In der Mitte der Angeklagte Milinko P. am 27.06.2019 im Gerichtssaal in Berlin. Rechts ist sein Verteidiger und links der Dolmetscher (Quelle: rbb/ Morling)
Video: Abendschau | 27.06.2019 | Norbert Siegmund | Bild: rbb/ Morling

Tödlicher Unfall auf Kantstraße - Mordurteil gegen Raser nach "Flucht um jeden Preis"

Auf der Flucht vor der Polizei tötete ein 27-jähriger mit seinem Auto eine junge Frau in Charlottenburg. Viel zu schnell war der Täter durch die City West gerast. Jetzt muss er lebenslang ins Gefängnis - wegen Mordes. Von Ulf Morling

Nach langer Beratung hat die 40. Schwurgerichtskammer des Berliner Landgerichts ihr Urteil gefällt: Die Tötung von Johanna H. war nicht fahrlässig, wie von der Staatsanwaltschaft zuletzt behauptet - sondern vorsätzlicher Mord. Der Angeklagte habe versucht, "um jeden Preis" der Polizei zu entkommen, hieß es am Donnerstag. Selbst den Tod seines Beifahrers habe er in Kauf genommen, ebenso den Tod dreier Autofahrer bzw. Passanten, die er verletzt habe, hieß es im Urteil.

Dafür wurde Milinko P. zusätzlich wegen Mordes an seinem Komplizen und versuchten dreifachen Mordes an verletzten Unbeteiligten verurteilt. Im Prozess erklärte er sich dazu bereit eine fünfstellige Summe Schmerzensgeld an die Familie von Johanna H. zu zahlen.

Archivbild: 08.06.2018, Berlin: Blumen und Kerzen stehen an der Windscheidstraße, Ecke Kantstraße. Dort war bei einer Verfolgungsjagd nach einem Diebstahl eine 22 Jahre alte Frau getötet worden (Quelle: dpa/ Zinken)
| Bild: dpa/ Zinken

"Ohne Rücksicht auf Verluste"

Nach einem Einbruchsdiebstahl in einem Kleintransporter sei Milinko P. am 6. Juni 2018 mit zwei 14- und 18-jährigen Komplizen "ohne Rücksicht auf Verluste" mit teilweise bis zu 80 km/h in einem Auto vor der Polizei geflüchtet, so der Vorsitzende Richter Peter Schuster.

Der Angeklagte habe in der City West mehrere rote Ampeln überfahren, sei an der Kreuzung Kantstraße Ecke Windscheidstraße mit mehreren Autos zusammengestoßen und habe die 22 Jahre alte Johanna H. erfasst, die als Fußgängerin bei Grün ihr Fahrrad über die Straße geschoben habe. Die junge Frau starb noch am Unfallort. Der Angeklagte floh weitere 100 Meter zu Fuß, bis er festgenommen werden konnte. Sein 18-jähriger Beifahrer erlag zwei Tage später seinen Verletzungen, obwohl er 88 Blutkonserven erhalten hatte.

Der Vorsitzende Richter kritisierte, dass sich am Unfallort ein halbes Dutzend Ärzte um Johanna H. gekümmert hätten, der schwer verletzte Komplize aber 25 Minuten unversorgt geblieben wäre.

Angeklagter hatte Mord bestritten

25 Verhandlungstage lang hatte die Schwurgerichtskammer die Tat um den tragischen Tod der Sozialpädagogik-Studentin verhandelt. Der Angeklagte hatte in einer Erklärung zu Beginn des Prozess den Mord-Vorwurf bestritten. Er sei zur Hochzeit seiner Schwester aus Serbien nach Deutschland gereist und wollte dafür nach Hamburg weiterreisen.

Sein 18-jähriger Verwandter habe ihn dann allerdings dazu überredet, vor der Weiterreise in Charlottenburg einen Kleintransporter aufzubrechen, in dem sich Werkzeug befand. Als das Diebesgut in ihrem Auto verstaut war, hätte sich ein Auto vor sie gestellt. Sein Komplize habe immer wieder "Mafia" gerufen, woraufhin Milinko P. in Panik geflüchtet sei. Er gab vor Gericht weiter an, dass sein Verwandter und Komplize ihm auf das Knie gedrückt habe, so dass er Gas gab und Johanna H. mit dem Auto tödlich verletzte.

Insgesamt sechs Polizeifahrzeuge waren ohne Martinshorn und Blaulicht an der Verfolgung beteiligt. Laut Angeklagtem sei zu keinem Zeitpunkt von den Beamten in den Zivilfahrzeugen "Polizei" gerufen worden. Es sei möglich, dass Johanna H. noch leben würde, hätten die beteiligten Polizisten Blaulicht und Martinshorn benutzt, so der Vorsitzende Richter. Gleichzeitig lobte er den Mut und Einsatzwillen der Beamten, Kriminelle zu verfolgen. "Der Unfall sollte aber Anlass sein nachzudenken: Was ist besser zu machen?", so Richter Schuster.

Staatsanwaltschaft ruderte zurück

Ursprünglich hatte die Staatsanwaltschaft Milinko P. wegen Mordes angeklagt. Er habe versucht, "um jeden Preis" der Polizei zu entkommen. Nach der Beweisaufnahme sah der Staatsanwalt den Mordvorsatz allerdings nicht mehr als nachweisbar an. Die Polizei habe zwar ohne Blaulicht und Martinshorn das Auto Milenko P.s verfolgt, aber "er wusste, dass es sich um Polizeibeamte handelte." Mit Kelle, Dienstausweis und "Polizei"-Rufen hätten sich die Beamten bemerkbar gemacht. Trotzdem sei die Flucht vor der Polizei, bei der zwei Menschen starben, nicht als vorsätzlicher Mord zu bewerten, sondern nur als fahrlässige Tötung. Acht Jahre und vier Monate Gefängnis hatte der Vertreter der Anklage gefordert.

Familie von Johanna sieht Vorsatz

Gregor Gysi hatte die Familie Johannas im Prozess als Nebenklageanwalt vertreten. Er sieht, wie die Familie Johannas, die vorsätzliche Tötung der jungen Frau, um sich dem Zugriff der Polizei zu entziehen, als erwiesen an. "Die Mafia interessiert sich nicht für drei arme Serben mit gestohlenem Werkzeug", sagte der Anwalt im Plädoyer in Anspielung auf die Erklärung des Angeklagten, er habe gedacht, von der Mafia verfolgt zu werden. Entsetzliche Verletzungen seien Johanna H. zugefügt worden. Die Rechtsmedizin hatte in ihrem Gutachten von "innerlicher Enthauptung" als Todesursache gesprochen – durch den Zusammenprall mit dem Auto war das Gehirn des Opfers von der Verbindung zur Wirbelsäule abgetrennt worden.   

Der Prozess war von der Mutter und dem Vater Johannas, ihrem großen Bruder und der jüngeren Schwester als Nebenklägerinnen und Nebenkläger verfolgt worden. Auch Johannas Großmutter war zeitweilig anwesend. Johannas Bruder Alexander (27) hatte sich im Prozess unter Tränen direkt an den Täter gewandt: Dieser sei angeblich zur Hochzeit seiner Schwester aus Serbien nach Deutschland gereist, habe er den Richtern erzählt. Er, der Bruder Johannas, werde nie die Hochzeit seiner Schwester erleben und nie ihre Kinder im Arm halten können.

Revision wahrscheinlich

Auch nach dem Urteil wird Familie H. noch nicht abschließen können mit dem Prozess. Die Verteidigung kündigte bereits an, gegen das Urteil in Revision zu gehen.

Beitrag von Ulf Morling

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

28 Kommentare

  1. 28.

    Es war Mord, folgerichtig das Urteil, ich hoffe der BGH sieht das nicht anders, das die Staatsanwaltschaft zurück gerudert ist, und nur fahrlässige Tötung in Betracht zog, kann ich nicht ganz nachvollziehen, aber sei es drum, wenigstens die Richter sahen das so, und die haben ja das Sagen, und das ist auch gut so

  2. 27.

    Was es auch war: Jedenfalls kein "Unfall" im herkömmlichen Sinne. Ich bitte darum, solche Tötungsdelikte nicht sprachlich zu verharmlosen.

  3. 24.

    Das sehe ich genauso. Es wird mit zweierlei Maß gemessen. Der Polizist hat genauso billigend in Kauf genommen, dass etwas passieren könnte. Nun wird das Verfahren verschleppt, dann wird alles noch verwaschener und unlösbarer. Wir Bürger müssen uns aber darauf verlassen können vor Menschen geschützt zu werden, die ihrer Verantwortung am Steuer nicht nachkommen.

  4. 23.

    Mal die Urteilsbegründung abwarten. Auf jeden Fall interessant, dass das Gericht über die Anklage hinaus gegangen ist, die ihrerseits ja herabgestuft hat. Daran ist zu erkennen, wie komplex die Rechtslage ist. Revision ist normal.

  5. 22.

    Wenn man einen Moment innehält und das Sterben des Mordopfers aus Sicht des Täters betrachtet, muss Absicht zum Töten vorhanden gewesen sein, denn die absolute Herrschaft über das Leben wurde von ihm skrupellos aus niedrigen Beweggründen missbraucht. Der Täter hat die Sitation unter seiner Verantwortung herbeigeführt und muss daher die volle Konsequenz seines Handelns, Denkens und Fühlens tragen.

  6. 21.

    Ich muss Ihnen zustimmen. Menschenleben lassen sich nicht abwägen, auch keine Rechtsansprüche, erst recht wenn es so existenzielle Rechtsgüter sind wie Erstversorgung in Notfällen.

    Auch "Peter" (Nr.13) kann ich nur zustimmen. Es ist auch nicht das erste Mal, dass bedingter Vorsatz mit Vorsatz von Berliner Gerichten "verwechselt" bzw. gleichgesetzt wurde. Billigend in Kauf zu nehmen, dass bei einer solchen Flucht Menschen gesundheitlich zu Schaden kommen oder sogar sterben können, macht bedingten Vorsatz aus. Zudem: Wie möchte man sich denn tatsächlichen Vorsatz widmen im Zusammenhang mit Mord? Man hebelt hier bergeweise Jura-Kommentarliteratur aus.

    Im Vergleich mit dem betrunkenen Polizisten, der eine Frau totgefahren hat, war man nicht so streng. Man hat vernetzt, in Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht, Strafvereitelung betrieben. Ungesetzlich! Das Urteil ist anfechtbar und womöglich strukturell rassistisch, da man dieses Zweierlei-Maß mit nichts begründen kann.

  7. 20.

    Ja, ja. So ist das mit unseren Medien.
    Da wird das Gerücht der Schwangerschaft in die Welt gesetzt und bei einigen Menschen hält sich das immer noch.

  8. 19.

    Überlassen wir es doch den Juristen. Die werden sich schon etwas bei dem Urteil gedacht haben und bestehende Gesetze zu Rate gezogen haben.

    Hier von Stammtischniveau und Mob zu sprechen, die Staatsangehörigkeit einzubeziehen, die DDR mal kurz zu verunglimpfen und sogar den Begriff Rechtsstaat anführen, zeigt nur eines. Sie sind weder Jurist noch haben Sie das Urteil verstanden.

    Vielleicht ist es auch einfach Ihre Einstellung, ein "Rechtsstaat" müsste sich von Verbrechern alles gefallen lassen.

  9. 18.

    Jeder Mensch hat das Recht auf ärztliche Versorgung. Auch ein Straftäter. Die Kritik des Richters ist absolut berechtigt und eines sozialkompetenten Menschen würdig.

  10. 16.

    Ohne jegliche erkennbare Rücksicht auf Menschenleben. - Und, Tschüss!

  11. 15.

    Ich stimme Ihnen zu. Wer die "Waffe" hat, trägt die Verantwortung. Wer sich dieser nicht bewußt ist, oder billigend in Kauf nimmt, dass andere zu Schaden kommen, muss dafür gerade stehen. Ein nicht sachgemäß oder fahrlässig geführtes Fahrzeug kann zur tödlichen Waffe werden. Die eigene Haut nach einer Straftat retten zu wollen, war dem jungen Mann wichtiger. Ein Mensch ist tot. Das ist kein Ruf nach Vergeltung, das ist der Lauf der Dinge. Wer durch verantwortungslose Autofahrer selber schon zu Schaden kam, oder Angehörige, der hat keine rosarote Gutmenschbrille mehr auf. Solch ein Verhalten kann Menschenleben zerstören oder sogar beenden. Das Urteil ist inklusive nach so einem dissozialen Verhalten.

  12. 14.

    Ich glaube sie schreiben die EMAIL von eben diesem zitierten Stammtisch.Wer hat den Sie auf dem Gewissen ?So wirr argumentiert nur der von Ihnen genannte Mob

  13. 13.

    Das Urteil ist nicht angemessen.
    Auch wenn es ein grausam und eine schlimme Tat ist, so ist es doch eben nicht mit einem vorsätzlichen Mord zu vergleichen.

    Unsere Gerichte bekommen immer mehr Stammtischniveau.

    Natürlich jubelt der Volksmob. Aber hier spielt sicherlich auch eine Rolle, das die Täter keine Deutschen waren.

    Nach DDR-Maßstäben war das Urteil sicherlich nachvollziehbar.
    Aber in einem Rechtsstaat nicht.

  14. 12.

    Hm. Fühlt sich ja richtig an das jetzt erst einmal 15 Jahre plus fällig sind. Für zwei Tote und nur Glück das es nicht mehr waren.
    Juristisch ist es interessant. Wir müssten über so einen gefühlt eindeutigen Fall hinaus in Zukunft sagen: Wer derartig fahrlässig zu schnell fährt, handelt im juristischen Sinne nicht fahrlässig sondern mit Vorsatz. Da er wissen muss - schon bevor er das Auto gestartet hat - das es sich bei unsachgemässer Nutzung um ein Mordwerkzeug handelt. In gewisser Weise also: Das die sittliche Reife zum führen eines KFZ ein Verständnis erfordert, wie es bei der Erlangung eines Waffenscheins für Schusswaffen vorausgesetzt werden muss. Weshalb man als Führerscheininhaber mit diesem Verständnis in der Verantwortung steht. Man kann nicht behaupten man habe keinen Begriff davon, das vorne aus dem Lauf einer Waffe eine Kugel kommt - selbst wenn die nur zufällig jemanden tötet. Es reicht nicht zu sagen, man habe sich halt für den besten Autofahrer gehalten.

  15. 11.

    Überzeugende Verurteilung wg. Mordes und auch die einzig vertretbar erscheinende Entscheidung.

    "Der Vorsitzende Richter kritisierte, dass sich am Unfallort ein halbes Dutzend Ärzte um Johanna H. gekümmert hätten, der schwer verletzte Komplize aber 25 Minuten unversorgt geblieben wäre."
    Da sehe ich keinerlei Grund zur Kritik. Sämtliche Ärzte waren in die Behandlung involviert. Diese Entscheidung der Ärzte, sich konzentriert um Johanna H. zu kümmern, ist angesicht der aktu lebendsbedrohenden Verletzungen, bei denen jede Sekunde hätte zählen können, nicht nur nachvollziehbar, sondern war mit einiger Wahrscheinlichkeit sogar geboten.

  16. 10.

    Danke für die Ergänzungen zur Thematisierung des Polizeieinsatzes in der Urteilsbegründung!

  17. 9.

    Ja, die Verurteilung ist ein Anfang. Ob das deutsche Lebenslang ausreicht, da gehen die Meinungen natürlich auseinander. Ich persönlich finde nicht. Wenn man den täglichen Normalismus auf Berlins Strassen sieht, verliert man ohnehin so langsam den Glauben an die nötige seelische und geistige Reife von vielen Autofahrern. Auch ohne auf der Flucht vor der Polizei zu sein, scheint es für so manchen keine Gesetze und Regeln zu geben. Genauso verstörend, dass immer mehr Autofahrer extreme Unsicherheiten an den Tag legen, die einfachsten Regeln im Verkehr nicht zu kennen scheinen. Es wird immer verrückter und stressiger. Und immer mehr Menschen kommen zu Schaden. Mein tiefstes Mitgefühl mit den Angehörigen.

Das könnte Sie auch interessieren