9. 22.

    Interessant wäre jetzt zu wissen, sind eigentlich die beiden Kinder, welche 1995 St. Canisius in Bln/Cha. durch ihre Kokelei in Brand gesetzt haben, in Regress genommen worden? Leider habe ich keine Informationen im Netz darüber gefunden. Vielleicht hat die Redaktion Informationen? Wenn, vielen Dank.

  10. 21.

    Aber zu den Kindern und allen, die anderen auf irgendeiner Weise Leid antun möchte ich meinen Wunsch äußern. Ich würde mir wünschen, dass jeder ab einem gewissen Alter in Regress genommen wird und zwar da, wo es mir am meisten weh tun würde. Und das ist der Freizeitbereich. Stichpunkt Sozialarbeit.

    Brandstifter sollten verdonnert werden, in ihrer Freizeit jeden noch so kleinen Einsatz der FFW tags und nachts begleiten zu müssen.
    Leute, die alte Menschen bestehlen, betrügen, verletzen sollten im Altenheim / Krankenhaus arbeiten müssen.
    Kinder, die Autos beschädigen können mal ein paar Wochen in die Autowäsche bzw Wagenaufbereitung gehen.

    Alles in der Freizeit. Das tut denen am meisten weh!

  11. 20.

    Es tut mir unglaublich leid für die Unternehmen, die ausgebrannt sind, die Existenzen, die daran hängen und hoffe und wünsche, dass alle Geschäftsinhaber und Angestellten entschädigt werden bzw schnell eine neue Anstellung finden.

    Unsere Feuerwehren in Strausberg und Umgebung haben einen super Job geleistet. NEBEN ihrer Arbeit, freiwillig und in ihrer Freizeit. Sie riskieren ihre Gesundheit unentgeldlich für uns,damit wir ruhig schlafen können. Vielen Dank dafür!

    Zum Schaden und wer wie wo wann und in welcher Weise dafür aufkommt kann ich nichts sagen, dafür fehlt mir das rechtliche Wissen und dafür sind andere Stellen zuständig. Meine Mutmaßungen und Wünsche dazu spare ich mir hier ein.

  12. 19.

    Sprinkleranlagen bekämpfen kein bereits ausgebrochenes Feuer. Sonst bräuchte man ja keine Feuerwehr mehr, sondern baut überall Sprinkleranlagen ein. Sie wirken nur gegen den Beginn eines Feuers, wenn also im Verkaufsraum ein Feuer entsteht. Übersteigt das Feuer eine gewisse Grösse, zerstört die Hitze des Feuers naturgemäß die Sprinkleranlagen selbst.

  13. 18.

    Das sind zwei Paar Schuhe, Strafrecht und Zivilrecht. Im bürgerlichen Recht beginnt die Handlungsverantwortung viel früher, sonst könnte kein Schulkind allein eine Kugel Eis kaufen.

    Im übrigen schützt Alkoholgenuss eines Erwachsenen auch nicht vor Strafe oder Schadensersatz. Das ist schlicht falsch.

  14. 17.

    Mich wundert auch warum das Feuer so um sich greifen konnte. Normalerweise denkt man sich doch brandhemmende Bauweise, Brandmelder gibt Alarm und Feuerwehr ist in 10 Minuten da. Was die Kinder angeht denke ich schon, dass sie in Regress genommen werden können. Man mag ja meinen, dass Ihnen dann die Motivation fehlt Ausbildung und Beruf nachzugehen (H4-Kommentare) - allerdings liegt die Pfändungsfreigrenze über H4 (z.Zt. bei ca. 1180€ netto).
    Grund genug um trotzdem arbeiten zu gehen. Tausende Schuldner in Deutschland gehen ja auch einer Tätigkeit nach - besser als Hartzer zu sein. Peinlich wird dann nur, wenn die Lohnpfändung beim Arbeitgeber eingeht. Mich kotzt da eher die Strafmündigkeit beim Jugendstrafgesetz an. Sollte abgeschafft werden. Es gibt Jugendliche/Kinder die Straftaten begehen, mit dem Bewusstsein, nicht bestraft werden zu können. Da sagen die denn noch: "na und, ihr könnt mir ja nichts".

  15. 16.

    Wie wahr. Für unter Drogen oder Alkohol stehende „Täter“ gelten da ganz andere Richtlinien in der Rechtssprechung. Kinder haben in diesem Land selten eine Lobby.

  16. 15.

    Es sind Kinder in einem Alter, in dem man neugierig ist, sich ausprobiert, Experimente macht oder auch Streiche spielt, jedenfalls dann, wenn man die Möglichkeiten dazu hat und nicht den ganzen Tag daddelnd auf dem Sofa sitzt. Eines meiner Kinder probierte sich mit Farbsprays an Brücken aus. Das zog mühevolle Reinigungsarbeiten und Sozialstunden nach sich und auch die Einsicht, dass wir als Familie nicht in der Lage sind, große Schadensrechnungen zu begleichen.

    Die Jungs haben ganz ganz großen Bockmist verzapft, keine Frage. Aber sollten sie wirklich ihr Leben lang dafür büßen müssen, für einen Fehler, den sie als Kind gemacht haben? Ich hoffe sehr, dass dem nicht so sein wird!

  17. 14.

    Da spricht wohl jemand aus eigener Erfahrung! "Ich bin nix, ich kann nix, ich werd nix! Mache ich mal einen auf H4!" Es könnten ja auch Kiddies von der besserverdienenden Bevölkerung sein, die mal aus Langeweile zündelten und wo die Eltern in der Lage sind, dieses Geld zu bezahlen, dass auch ja kein Makel auf ihre Kinder fällt! Nicht zahlen müssen für Schaden den die Kinder angerichtet haben, heisst ja nicht, dass die Eltern es nicht trotzdem tun!

  18. 13.

    Bevor man hier nur „einseitige“ Schuldzuweisungen macht, sollte man einen Gutachter für Brandschutz beauftragen, um festzustellen, ob der Branschutz zwischen dem Center und dem Ausgangspunkt des Brandes gegeben war. Weiterhin gilt es zu klären, warum ein Übergreifen der Flammen nicht verhindert werden konnte. Da gibt es viel Klärungsbedarf, auch wenn das das Handeln der Kinder nicht entschuldbar macht.

  19. 12.

    @toberg:
    Vergleiche § 302 Insolvenzordnung: "Von der Erteilung der Restschuldbefreiung werden nicht berührt:
    1. Verbindlichkeiten des Schuldners aus einer vorsätzlich begangenen unerlaubten Handlung,..."

  20. 11.

    Ich hoffe, es wird auch nach dem Brandschutz in diesem Objekt gefragt. Wie kann es sein, dass wegen der Zündelei zweier Gören ein ganzes Einkaufszentrum abbrennt? Gibt es da keine Brandmauern, Sprinkler usw.? Wurde die Einhaltung der Brandschutzvorschriften richtig geprüft oder hat die zuständige Behörde für den Aufschwung Ost ein Auge zugedrückt?

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