Eine Reihe voller leuchtender Tastaturen mit Menschen davor (Foto: imago|Arnulf Hettrich)
Bild: imago|Arnulf Hettrich

Die Sucht erkennen - Wenn Online-Spiele krank machen

Seit Ende Mai gilt Onlinespielsucht weltweit als anerkannte Krankheit. Krankenkassen übernehmen künftig die Kosten für eine Therapie. Doch ab wann wird aus einem Hobby eine Krankheit? Von Wolfgang Porsche

Onlinespielsüchtig - oder einfach nur gern mal am Daddeln? Diese Frage dürften sich Betroffene oder Angehörige, zum Beispiel Eltern von exzessiv am Computer spielenden Kindern, jetzt öfter stellen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat auf ihrer Konferenz Ende Mai in Genf das massive Spielen offiziell in ihren neuen Krankheitskatalog aufgenommen. Unter der ICD-Nummer 6C51 findet sich der Eintrag "Gaming disorder". Ab 2022 ist zu vieles Zocken dann offiziell eine Krankheit.

Doch was ist zu viel? Die Diagnose sei auch für Ärzte nicht ganz einfach, erklärt Anna Freiesleben von der Fachstelle für Suchtprävention Berlin. Von der WHO gebe es aber jetzt recht konkrete Kriterien, die für einen Verdacht auf Onlinespielsucht sprechen würden. "Ein gut erkennbares Kriterium können Nervosität und Schlaflosigkeit bei Entzug des Spielers sein", so die Suchtexpertin gegenüber rbb|24. Ebenso sprächen für einen Verdacht erfolglose Versuche die Spielzeit zu kontrollieren, ein Interessenverlust an anderen Aktivitäten und wenn der Suchtgefährdete über das Ausmaß der Spielzeit täuschen würde.

Nur jugendlicher Spaß oder schon süchtig?

Die Betroffenen müssten innerhalb von zwölf Monaten mehrere dieser Kriterien erfüllen, damit die Diagnose Onlinespielsucht von einem Arzt gestellt werden könne, so Freiesleben weiter. Damit soll sichergestellt sein, dass insbesondere Jugendliche, die sich öfter als Erwachsene eine Zeitlang intensiver mit Computerspielen beschäftigen, nicht sofort als krank eingestuft werden würden. Nicht selten regele sich das sogenannte Gamen von selbst wieder ein, wenn die Lust am Spiel etwas verloren gehe, so die Suchtberaterin. Doch wenn das exzessive Onlinespielen immer wieder zu Streit führt und ausgestellte Regeln der Nutzung nicht eingehalten werden, sei Wachsamkeit angebracht.

Wie viele Fälle von Onlinespielsucht es in Deutschland aktuell gibt, sei schwer herauszufinden, da die Krankheit bisher nicht klassifiziert gewesen sei, so Freiesleben. Sehr oft trete Onlinespielsucht in Kombination mit anderen Erkrankungen auf, wie zum Beispiel Depressionen. Sei die Depression behandelt worden, habe sich auch das Spielverhalten geändert, so die Expertin.

Auch wenn der neue WHO-Katalog erst ab 2022 gilt, hätten sich bereits Kliniken auf dieses Thema spezialisiert. Mit den Betroffenen werde dort dann ein geregelter Tagesablauf wieder hergestellt oder die soziale Interaktion gefördert. Extreme Gamer bekämen aber auch eine Psychotherapie, so Freiesleben. Oftmals übernehmen Krankenkassen die Kosten bereits jetzt auf freiwilliger Basis.

Erwachsene sind Vorbild

Um ein Abgleiten von jugendlichen Kindern in die Onlinespielsucht zu verhindern, sei vor allem ein enger Kontakt nötig. Es sei sehr wichtig, über das Thema zu reden, so Freisleben. Zudem müssten Regeln aufgestellt und medienfreie Zeiten eingeführt werden - nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Eltern.

Der Grund ist: Kinder machen nach, was die Erwachsenen ihnen vormachen. Deshalb läge die Verantwortung bei den Erwachsenen, so die Expertin. Sie rät, abends das Telefon oder das Tablet mal aus der Hand zu legen und gemeinsam etwas zu unternehmen.

Beitrag von Wolfgang Porsche

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 2.

    Spiele seit 30 Jahren durchgehend am Computer, inzwischen ehr die Spiele die für so nen Rentner wie mich etwas langsamer sind.
    Onlinespiele sind in der Regel eine viel grössere Herausforderung als Skat.
    Früher gabs eben nix anders. Es sind komplex konstuierte Welten.
    Spieler liefern da am PC oder der Konsole kognitive Meisterleistungen ab.
    Nicht umsonst gibt es "eSports" ... also Jobs für Spieler.
    Nun kenn ich mich mit den im Artikel erwähnten "Depressionen" aus.
    Wer einmal die Diagnose hat bekommt keinen Job mehr.

    Mein Fazit:

    1.) Alle Kinder die nicht ADHS haben und noch still sitzen sollen nun auch medikamentös eingestellt werden.
    2.) Eltern, die selbst die Materie nicht kennen werden verunsichert.
    3.) Kinder und Jugendliche, werden (Was ist das Wort für "krimimalisiert" im Sinne einer Krankmachung?) für krank erklärt.
    4.) Kindern wird der Stempel "zukunftsunwert" aufgedrückt. Ihre sämtlichen Zukunftschanceh werden nämlich mit der Diagnose verbaut.

  2. 1.

    Es ist immer wieder interessant, wie so ziemlich alles, das Menschen gern und oft tun (besonders, wenn es viel Zeit erfordert und weder mit Sport noch mit Geselligkeit zu tun hat), zu einer Sucht erklärt wird, die erforscht und bekämpft werden sollte (wofür man dann natürlich entsprechende Fachleute bezahlen muss).
    Gibt es auch Mediziner, die eine solche Studie skeptisch betrachten?
    Falls ja: Was sind deren Argumente?

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