Juliane Kostowski ist für den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) als Ehrenamtskoordinatorin mit einem Moorpaten unterwegs. (Quelle: rbb/Demtröder)
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Video: rbb|24 | 09.07.2019 | Bild: rbb/Demtröder

Nötiger Schutz vor Waldbränden - Fast alle Brandenburger Moore sind krank

Moorlandschaften sind wichtig - auch um Waldbrände zu vermeiden oder einzudämmen. In Brandenburg sind jedoch 95 Prozent aller Moore krank. Experten warnen vor fatalen Folgen - Umweltschützer engagieren sich für kranke Moore. Von Hannah Demtröder  

Im Röntgental (Barnim), direkt an der Berliner Stadtgrenze im Nordosten, steht Juliane Kostowski im Trockenen. "Eigentlich müsste ich hier bis zu den Knöcheln im Wasser stehen", sagt Kostowski. Die Potsdamerin ist für den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) als Ehrenamtskoordinatorin gerade mit einem Moorpaten unterwegs. Der will künftig das Ausstichgelände Röntgental für den BUND Brandenburg beobachten.

Insgesamt arbeiten gut 20 Moorpaten in dem Pilotprojekt, das seit Anfang 2017 läuft. Die erste Diagnose von Kostowski lautet: Diesem Moor geht es nicht gut. Ein Anzeichen dafür seien die vielen Brennnesseln. Sie verdrängen die standorttypische Vegetation eines Torfmoores. Aber auch der Schilfgürtel des Moores scheint kleiner als auf älterem Kartenmaterial, das Kostowski vorliegt.

Moore können Wälder vor Feuer schützen

Das Moor ist kein Einzelfall. 165.000 Hektar Moor gibt es laut Landwirtschaftsministerium in Brandenburg, es ist damit drittgrößtes Moorland in Deutschland. Von dieser Fläche sind jedoch nur noch fünf Prozent gesund, befinden sich also in einem Zustand, der Torf erhält oder bildet. Torf ist ein organisches Sediment aus nicht oder nur unvollständig zersetzter pflanzlicher Substanz. Trocknet der Torfkörper aus, hat das auch Auswirkungen auf den natürlichen Schutz der Wälder vor Bränden. 

Denn Moore sind Feuchtigkeitsspeicher: "Sie sind sehr wichtige Bausteine in der Landschaft, um Wasser zurückzuhalten", sagt Kostowski – und Brandenburg braucht dieses Wasser. Die Region ist regenarm und die sandigen Böden lassen den wenigen Regen schnell versickern. Der Torfkörper verhindert den Abfluss des Wassers. Moore wirken also wie Schwämme, durch die Wasser in Flächen gehalten wird, auch in der Land- und Forstwirtschaft. Dieser Rückwirkungseffekt ist es auch, der Forste und Wälder vor Waldbränden schützt. Aber: Der Effekt greift bei vielen Forsten nicht mehr. Außerdem binden Moore extrem viel CO2 - trocknen sie aus, wird das klimaschädliche Kohlenstoffdioxid freigesetzt.

Wasser wurde als Schadfaktor angesehen

Hauptgrund für die Austrocknung der Brandenburger Feuchtgebiete und Moore ist die systematische Entwässerung von großen Gebieten, die vor allem in den 1970er und 1980er Jahren stattgefunden habe, sagt Moor-Expertin Vera Luthardt. Luthardt ist Professorin an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde und forscht seit Jahrzehnten zum Thema. "Man wollte möglichst schnell das Wasser aus der Landschaft bekommen. Wasser wurde als Schadfaktor angesehen. Wir brauchen jetzt eine komplette Umkehr, wir müssen sagen: Wasser ist Lebenselixier." Landwirtschaftliche Flächen stehen für Luthardt bei dieser Umkehr genauso auf dem Prüfstand wie forstwirtschaftliche.

Denn die intensive Forstwirtschaft in Brandenburg, vor allem mit Kiefern, schädige die Böden und sorge dafür, dass die Waldflächen für Brände angreifbarer werden. "Kiefernforste in Brandenburg stehen zu großem Anteil auf Böden, auf denen eigentlich andere Wälder stehen müssten", so Luthardt. "Eine Kiefer oder eine Douglasie auf Moor? Die haben dort nichts zu suchen."

Moorlandschaft in einem Waldgebiet im Landkreis Teltow - Flaeming im Land Brandenburg, aufgenommen am 30.03.2019. (Quelle: dpa/Reinhard Kaufhold)
Eine Moorlandschaft in Teltow-Fläming. | Bild: dpa/Reinhard Kaufhold

Vom Kiefernwald zum Mischwald

Mit dem sogenannten Waldumbauprogramm, 1990 gestartet, werden kieferndominierte Wälder zu stabileren, standortgerechteren Mischwäldern entwickelt. So sollen Brandenburgs Wälder und Forste weniger anfällig gegenüber Naturgefahren und Wetterextremen werden. Das Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft (MLUL) sieht Umbaupotential für weitere 20 bis 30 Jahre. 5.000 Hektar Forst könnten jährlich laut MLUL umgebaut werden, realistisch seien allerdings nur bis zu 2.500 Hektar, denn in jungen Kiefernforstbeständen müsste erst durch Holzschlag Platz geschaffen werden - und dafür müssen die Bäume erstmal wachsen.

Luthardt fordert, dass die Anstrengungen intensiviert werden. "Wir müssen so schnell es geht Mischwälder schaffen, die weniger angreifbar sind und Feuchtigkeit besser halten." Außerdem plädiert sie dafür, Entwässerungsgräben in Wäldern und Forsten im großen Stil rückzubauen. Denn durch die Gräben, die in Brandenburg in nahezu jedem Forst zu finden sind, wird das Wasser noch schneller entzogen. "Werden die Gräben verschlossen, sinkt die Gefährdung durch Brände in Trockenperioden", so Luthardt. In der Forstwirtschaft könne man viel schneller mit den Veränderungen loslegen als in der Landwirtschaft.

Nasse Landwirtschaft wird kaum subventioniert

Brandenburgs Moore sind vor allem deshalb entwässert worden, um auf ihnen Landwirtschaft zu betreiben. Doch laut Luthardt muss hier umgedacht werden: von konventioneller hin zu nasser Landwirtschaft. Nasse Landwirtschaft meint, dass entweder Tiere auf den Flächen gehalten werden, die Feuchtigkeit bevorzugen, Wasserbüffel etwa. Oder sogenannte Paludikulturen: Hierbei werden Schilf und Rohrkolben auf feuchten Flächen angebaut, die zu Dämmmaterial für das Baugewerbe verarbeitet werden. Doch Paludikulturen werden nicht durch EU-Subventionen unterstützt.

Das Land Brandenburg steht der nassen Landwirtschaft grundsätzlich offen gegenüber, auf Anfrage von rbb|24 heißt es, das Land wolle in der Perspektive keine Ackernutzung auf Moorstandorten, "seit 2015 fördert Brandenburg im Rahmen der Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen die angepasste Bewirtschaftung von Mooren." Derzeit würde aber der Umstieg auf die nasse Landwirtschaft das Wegfallen der Agrarsubventionen bedeuten - ein Sachverhalt, den das Land nicht ohne weiteres ändern kann. Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU ist für die Vergabekriterien der Subventionen zuständig, Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) setzt sich dort dafür ein, dass sie künftig stärker an die Erfüllung von Klima- und Umweltschutzmaßnahmen gebunden werden.

Der BUND will die Moore über Patenschaften schützen. (Quelle: rbb/Demtröder)
Gut 20 Personen vom BUND engagieren sich für den Schutz der Moore in Brandenburg. | Bild: rbb/Demtröder

Luthardt "Sonst sind die Böden irgendwann lebensfeindlich"

Vera Luthardt ist sich sicher, dass Brandenburg nur mit einem Umdenken in Sachen Wasserhaushalt und einer konsequent durchgeführten Strategie auf lange Sicht die Agrarwirtschaft - und den Wasserhaushalt - stützen kann. "Das ist nicht immer ganz billig, aber es ist gut investiertes Geld. Sonst sind diese Böden irgendwann lebensfeindlich - und wir haben keine Antworten darauf, wie es dann weitergehen kann." Laut Luthardt seien beispielsweise Pilotprojekte für Landwirte nötig, "damit sie sehen: Es kann auch anders gehen. Da gibt es eben viele Ängste, das kann man ja auch verstehen." Das Gute: "Jedes Moor kann in einen torferhaltenden oder torfbildenden Zustand entwickelt werden. Aber wir müssen jetzt schnell in die Umsetzung einsteigen. Nicht in das weitere Diskutieren", sagt die Biologin.

Juliane Kostowski und ihr Moorpate setzen den Schutz der Moore bereits um. Kostowski zeigt dem neuen Moorpaten auf welche Zeichen er in Zukunft achten muss, um den Zustand des Moores einzuschätzen. Welche Vögel er hört, welche Pflanzen sich vermehrt ansiedeln und ob es irgendwann wieder feuchter wird. Erste Erfolge des Projekts gibt es, so konnte ein Moorpate im Elbe-Elster-Kreis durch seine Arbeit erwirken, dass eine neue Messlatte in seinem Moor aufgestellt wird. Ein Monitoring des Wasserstandes wäre ohne die Messlatte nicht möglich gewesen. So können nun valide Zahlen im Kampf für das Moor gesammelt werden.

Sendung: Brandenburg, 09.07.2019, 19:30

Beitrag von Hannah Demtröder

Kommentar

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8 Kommentare

  1. 8.

    Lustig ist dass man 30 Jahr nach dem Mauerfall der DDR die Schuld in die Schuhe schieb, was auch sein mag, aber 30 Jahre danach Nichtstun ist auch nicht viel besser.

  2. 7.

    Wer hätte sonst in Brandenburg entwässert können als die DDR? Nur weil der Artikel lediglich die Situation im Sendegebiet des RBB beschreibt, heißt das nicht, dass auch in der alten BRD die gleichen Fehler gemacht worden sind. In Niedersachsen liegen fast 4/5 aller deutschen Hochmoorflächen. Diese werden auch dort zum überwiegenden Teil intensiv landwirtschaftlich genutzt oder dienen der Torfgewinnung für Gartenfreunde.

  3. 6.

    Man sollte auch den Biber mehr gewähren lassen. Er kann zum Anlegen von Wasserspeichern gut beitragen.

  4. 5.

    So viel Wahrheit in einem Artikel!

  5. 4.

    Wir brauchen endlich eine Renaturierung entwässerter Moore! 99 % aller Moore, die es in D. gab, existieren nicht mehr.

  6. 3.

    Fangen wir doch besser beim pöhsen 'Alten Fritz' an, der sich darum sorgte, dass das gemeine Volk endlich mal satt wird. Zurecht! Damalige Realität beiseite, Zitat: 'Außerdem binden Moore extrem viel CO2 - trocknen sie aus, wird das klimaschädliche Kohlenstoffdioxid freigesetzt.' Wie viel noch existierende Moore und Regen-/Urwälder werden tagtäglich auf unserer Erde vernichtet? Wie viel Raubbau/Kinderarbeit sollen für immer wieder neue Smartphones mit seltenen Erden und deren Herstellung noch begangen werden? à apropos Flug-Scham, wie wärs mal mit Smartphone-Scham? Wann fordern wir z. B. Indien auf so zu sein, wie es sich Deutschland wünscht. Alles andere ist hier grüne Makulatur.






  7. 2.

    Ich war heute im wald im Havelland West....sogar der Farn, welcher voriges Jahr richtig grün war ist nun verfärbt...ca. zur Hälfte braun....!!

  8. 1.

    Die pöhse DDR hat systematisch in 1970er und 1980er Jahren ALLES entwässert, man hatte aber seit dem Mauerfall 30 Jahre Zeit zu bewässern, da sicherlich die Forstbetriebe Unterlagen hatten was passiert war.

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